Titel: Polytechnische Schule in St. Petersburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. CXIV./Miszelle 3 (S. 462–463)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/mi043114_3

Polytechnische Schule in St. Petersburg.

Die russische Regierung, von welcher man nicht läugnen kann, daß sie in manchen Hinsichten ihr Interesse sowohl, als jenes des Staates, verständiger beurtheilt und berüksichtigt, als es in manchem deutschen Staate mit scheinbar liberaleren Grundsäzen der Fall ist, hat zu St. Petersburg ein Polytechnisches Institut gegründet, welches im October vorigen Jahres eröffnet wurde. In diesem Institute werden beständig 132 Zöglinge auf Kosten des Staates erzogen und unterrichtet. Der Unterricht besteht in theoretischer Technologie, Maschinenlehre, Mathematik, Physik, Chemie, Färbekunst etc. Die Zöglinge, welche sich auszeichnen, erhalten eigene Privilegien; sie sind von der Kopfsteuer und Militär-Conscription befreit; sind den körperlichen Strafen und Züchtigungen nicht unterworfen; können ohne die gewöhnlichen Lehrjahre gewisse Gewerbe ausüben, und können diese Privilegien auf ihre Kinder übertragen, so lang diese das Gewerbe des Vaters treiben. Sie sollen Künstler oder Meister genannt werden. Außer den Zöglingen, die auf Staatskosten unterrichtet werden, und die aus den mittleren Standen gewählt werden sollen, können auch andere Schüler an bestimmten Tagen das Institut besuchen und benuzen. Der jährliche Etat des Institutes ist auf 5500 Pfd. Sterl. (66,000 fl.) festgesezt. An Sonn- und Feiertagen wird nach dem Gottesdienste den niedrigeren Gewerbsleuten unentgeltlicher Unterricht in der Zeichenkunst ertheilt. Das Gebäude wurde dem Jägerhof gegenüber, wo früher ein Morast war, aufgeführt; zur Unterhaltung für die Zöglinge befinden sich an dem Gebäude zwei große, mit Alleen von Roßkastanien bepflanzte Fleken Landes. (Aus dem Mechanics' Magazine Nr. 441 S. 303. Wer die |463| große Gelehrigkeit der slavischen Völker kennt, wird ermessen können, welchen Aufschwung diese Anstalt bald in die russische Industrie, die bisher durch zwekmäßige Prohibitivmaßregeln schon außerordentlich zugenommen hat, bringen wird und muß. Bisher waren die meisten Fabrikanten Rußlands Ausländer, welche sich dort niederließen, und Fabriken gründeten, die unter dem Schuze des Prohibitivsystemes schnell emporblühten; nun trachtet aber Rußland schon diese Vortheile den Ausländern zu entziehen und ihn billig seinen Eingebornen zu sichern. Wahrlich wir hätten von Rußland in industrieller Hinsicht eben so viel zu fürchten, wie in politischer, wenn nicht zum Glüke der Absolutismus seiner Großen und der daraus entstandene Sclavensinn der Volksmasse einer größeren und freieren Entwikelung seiner intellectuellen Fähigkeiten ein so mächtiges Hinderniß in den Weg legten.)

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