Titel: Henry, über die desinficirende Kraft höherer Temperatur.
Autor: Henry, Wilhelm
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. XCV. (S. 401–411)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/ar043095

XCV. Weitere Versuche über die desinficirende Kraft höherer Temperaturen. Von Hrn. Wilhelm Henry, M. D. F. R. S.

Aus dem Philosophical Magazine and Annals of Philosophy, Januar 1832; auch im Repertory of Patent-Inventions, Februar 1832, S. 106.

Mit einer Abbildung auf Tab. VII.

Ich habe im November v. J. eine Reihe von Versuchen, die ich über obigen Gegenstand anstellte, beschrieben,131) und daraus folgende beiden Schlüsse gezogen:

1) Daß die rohe Baumwolle und verschiedene Waaren, welche aus diesem oder anderen Materialien zu Kleidungsstüken verarbeitet werden, weder in der Farbe noch im Gewebe irgend eine Veränderung erleiden, wenn man dieselben mehrere Stunden lang einer trokenen Wärme von beinahe 212° F. (+ 80° R.) aussezt.132)

2) Daß der Kuhpoken-Stoff durch eine Hize, die nicht unter 140° F. (+ 48°R.) beträgt, ganz unwirksam gemacht wird, und daß sich hieraus schließen läßt, daß auch kräftigere Contagien wahrscheinlich bei einer Temperatur zerstört werden, die nicht über 212° F. beträgt.

Diese leztere Hypothese war offenbar noch durch weitere Versuche zu beweisen und zu bekräftigen. Ich wollte diese Untersuchungen, die mehr in das Gebiet der Medicin einschlagen, Aerzten überlassen; allein die Erscheinung der bösartigen Cholera in Sunderland veranlaßte mich, dieselben selbst unmittelbar weiter auszudehnen. Wenn diese Krankheit von einem Individuum auf ein anderes übertragbar ist, so ließ sich mit Grund hoffen, daß neue Thatsachen und Principien in Hinsicht auf die Contagiosität im Allgemeinen auch auf diesen besonderen Fall ihre Anwendung finden dürften. Wenn die Cholera sich nicht, als auf diese Weise mittheilbar, beweisen sollte, so würden noch mehrere anstekende Krankheiten bleiben, auf welche jede neu erworbene Kenntniß über die Geseze der Contagiosität einen wohlthätigen Einfluß haben müßte.

Unter den Krankheiten, die allgemein als anstekend bekannt sind, |402| konnte ich bloß mit zweien Versuche machen, mit dem Typhus und mit dem Scharlach. Die erstere dieser beiden Krankheiten entspricht jedoch nicht allen den Bedingungen, welche dieselbe zu Versuchen dieser Art geeignet machen. Sie ist nämlich weniger als viele andere Krankheiten durch charakteristische Erscheinungen genau bezeichnet; man schließt auf das Bestehen derselben nur aus einer Reihe von Symptomen, von denen ein jedes zufällig fehlen kann, oder wenn es auch vorhanden ist, so viele verschiedene Schattirungen zuläßt, daß die Ausmittelung dieser Krankheit sehr schwierig und ungewiß wird. Ein weit wichtigerer Einwurf gegen die Tauglichkeit des Typhus zu derlei Versuchen liegt jedoch darin, daß viele Schriftsteller die Contagiosität des Typhus ganz und gar in Abrede stellen. Es wurde ein langer Streit hierüber unter den Aerzten geführt, in den ich mich nicht einlassen will. Meine Ueberzeugung, die sich auf mehr als 20jährige Beobachtung dieser Krankheit, welche ich in meiner Privatpraxis, als Arzt in dem Manchester-Krankenhause, Dispensary, und Fieberhause anzustellen Gelegenheit hatte, stüzt, ist: daß der Typhus unter gewissen Umständen gewiß anstekend ist: obschon durch genaue Beobachtung der Reinlichkeit und durch sorgfältige Erneuerung der Luft, die von dem Kranken ausgehenden Effluvia so aufgelöst und weggeführt werden können, daß sie ganz unschädlich werden.133)

Obwohl ich nun aus diesen Gründen den Typhus nicht zu Untersuchungen über die Contagiosität geeignet hielt, so machte ich doch einen Versuch, da ich von Hrn. Johnson, dem Secretär des Fieberhauses, erfuhr, daß in diesem Spitale eben ein Individuum krank liege, welches diese Krankheit in einem hohen Grade von Ausbildung besäße. Auch der Arzt, unter dessen Behandlung sich dieses Individuum (ein Mädchen von 19 Jahren) befand, versicherte mich, daß er seit 2–3 Jahren keinen so deutlich ausgesprochenen Typhus beobachtet |403| habe; er war wirklich so heftig, daß die Kranke troz aller möglichen Sorgfalt am 14ten Tage der Krankheit unterlag. In der Nacht vom 10ten auf den 11ten Tag wurde nun dieser Kranken ein flanellenes Jäkchen ohne Aermel angezogen; den Tag darauf wurde dieses durch ein zweites gewechselt, und am dritten Tage durch ein drittes. Alle diese drei Jäkchen trug sie jedes Mal einige Stunden lang. Das erste dieser Jäkchen wurde nun, nachdem es 1 3/4 Stunden lang einer Hize von 204 bis 205° F. (+ 76,22 – 76,44° R.) ausgesezt gewesen, 2 Stunden lang in einer Entfernung von 12 Zoll unter die Nasenlöcher eines Individuums gebracht, welches diese Zeit über mit Schreiben beschäftigt war. Das zweite wurde, nachdem es auf dieselbe Weise erhizt worden, von demselben Individuum zwei Stunden lang auf dem Leibe getragen. Das dritte endlich wurde nach dem Erhizen in eine luftdichte zinnerne Büchse gebracht und 26 Tage darin gelassen, damit sich jeder, allenfalls noch in dem Jäkchen enthaltene Anstekungsstoff während dieser Zeit hätte entwikeln können. Diese Büchse wurde hierauf 4 Stunden lang in einer Entfernung von 12 Zoll unter den Mund desselben Individuums gehalten, und während dieser Zeit auch ein leichter, von dem Flanell aus auf das Individuum wehender Luftzug unterhalten. In allen diesen Fällen entstanden durchaus keine üblen Zufälle.

Diese negativen Resultate könnten jedoch, wie ich wohl einsehe, nur dann von Werth seyn, wenn sie die Schlußfolge einer ganzen Reihe von Versuchen wären. Die Aufnahme des Anstekungsstoffes hängt nämlich so sehr von einer eigenen Anlage oder Prädisposition und von anderen Umständen ab, daß eine weit größere Menge von Thatsachen nöthig ist, um in einem Falle, wie der vorhergehende ist, die Abwesenheit eines solchen Stoffes mit Gewißheit behaupten zu können. Ich lege daher kein sehr großes Gewicht auf obige Versuche, und will nur noch bemerken, daß bei dem ersten Versuche das Individuum, mit welchem ich denselben anstellte, durch vorausgegangene Arbeit sehr ermüdet war, und daß dasselbe am Schlusse des Versuches durch volle 8 Stunden gefastet hatte; daß sich dasselbe also in einem Zustande befand, in welchem der thierische Organismus am meisten zur Aufnahme eines vorhandenen Anstekungsstoffes geneigt ist.

Der Scharlach hingegen (und zwar sowohl der einfache, Scarlatina simplex, als der mit Halsentzündung verbundene, Scarlatina anginosa) ist eine Krankheit, die die sichersten Daten bei dergleichen Untersuchungen geben dürfte. Niemand zweifelt, daß dieselbe wirklich anstekend ist; sie gibt vielleicht unter allen Ausschlägen oder Elanthemen, unter welche sie von den Nosologen gesezt wurde, das kräftigste und dauerhafteste Contagium. Der Zwischenraum zwischen |404| der Anstekung und dem Ausbruche der Krankheit ist bei derselben ungewöhnlich kurz, und kann von 2–3 bis zu 6 Tagen angenommen werden. Wenn die Anstekung erfolgt ist, so ist die dadurch erzeugte Krankheit schon anstekend, ehe noch der scharlachartige Ausschlag zum Vorschein kommt, und sie bleibt auch noch, wenn die Abschuppung der Haut bereits erfolgt ist. Jeder erfahrne Praktiker wird sich überzeugt haben, daß alle seine Versuche einzelne Familienglieder vor derselben zu bewahren, vereitelt wurden, wenn das Uebel ein Mal in der Familie Fuß gefaßt hatte. Der Anstekungsstoff des Scharlaches kann ferner Monate lang unverändert und kräftig bleiben. Dr. Hildenbrand erzählt z.B., daß er denselben mit einem Roke, den er 1 1/2 Jahre nicht mehr getragen hatte, von Wien nach Podolien brachte, wo diese Krankheit bis zu jener Zeit noch ganz unbekannt gewesen war. Ueberdieß ist der Scharlach eine sehr genau unterschiedene und gut charakterisirte Krankheit.

Ich war aus allen diesen Gründen sehr begierig, die desinficirenden Kräfte erhöhter Temperaturen auf den Anstekungsstoff des Scharlaches zu versuchen. Glüklicher Weise traf es sich, daß in einem der Spitäler eben jezt ein Mädchen von 18 Jahren, mit Namen Gerrard, an Scharlach mit Halsentzündung (Scarlatina anginosa) krank lag, worüber nach den vorhandenen Symptomen weder dem behandelnden Arzte, noch mir ein Zweifel blieb. Um nun von diesem herrlichen Falle so viel Nuzen als möglich zu ziehen, ließ ich die Kranke mehrere flanellene Westen, jede einige Stunden lang, auf der bloßen Haut tragen, und brachte diese Westen dann in trokene Flaschen, die ich gut zupfropfte, mit einer Blase verband, und zur weiteren Benuzung aufbewahrte. Bald ergab sich noch weitere Gelegenheit, durch welche ich mir ähnliche, angestekte Westen verschaffen konnte; es wurden nämlich eine jüngere Schwester der ersten Kranken, Sarah Gerrard; Johnston mit 11 Jahren und Green mit 15 Jahren von derselben Krankheit befallen. An Johnston waren nicht bloß die Erscheinungen ganz unzweifelhaft, sondern er war auch der lezte von vier Kindern (die nicht alle einer und derselben Familie angehörten), welche alle in regelmäßiger Folge durch gegenseitige Communication mit einander angestekt worden waren.

1) Eine Weste, welche die ältere Gerrard einen oder zwei Tage nach dem Ausbruche des Scharlaches eine ganze Nacht über am Leibe gehabt hatte, wurde 4 1/2 Stunde lang auf 204° F. erhizt, und dann am 8. November einem sechsjährigen, gesunden Knaben angethan. Da sich hierauf bis zum 15. November keine krankhaften Erscheinungen zeigten, so wurde demselben Knaben eine zweite Weste |405| angezogen, die Johnston mehr als 12 Stunden lang am zweiten Tage des Ausbruches des Scharlaches auf dem Leibe getragen hatte, und die 2 3/4 Stunden lang auf eine Temperatur von 200°–204° F. erhizt worden war. Nach 22 Tagen, während welcher der Knabe immer dieselbe Weste trug, war derselbe noch vollkommen wohl und gesund.

2) Eine Weste, die die ältere Gerrard am 4ten und 5ten Tage nach dem Erscheinen des Scharlaches 22 Stunden lang am Leibe gehabt hatte, wurde am 19. November 3 Stunden lang auf 204° erhizt, und dann einem zwölfjährigen Mädchen angezogen, welches dieselbe bis zum 30sten ohne allen Erfolg trug. Es wurde ihm nun eine andere Weste angezogen, die die Sarah Gerrard getragen hatte, allein gleichfalls ohne Erfolg.

3) Eine Weste, welche Sarah Gerrard am zweiten Tage des Ausbruches des Ausschlages anzog, und drei Tage hindurch am Leibe behielt, wurde zwei Stunden lang auf 200° F. (+ 74,67° R.) erhizt, und dann am 19. November einem Knaben von 10 Jahren angezogen. Am 30sten wurde demselben eine zweite Weste angethan, welche Green den 1sten und 2ten Tag des Ausbruches getragen hatte, und die bloß eine Stunde lang in dem Desinficir-Apparate einer Hize von 204° F. (+ 76,22° R.) ausgesezt worden war; allein auch hierauf zeigte sich keine Spur von Krankheit.

Eine Weste, die die ältere Gerrard am 7. und 8. November (am 2ten und 3ten Tage des Ausbruches der Krankheit) 17 Stunden lang am Leibe trug, wurde bis zum 25sten in einer Flasche verschlossen gehalten, dann 4 1/2 Stunden lang einer Hize ausgesezt, welche von 200 bis zu 206° wechselte, und hierauf einem 13jährigen Mädchen angezogen. Da sich hierauf bis zum 30. Novbr. kein Erfolg zeigte, so wurde diesem Mädchen eine andere Weste angezogen, welche Johnston am dritten Tage des Ausbruches 11 Stunden lang getragen hatte, und die dann zwei Stunden lang einer Hize von 204° F. ausgesezt worden war. Auch hierauf zeigten sich aber durchaus keine Erscheinungen von Scharlach.

Bei allen diesen Versuchen wurde durch die sorgfältigsten Nachforschungen ausgemittelt, daß die Kinder, denen die angestekten Westen angezogen wurden, den Scharlach noch nicht überstanden hatten, und daher für die Empfängniß dieser Krankheit ganz fähig waren. Die Kinder wurden Tag für Tag genau untersucht, so daß nicht das leiseste Symptom unbeachtet vorübergehen konnte.

Diese Versuche scheinen mir zahlreich genug, um zu beweisen, daß die Einwirkung einer Temperatur, die nicht weniger als 200° F. (+ 74,67° R.) beträgt, und wenigstens |406| eine Stunde lang unterhalten wird, hinreichend ist den Anstekungsstoff des Scharlachs zu zerstreuen oder zu zerstören. Mir scheint es ferner wahrscheinlicher, daß derselbe zersezt, als bloß verflüchtigt wird, weil der Kuhpokenstoff, obschon er bei 120° F. (+ 39,11° R.) seine flüchtigen Bestandtheile verliert, doch durch Temperaturen, die weit unter 140° F. (+ 48°R.) betragen, nicht unwirksam gemacht wird. Um übrigens den Beweis ganz vollkommen zu machen, schien es mir weder nothwendig, noch auch zu rechtfertigen, zu bestimmen, bei welchem geringsten Grade von Hize, oder in welchem kürzesten Zeitraume die Desinficirung oder Zerstörung des Anstekungsstoffes geschehen könne: denn diese Punkte, die von keinem praktischen Nuzen wären, hätten sich ohne die wirkliche Mittheilung der Krankheit nicht erweisen lassen. Noch weit weniger nothwendig, oder auch nur zu entschuldigen schien es mir aber, durch wirkliche Anstekung zu überzeugen oder zu beweisen, daß die von den Kranken getragenen Westen auch wirklich von dem Scharlach-Contagium durchdrungen waren.

Man kann zwar sagen, daß der Beweis, den ich führte, schlagender und sicherer gewesen wäre, wenn er sich auf eine noch größere Zahl von Versuchen gestüzt hätte; allein alle Versuche dieser Art sind mit so vielen Schwierigkeiten verbunden, daß es nicht erlaubt seyn kann, dieselben weiter auszudehnen, als es die Nothwendigkeit erfordert. Abgesehen von anderen Umständen, ist es nämlich nichts weniger als leicht, junge Individuen auszumitteln, gegen die sich in keiner Hinsicht eine Einwendung machen läßt, – sie, wie es bei meinen Versuchen geschah, vor aller zufälligen Anstekung zu sichern, und sie endlich unter der wachsamen Aufsicht solcher Beobachter zu halten, welche selbst weniger ausgesprochene Symptome zu würdigen, aufzufinden, und im Falle des Entstehens durch geeignete Mittel zu bekämpfen im Stande sind. Ich muß gestehen, daß auch der Schluß von der zerstörbaren Natur des Anstekungsstoffes des Scharlaches auf jene anderer Contagien noch immer ein Schluß bleibt, der bloß auf Analogie gegründet ist, und daß zur Beweisführung in dieser Hinsicht noch immer weitere Beobachtungen an anderen bekannten anstekenden Krankheiten nöthig sind. Im Ganzen genommen hat aber doch mein Argument dadurch, daß nicht bloß das Kuhpokengift, sondern auch der so wirksame und giftige Anstekungsstoff des Scharlachs, durch die Kraft der Hize seiner Anstekungsfähigkeit beraubt wird, bedeutend an Wahrscheinlichkeit gewonnen.

