Titel: Ueber den englischen Handel mit Bobbinets oder Klöppelspizen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 42, Nr. CXVI./Miszelle 9 (S. 429–431)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj042/mi042116_9

Ueber den englischen Handel mit Bobbinets oder Klöppelspizen.

Ein Hr. Felkin zu Nottingham gab vor Kurzem eine sehr interessante Schrift über den Bobbinethandel, unter dem Titel: Facts and Calculations illustrative of the present State of the Bobbinet-Trade heraus, die sehr sonderbare und lehrreiche Resultate enthält, und aus welcher das Mechan. Mag. |430| N. 427 S. 36 folgenden Auszug gibt. Das Capital, welches auf diesen Handel verwendet wird, wird auf 2,310,000 Pfd. Sterl. geschäzt; die Zahl der Individuen, Männer, Weiber und Kinder, die derselbe beschäftigt, auf 211,000. Die Quantität roher Baumwolle, welche jährlich dazu verwendet wird, beträgt: 1,600,000 Pfd., im Werthe von 120,000 Pfd. Sterl.; diese Baumwolle wird in Garn verwandelt, und dadurch ihr Werth auf 500,000 Pfd. Sterl. erhöht; das Garn wird zu 6,750,000 Quadrat Yards Power-net (Kraft- oder Maschinentull), zu 15,750,000 Quadrat Yards Hand-net Handtull) und 150,000 Quadrat Yards Fancy-net (Modetull) verarbeitet, welche zusammen einen Werth von 1,826,245 Pfd. Sterl. haben. Von roher Seide werden jährlich an 250,000 Pfd. im Werthe von 30,000 Pfd. Sterl. verbraucht, welche, zu 750 Quadrat Yards Silk-net (Seidentull) verarbeitet, 65,625 Pfd. Sterl. werth werden. Die gesammte Menge des jährlich fabricirten Baumwoll- und Seidenbobbinets beträgt 23,400,000 Quadrat Yards im Werthe von 1,891,870 Pfd. Sterl. Hievon wird beiläufig die Hälfte glatt ausgeführt, 3/8 glatt bei Hause verkauft, und 1/8 hier gestikt, wodurch dessen Werth auf 3,417,700 Pfd. Sterl. steigt. Die Zahl aller Maschinen, mit welchen fabricirt wird, wird auf 4500, jene der Maschineneigenthümer auf 1382 angegeben. Von diesen Maschinen werden 1000 durch eine Triebkraft bewegt, und von den eben angeführten Eigentümern arbeiten über 1000 in ihren eigenen Maschinen. Die Vertheilung dieser Maschinen wird auf folgende Weise angegeben:

In Nottingham sind deren 1240
New Radford 140
Old Radford und Bloomsgrove 240
Lenton und Middleton Place 70
Iron Green 160
New Basford 95
Old Basford und Bulwell 55
Beeston und Chilwell 130
New und Old Sventon 180
Gedling 10
Carrington 50
Carlton 10
Arnold 30
Long Eaton 10
Stapleford 25
Sandeacre 10
Stanton by Dale 5
Ilkeston 45
Heanor und Loscoe 45
Eastwood 10
Derby 185
Loughborough 385
Quorndon und Mountsorrel 35
Woodhouse 30
Sheepshead 15
Leicester 95
Donington und Kegworth 15
Mansfield 85
Chesterfield 40
Sheffield 10
Newark 10
Wimeswould 25
Costock und Leake 20
Ruddington 15
Molton Mowbray 20
Tiverton 220
Barnstaple 180
Tewkesbury 50
Chard 190
Taunton 35
|431|

