Titel: Ueber die Baltimore- und Chio-Eisenbahn.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1832, Band 43, Nr. CXIV./Miszelle 6 (S. 464–465)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj043/mi043114_6

Ueber die Baltimore- und Chio-Eisenbahn.

Diese Eisenbahn, welche eine der größten und am meisten Staunen erregenden Unternehmungen ist, soll sich, wenn sie vollendet seyn wird, von Baltimore über die Alleghaney-Gebirge bis an die Ufer des Ohio erstreken, und wird sich wahrscheinlich noch weiter verzweigen. Bis jezt sind erst 60 Meilen derselben mit einer doppelten Bahn fertig, und doch ist sie jezt schon die größte continuirliche Länge einer Eisenbahn, welche auf der Welt existirt; sie reicht jezt bis Point of Rocks am Flusse Potamac. Der Hauptingenieur, der das ganze Unternehmen leitet, rechnet, daß jährlich 50 Meilen vollendet werden, und daß mithin das Ganze in 6–7 Jahren fertig seyn wird.

Wir haben bloß die ersten 13 Meilen bis zu Ellicot's Mühlen bereist, welche Streke jedoch Alles enthält, was besonderes Interesse gewährt, mit Ausnahme der schiefen Flächen bei Parr's Ridge, wo die feststehenden Maschinen errichtet werden sollen. Eine Besonderheit dieser Bahn, und ein Vorzug derselben vor den englischen Bahnen ist, daß sie nicht in ganz gerader Richtung läuft, sondern sich in Windungen, deren Radius manch Mal nur 220 Fuß beträgt, fortschlängelt. Die Wagen der Manchester-Eisenbahn würden, wie man glaubt, bei solchen Krümmungen der Bahn umwerfen; dieß wird hier dadurch verhindert, daß man |465| den Durchmesser des Rades beinahe bis auf zwei Fuß vermindert; vorzüglich aber dadurch, daß man zwischen der Trommel oder dem Reifen des Rades und dem hervorstehenden Rande (flange) eine conische Erhöhung von beiläufig einem Zoll Höhe anbringt.

Textabbildung Bd. 43, S. 465

ab ist nämlich die Trommel oder der untere Theil des Rades, welcher auf die Bahn drükt; bc die conische Erhöhung, und cd der hervorstehende Rand, durch welchen das Rad an die Bahn gehalten wird.

Bei dieser Einrichtung steigt die Maschine, die in gerader Richtung getrieben wird, wenn sie mit einer krummen Linie zusammentrifft, nothwendig an der Bahn in die Höhe, und zwar mit einer Neigung aus derselben auszutreten. Dadurch gelangt aber das Lager (bearing) des Rades unmittelbar auf die conische Erhöhung, auf der es, sowohl wegen deren Form, als wegen des auf ihm ruhenden Gewichtes nicht bleiben kann, so daß dieses Lager wieder auf ab kommt, und daß die Räder in jedem Augenblike gehörig im Geleise erhalten werden. Die Reibung, welche nothwendig bei dieser Methode entsteht, soll durch ein neu erfundenes Reibungsrad, welches in dem Berichte des Ingenieurs beschrieben ist, ausgeglichen werden. Nach einer anderen sinnreichen Erfindung kann ein Karren in einer krummen Linie, deren Radius 50 Fuß beträgt, ohne aufgehalten zu werden, bewegt werden, so daß derselbe z.B. in ein Magazin an der Seite der Eisenbahn gelangen kann. Dieß wird dadurch bewirkt, daß man die äußere Schiene der Krümmung aus soliden gußeisernen Stüken so verfertigen läßt, daß sie bloß den hervorragenden Rand des Rades aufnimmt. Dadurch wird, indem das äußere Rad auf dem Rand des hervorragenden Randes cd gehoben wird, während das innere Rad auf ab bleibt, ersteres um die ganze Dike dieses hervorstehenden Randes im Durchmesser weiter, so daß sich die Achse mithin unmöglich in gerader Linie bewegen kann, sondern sich in einem Kreise bewegen muß, welcher dem Unterschiede des Durchmessers der beiden Räder entspricht. Wir hoffen, daß diese Erklärung allen Lesern verständlich seyn wird, müssen jedoch gestehen, daß wir die Beschreibung dieser Einrichtung, wie sie in dem Berichte abgedrukt ist, nicht eher verstanden, als bis wir die Bahn an Ort und Stelle untersuchten, und die ganze Operation selbst beobachteten. Die Americaner legen ein sehr großes Gewicht auf diese ihre Erfindungen, mittelst welcher sie den Bahnen ohne Nachtheil die verschiedenen Krümmungen geben können, da es oft nur mit den größten Kosten möglich ist, die gerade Linie derselben herzustellen. Die Baltimore-Eisenbahn läuft an den Ufern des Patapses, und muß den Windungen desselben folgen, da dieser Fluß von sehr großen Granit-Hügeln eingeschlossen ist, über die man mit keiner Bahn gelangen könnte. Ob diese Einrichtungen jedoch hinreichen, um auch Dampfwagen, die mit derselben Schnelligkeit laufen, wie jene auf der Manchester-Eisenbahn, sicher auf der Bahn zu erhalten, muß erst die Erfahrung lehren, da man bisher bloß mit Pferden, und mit einer Schnelligkeit von 12 Meilen in der Stunde auf diesen Bahnen fuhr. Wir glauben, daß der Anwendung der Dampfwagen vorzüglich ihr großes Gewicht im Wege steht, durch welches die Schienen in die hölzernen Unterlagen eingedrükt werden; diese hölzernen Unterlagen sollen jedoch in dem Maße, als sie sich abnüzen, durch steinerne ersezt werden, zu denen gegenwärtig das Material wohlfeil zu haben ist. – Außer dieser Eisenbahn werden auch noch mehrere andere errichtet, so daß America sowohl hierin, als in der Errichtung von Canälen England weit voraus ist. (Aus dem Examiner im Repertory of Patent-Inventions. Februar 1831, S. 121).

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