Die Umstände, unter denen ich meine Versuche anstellte, lassen, wie ich glaube, keinen Zweifel zu, daß bei denselben die desinficirende Kraft nur der Hize allein angehört: da nämlich |407| die Behälter, in welche ich die Westen brachte, jedes Mal gut verschlossen wurden, so konnte keine Veränderung der Luft mit ins Spiel kommen. Die Erscheinungen sind auf ihre einfachste Form zurükgeführt, und ihre Resultate geben uns das durchdringendste und stärkste, desinficirende Mittel an die Hand, welches die Natur besizt: ein Mittel, welches unter allen verschiedenen Zuständen der Körper oder der Materie in die innersten Theile derselben eindringt. Die Hize ist als Mittel, Artikel, die einen Anstekungsstoff einzusaugen und zurükzuhalten vermögen, zu desinficiren, den Dämpfen und Gasen, welche zu demselben Zweke angewendet werden, bei weitem vorzuziehen: denn der Durchgang dieser lezteren kann durch ein Paar Falten eines comprimirten Materiales aufgehalten werden, während die Hize, wenn man ihr nur gehörige Zeit läßt, sich ihren Weg durch alle Hindernisse bahnt. Um nicht mißverstanden zu werden, muß ich jedoch wiederholt bemerken, daß ich die Zerstörung des Anstekungsstoffes oder Contagiums nur auf solche Substanzen beschränke, welche man technisch anstekungsfähig nennt; z.B. zum Desinficiren von Kleidern aller Art, von Betten und Bettwäsche, welche durch Waschen verdorben werden würde, von Koffern und dgl., die Reisenden angehören, welche von angestekten Orten kommen, von Waaren, wenn es bewiesen werden kann, oder wahrscheinlich ist, daß dieselben an Orten waren, wo sie etwas von dem Anstekungsstoffe aufgenommen haben konnten.134)

Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, wie den Schwierigkeiten abgeholfen werden kann, die sich aus der Berüksichtigung praktischer Details ergeben dürften. Man hat mir offen einige solche Einwendungen gemacht, die vorzüglich die Zeit und Arbeit dabei betrafen, und welche einige Versuche veranlaßten, die selbst die Gegner zufrieden stellten. Ich kann zwar noch keine Berechnung der Kosten des Apparates und der Feuerung, des einzigen Umstandes, der noch zu berechnen ist, geben; allein bei meiner großen Bekanntschaft mit der Anwendung des Dampfes im Großen, glaube ich mit Grund schließen zu dürfen, daß die Ausgaben für diese beiden Punkte hinreichend durch die großen und offenbaren Vortheile der Abkürzung der |408| Dauer der Quarantäne, oder durch die vielleicht gänzliche Verdrängung derselben, ersezt werden würden. Ich halte übrigens den Dampf nicht für das unumgänglich nothwendige Mittel zur Erhöhung der Temperatur Behufs der Desinficirung; denn auf welche Weise diese Erhöhung geschehen mag, so wird der Erfolg doch wahrscheinlich immer derselbe seyn. Ein Luftstrom, der nach der Methode des seligen und erfindungsreichen Strutt zu Derby, innerhalb gewisser Gränzen erhizt würde, wie dieß sehr häufig in Fabriken und Wohnhäusern geschieht, würde mit weit geringeren Kosten an Zeit und Geld dasselbe leisten.135) Meine Absicht ist bloß, hier das Princip anzugeben; die Ausführung desselben überlasse ich sowohl hier, als anderwärts jenen, die mehr mit Mechanik vertraut sind, als ich. Ich für meine Person kann nach sorgfältiger Prüfung und Erwägung keinen Einwurf gegen die Ausführbarkeit dieses Planes entdeken, der sich nicht bei einigem Eifer und einiger Ausdauer widerlegen und überwinden ließe. Diese beiden Eigenschaften waren bisher auch noch bei jeder wichtigen Erfindung nöthig, wenn dieselbe durchgeführt werden sollte.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Quarantäne-Geseze aller civilisirten Nationen einer sorgfältigen Revision bedürfen, und daß dieselben durch gegenseitige Zusammenwirkung und eine Uebereinkunft zwischen mehreren Nationen umgeändert werden müssen. In ihrem gegenwärtigen Zustande sind diese Verordnungen gewiß ebenso drükend, als unzwekmäßig und verwerflich; sie fordern Dinge, die wirklich von gar keinem Nuzen sind, während sie andere, die gewiß von großer Wirksamkeit seyn müßten, ganz unberüksichtigt lassen; sie beschränken die persönliche Freiheit auf eine ebenso peinliche, als unnüze Weise, beeinträchtigen den Handel und die Schifffahrt, vermindern die Nachfrage nach Producten und Fabrikaten, verbreiten dadurch über ganze Länder Mangel an Lebens- und Unterhalts-Mitteln, vermehren auf diese Weise die Unzufriedenheit aller, und die Leiden der Armen in's Besondere, und erzeugen so endlich Krankheiten im Lande, die ebenso ausgebreitet und vielleicht nicht weniger oder noch mehr verheerend werden, als die Krankheit, gegen welche diese Maßregeln gerichtet waren.

Die Basis eines weisen und wohlthätigen Quarantäne-Systemes, eines Systemes, welches alle Sicherheit gegen die Einschleppung contagiöser oder anstekender Krankheiten gewährt, und dabei doch die |409| Interessen und Lebensbedingungen des Handels und Verkehres nicht mehr beeinträchtigt, als es durchaus seyn muß, die Basis eines solchen Systemes kann lediglich auf einer Sammlung und Zusammenstellung wohlbegründeter Thatsachen in Betreff der Contagiosität beruhen. Leider muß aber in dieser Hinsicht noch eine große Unvollständigkeit und selbst ein wahrer Mangel zugestanden werden. Unglüklicher Weise wurden nämlich die Erscheinungen der Anstekung und des Contagiums im Allgemeinen immer nur untersucht, wenn von dem Parliamente Quarantäne-Geseze berathen wurden, und diese Berathung geschah, wie aufrichtig auch die Gesinnungen von beiden Seiten seyn mochten, immer unter dem Einflusse vorgefaßter Meinungen und Ansichten. Nicht unter solchen Umständen, und in solchem Geiste soll und darf aber eine Frage abgehandelt werden, die so schwierig zu beantworten, und so höchst wichtig in ihren Folgen ist: sie muß ohne Leidenschaft aufgefaßt und durchgeführt werden, damit alle Erscheinungen mit ruhigem Sinne, mit Geduld und Genauigkeit untersucht und erörtert werden können. Nur auf diese Weise kann man zu richtigen und unwiderlegbaren Beschlüssen kommen, auf welche allein solche praktische Regeln gebaut werden können, die der Menschheit zum Wohle und Glüke gereichen, und deren Erfolg der schönste Lohn seyn wird.136)

Der zu dem Desinfectionsprocesse nöthige Apparat ist so einfach, daß nur für solche, welche mit der Anwendung des Dampfes als Heizmittel nicht bekannt sind, eine Zeichnung erforderlich seyn dürfte. Die Aufgabe ist z.B. Kleider etc., welche desinficirt werden sollen, eine beliebige Zeit hindurch einer gleichmäßigen Hize von mehr als 200° F. (+ 74,67° R.) auszusezen, ohne daß der Dampf, mit welchem die Erhizung geschieht, mit diesen Substanzen in Berührung kommt. Dieß kann nun in zwei kupfernen Gefäßen, oder in Behältern aus verzinntem Eisenbleche geschehen, von denen das Innere in der Zeichnung Fig. 56 mit B bezeichnet ist. Dieser leztere Behälter wird in einer größeren von ähnlicher Form gesezt, auf dem er mit einem Rande aufruht, der an dem größeren Behälter angelöthet wird. Auf diese Weise entsteht mithin zwischen den beiden Behältern ein leerer Raum, DD, der zur Aufnahme des Dampfes dient. Der Boden des äußeren Behälters ist gegen die Ränder hin etwas gewölbt, und in der Mitte desselben ist eine kurze Röhre angelöthet, |410| durch welche der Dampf eintritt, und das Wasser abfließt. Der mittlere Raum, in welchem sich der Buchstabe B befindet, ist der Behälter für die Artikel, die erhizt werden sollen. Um den Verlust an Hize durch die Wände des äußeren Behälters zu verhindern, ist derselbe rund herum mit einer Fütterung aus schlechten Wärmeleitern, wie Hanf, Stroh oder Flanell umgeben, die man außen durch Faßdauben, welche mit hölzernen oder eisernen Reifen zusammengehalten werden, am Ausweichen verhindern kann. Auf den Apparat selbst kommt ein hölzerner Dekel, der, wie man aus der Zeichnung sieht, in der Mitte zusammengefugt ist, damit man nach Belieben die eine oder die andere Hälfte desselben abnehmen kann. Von diesem Dekel läuft rechts eine Röhre A aus, durch welche aller Anstekungsstoff, der allenfalls unzersezt entwichen seyn mochte, in das Feuer eines Kamines geleitet wird. An der anderen Hälfte wird zuweilen durch eine Spalte ein Thermometer eingeführt. Durch dieselbe Hälfte des Dekels geht auch ein Lufthahn h, den man nach Belieben entfernen kann, und der, wenn er offen ist, eine Verbindung zwischen dem leeren Raum DD und der atmosphärischen Luft herstellt. Der ganze Behälter ruht auf einem Tische EE, der zu dessen Aufnahme ausgehöhlt ist, und an welchem der Behälter durch vier kleine Bolzen, deren Enden man in der Zeichnung sieht, befestigt ist. Damit die Köpfe dieser Bolzen einen Anhaltspunkt haben, ist am Grunde des äußeren Gefäßes ein vorspringender Rand angebracht, mit welchem am Scheitel ein ähnlicher Rand correspondirt, durch den die Fütterung in ihrer Lage erhalten wird.

Der kleine Dampfkessel G hat einen beweglichen Dekel, aus dessen Mittelpunkt eine 5–6 Fuß lange oder längere Röhre FF ausläuft, die sich über die Röhre, die vom Dampfbehälter zurükläuft, hin begibt. Die Dimensionen aller dieser Theile, von denen einige in der Zeichnung gebrochen dargestellt sind, ergeben sich aus dem Maßstabe, der der Zeichnung beigefügt ist.

Das Gefäß G wird bis zu 2/3 mit Wasser gefüllt, welches um Zeit zu ersparen, beinahe siedend seyn darf; dann wird dasselbe, nachdem die Fugen verkittet worden, über ein Feuer gesezt, die Oeffnung g mit einem Pfropfe verschlossen, und der kleine Lufthahn geöffnet, damit die, in dem Raume DD enthaltene Luft entweichen kann. Wenn nun beide Hälften des Dekels an ihren Ort gebracht worden, so wird das Thermometer durch die Spalte eingeführt, und so wie dieser über 200° F. anzeigt, jener Theil des Dekels abgenommen, von welchem die Röhre A 137) entspringt. Nun werden die zu |411| desinficirenden Artikel in den Behälter, und der Dekel wieder in seine gehörige Lage gebracht. Das Feuer unter dem Dampfkessel muß nach dem Verhältnisse regulirt werden, nach welchem der überschüssige Dampf bei dem kleinen Lufthahne ausströmt. Sollte dieser überschüssige und entweichende Dampf im Zimmer belästigen, so kann man ihn durch eine Röhre von gehöriger Länge, die auf das zulaufende Ende des Lufthahnes aufgeschraubt wird, außer das Zimmer leiten. Durch die Oeffnung g wird man zuweilen heißes Wasser nachfüllen müssen; doch wird dieß selten nöthig seyn, wenn man den Dampf nicht unnüzer Weise durch ein zu starkes Feuer verwüstet; das Wasser, welches durch Verdichtung des Dampfes in dem Raume DD entsteht, wird nämlich immer durch die Röhre FF in den Dampfkessel zurükfließen.

Die Dimensionen, die Form und das Material des Apparates können nach den Operationen, zu denen er bestimmt ist, abgeändert werden. Zum gewöhnlichen Hausgebrauche wird schon ein gewöhnlicher Theekessel, dessen Röhre man mit einem Korke verstopft, und an dessen Dekel man die gehörigen Zusäze anbringt, hinreichen; auch wird man sich wohl leicht ein sehr wohlfeiles und einfaches Gefäß, welches dem Gefäße B ähnlich ist, verfertigen lassen können. Zu größeren Operationen wird ein Dampfkessel aus Eisenblech, der ungefähr dem Dampfkessel an Dampfmaschinen ähnlich ist, nöthig seyn. Wenn es nöthig seyn sollte, so wird man leicht auch eine höhere Hize als 212° F. (+ 80° R.) in dem Behälter hervorbringen können; man braucht nämlich hierzu den Dampf nur einem Druke zu unterwerfen, der größer ist, als jener der Atmosphäre. In diesem Falle müßte aber der Apparat auch mit einer gehörigen Sicherheitsklappe versehen seyn.