Isle of Wight

80
Warwik 5
An anderen Orten noch 195
–––––
Summe 4500.

So blühend dieser Zweig der Industrie im Allgemeinen ist, – eine Blüthe, die um so mehr auffällt, da noch vor 20 Jahren in ganz England nicht ein Duzend Bobbinetmaschinen zu finden waren, – so müssen wir doch mit Bedauern gestehen, daß ein guter Theil der einzelnen, sich damit beschäftigenden Individuen in großem Elende schmachtet. Hr. Felkin sagt hierüber: „Es ist eine sehr beklagenswerthe Thatsache, daß die Hälfte und darüber der als Eigenthümer von 1, 2 und 3 Maschinen aufgeführten Individuen gezwungen wurden, ihre Maschinen höher zu verpfänden, als sie auf dem Markte werth sind, und daß dieselben häufig ganz insolvent sind. Die Ursache hievon liegt vorzüglich in dem Fallen der Preise der Spizen seit dem Sinken der Preise der Baumwolle und des Arbeitslohnes. Jene Classe von Fabrikanten, die die Schuldner der Baumwollehändler geworden waren, wurde dadurch gezwungen, das Garn, welches sie verarbeiteten, um einen verhältnißmäßig weit höheren Preis zu bezahlen, und ihre Arbeiten auf dem Markte zu den niedrigsten Preisen zu verkaufen. Ueberdieß sind die Maschinen dieser Leute schmal und nur zur Verfertigung kurzer Stüke geeignet, während das absurde Bleichsystem, bei welchem nach dem Stüke gezahlt wird, veranlaßte, daß man mit den neuen Maschinen ellenbreite und lange Stüke verfertigt, so daß auch hierin ein großer Nachtheil, wo nicht der gänzliche Ruin, der Eigenthümer schmaler Maschinen liegt.“

Der größte Theil der glatt ausgeführten Spizen wird in Belgien, Sachsen und bis auf die neuesten Zeiten auch in dem unglüklichen Polen gestikt. Hr. F. glaubt, daß diese Arbeit eben so gut bei Hause geschehen könne, indem der Arbeitslohn der englischen Stikerinnen so weit herabgesunken ist, daß keine Verminderung desselben mehr Statt finden könne. Er sagt nämlich, daß er, während er seine Abhandlung schrieb, einige herrliche Seidenbobbinet-Shawls vor sich gehabt habe, die mit der größten Mühe und ausgezeichneter Schönheit von einem jungen Mädchen gestikt worden waren, welches 6 Wochen lang, die Woche zu 6 Tagen, und den Tag zu 14 Arbeitsstunden an denselben arbeitete, und bei dieser mühsamen und unausgesezten Arbeit des Tages nur Einen Shilling (36 kr.) verdiente! Bei den in England bestehenden Preisen der Lebensmittel ist eine weitere Verminderung des Arbeitslohnes platterdings unmöglich, wenn nicht die Getreideeinfuhr frei gegeben wird, wozu auch Hr. F. räth.

Hr. F. bemerkt auch ferner, daß es nicht die zu große Menge von Fabrikaten, welche durch die Einführung der Maschinen erzeugt werden, ist, welche die Ueberfüllung der Märkte hervorbringt, sondern daß die große Menge noch verschlossener Märkte die Schuld davon trägt; er findet es daher weit verständiger für Erweiterung der Märkte, als für Verminderung der Fabrikation Sorge zu tragen. Als ein vorzügliches Mittel zu diesem Zweke gibt er die Aufhebung des indischen Handelsmonopoles an. Er bleibt hierbei bloß bei der Bobbinetfabrikation stehen, und sagt, daß die Fabrikate derselben östlich vom Vorgebirge der guten Hoffnung beinahe noch gänzlich unbekannt sind. Würde der Handel nach Indien frei gegeben, und würde man auf das Oberhaupt einer jeden indischen Familie nur einen jährlichen Verbrauch eines Quadrates Bobbinet rechnen, so würden, wie Hr. F. berechnet, alle in England bestehenden Fabriken, wenn sie auch täglich 18 Stunden arbeiten würden, nicht hinreichen um diesen Markt allein zu versehen. Würde sich die Bobbinetausfuhr auch nach China erstreken, so müßte, da die Bevölkerung China's drei Mal so groß ist, als jene Indiens, die Bobbinetfabrikation noch eine außerordentliche Ausdehnung erleiden, um alle diese Markte versehen zu können.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: