Titel: D'Arcet, über Knochengallerte als Nahrungsmittel.
Autor: d'Arcet,
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. XCIII. (S. 388–393)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/ar043093

XCIII. Ueber die Anwendung der Knochengallerte als Nahrungsmittel. Von Hrn. D'Arcet.125)

Aus dem Bulletin des Sciences technologiques. März 1831, S. 199. Vorgetragen in der Sizung der Akademie vom 12. September 1831.

Da ich ein Mitglied jener Commission war, die von der Akademie ernannt wurde, um die wichtige Frage über den Gebrauch der Knochengallerte als Nahrungsmittel zu untersuchen, so schien es mir nicht geeignet oder schiklich, für mich allein auf die erste Abhandlung, die Hr. Donné der Akademie vortrug, zu antworten, obwohl ich dieß mit Sicherheit und Erfolg hätte thun können. Die zweite Abhandlung des Hrn. Donné, die am 29. August 1831 der |389| Akademie vorgelesen worden, und der die Journale eine viel zu große Aufmerksamkeit schenkten, überzeugte mich jedoch, daß ich nicht länger in der zweideutigen Stellung bleiben dürfe, in welche ich versezt wurde. Ich trennte mich daher von meinen Collegen, um mit ihrer Beistimmung eine Sache vertheidigen zu können, die mir für das Wohl der Armen von größter Nüzlichkeit zu seyn scheint, und die vielleicht leiden dürfte, wenn man die dagegen erhobenen Zweifel und Vorurtheile sich so lang anhäufen ließe, bis die Untersuchungs-Commission ihre Arbeiten vollendet hat.

Die erste Abhandlung des Hrn. Donné enthält zwei Reihen von Thatsachen. Er hat nämlich den Gebrauch der Gallerte an sich selbst und an zwei Hunden versucht; scheint jedoch bei diesen Versuchen sich keine genaue Rechenschaft von den troknen Nahrungsmitteln gegeben zu haben, die er dabei anwendete. Ueberdieß versäumte er es ganz, den vortheilhaften Einfluß zu berüksichtigen, welchen bei solchen Versuchen der Gebrauch des Salzes und die Vermehrung der Dosis der festen Nahrungsmittel haben müssen. Folgende Berechnungen werden, wie mir scheint, diese meine Behauptungen rechtfertigen.

Wenn man alle die Nahrungsmittel, die Hr. Donné während der 5 Tage, während welcher er sich mit Knochengallerte und Brot nährte, zu sich nahm, auf den troknen Zustand reducirt, so wird man finden, daß er innerhalb dieser Zeit 275,625 Grammen troknes Brot und 184 Gr. trokne Gallerte verzehrt hat. Verfährt man auf dieselbe Weise mit jenen Nahrungsmitteln, welche Hr. Donné während der 5 Tage genoß, die er sich nach der gewöhnlichen Lebensweise nährte, so ergibt sich, daß er innerhalb derselben Zeit 78 Gr. troknes Fleischbrüh-Extract, 55 Gr. getroknetes Fleisch und 831,25 Gr. troknes Brot verzehrte. Er hat mithin in den ersten 5 Tagen 459 Gr. trokne Nahrungsmittel, in den zweiten hingegen 964,25 Gr. zu sich genommen. Hieraus erhellt, daß Hr. Donné, als er sich mit Gallerte nährte, nicht halb so viel Nahrungsstoffe zu sich nahm, als er verzehrte, wenn er sich mit gewöhnlicher Fleischbrühe, Fleisch und Brot nährte. Man wird aber überdieß finden, daß er bei dem Genusse der Gallerte 40 Theile aufgelöste, gegen 60 Theile feste Nahrungsmittel zu sich nahm, während er bei seiner gewöhnlichen Kost nur 8 Theile aufgelöste und 92 Theile unaufgelöste Nahrungsstoffe verzehrte.

Beweisen diese Berechnungen und Zahlen nicht offenbar, daß die Versuche, von denen die Rede ist, nicht vergleichsweise gemacht wurden; daß sie vielmehr auf eine Weise angestellt wurden, die der Anwendung der Gallerte nothwendig nachtheilig seyn mußte, und |390| daß sie daher die Schlüsse, die Hr. Donné daraus zog, und der Akademie vorlegte, nicht bestätigen, und sie noch viel weniger als unbezweifelbare Wahrheit darstellen?

Was die Versuche betrifft, die Hr. Donné mit den beiden Hunden anstellte, so will ich dieselben hier nicht weiter erörtern, weil wir in dieser Hinsicht Resultate besizen, die einander ganz entgegengesezt sind, und weil es bekannt ist, daß Hunde, die an eine gute Nahrung gewohnt sind, oft mehrere Tage lieber gar keine Nahrung zu sich nehmen, als eine solche, die ihnen weniger angenehm ist.

In seiner zweiten Abhandlung spricht Hr. Donné nicht mehr weiter von Versuchen, die er anstellte; sondern führt zur Bestätigung seiner ersten Abhandlung nur eine Stelle aus einem Briefe des Hrn. Desjobert, eines ausgezeichneten Landwirthes, an, welcher sich mit großem Eifer mit der Anwendung der Gallerte zur Nahrung der Thiere beschäftigt. Aus diesem Briefe geht hervor, daß von 6 Kälbern, welche mit Gallerte genährt wurden, drei in wenigen Tagen starben, und die drei übrigen sich sehr schlecht bei dieser Kost befanden. Ich könnte hiegegen sagen, daß es vorauszusehen war, daß man bei den Pflanzen fressenden Thieren die am wenigsten günstigen Resultate erhalten würde; allein ich will auch hier die Sache genauer erörtern. Hr. Desjobert hat die Kälber vergleichsweise des Tags mit 18 Liter Milch und 18 Liter Gallerteauflösung genährt: er hat also einem Kalbe, welches er mit Milch nährte, in 24 Stunden:

162 Grammen Butter,
630 troknen Käsestoff,
720 Milchzuker,
180 salzige Substanzen und Extractivstoff

gegeben, was zusammen 1700 Grammen trokner Nahrungsmittel ausmachte. Jenen Kälbern, die er mit Gallerteauflösung fütterte, gab er hingegen bloß 360 Grammen troknen Nahrungsstoffes, oder 4 bis 5 Mal weniger, als bei der Nahrung mit Milch. Dabei muß aber noch berüksichtigt werden, daß das Kalb bei der Milchnahrung, indem die Milch, so wie sie in den Magen gelangt, gerinnt, wirklich 792 Grammen fester Nahrung und 908 Grammen trokner, in Auflösung befindlicher Nahrung erhielt; während das Kalb, welches mit Knochengallerte gefüttert wurde, gar keine feste Nahrung erhielt, und auch nur 360 Grammen trokner, in 18 Liter Wasser aufgelöster Gallerte zu sich nahm. Beweist die Vergleichung dieser beiden Zahlen nicht, daß die Versuche des Hrn. Desjobert auf einer schlechten Basis beruhen, und können daher dessen Resultate gegen uns zeugen? Wir sind überzeugt, daß Hr. Desjobert dieß selbst fühlen wird, |391| und glauben dieß um so mehr, als er uns in Bezug auf den Gebrauch, den Hr. Donné von seinem Briefe machte, schrieb: „es würde mir Leid thun, wenn man aus dem, was ich that, einen Schluß ziehen möchte, den ich selbst nicht hineinlegen wollte.“ 126)

Aus diesen Aufklärungen scheint mir hinreichend zu erhellen, daß die beiden Abhandlungen, welche Hr. Donné der Akademie vorlegte, durchaus keine Thatsache enthalten, die das entkräften könnten, was seit 1666 über die Anwendung der Knochengallerte als Nahrungsmittel Vortheilhaftes geschrieben worden. Ueberdieß wird man nicht vergessen, daß im Hôtel-Dieu und im Spitale Saint-Louis innerhalb zwei Jahren bereits mehr, als eine Million Portionen Gallerteauflösung verzehrt, und daß bereits viele günstige Berichte über diese Ernährungsweise bekannt gemacht wurden, denen ich noch folgende zwei Documente beifügen will.

Schreiben des Aufsehers im Hospital Saint-Louis an den Administrator, Hrn. Jourdan.

„Die Auflösung der Knochengallerte hat, wie ich Sie schon öfter zu versichern die Ehre hatte, eine wesentliche Verbesserung in der Ernährung der Kranken des Hospitals Saint-Louis bewirkt. Sowohl die Kranken, als das Dienstpersonal befinden sich bei der, mit dieser Auflösung bereiteten Suppe sehr gut; sie haben durchaus keinen Ekel gegen dieselbe, und klagen auch nie über eine zu große oder zu geringe Menge Salzes in derselben, was doch sonst so häufig der Fall ist.127)

|392|

Der Apparat unserer Anstalt arbeitet immer sehr gut: alle Tage werden gegen 6 Uhr Abends beiläufig 400 Liter Gallerteauflösung in die Küche gebracht, wovon ein Theil um 3 Uhr in der Nacht zur Morgensuppe, und der übrige Theil für den großen Kessel zum Mittagmahle um 4 Uhr verwendet wird.

Man hat kein Beispiel, daß die, innerhalb 24 Stunden im Spitale verwendete, Gallerte auch nur ein einziges Mal verdorben sey, und daß man dieselbe hätte wegschütten müssen. Ein einziges Mal bewahrte man sie bei großer Hize128) ohne gehörige Vorsicht 3 Tage lang auf, und da verdarb sie natürlich. Später ist dieß, so viel ich weiß, im Laufe eines ganzen Jahres nicht wieder geschehen.

Unsere Auflösung ist ziemlich klar; auch bemerkt man auf der Oberfläche des Gefäßes nicht jenen weißen Schaum, über den man sich an mehreren Orten beklagte. Vielleicht rührt dieß von der Bereitungsart her.

Es ist möglich, daß diese meine Ansicht mit jener Anderer nicht ganz übereinstimmt; doch kann ich Sie versichern, daß sie nur das Resultat dessen ist, was sich täglich vor meinen Augen zuträgt.“

Schreiben des Hrn. Drs. Lebreton an Hrn. D'Arcet.

„Ich habe nach den Aufklärungen, die Sie mir gaben, zwei Pferde mehrere Monate lang mit Erdäpfeln, Strohhäkerling und Gallerte gefüttert. Beide Thiere befanden sich hiebei sehr gut, und das eine, welches sonst beim Laufen in die Eisen haute, verlor sogar bei dieser Nahrung nach einiger Zeit diesen Fehler, woraus ich schließe, daß dasselbe an Kraft zugenommen hatte. Da ich aber meine Gallerte bei Hrn. Appert nahm, wo sie mich natürlich sehr theuer zu stehen kam, so mußte ich zu meinem großen Bedauern auf die Fortsezung meines Versuches Verzicht leisten. Wenn Sie mir die Gallerte um einen solchen Preis zu liefern im Stande sind, daß ich nicht zu viel dabei verliere, so bin ich bereit die Versuche wieder zu beginnen, da ich an deren Gelingen gar nicht zweifle.“

Ich muß nur noch bemerken, daß die Resultate, die man im Hospital Saint-Louis erhielt, um so befriedigender sind, da sie im |393| Großen, und vom 9. Octbr. 1829 an durch 704 Tage ununterbrochen gemacht wurden. Während dieser Zeit wurden nicht weniger als 633,600 Portionen Gallerteauflösung in die Küche dieses Spitales geliefert. Ich könnte noch mehrere achtungswerthe Auctoritäten zur Bekräftigung meiner Angaben anführen, und auch mit Vortheil jene Einwürfe widerlegen, die im Hôtel-Dieu gemacht wurden, da dieselben nur einem Mangel an Genauigkeit und sorgfältiger Aufsicht bei der Leitung des Apparates zuzuschreiben sind, welcher leztere dessen ungeachtet bereits 500,000 Portionen Knochengallerte lieferte. Ich glaube jedoch bereits genug gesagt zu haben, um die Frage wenigstens wieder auf jenen Punkt zu stellen, der ihr eine weitere Würdigung und Untersuchung verbürgt. Ich bin weit entfernt jene Angaben, die meiner Sache entgegen sind, ohne Untersuchung verwerfen zu wollen, und habe Hrn. Donné, dessen Abhandlungen der Publicität übergeben wurden, bloß deßwegen widerlegt, um den Aufschwung, dessen sich die Anwendung der Knochengallerte als Nahrungsmittel erfreut, nicht zu schwächen. Ich fühlte mich um so mehr hiezu verpflichtet, als die Commission, die von der Akademie mit der Untersuchung meiner Vorschläge beauftragt wurde, ihre Arbeiten vor dem Winter nicht beendigen kann, und als wahrscheinlich gerade während dieses Winters der ärmeren Classe aus meiner Ernährungsmethode große und unberechenbare Vortheile erwachsen dürften.

Wir haben in unserem Journale unseren Lesern bisher so ziemlich Alles mitgetheilt, was für und wider die D'Arcet'sche Knochengallerte als Nahrungsmittel gesagt wurde, und können daher auch diesen neuen Aufsaz, der einige wichtige Thatsachen enthält, nicht mit Stillschweigen übergehen. Man scheint nun gegenwärtig auch in Frankreich zu fühlen, daß Gallertsuppe keine Fleischbrühe, und Gallerte kein Fleisch ist, wie im Polyt. Journale Bd. XXXIII. S. 222 in den Noten auseinandergesezt ist. Wir bitten unsere Leser diese Noten wiederholt zum Vergleiche mit diesem Aufsaze zu lesen, und bemerken nur noch, daß Hrn. D'Arcet's Ernährungsmethode wahrscheinlich vorzüglich deßwegen bald in Verfall kommen wird, weil die Erfinder und Förderer derselben so sehr für ihre Idee eingenommen sind, daß sie dieselbe überall in Anwendung bringen wollen, ohne zu bedenken, daß sie an einem Orte oder in einem Falle gut, in einem anderen hingegen sehr schlecht seyn kann und muß. A. d. Ueb.

|391|

Wir können nicht begreifen, wie man den Versuchen, Pflanzen fressende Thiere mit animalischer Kost zu nähren, eine größere Wichtigkeit, als jene der Curiosität geben kann, da sie höchstens in physiologischer Hinsicht von Nuzen seyn können, und in dieser Beziehung schon längst gemacht sind. Handelt es sich aber darum, ein Hausthier zu nähren und zu mästen, so soll man ihm das zu fressen geben, was seiner Natur am meisten zusagt. Je mehr die ihm gereichte Nahrung von seiner natürlichen abweichen wird, um so schlechter wird sie ihm bekommen, und um so mehr wird man seinen Zwek verfehlen. Wir haben uns selbst ein Mal mit dergleichen Versuchen abgegeben, und unter anderen ein Schaf mit vieler Mühe an Fleischsuppe und Fleisch und Bier gewöhnt, konnten jedoch gar keinen Nuzen hierin sehen. – Aus den Daten, die Hr. D'Arcet anführt, geht wohl hervor, daß die Kälber bei der Knochengallerte weit weniger festen Nahrungsstoff erhielten, als bei der Milchdiät; allein Hr. D'Arcet hätte doch auch sagen sollen, welche Quantität Knochengallerte er für ein Aequivalent für eine bestimmte Menge Milch hält, damit man hiernach hätte berechnen können, ob bei der Fütterung mit Gallerte auch nur eine Ersparung möglich ist. Es scheint uns, daß es bei den Kälbern ebenso gehen wird, wie bei dem Pferde, von welchem Hr. Dr. Lebreton weiter unten spricht; d.h. daß man die Ernährung mit Gallerte zwar durchsezen kann, daß man aber dabei in Gefahr geräth an den Bettelstab zu gerathen. A. d. Ueb.

|391|

Die Zufriedenheit der Kranken und des Personales mit der Gallertsuppe dürfte wohl nicht in dieser allein, sondern zum Theil oder vorzüglich darin |392| zu suchen seyn, daß, wie aus den Berichten der Aerzte im Hôtel Dieu erhellte, in Folge der Gallertsuppen-Anstalt die Quantität Fleisches vermehrt werden konnte, welches die einzelnen Individuen erhielten. Jedermann läßt sich gern auf der einen Seite einen Abzug gefallen, wenn man ihm auf der anderen etwas Besseres reicht. A. d. Ueb.

|392|

Dieß geschah in den drei glorreichen Julius-Tagen, während welchen die Verwundeten großen Theils in das Hospital Saint-Louis gebracht wurden. A. d. O.

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