Sollte erhizte Luft dieselben Dienste leisten, so könnte man dieselbe wohl bei gewöhnlichen Artikeln benuzen, den Dampf hingegen für kostbarere und solche Artikel aufsparen, die leicht beschädigt werden können.

|401|

Wir haben die Abhandlung, worauf sich Dr. Henry hier bezieht, im 4. Heft S. 273 dieses Bandes des Polytechn. Journ. mitgetheilt. A. d. R.

|401|

Ich habe seither gefunden, daß diese Temperatur in den meisten Fällen mit aller Sicherheit auch wohl um 40 bis 50 Grad höher gesteigert werden kann. A. d. O.

|402|

Auch wir sind der Meinung, daß der Typhus durchaus nicht zu den anstekenden Krankheiten gehöre, und nicht zu beweisenden Versuchen über die Contagiosität gewählt werden könne. Man scheint auch bei dieser Krankheit nicht gehörig berüksichtigt zu haben, daß gleiche, auf den Organismus einwirkende Einflüsse auch mehr oder weniger ähnliche Wirkungen in demselben hervorbringen müssen, so daß es gar keine Annahme von Anstekung bedarf, um die Verbreitung dieser und mehrerer anderer Krankheiten zu erklären. Daß der Typhus oder das Nervenfieber sich anderen mittheilt, wenn sie sich längere Zeit in einer Luft aufhalten, die mit den Ausdünstungen von Nervenfieberkranken überfüllt sind, beweist noch keineswegs, daß die Krankheit anstekend ist. Eine Anhäufung von ganz gesunden Menschen in einem kleinen, nicht ventilirten Raume erzeugt, wie 100fältige Erfahrung bewies, sehr schnell und um so schneller die bösartigsten Fieber, je mehr nebenbei noch andere schädliche Einflüsse, besonders Gemüthsleiden, mitwirken. Wenn nun die Ueberfüllung der Luft mit den Ausdünstungen der Gesunden schon so nachtheilige Folgen hervorbringen kann, um wie viel mehr wird dieß bei den Ausdünstungen der Kranken der Fall seyn müssen! A. d. Ueb.

|407|

Ich habe mir alle Mühe gegeben sichere Aufschlüsse zu erhalten, ob eine Gefahr, und welche Gefahr in Hinsicht der Aufnahme des Anstekungsstoffes durch Waaren bestehe, konnte aber durchaus nichts Ueberzeugendes hierüber erfahren. Es gibt jedoch einen Artikel, der mehr als irgend ein anderer als Träger der Anstekung dienen kann, und dieses sind die alten Lumpen, die Lumpen, die beständig in großen Ladungen bei uns eingeführt werden. – Briefe, die durch das Räuchern oft beinahe unleserlich werden, kann man, wenn sie nicht mit Siegellak, sondern mit Oblaten gesiegelt sind, sehr gut auf meine Methode desinficiren. Schreibpapier fängt nach meinen Versuchen etwas unter 300° F. braun zu werden an; es verändert indeß dabei seine Textur nicht; ebenso erleidet die Tinte hierbei keine materielle Veränderung. A. d. O.

|408|

Siehe Carl Sylvester's Philosophy of Domestic EconomyLondon 1819, worin Strutt's Methode, so wie sie im allgemeinen Krankenhause von Derbyshire in Ausführung gebracht worden, vollkommen beschrieben ist. A. d. O.

|409|

Sollte man nicht glauben, der ehrenwerthe Hr. Doctor habe die Verhandlungen der Kammer eines deutschen Staates, die sich bei Gelegenheit der Berathung eines Cholera-Gesezes ergaben, im Auge gehabt? Bei dieser Berathung herrschten wenigstens alle die von ihm hervorgehobenen nothwendigen Bedingungen in hohem Grade. A. d. Ueb.

|410|

Es wird weit besser seyn, wenn man die Röhre A aus zwei Stüken |411| verfertigen läßt, von denen jenes, welches sich an dem Dekel befindet, nicht über einen Fuß lang ist, und wenn man das Ende dieses lezteren, da doch immer einige Tropfen Feuchtigkeit entweichen, in den längeren Theil einschiebt. A. d. O.

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