Titel: Henry, über die desinficirende Kraft erhöhter Temperaturen.
Autor: Henry, William
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. LXII. (S. 273–281)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/ar043062

LXII. Versuche über die desinficirende Kraft erhöhter Temperaturen, mit Rüksicht auf ein Ersazmittel für Quarantänanstalten. Von William Henry M. D. F. R. S. zu Manchester.

Aus dem Philos. Magazine and Annals of Philosophy. Novbr. 1831, S. 363.

Ich wurde vor mehreren Jahren von einem der ersten Kaufleute78) dieser Stadt, die bei der Einfuhr der ägyptischen Baumwolle so sehr betheiligt ist, aufgefordert darüber nachzudenken, ob sich eine wirksame Methode ausfindig machen lasse, wodurch das Land gegen die Einfuhr der Pest durch dieses rohe Material vollkommen geschüzt werden könnte, ohne daß der Kaufmann die beträchtlichen Opfer bringen müßte, zu denen er wegen der Strenge der Quarantänegeseze bei großen Ladungen dieses Artikels gezwungen ist. Man würde vielleicht die Chlorine zu diesem Behufe vorgeschlagen haben; allein diese war offenbar nicht anwendbar: theils wegen ihrer chemischen Einwirkung auf die vegetabilischen Substanzen, theils wegen der Nothwendigkeit die Baumwolle |274| zu waschen und zu troknen, um sie von allen anhängenden Theilen dieses eingreifenden Mittels zu befreien, indem selbst die geringste zurükgebliebene Menge desselben den Spinnmaschinen bedeutenden Nachtheil bringen würde. Eine wesentliche Bedingung bei der Auffindung einer neuen Desinfectionsmethode war es, daß die Zähigkeit der Faser dadurch nicht im Geringsten leiden dürfe, damit das rohe Material nicht zu den Operationen untauglich oder unfähig wird, denen es später unterzogen werden soll.

Durch diese Bedingung wurde das Feld zu Versuchen außerordentlich beschränkt, so daß mir nach vielem Hin- und Hersinnen kein anderes Mittel geeignet schien, als die Anwendung eines solchen Grades von Hize auf die rohe Baumwolle, durch welchen die Waare und die Niederlage nicht leiden, das Anstekungsgift, welches sie eingesogen haben könnte, hingegen zerstört werden würde.

Daß das Contagium der Pest, vorausgesezt, daß es in festem Zustande, als Zunder oder Anstekungsstoff (fomites),79) vorhanden ist, durch eine, unter dem Siedepunkte des Wassers stehende Temperatur unschädlich gemacht werden könne, schien mir schon daraus nicht unwahrscheinlich, weil mehrere Schriftsteller als notorische Thatsache aufstellen, daß die Pest in jenen Gegenden, in welchen sie herrscht, aufhört, sobald das Wetter sehr heiß zu werden beginnt.80) „Sehr starke Hize,“ sagt Dr. Russell in seiner Naturgeschichte von Aleppo II. S. 339, „scheint die Fortschritte der Krankheit zu hemmen; denn obschon die Anstekungsfähigkeit und die Sterblichkeit in den ersten heißen Tagen, am Anfange des Sommers zunimmt, so wird die Zahl neuer Angestekter doch immer viel geringer, wenn die Hize einige Zeit über andauert. Der Julius ist heißer als der Junius, und zur Zeit der größten Hize hört die Pest in Aleppo jedes Mal auf.“ An einer anderen Stelle sagt Dr. Russell, daß im Junius die größte Hize zu Aleppo im Schatten 96° F. (+ 28,44° R.), im Julius hingegen 101° F. (+ 30,67° R.) betrug.

Auch chemische Gründe schienen mir die Wahrscheinlichkeit zu bestärken, daß eine nicht sehr bedeutend erhöhte Temperatur zur Zersezung |275| der anstekenden oder contagiösen Materie hinreichen würde.81) Wir sind zwar über die Natur des Contagiums noch in gänzlicher Unwissenheit;82) allein so viel dürfen wir mit Fug und Recht schließen, daß dasselbe mit keinem der einfachen oder zusammengesezten Gase, welche wir durch die Chemie bisher kennen lernten, und welche bei einer Temperatur von 212° (+ 80° R.) unverändert bleiben, identisch ist. Dieser Schluß ergibt sich daraus, daß alle diese lezteren Gase bereits häufig eingeathmet werden, ohne daß man dadurch je eine specifische Krankheit hätte entstehen sehen. Die feinen Gifte, welche die contagiösen Krankheiten verbreiten, sind Producte des organischen Lebens und der krankhaften Zustände des thierischen Körpers; sie sind daher wahrscheinlich zusammengesezter Natur, und verdanken ihre Existenz chemischen Verwandtschaften, die sehr genau gegen einander abgewogen, und sehr leicht, ja noch leichter auflösbar sind, als jene, durch welche mehrere Producte des Pflanzenlebens gebildet werden. Viele von diesen lezteren verlieren nämlich ihre ursprünglichen Eigenschaften, und nehmen deren neue an, wenn sie unbedeutend erhöhten Temperaturen ausgesezt werden; so wird die Stärke schon bei einer mäßigen Hize in eine Substanz verwandelt, welche dem Gummi ähnlich ist, und durch schwache chemische Reagentien in Zuker. Unter den unorganischen Zusammensezungen haben wir ein merkwürdiges Beispiel der Wirkung einer vermehrten Hize (die jedoch in diesem Falle etwas höher seyn muß) in der Veränderung der Phosphorsäure in Pyrophosphorsäure. In allen diesen Fällen ist es wahrscheinlich, daß die gesteigerte Hize keine Veränderung in der Zahl oder in den Verhältnissen der Atome der Substanzen, sondern auf eine, durch die Chemie bisher noch unerklärliche, Weise bloß eine neue Anordnung der Atome hervorbringt, und dadurch Körper mit neuen Eigenschaften erzeugt.

Bei den Versuchen, welche ich hierüber anstellte, schienen mit vorzüglich zwei Bedingungen unerläßlich:

1) Daß die rohe Baumwolle und anderen Substanzen, welche das |276| Contagium in sich aufgenommen haben, durch die Temperatur, welche zur Desinfection nöthig ist, keinen Nachtheil erleiden.

2) Daß es durch wirkliche Versuche erwiesen wird, daß eine contagiöse oder anstekende Materie unbezweifelbar bei dieser Temperatur zerstört wird.

I. Um über den ersten Punkt ins Reine zu kommen, unterwarf ich im J. 1824 eine Quantität roher Baumwolle einer trokenen Temperatur von 190° F. (+ 70,22° R.), welche 2 Stunden lang in dem inneren Raume eines doppelten, mit Dampf geheizten Gefäßes unterhalten wurde. Als nun Hr. Garnett diese Baumwolle nach dem Versuche untersuchte, erklärte er, daß dieselbe so gelitten habe, daß diese Reinigungsmethode nicht weiter in Vorschlag gebracht werden könne. Dasselbe wenig versprechende Aussehen zeigte auch Baumwollgarn, welches zwei Stunden lang auf 190° F. erhizt worden war. Um der Sache gewiß zu seyn, wurde dieses erhizte Garn, nachdem man es eine Viertelstunde lang hatte abkühlen lassen, mit einem Garne von derselben Feinheit, welches aber nicht erhizt worden war, verglichen; und dabei ergaben sich folgende Resultate:

Pfd. Avoirdup.
Eine Strähne Mulegarn (wovon 40 auf das Pfund gehen),
welche nicht erhizt worden war, erforderte, bis sie abriß,
ein Gewicht von


246 1/4
Eine Strähne desgleichen, welche auf 190° erhizt worden,
brauchte unmittelbar nach dem Abkühlen nur

166 2/3

Die Stärke des Garnes, die durch ihre Kraft Gewichte zu tragen bemessen wurde, hatte mithin durch das Erhizen beinahe um den dritten Theil abgenommen. Der Rükstand des Garnes, welches auf diese Weise erhizt worden, wurde in einen Keller gebracht, und nach vier Tagen zufällig wieder untersucht; da es hiebei offenbar einige Veränderung zeigte, so wurde eine neue Prüfung seiner Stärke vorgenommen, wobei sich ergab, daß eine gleiche Strähne desselben erhizten Garnes nun 241 1/4 Pfd. trug, und mithin beinahe seine ursprüngliche Zähigkeit wieder erreicht hatte.

Ich wurde damals durch unabwendbare Umstände an der Fortsezung meiner Untersuchungen gehindert, und ließ sie auch ausgesezt, bis ich durch die Verheerungen der Cholera und durch die allgemeine Furcht vor dieser Krankheit, welche wahrscheinlich auch contagiöser Natur ist, und so wie andere contagiöse Krankheiten durch einen Anstekungsstoff (fomites) verbreitet wird, zur Wiederaufnahme derselben veranlaßt wurde. Es ist nämlich von größter Wichtigkeit, wirksame und leicht anwendbare Mittel ausfindig zu machen, durch welche die ersten Spuren dieser Krankheit bei uns vertilgt, und unser Land auf eine Weise |277| vor dieser Seuche bewahrt werden könnte, welche weder mit den individuellen Interessen, noch mit der allgemeinen Wohlfahrt des Handels in so offenbarem Widerspruche steht, wie die Quarantänegeseze.

Der erste Punkt, welchen ich mir bei der Wiederaufnahme meiner Versuche unbezweifelbar herzustellen vornahm, war: ob rohe Materialien, sowohl als Fabrikate und Kleidungsstüke, ohne Nachtheil einer trokenen Hize von nahe an 212° F. (+ 80° R.) ausgesezt werden können. Unter den rohen Materialien wählte ich die Baumwolle zu meinen Versuchen, da ich diese am leichtesten denselben unterwerfen konnte, und bei diesen Versuchen auch von meinem eifrigen Freunde., Hrn. Peter Ewart jun. Esq., welcher bei einer Baumwollspinnerei betheiligt ist, unterstüzt wurde. Wir sezten daher rohe Baumwolle von gewöhnlicher Trokenheit, so wie sie aus dem Sake kam, zwei bis drei Stunden lang in einem mit Dampf von gewöhnlicher Dichtheit geheizten Gefäße einer gleichmäßig anhaltenden Temperatur von 180° F. (+ 65,78° R.) aus. Sie verlor hiebei beim Pfunde 2 bis 3 Unzen, und gewann dadurch ein solches Aussehen, daß Sachverständige erklärten, man könne dieselbe nicht wohl mit Vortheil weiter verarbeiten. Man hielt sie für verfault, oder fuzzy, wie im technischen Ausdruke gesagt wird, und glaubte, daß sie nicht ein Mal zu jenen Operationen tauge, welche dem Baumwollspinnen vorangehen. Nachdem diese Wolle jedoch zwei bis drei Tage lang in einem ungeheizten Zimmer gehalten worden, hatte sich ihr Aussehen wieder ganz geändert, so daß bei der Untersuchung durch Sachverständige erklärt wurde, sie könne ganz wie gewöhnliche Baumwolle zu vollkommenem Garne versponnen werden. Bei einer genauen Untersuchung des daraus gesponnenen Garnes trug auch eine aus derselben verfertigte Strähne ein eben so großes Gewicht, als eine Strähne Garn von gleicher Feinheit trug, die aus nicht erhizter Baumwolle gesponnen worden war. Diese Thatsache wurde durch wiederholte Versuche bestätigt, und beweist daher, daß die erhizte Baumwolle, so wie sie ihre hygrometrische Feuchtigkeit wieder erhalten, auch wieder ihre frühere Zähigkeit bekommt, und eben so gut wie die rohe, nicht erhizte Baumwolle zu allen Zweken verwendet werden kann.

Hierauf wurden nun Baumwoll-, Seiden- und Wollenfabrikate sowohl einzeln, als unter einander, in Stüken und in kleineren Theilen derselben Behandlung unterworfen. Absichtlich wurden hiezu auch einige Fabrikate mit den flüchtigsten Farben und zartestem Gewebe gewählt; und doch wurden sie, nachdem sie drei Stunden lang einer Temperatur von 180° F. ausgesezt, und dann einige Stunden lang in einem ungeheizten Zimmer belassen worden waren, von einem Kenner in jeder Hinsicht für vollkommen unbeschädigt erklärt. Pelzwerk |278| und Federn erlitten, auf gleiche Weise erhizt, ebenfalls keine Veränderung. Ich bezweifle nicht, daß wenn ich den Apparat durch Dampf von größerer Dichtheit bis auf 212° F. (+ 80° R.) hätte erhizen können, auch diese Temperatur den erwähnten zarten und kostbaren Waaren keinen Nachthell gebracht haben würde.

II. Der wichtigste Punkt aber, und jener, von dem eigentlich der Nuzen und der Zwek der ganzen Untersuchung abhing, war, auszumitteln, ob eine Temperatur von weniger als 212° F. die Anstekungskraft des Anstekungsstoffes zu zerstören vermag. Die Erforschung dieses Punktes war ein Gegenstand von sehr großer Zartheit, und auch mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Es liegt ganz außer aller Möglichkeit den Anstekungsstoff, durch welchen die Cholera, die Pest, der Scharlach, der Typhus etc. verbreitet werden, zu untersuchen; der einzige Weg, auf welchem ich wenigstens zu einem Schlusse nach Analogie kommen konnte, blieb daher nur, daß ich die Wirkung der Hize auf solche Anstekungsstoffe erforschte, die sich in festem Zustande herstellen, und daher auch nach dem Versuche an gesunden Personen erproben lassen. Nichts schien mir zu diesen Versuchen mehr geeignet, als der Stoff der Vaccine, oder der Kuhpoken. Hr. Roberton, einer der Aerzte am Gebärhause zu Manchester, hatte die Güte mich zu diesem Behufe mit Vaccinelymphe zu versehen, die aus Pusteln von ganz unzweideutigem Charakter genommen worden war; er übernahm es auch, die Vaccine, welche ich der höheren Temperatur ausgesezt hatte, gesunden Kindern einzuimpfen, und die Folgen davon zu beobachten. Hr. Gee, Hausapotheker des Spitales, führte das Register über diese Versuche.

1) Vaccinelymphe, die auf kleinen Stüken Fensterglas an der Luft getroknet worden, wurde vier Stunden lang einer Hize von 180° F. (65,78° R.) ausgesezt. An drei gesunden Kindern, welche dann mit dieser Lymphe geimpft worden, hatte kein Erfolg Statt; alle diese drei Kinder bekamen jedoch Pusteln, als sie mit frischem Stoffe geimpft wurden.

2) Lymphe, welche eine gleiche Zeit über einer Temperatur von 120° bis 140°, meistens 130° (+ 43,56° R.) ausgesezt worden, wurde ohne Erfolg zwei gesunden Kindern eingeimpft, die später mit Erfolg mit frischem Stoffe geimpft worden.

3) Vier Stüke Fensterglas, auf welche frische Vaccinelymphe gebracht worden, wurden zwei bis drei Stunden lang auf eine Temperatur erhizt, die weder unter 160° F. (56,89° R.) noch über 165° F. (+ 59,11° R.) betrug. Von dieser getrokneten Lymphe brachte nun Hr. Gee auf den einen Arm je eines gesunden Kindes, während er auf dem anderen Arme desselben Kindes frische Vaccine einimpfte. |279| In allen diesen Fällen blieb der erhizte Stoff unwirksam, während der, an der Luft allein getroknete, Stoff eine gehörige Pustel hervorbrachte.

4) Um die Versuche und Beobachtungen gehörig zu vervielfältigen, ersuchte ich Hrn. Marsden, Hausarzt des königl. Krankenhauses zu Manchester, Versuche mit Lymphe anzustellen, die ich von ihm erhalten, und dann der Hize ausgesezt hatte. Ein Exemplar wurde zwei Stunden, und ein zweites vier Stunden lang einer gleichmäßig anhaltenden Temperatur von 150° F. (+ 52,44° R.); ein drittes zwei und ein viertes vier Stunden lang einer Temperatur von 172° F. (+ 62,22° R.) ausgesezt: und in keinem dieser Fälle entstand durch Einimpfung der Lymphe eine Pustel.

5) Eine andere Quantität Lymphe wurde bloß durch drei Stunden auf 120°F. (39,11°R.) erhizt, und dann von Hrn. Gee zweien Kindern eingeimpft, die dadurch beide sehr schöne, deutlich ausgesprochene Pusteln erhielten. Von diesen beiden Kindern wurden über 40 andere Kinder abgeimpft, welche sämmtlich den Lauf der Krankheit auf die genügendste Weise durchmachten.

