Titel: Beantwortung der in den Miszellen des XLIII. Bandes 4. Heft des Polytechnischen Journals, S. 312, aufgestellten Fragen, von Baader's verbesserte Eisenbahnen betreffend.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. XCIV./Miszelle 3 (S. 394–396)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/mi043094_3
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Beantwortung der in den Miszellen des XLIII. Bandes 4. Heft des Polytechnischen Journals, S. 312, aufgestellten Fragen, von Baader's verbesserte Eisenbahnen betreffend.

Ich habe im 1. Hefte des XLI. Bandes des Polytechn. Journals eine von mir neuerfundene Bauart von Eisenbahnen, Wagen und fortschaffenden Maschinen angezeigt, durch welche der Transport von Waaren aller Art, so wie von Reisenden und Brief-Felleisen, mit der größten Schnelligkeit, und dabei leichter, bequemer und wohlfeiler 129) als durch die bisher bekannten Vorrichtungen bewirkt werden kann; und ich habe mich erboten, die Wirklichkeit dieser Erfindungen und ihrer angekündigten Vortheile durch entscheidende, in einem hinlänglich großen Maßstabe angestellte, Versuche zu beweisen.

Ein Ungenannter fordert mich nun im neuesten Hefte desselben Journals (dem zweiten Februarhefte d. J. S. 312) auf, mich vor allen Dingen über die erste Frage: Wer über die Resultate dieser Versuche entscheiden soll, auszusprechen, und dann den ungefähren Kostenanschlag einer nach meinem neuen Systeme (z.B. zwischen der Donau und dem Mayn) herzustellenden Streke einer einfachen und einer doppelten Eisenbahn von der Länge von 1000 rheinl. Ruthen, für Wagen von bestimmter Schwere und Ladung anzugeben.

Ich beeile mich, dieser öffentlichen Aufforderung zu entsprechen, und die an mich gerichteten Fragen, so weit es mir vorläufig nöthig scheint, auf demselben Wege zu beantworten.

Den ersten Punkt betreffend, wird es vorzüglich darauf ankommen, ob ich über die Mittheilung meiner Erfindungen mit einer Regierung, oder mit einem Privaten oder einer Gesellschaft in Unterhandlung treten soll. Im ersteren Falle würde ich mit dem vollesten Vertrauen in die Loyalität der fraglichen Regierung die Entscheidung einer von derselben ernannten Commission von competenten und unbefangenen Sachverständigen überlassen, und mir nur das Recht vorbehalten, gegen einen oder den andern derselben allenfalls protestiren zu dürfen. Im zweiten Falle wird man es jedoch natürlich finden, wenn ich meine Rechte auf jede gesezliche, bei jedem Vertrage zwischen Individuen und Gesellschaften übliche, Weise um so mehr zu sichern und zu verwahren suche, als ich durch einen öffentlichen Versuch im Großen das Geheimniß, folglich das ausschlüssige Eigenthum meiner Erfindungen verlieren muß, welche alsdann, wenn die Unterhandlung aus was immer für einem Grunde zu keinem günstigen Erfolge führen würde, allenthalben von Jedermann, ganz oder theilweise, nachgemacht und benuzt werden könnten. Ich würde daher, nach einem vorläufig abgeschlossenen förmlichen Contracte, die Entscheidung über die Resultate der angestellten Versuche dem schiedsrichterlichen Ausspruche der Mehrheit einer Jury zu überlassen vorschlagen, welche aus neun Sachverständigen bestünde, von welchen die drei ersten von der contrahirenden Gesellschaft, drei andere von mir, und die drei lezten von diesen sechs gemeinschaftlich zu ernennen wären.

Was die Kosten der Anlage einer Eisenbahn von meiner neuen Construction betrifft, so hängen diese zwar überhaupt an jedem Orte von den Preisen der Materialien und Arbeitslöhnungen ab; doch darf im Allgemeinen angenommen werden, daß diese Kosten überall um Vieles weniger, als die einer nach dem neuesten englischen Systeme unter denselben Localverhältnissen erbauten Eisenbahn von derselben Länge betragen werden. Der Unterschied zu Gunsten meines Systemes wird aber am Auffallendsten in solchen Gegenden sich zeigen, wo das Eisen (gegossenes, gehämmertes oder gewalztes) sehr theuer, gute Bruch- und Quadersteine hingegen wohlfeil sind; wo das Terrain die meisten und größten Schwierigkeiten darbietet, |396| deren Besiegung nach dem englischen Applanirungssysteme sehr viele bedeutende und kostbare Erd- und Mauer-Arbeiten, tiefe Einschnitte, hohe und lange Aufdämmungen, Brüken, Stollen oder große Krümmungen und Umwege u. dergl. erfordert, welche bei meiner Bauart größten Theils erspart werden können; endlich, wo ein etwas lebhafter Verkehr Statt findet, für welchen nach englischer Bauart eine doppelte Bahn gelegt werden muß, nach meinem Systeme hingegen eine einfache hinreicht. Unter solchen Verhältnissen dürfte die Herstellung einer Eisenbahn von meiner Erfindung in mancher Gegend kaum den dritten Theil desjenigen Aufwandes in Anspruch nehmen, welchen der Bau einer englischen Bahn von gleicher Länge erfordert. Ebenso werden auch die Unterhaltungskosten einer nach meinem Plane gebauten Eisenbahn überhaupt weit geringer als die einer Bahn von gewöhnlicher Construction seyn; der Unterschied wird aber, unter übrigens gleichen Umständen, desto größer sich zeigen, je kostbarer das zum Betriebe der fortschaffenden Maschinen (Dampfwagen) nöthige Brennmaterial ist, van welchem bei meinen Vorrichtungen wenigstens die Hälfte erspart wird.

Beispielweise kann ich indessen versichern, daß in den Gegenden zwischen der Donau und dem Mayn, wo der bayerische Centner Gußwaaren für 8 Gulden, und die Kubikruthe von Bruch- und Quader-Steinen resp. für 300 und 500 Gulden zu haben ist, eine 1000 rheinl. Ruthen oder 12,000 rheinl. Fuß lange Streke einer nach meinem Systeme auf das Vollständigste und Solideste hergestellten einfachen Eisenbahn für Wagen von 40 Centner Ladung (ausschlüssig der anzukaufenden Gründe) ungefähr vierzig tausend Gulden, einer doppelten höchstens achtzig tausend Gulden kosten dürfte; was noch weniger als die Hälfte von den Kosten der wohlfeilsten Eisenbahn beträgt, welche bis jezt auf unserem Festlande nach dem neuesten englischen Systeme gebaut worden ist.130)

Ueber die Art und Weise der anzustellenden Versuche bemerke ich, daß hiezu eine Stelle gewählt werden dürfte, auf welcher die vorzüglichsten Schwierigkeiten des Terrains, wie z.B. mehr oder minder steile Erhöhungen und Unebenheiten, kurze Wendungen, Durchkreuzungen der Bahnlinie durch gewöhnliche Straßen, u. dergl. theils schon vorhanden sind, theils künstlich zu bereiten wären; und ich würde auf einem solchen Grunde die Vorrichtung einer in sich selbst zurükkehrenden Eisenbahn ohne Ende, in der Form eines länglichten Parallelogramms mit abgerundeten Eken, vorschlagen, auf welcher mit einer fortschaffenden Maschine und einem angehängten Zuge von beladenen Wagen, oder mit Menschen gefüllten Diligencen, Fahrten von jeder beliebigen Länge vorgenommen werden könnten.

Was endlich die für die Mittheilung des Geheimnisses meiner Erfindung mir auszubedingende Belohnung betrifft, so erkläre ich vorläufig, daß meine Ansprüche, im Verhältnisse zu den großen Vortheilen, welche von ihrer Anwendung zu erwarten sind, sehr mäßig seyn werden, da es mir hiebei nicht bloß um eine angemessene und billige pecuniäre Entschädigung für meine gehabte Mühe und eigenen Auslagen, sondern mehr noch darum zu thun ist, meine durch drei und zwanzigjähriges Nachdenken und zahlreiche Versuche zur Reife gebrachten Ideen im Großen verwirklicht zu sehen, wozu mir in Bayern bei dem noch immer vorherrschenden Einflusse der Canalisten alle Aussicht verschlossen ist. –

Sollte mein Plan bei irgend einer bedeutenden und wichtigen Anlage dieser Art angenommen werden, so würde ich mich größten Theils mit der Bewilligung einer bestimmten Anzahl von Frei-Actien begnügen.

München, den 29. Februar, 1832.

Joseph Ritter von Baader.

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Ich finde hier nöthig beizufügen: mit der vollkommensten Sicherheit; indem die Bauart meiner Eisenbahnen so beschaffen ist, daß das Abgleiten oder Hinausschleudern der mit der größten Geschwindigkeit darauf fortrollenden Wagen und Maschinen durchaus unmöglich ist, und daß folglich die schreklichen Unglüksfälle, welche auf der Eisenbahn zwischen Liverpool und Manchester sich schon einige Male ereignet haben, und welchen man auf den englischen Kantenschienen (Edgerails) beständig ausgesezt ist, gänzlich vermieden werden.

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Dieß ist die in französischen Journalen als ein Meisterstük in technischer und ökonomischer Hinsicht gerühmte, unlängst vollendete einfache Eisenbahn zwischen Roanne und Andrèzieux, von welcher der laufende Meter 50 Franken 75 Centimen gekostet hat; was für eine Länge von 1000 rheinl. Ruthen 87,609 Gulden beträgt.

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