Titel: Uhrmacher-Schule zu Mâcon.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. CXIV./Miszelle 5 (S. 463–464)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/mi043114_5

Uhrmacher-Schule zu Mâcon.

Man überzeugt sich immer mehr und mehr von der dringenden Nothwendigkeit von Specialschulen für Künste und Gewerbe, wenn man für jedes derselben gründlich unterrichtete Individuen bilden, und sich nicht mit einer oberflächlichen Bildung der Techniker begnügen will. Die polytechnischen Schulen, so wie sie gewöhnlich sind, leisten zwar sehr Vieles, sind aber doch nie im Stande, für die einzelnen Gewerbe solche Leute zu bilden, wie sie aus gut organisirten Specialschulen hervorgehen werden. In solchen Schulen kann der Unterricht in den einzelnen Fächern vorzüglich so geleitet werden, daß er dem bestimmten Gewerbe am meisten Nuzen bringt; bei den allgemeinen polytechnischen Schulen werden hingegen die Schüler selbst sich großen Theils das herauswählen müssen, was für |464| ihr Fach paßt; nur jene kleine Zahl, die die gehörigen Vorkenntnisse oder den Schaz von Verstand besizt, der hierzu nothwendig ist, wird daher den gehörigen Vortheil aus denselben ziehen können; der größte Theil hingegen wird es nur zu einer polytechnischen Vielwisserei bringen, mit welcher sie ihrem Lande wenig nüzen, sich selbst aber gewiß schaden werden. Ueberdieß wird bei diesen Specialschulen auch eine bedeutende Ersparung an Zeit für die Zöglinge entstehen; sie werden in weit kürzerer Zeit mehr lernen, als in allgemeinen polytechnischen Schulen; und dieser Gewinn an Zeit, dieses kostbarsten Gutes, dürfte ein hinreichender Ersaz für die größeren Auslagen seyn, welche solche Specialschulen mit sich bringen.

Der Verfall der Uhrmacherkunst in Frankreich, welches durch so lange Zeit hindurch seinen Nachbarstaaten in diesem Zweige der Industrie weit voraus war, zog vor mehreren Jahren die Aufmerksamkeit und Sorge eines der größten seiner Künstler, des berühmten Bréguet, auf sich; bekannt durch seine Talente sowohl, als durch seinen Patriotismus, wollte er seinem Vaterlande den Ruhm und den Vortheil erhalten, den es sich in früheren Zeiten erworben hatte. Er errichtete daher an der Schule zu Chalons eine eigene Werkstätte und Anstalt für Uhrmacher-Lehrlinge, welche, wie die Ausstellungen von den Jahren 1823 und 1827 zeigten, Außerordentliches leisten. Troz dieser Leistungen, und ungeachtet des besonderen Schuzes, den der edle Herzog von La Rochefoucauld diesem Institute gewährte, konnte dasselbe bei den Rükschritten, die die vorige französische Regierung in allen Zweigen des Unterrichtes machte, sich doch nicht länger halten. Es ging zu Grunde; aber bloß um unter dem wohlthätigen Einflusse einer Verfassung und einer Verwaltung, die der Entwikelung des Verstandes und der Würde der Menschheit weniger Hindernisse in den Weg legt, um so blühender und kräftiger wieder zu erstehen, und zwar als ein eigenes Institut, als Ecole d'horlogerie de Macon. Hr. Hanriot, der bereits die Direction des früheren Institutes geführt hatte, und der sich eben so durch seine umfassenden Kenntnisse seines Faches, als durch seine Liebe zur Belehrung der Jugend auszeichnet, leitet nun auch dieses, welches in jeder Hinsicht zu großen Erwartungen berechtigt. Es werden auf diese Weise nicht bloße geschikte Handarbeiter gebildet werden, sondern Frankreich wird durch die glükliche Verbindung der Theorie mit der Praxis einen Nachwuchs von Künstlern erhalten, die in die Fußstapfen Leroh's, l'Epine's, der Breguets etc. treten, und seinen alten Ruf in der Uhrmacherkunst sichern oder noch höher steigern werden. – Möchten unsere Gewerlsleute die unberechenbaren Vortheile solcher Anstalten gehörig bedenken und würdigen, und für ihre Söhne durch ihre eigene Kraft, durch Zusammenwirken und durch einige Aufopferung solche Institute gründen, die sie bei den bestehenden Schulplanen, und bei der herrschenden Sucht nach einem bloßen Anstriche von Schönem, nach einem ledigen Flitterglanze, von der Weisheit der Regierung nicht so bald erwarten dürfen.

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