Aus den eben angeführten Versuchen scheint sich mithin zu ergeben:

1) daß der Vaccinestoff bei einer Temperatur von 120° F. (+ 39,11° R.) nicht zersezt wird, und wahrscheinlich auch eine, um einige Grade höhere, Temperatur ohne Nachtheil verträgt; und 2) daß derselbe durch eine Temperatur von 140° F. (+ 60° R.) ganz unwirksam gemacht werden kann. Läßt sich nun hieraus nicht schließen, daß jene feinen animalischen Gifte, welche in dem Anstekungsstoffe schlummernd liegen, auf dieselbe einfache Weise ihrer furchtbaren Eigenschaften beraubt werden können? Dieser Schluß beruht zwar gänzlich auf Analogie; allein diese Analogie scheint mir stark genug zu seyn, um wenigstens Versuche auf diesem Wege zu veranstalten. In dieser Absicht allein, theile ich auch bloß meine Erfahrungen und Versuche den Aerzten aller Länder mit, welche Gelegenheit haben werden, dieselben an leichter verbreitbaren und kräftigeren Contagien zu bewähren oder zu widerlegen. Denn, bevor die Richtigkeit der Analogie nicht durch eine hinreichende Menge von Thatsachen in Betreff der lezteren Contagien hergestellt ist, können natürlich leine größeren praktischen Maßregeln auf dieselbe gegründet werden.

Sollte sich nun ein günstiges Resultat aus diesen Vorschlägen ergeben, so gibt es nichts Leichteres und weniger Kostspieliges, als die Herstellung eines bequemen Apparates, in welchem Artikel, sie mögen in was immer für einer Menge aus verdächtigen Orten eingeführt werden, der desinficirenden Wirkung der troknen Hize ausgesezt |280| werden könnten, ohne daß sie dabei im Geringsten beschädigt würden. Der wesentliche Theil der Vorrichtung könnte aus einem doppelten Gefäße aus Kupfer, verzinntem Eisen oder Gußeisen von zwekmäßiger Form bestehen; zwischen die beiden Gefäße würde der Dampf eingelassen, und in das Innere des Behälters kämen die zu desinficirenden Waaren. Um zu verhindern, daß kein unzerseztes und daher noch wirksames Gift entweichen könne, könnte eine an beiden Enden offene Röhre von dem Inneren des Behälters in den Flammenzug des Rauchfanges, oder noch besser unter den Feuerheerd des Dampfkessels führen, wo dann gewiß alle contagiösen Stoffe zerstört werden würden. Die Waaren müßten aber nicht dicht gepakt, sondern so geöffnet in den Behälter gebracht werden, daß jeder Theil derselben der gehörigen Temperatur ausgesezt werden kann. Befürchtet man, daß eine Substanz überhizt werden könnte, so soll man eine geringe Menge Dampf aus dem Kessel durch eine Röhre in den Behälter einlassen. In jedem Seehafen, in welchen Schiffe mit unreinen Waaren gewiesen werden, sollte sich ein Apparat dieser Art befinden, dessen Größen dem commerciellen Interesse angemessen seyn müßte. Auf dem festen Lande sollte an jedem Contumazhause an der Gränze gleichfalls ein solcher Apparat angeschafft werden.

Diese Vorsichtsmaßregeln werden zwar die Gefahr der Verbreitung einer anstekenden Krankheit durch eine Person, welche der Anstekung ausgesezt gewesen, bei welcher die Krankheit aber erst später ausbricht, nicht abwenden. Die Gefahren dieser Art sind jedoch im Verhältnisse zu jenen, die von Anstekungsstoffen, welche von verschiedenen Gegenständen aufgenommen wurden, herrühren, nur sehr unbedeutend; es ist ihnen auch leicht dadurch abzuhelfen, daß man die Person, welche man für angestekt hält, so lange Zeit abgesondert hält, als man sich durch Erfahrung überzeugt hat, daß der Anstekungsstoff schlummernd im Menschen liegen könne. Mein Vorschlag schließt übrigens auch die Anwendung chemischer Mittel, wie z.B. der Chlorine in Krankensälen, oder bei Waaren, die nicht dadurch leiden, keineswegs aus.83)

|273|

Hrn. William Garnett Esq. A. d. O.

|274|

Fomites, der Pluralis von fomes Zunder bezeichnet den Anstekungsstoff, welcher in absorbirenden Substanzen, wie Wolle, Kleidern etc. existirt. In diesem Zustande scheint derselbe nämlich eine erhöhte Giftigkeit und Kraft zu erhalten. A. d. O. Wir hätten doch gern die Beweise für diese leztere Behauptung hören mögen, da sie uns nach den Folgen, welche der Verkauf der Kleider von Pestkranken in der Türkei gewöhnlich hat, nicht ganz richtig scheint. A. d. Ueb.

|274|

Hr. Henry hätte hier einen Unterschied zwischen trokener und feuchter Hize machen sollen; denn es ist unumstößlich nachgewiesen, daß feuchte Hize die meisten pestartigen, epidemischen und endemischen Fieber in weit höherem Grade begünstigt, als trokene Hize dieselben zu unterdrüken vermag. A. d. Ueb.

|275|

Ich gebrauche die Ausdrüke Infection und Contagium als Synonyme, weil kein hinreichender Unterschied zwischen denselben besteht. Hier in einen Wortstreit einzugehen, wäre nicht am rechten Orte; wer darüber ein Mehreres lesen will, wird im Dictionnaire de Médecine unter dem Artikel Contagion einen vortrefflichen Aufsaz finden. A. d. O.

|275|

Das kann nur so ein materialistischer Philosoph sagen, wie es die Engländer und Franzosen größten Theils sind; die deutschen Aerzte einer gewissen mystisch-philosophischen Schule, sie mögen Allopathen oder Homöopathen seyn, wissen auf ein Haar, wie ein jedes Contagium aussieht, wie es sich entwikelt, wie es sich verbreitet, wie lange es seine Wirksamkeit beibehält, auf welchem Wege es auf den noch gesunden Organismus wirkt, und welcher Boden zur Aufnahme desselben nöthig ist. Dazu bedarf es keiner Beobachtungen; das gibt alles die reine Theorie. Das Theorieenmachen ist, nach dem Ausspruche mancher dieser Herren, dem Menschen so nothwendig als das Athmen! A. d. Ueb.

|280|

Wir haben uns bisher von allen Choleraartikeln, die eben so ihren Weg in alle Journale jeder Art und Farbe zu finden wußten, wie die Cholera selbst noch durch alle Cordone drang, rein erhalten, und geben auch diesen bloß, weil er Versuche und Thatsachen enthält, die nicht bloß für Aerzte von großem Interesse sind, sondern die einst auch noch in manchen Fällen von allgemeinem Nuzen werden dürften. – Wir sind der Meinung, daß die Cholera durchaus nicht durch ein Contagium verbreitet werde, und daß daher auch die trokene Hize nichts zur Unterdrükung derselben beitragen wird. Nehmen wir aber an, daß es ein Cholera-Contagium gibt, so wird die Anwendung der trokenen Hize gewiß dem Durchräuchern vorzuziehen seyn, und weniger Schaden bringen, als das unsinnige Durchbohren, welches, man wird es kaum glauben, von unseren Sanitätsbehörden sogar an Büchern und Kupferstichen in Anwendung gebracht wurde! Ueberhaupt haben |281| unsere Choleramaßregeln ein Licht auf uns geworfen, welches gewiß nichts weniger als günstig ist. Nachdem unsere Nachbarstaaten sich überzeugt hatten, daß ihre starken und strengen Cordone die Krankheit auch um keinen Tag aufhielten, umgab man unser Land mit einem Cordon, der zu nichts gut war, als zur Hemmung alles Verkehres und zur Beeinträchtigung der gewöhnlichen Lebensverhältnisse der Gränzbewohner. Während andere Staaten, durch Erfahrung jeder Art überzeugt und belehrt, alle Zwangsmaßregeln aufhoben, erließ man bei uns ein Gesez, welches in neueren Zeiten unter solchen Umständen unerhört ist, und von dem man gleich Anfangs zum Glüke des Volkes und des Staates, und zum Spotte der Behörden allgemein gewiß war, daß es nicht ausgeführt werden könne. Zum Glüke scheiterten alle diese Versuche die Unruhe, Aufregung und Angst zu vermehren, an unserem bayer'schen Langmuthe so daß wir nichts zu bedauern haben, als die Verluste, die unserem, ohnedieß mehr passiven als activen, Verkehre daraus erwuchsen, und die Verschwendung an Geld, durch welches bei zwekmäßiger Verwendung auf Verbesserung der Umstände der Armen und Rothleidenden gewiß mehr zur Abhaltung der Cholera hätte geleistet werden können, als die Aufstellung der Cordons dazu nuzte. A. d. Ueb.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: