Titel: Gaultier de Claubry, Bericht über die Lithographie.
Autor: Gaultier de Claubry, Henri François
Fundstelle: 1832, Band 44, Nr. XLVII. (S. 209–223)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj044/ar044047

XLVII. Bericht des Hrn. Gaultier de Claubry über die Preise, welche die Société d'encouragement für Verbesserungen der Lithographie für das Jahr 1831 ausgeschrieben hatte, und welche zum Theil auch gelöst wurden.

Im Auszuge aus dem Bulletin de la Société d'encouragement. December 1831, S. 567.

Die Preise, welche die Gesellschaft auf Verbesserungen der Lithographie ausschrieb, haben bekanntlich schon im vergangenen Jahre wichtige Forschungen und Erfindungen veranlaßt; die Verschiebung dieser Preise auf das Jahr 1831 hat jedoch den Eifer und das Bestreiben der Künstler nur noch mehr belebt, und viele Verbesserungen zu Tage gefördert, die wesentlich zur Vervollkommnung der Lithographie beitragen werden, und von denen einige sogar Epoche in dieser Kunst machen dürften. Vorzüglich gut und wirksam zeigte sich der Entschluß der Gesellschaft nicht bloß für bestimmte, von ihr vorgeschriebene Erfindungen und Verbesserungen Preise zu verleihen, sondern auch alle Verbesserungen in der Lithographie im Allgemeinen zur Preisbewerbung zuzulassen. Diese Ungebundenheit und Freiheit der Künstler in ihren Ideen hatte die günstigsten Resultate.

Wir wollen in unserem Berichte die Ordnung des Programmes beibehalten, und daher zuerst bemerken, daß kein Preisbewerber mit einem neuen Schwärzungsverfahren auftrat. Dieser Gegenstand wird jedoch bei der Walze, die einer der Preisbewerber erfand, in Zukunft auch nicht mehr dasselbe Interesse haben. – Drei Concurrenten sandten lithographische Zeichenstifte und lithographische Tinte, die jedoch für das nächste Jahr aufgeschoben wurden, indem nicht genug Zeit für die Versuche mit denselben blieben.

Walze, welche vor den bisher gebräuchlichen den Vorzug verdient.

Um diesen Preis, der schon öfter ausgeschrieben wurde, meldeten sich drei Concurrenten. Am besten hat diese Aufgabe der Concurrent Nr. 1 gelöst. Der Preisbewerber zeigt, daß eine gute Walze ziehen, und nach dem Zweke, zu dem sie verwendet wird, in verschiedenem Grade schwammig seyn muß. Er glaubt, daß sich diese beiden Bedingungen nur durch Anwendung von verschieden bearbeitetem Leder erreichen lassen. Er bemerkt ferner, daß die Walzen zum Behufe des Auftragens der Schwärze um so besser sind, je mehr sie ziehen, weil es sich nicht darum handelt, eine Farbe aufzutragen, sondern die Schwärze, womit die Walze beladen ist, mit den gezeichneten Stellen des Steines gehörig in Berührung zu bringen. Die |210| Aufmerksamkeit des Drukers muß vorzüglich darauf bedacht seyn, diese Berührung überall herzustellen, und den lichten, von der Säure geschwächten Theilen etwas mehr Ton zu geben; er muß daher die Zeichnung mit Schwärze überziehen, um diese dann wieder wegzunehmen, und bei diesem Auftragen und Entfernen der Schwärze zeigt sich die Eigenschaft des Ziehens ganz vorzüglich. Die schwammige Eigenschaft der Walzen ist immer durchaus nothwendig; allein in einem geringeren Grade, als bei dem Druke der Schrift, der geographischen Karten etc., wo die Wirkung der Walze nicht darin besteht, die Schwärze zu entfernen und aufzutragen (wenigstens nicht in demselben Grade), sondern darin, daß sie sich, wenn sie sehr stark mit Schwärze beladen ist, auf dem Steine rollen kann, ohne denselben zu beschmuzen und zu verkleistern.

Der Concurrent hat der Gesellschaft vom December 1830 an bis zum Schlusse des Concurses mehrere Walzen mitgetheilt, deren vorzügliche Einrichtungen wir hier bekannt machen wollen.

Statt ein zusammengenähtes Leder über eine Doke zu ziehen, und dieses dann mit einem weichen Körper auszustopfen, hatte der Concurrent zuerst die Idee Scheiben aus Leder auszuschneiden, diese auf einander zu legen und fest zu machen, und sie zulezt, um ihnen eine regelmäßige Form zu geben, abdrehen zu lassen. Er wendete auf gleiche Weise auch Scheiben aus Calico an, die wegen ihrer Weichheit gute Erfolge erwarten ließen, von denen sich aber doch kein Nuzen ziehen läßt, weil bei dem Gebrauche aus den Rändern der Scheiben Faden gezogen werden, welche die Farbe verunreinigen, und weil die Walze selbst in Folge hievon zu weich wird und ihre Rundung verliert.

Unter den vielen Lederarten, die versucht wurden, zeigte sich, daß die Gemshäute am tauglichsten sind, daß das Damhirschleder zu weich ist, und daß das Kalbleder demselben noch vorgezogen zu werden verdient, wenn es gehörig angewendet wird. Der bedeutende Verlust an Leder, welcher sich beim Ausschneiden der Scheiben ergab, veranlaßte den Concurrenten Streifen aus dem Leder zu schneiden, welche er an den Enden an einander sezt, und dann auf eine Doke aufrollt. Die lezten Walzen, die der Erfinder verfertigte, bestanden aus einem einzigen, aus einem Kalbfelle geschnittenen Streifen; er fing mit dem Ausschneiden dieses Streifens in der Mitte des Felles an, und fuhr von hier aus fort, einen Streifen von gleicher Breite auszuschneiden. Auf diese Weise läßt sich nicht nur das Leder leichter auf die Doke aufwikeln, sondern es wird auch das Ansezen der Streifen dabei vermieden. Die nach dieser Methode aus Streifen verfertigten Walzen werden, wie die aus Scheiben gemachten, zusammengepreßt |211| und dann abgedreht. Der Concurrent hat gefunden, daß man auch flach gelegte Streifen aus Büffelleder von 3–4 Linien Breite anwenden kann, und daß man auf diese Weise gute Walzen erhält, ohne daß man dieselben abzudrehen braucht. Doch verdienen die aus einem einzigen Streifen verfertigten und dann abgedrehten Walzen den Vorzug. Mehrere Versuche, welche von verschiedenen Lithographen mit diesen neuen Walzen gemacht wurden, bewiesen, daß dieselben gleich Anfangs den gewöhnlichen Walzen in nichts nachstehen, daß sie sich mit der Zeit so verbessern, daß sie die gewöhnlichen bei Weitem übertreffen, und daß sie, wenn sie ein Mal auf diesen Punkt gekommen sind, auch sehr lang gut bleiben.

Die Nath, welche sich auf einer Seite der gegenwärtig üblichen Walzen befindet, hat große Nachtheile, und fordert, so weit man es auch schon darin gebracht hat, diese Nath so dünn als möglich zu machen, große Sorgfalt von Seite des Drukers. Besonders fühlbar zeigt sich dieser Nachtheil bei dem Auftragen der Schwärze auf große Steine. An den neuen Walzen ist nun dieser Fehler und Mangel vollkommen beseitigt; man kann sich derselben an allen Theilen gleich leicht bedienen, und daraus entspringt ein mächtiger Vorzug dieser Walzen. Wenn man es auch durch lange Uebung dahin gebracht hat, daß man sich eines mangelhaften Instrumentes ohne sehr große Nachtheile zu bedienen im Stande ist, so bleibt es doch immer ein wesentlicher Dienst, den man der Kunst leistet, wenn man deren Hülfsmittel so sehr verbessert, als dieß durch die neuen Walzen ohne Nath geschieht, die überdieß leicht zu verfertigen, leicht auszubessern und auch wohlfeil sind. Wir schlagen daher vor, dem Erfinder dieser Walzen einen Preis von 500 Franken zu ertheilen.

Verbindung der Buchdrukerkunst mit dem Steindruke.

Die Versuche, welche bisher gemacht wurden, um Landkarten zu verfertigen, an denen die Zeichnungen lithographirt, die Schrift hingegen mit Buchdrukerlettern gesezt würden, zeigten die großen Vortheile, die sich aus einer Verbindung dieser beiden Künste ziehen ließen. Dessen ungeachtet, und obwohl die Gesellschaft schon früher durch Preise eine. Lösung der Aufgabe herbeizuführen bemüht war, trat erst dieses Jahr ein Preisbewerber auf, der den Zwek der Gesellschaft vollkommen erreicht zu haben scheint. Die Gesellschaft meinte, daß sich weit wohlfeilere Landkarten als die in Kupfer gestochenen verfertigen ließen, wenn man die Zeichnungen lithographirte, die Namen hingegen mit Buchdrukerlettern sezte, und glaubte, daß sich die Schwierigkeiten, die sich der Einrichtung der hiezu nöthigen Formen in den Weg legen, endlich beseitigen lassen müßten. Sie richtete hiernach ihre Preisfrage ein. Der Concurrent hat die |212| Frage jedoch von einem anderen Gesichtspunkte aus aufgefaßt. Er hatte nämlich schon seit langer Zeit einen Firniß erfunden, der sich sehr fest an die Steine bindet, und sich durch die Einwirkung der Säure nicht ablöst. Mit diesem Firnisse nun dachte er, ließe sich auf die gewöhnliche Weise auf die Steine zeichnen und schreiben, auf denen man hierauf durch Einwirkung einer Säure erhabene Zeichnungen und Schriftzüge erhalten könnte, mit der sich Abdrüke machen ließen. Die Versuche, die in dieser Hinsicht von dem Concurrenten gemacht wurden, haben die Aufgabe so vollkommen, und auf eine so einfache Art gelöst, daß der Verfertigung von Landkarten und allen Gegenständen, an welchen sowohl Zeichnungen, als Schriftzüge und Zahlen nothwendig sind, kein Hinderniß wehr im Wege steht.

Die HH. Firmin Didot und Motte nahmen im November 1827 ein Patent auf ein Verfahren, nach welchem lithographirte Zeichnungen und Buchdrukerschriften zugleich abgedrukt werden konnten; sie legten auch einige Versuche vor, aus denen man günstige Resultate zu erwarten berechtigt war. Sie beschrieben jedoch ihr Verfahren nicht genauer, und brachten auch keine Erzeugnisse desselben in den Handel, so daß man ihre Arbeit nur als einen Versuch, der für die Kunst erfolglos war, betrachten kann.

Hr. Duplat machte vor mehreren Jahren ähnliche Versuche zur Herausgabe einer neuen Ausgabe der Fabeln von Lafontaine, die auf Stein geschrieben waren; allein er bediente sich verschiedener Instrumente, mit denen er die Steine aushöhlte.

Der Concurrent verdankt seinen guten Erfolg bloß der Erfindung eines leicht zu bereitenden und wohlfeilen Firnisses, welcher sich sehr leicht auf die lithographirte Zeichnung auftragen läßt, und so fest an demselben anklebt, daß er der Wirkung einer ziemlich starken Säure widersteht, und sich nicht ablöst, während die Säure die nicht damit überzogenen Theile des Steines ausfrißt.

Diesen Firniß nun bereitet der Concurrent auf folgende Weise. Man schmilzt in einem neuen, innwendig glasirten Topfe:

2 Unzen Jungfern-Wachs
1/2 – schwarzes Pech
1/2 – Burgunder-Pech,

und sezt diesen Ingredienzen nach und nach 2 Unzen griechisches Pech oder sehr fein gepulvertes Erd- oder Judenpech zu. Alles dieß läßt man so lange kochen, bis die Mischung gehörig geschehen ist, worauf man den Topf vom Feuer nimmt, ihn etwas abkühlen läßt, und dann die Masse in lauwarmes Wasser gießt, damit sie sich leicht handhaben läßt. Aus dieser Masse macht man nun kleine Kugeln, |213| die man, nach Bedarf, in solchem Maße in Lavendel-Essenz auflöst, daß man einen Firniß von gehöriger Consistenz erhält.

Dieser Firniß läßt sich sehr leicht mit der gewöhnlichen Walze auf den Stein auftragen. Wenn die gehörige Menge desselben auf diese Weise auf den Stein gebracht worden, so rändert man diesen mit Wachs, wie es bei der Einwirkung des Scheidewassers geschieht, und gießt dann einige Linien hoch Wasser darauf, dem man hierauf Salpetersäure zusezt, welche hinlänglich mit Wasser verdünnt worden, damit die Einwirkung nicht zu lebhaft und zu rasch erfolgt. Nach fünf Minuten wird diese Flüssigkeit wieder entfernt, der Stein abgewaschen, getroknet, und neuerdings mit der Walze gefirnißt, so daß die Züge der Schrift und der Zeichnung gehörig geschüzt werden. Ist dieß geschehen, so wird der Stein neuerdings gerändert, zum zweiten Male 3–4 Minuten lang mit gesäuertem Wasser behandelt, und dann wieder abgewaschen. Nach dieser zweiten Anwendung der Säure bildet der Firniß, welcher fest an dem Steine klebt, hinlänglich erhabene Züge, um trokene Abzüge mit dem Steine machen zu können.

Die Versuche, die in Gegenwart der Commission gemacht wurden, bewiesen, daß die auf diese Weise behandelten Steine die vollkommensten Abdrüke geben. Man kann daher eine Landkarte oder irgend andere Gegenstände auf den Stein zeichnen, Buchstaben oder Zahlen darauf machen, man kann auf autographisches Papier schreiben oder zeichnen, diese Züge auf den Stein übertragen, und sie daselbst so erhaben machen, daß man das Ganze mit der größten Leichtigkeit abmodeln und abklatschen kann. Alle Hindernisse, die der Verfertigung von Landkarten im Wege standen, sind hierdurch gehoben, und wir zweifeln gar nicht, daß man die Landkarten nach dieser Methode um die Hälfte wohlfeiler liefern wird, als man sie nach der gewöhnlichen Methode zu liefern im Stande ist. Das Verfahren des Concurrenten muß Epoche machen, und eine ganze Umwälzung in der Buchdrukerkunst bewirken.

Die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Zeichnung werden gestatten, daß man jede Arbeit auf Stein ausführen kann; nach der Anwendung des Firnisses und nach der gehörigen Säuerung wird man die dadurch erhaltene Platte abklatschen, und sich auf diese Weise derselben wie einer Buchdrukerplatte bedienen können, um den Text mit den kleinsten Details wieder zu geben.

Der Holzschnitt wird sich durch die Zeichnung auf Stein oder lithographisches Papier, die man dann überträgt, ersezen lassen, und auf diese Weise wird man in den Büchern neben dem Texte die Abbildungen von Maschinen, Apparaten, Thieren, Pflanzen etc. geben |214| können, wie dieß die Engländer mit so großem Vortheile durch den Holzschnitt thun. Wenn die gewöhnliche Abklatsch-Methode sich nicht ganz und gar geeignet zeigen sollte, so würde die Methode des Hrn. Genoux, über die der Gesellschaft erst vor Kurzem ein Bericht erstattet wurde,50) gewiß jedes Hinderniß beseitigen. Wir glauben daher, daß man durch die Verbindung dieser beiden neuen und ebenso sinnreichen als einfachen Erfindungen mit einander mehr erlangen wird, als man je zu erwarten hoffen konnte, und daß die Autographie, die bisher in ihren Erfolgen noch so weit hinter der Typographie zurükgeblieben war, diese leztere größten Theils oder selbst ganz ersezen wird.

Die Commissäre haben sich durch Versuche, die in ihrer Gegenwart gemacht wurden, überzeugt, daß man selbst den zartesten Strichen durch das Verfahren des Concurrenten eine Erhabenheit von einer halben Linie geben kann, ohne daß sie etwas von ihrer Reinheit verlieren. Die Commission fürchtete, daß sich die Säure bei ihrer Einwirkung auf den Stein unter den Strichen hindurch einen Weg bahnen würde, so daß sich diese Striche dann leicht ablösen könnten; sie überzeugte sich aber bei den Versuchen, daß der Firniß rings um die Züge eine Art von Anlauf (congé) bildet, welche deren Basis gegen die Einwirkung der Säure schüzt. Die genaueste Untersuchung mit der Lupe gab ihr die Gewißheit, daß der Stein rings um die Züge tief angeäzt werden könne, ohne daß für die Züge selbst irgend ein Nachtheil daraus entstünde.

Der Concurrent, dem wir diese wichtige Erfindung verdanken, ist der rühmlich bekannte Lithograph Girardet. Da derselbe, wie die Commission überzeugt ist, nicht nur die Aufgabe der Gesellschaft gelöst, sondern noch mehr geleistet hat, als dieselbe verlangte, so schlägt die Commission vor ihm den ausgeschriebenen Preis von 2000 Franken zuzuerkennen, und ihm außerdem, in Betracht der großen Wichtigkeit und Nüzlichkeit seiner Erfindung, eine Medaille erster Classe zuzustellen, wenn nach seiner Methode gedrukte Werke erschienen seyn werden.

Steindruk mit Farben.

Für diesen Preis, der auf heuriges Jahr verschoben worden war, meldeten sich dieß Mal drei Concurrenten, von denen sich der eine jedoch später zurükzog. Die zwei übrigen Concurrenten, die Anfangs gemeinschaftlich arbeiteten, sich aber später von einander trennten, theilten der Gesellschaft mehrere, auf einem und demselben Steine mit Farben gedrukte Ankündigungen mit. Später übergab der eine |215| derselben auch Landkarten mit Einfassung (à liséré), Blumen und dergl., welche sämmtlich auf einem und demselben Steine abgezogen worden waren, so wie auch mehrere Vignetten, die mit verschiedenen Steinen abgezogen wurden, und welche das Titelblatt eines Heftes mit solchen Zeichnungen bilden sollten.

Beide Concurrenten befolgten ein und dasselbe Verfahren; nur wendete der eine zum Befeuchten des Steines eine andere Flüssigkeit an, mit der man nach seiner Angabe viel bessere Resultate erhalten soll. Diese Flüssigkeit besteht aus Wasser, in welchem Eiweiß verdünnt wurde.

Der Stein wird zuerst mit einem farblosen Firnisse überzogen, worauf man die Farben mittelst Pinsel auf jene Theile aufträgt, auf welche dieselben kommen sollen, jedoch mit aller Vorsicht, damit alle übrigen Theile ausgelassen bleiben. Die überschüssige Farbe wird mittelst eines Abpuz-Pinsels entfernt. Wenn alle Theile auf diese Weise zugerichtet worden, so macht man dann die Abdrüke auf die gewöhnliche Weise.

Man erhält nach dieser Methode Abdrüke, an denen die Illuminirer nur wenig mehr zu thun haben, um sie ganz zu vollenden. Obschon nun diese Resultate zu günstigen Erwartungen berechtigen, so glaubt die Commission doch, daß der Zwek der Gesellschaft nicht ganz erreicht sey, weil die Gesellschaft in dem Programm zur Bedingung machte, daß wenigstens 1000 Exemplare nach dem neuen Verfahren abgezogen seyn müssen, und daß nachgewiesen werde, daß die Methode weniger Arbeit und weniger Kosten als der Kupferstich mit Farben mache. Die Commission schlägt daher vor, den beiden Concurrenten, den HH. Quinet und Roissy, statt des Preises eine Medaille aus Bronze zu verleihen. Sie bemerkt ferner, daß der farbige Abdruk, welchen Hr. Jarle in einer, der lezten Sizungen der Gesellschaft vorlegte, und der gleichfalls mit einem einzigen Steine gemacht worden, wegen der Regelmäßigkeit der Zeichnung und der guten Anwendung der Farben die besten Resultate für die Zukunft verspricht. Hr. Jarle hat übrigens sein Verfahren bisher noch nicht bekannt gemacht.

Mittel gegen die Nachtheile, welche die Säure des Papieres hervorbringt.

Die Nachtheile, welche ein Papier, dessen Zeug sauer geworden, dem Steindruke bringt, sind schon seit langer Zeit bekannt. Der Stein wird bei solchem Papier nach 30–40 Abdrüken fett, so daß kein weiteres Abziehen mehr möglich ist. Diese Säure rührt vorzüglich von dem Chlor her, womit der Zeug gebleicht wird, und welches |216| denselben sauer macht, wenn er nach dem Bleichen nicht sehr gut ausgewaschen wird; sie ist aber auch oft eine Folge des Alaunes, welcher bei der Zubereitung des Leimes in großer Menge angewendet wird. Es ist daher gar nicht selten, daß man im Handel Papier trifft, welches das Lakmus stark röthet. Die nachtheilige Wirkung dieser Säure läßt sich sehr leicht durch Abstumpfung dieser lezteren mit irgend einem Alkali aufheben; einige Lithographen haben daher auch bereits auf den Rath der Chemiker ein schwach ammoniakalisches Wasser zur Beseitigung derselben angewendet. Dieses Mittel ist jedoch noch so wenig in Gebrauch gekommen, daß noch immer viele Lithographen durch die Säure des Papieres Schaden leiden.

Hr. Joumar hat der Gesellschaft in einer Abhandlung, die er derselben überreichte, die Wirkung des sauren Papieres auf die Steine dadurch erläutert, daß er die Wirkung der Citronensäure auf einen gummirten Stein als Beispiel annahm. Gießt man nämlich auf eine Zeichnung, die bereits gesäuert und gummirt worden, schwache Citronensäure, und läßt man den Stein dann troknen, so wird man finden, daß sich der Gummi, der nirgends sichtbar war, an den Rändern der Stellen, die die Säure einnahm, anhäufte. Wollte man nun einen Abzug machen, so würde sich der Gummi mit dem Probeabdruke wegheben, so daß sich dann, nachdem der Stein das Wasser, mit dem er imprägnirt war, verloren, der fettige Zug ausbreiten könnte. So oft dann in einem solchen Falle die Walze zum Auftragen der Schwärze über den Stein geht, wird die Zeichnung oder die Schrift immer schwerer: der Stein verwischt sich (s'estompe), wie man zu sagen pflegt. Auf dieselbe Weise wirkt nun auch das saure Papier.

Um nun diesen Nachtheilen abzuhelfen oder vorzubeugen, schlägt Hr. Joumar ein sehr einfaches und wohlfeiles Mittel vor, welches gar keine Schwierigkeiten macht; er räth nämlich das Papier, welches sauer geworden, durch leichte Kalkmilch zu ziehen, und es dann vor dem Gebrauche über Nacht troknen zu lassen. Nach dieser Behandlung kann man auch saures Papier ohne alle Gefahr anwenden.

Das Mittel des Concurrenten ist so einfach, daß es wahrscheinlich von jedem Chemiker, den ein Lithograph um Rath gefragt hätte, gleichfalls angegeben worden seyn würde, und daß es daher keiner Belohnung würdig zu seyn scheint. Allein, da die große Nüzlichkeit und Wirksamkeit desselben erwiesen ist, und da es leider nur zu wahr ist, daß gerade die einfachsten Dinge oft am längsten vernachlässigt, und am seltensten von Gelehrten berichtigt werden, so schlägt die Commission vor, Hrn. Joumar eine Medaille von 200 Franken im Werthe für die Mittheilung seines Mittels zu verleihen.

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Erhaltung der Steinzeichnungen.

Die lithographirten Zeichnungen oder Schriften werden, um dieselben gut und unverdorben zu erhalten, gewöhnlich mit fetter Schwärze überzogen, und der Stein gummirt. Wie troken auch der Ort seyn mag, an welchem man diese Steine aufbewahrt, so geschieht es doch sehr häufig, daß die Gummischichte an mehreren Stellen eine Veränderung erleidet, und daß man, wenn man einen Abdruk machen will, die Zeichnungen in größeren oder kleineren Streken verdorben findet. Ist diese Verderbniß zu weit gediehen, so kann der Stein ganz verloren seyn; ist dieselbe hingegen nur in geringerem Grade eingetreten, so muß der Stein ausgebessert werden; in jedem Falle erhält man aber nur sehr schwer mehr schöne Abdrüke, wenn der Stein etwas stark angegriffen worden.

Hr. Lemercier, dem die Lithographie bereits so viel verdankt, hat ein einfaches, leichtes und wohlfeiles Verfahren, wodurch sich dem Verderben der Steine vorbeugen läßt, aufgefunden. Er überzog den bereits gummirten Stein anfänglich mit einer dünnen Schichte der Composition, von welcher wir sogleich sprechen werden, fand aber bald, daß das Gummiren ganz überflüssig ist, und daß ohne dasselbe die Sicherheit nur noch größer ist.

Die Commission hat zur Bestätigung der Sicherheit von Hrn. Lemercier's Methode folgende Versuche angestellt. Sie unterwarf 7 Steine vergleichsweise seinem Verfahren: 4 derselben wurden gummirt und dann zum Theil mit einer Schichte der Composition des Concurrenten überzogen; die drei übrigen wurden nicht gummirt, und bloß mit der Composition versehen. Von diesen Steinen nun wurden 2 in einem Hofe, die Zeichnungen gegen eine Mauer gekehrt, 3 Monate lang, während welchen es stark und viel regnete, den Unbilden der Luft und des Wetters ausgesezt; 3 kamen eine gleiche Zeit über in einen feuchten, nicht gelüfteten, 1 1/2 Stok tiefen Keller; und die 2 lezten endlich eine gleiche Zeit über in ein Magazin, welches sich ein halbes Stokwerk unter der Erde befand. In jede dieser Lage brachte man einen gummirten und einen bloß mit der Composition überstrichenen Stein.

Nach 3 Monaten zeigten nun diese Steine folgenden Zustand. Die in dem Keller aufbewahrten Steine waren an einem großen Theile ihrer Oberfläche mit Schwämmen bedekt, und sowohl der Gummi, als der Ueberzug durchaus schimmelig geworden; der Stein selbst war an mehreren Punkten bis in eine bedeutende Tiefe angegriffen. Nach der Abnahme des Gummi oder des Ueberzuges zeigte sich die unter der gummirten Stelle befindliche Zeichnung weit mehr angegriffen, als jene, die bloß mit der Composition allein überzogen gewesen. Dasselbe zeigten |218| auch die Abdrüke, die mit diesen Steinen gemacht wurden: unter dem Gummi war der größte Theil der Zeichnung verschwunden, während von der Zeichnung, die sich unter der Composition befand, nur einzelne Stellen ausblieben.

Die in dem Hofe aufbewahrten Steine waren an den gummirten Stellen gleichfalls stark angegriffen: ziemlich tiefe Spuren bemerkte man an jenen Stellen, an welchen das Wasser durchgedrungen war. Die mit der Composition überdekten Steine hatten verhältnißmäßig viel weniger gelitten.

An den in dem Magazine aufbewahrten Steinen waren die gummirten Zeichnungen hie und da geflekt, so wie man dieß zuweilen auch an solchen Steinen findet, die in den Werkstätten selbst aufbewahrt wurden; die Zeichnungen, die mit der Composition allein bedekt waren, zeigten hingegen nicht die geringste Veränderung und gaben die schönsten Abdrüke.

Hieraus erhellt, daß die Steine, die bloß mit dem Ueberzuge des Hrn. Lemercier allein bedekt worden waren, sich weit besser erhielten, als jene, an welchen die Composition auf den Gummi aufgetragen wurde, so daß die Anwendung des Gummi ganz unnüz und ehe nachtheilig ist.

Die Commission glaubt, daß, nachdem sich die Composition des Concurrenten selbst unter so höchst ungünstigen Umständen so wirksam zeigte, an der Güte und Tauglichkeit derselben nicht mehr gezweifelt werden könne. Sie überzeugte sich hievon auch in der Werkstätte des Hrn. Lemercier, in welcher die bloß gummirten Steine nach 12–13 Monaten so geflekt werden, daß sie zu Abdrüken untauglich sind, während sich die mit der Composition versehenen vollkommen gut erhalten.

Diese Composition besteht nun aus:

5 Unzen 0 Quentchen Wallrath
4 – 6 – Burgund'sches Pech
3 – 0 – Oliven-Oehl
1 – 0 – weißes Wachs
1 – 0 – Venetianer-Terpenthin.

Alle diese Ingredienzien werden zusammengeschmolzen, und diese Mischung dann mit einer Walze auf den Stein aufgetragen.

Die Commission schlägt der Gesellschaft vor, Hrn. Lemercier, in Betracht des großen und wichtigen Dienstes, welchen er der Lithographie durch seine Erfindung geleistet hat, die silberne Medaille zu ertheilen.

Schwarzkunst in der Lithographie.

Die Gesellschaft wurde schon im verflossenen Jahre auf die glüklichen Versuche, welche die HH. Deveria und Tudot mit der |219| Nachahmung der Schwarzkunst in der Lithographie anstellten, aufmerksam gemacht. Die Commission vermuthete damals nicht, daß diese neue, im Entstehen begriffene Kunst schon in weniger als einem Jahre einen Grad von Vollkommenheit erreichen könnte und würde, der wenig mehr zu wünschen übrig läßt. Der dießjährige Concurrent hat nicht durch Zufall ein glükliches Verfahren gefunden, sondern er ist durch die volle Kenntniß seiner Arbeit und seiner Aufgabe, und durch eine seltene Emsigkeit und Ausdauer zu derselben gelangt.

Läßt sich in der Lithographie wirklich tuschen, oder können die angenehmen Wirkungen, welche die vielfarbigen getuschten Kupferstiche hervorbringen, in der Lithographie nur durch ganz andere Mittel hervorgebracht werden? Diese Frage scheint bereits durch die Versuche auf Stein zu tuschen, die von mehreren ausgezeichneten Künstlern gemacht wurden, beantwortet.

Die Gesellschaft erinnert sich gewiß des herrlichen Steindrukes, den ihr Hr. Deveria vor einem Jahre vorlegte. Die zahlreichen Versuche, welche seither gemacht wurden, zeigten jedoch, daß sich nur eine geringe Zahl schöner Exemplare abziehen ließ, und daß sich die Details in kurzer Zeit verkleistern, selbst wenn eine flüssige Farbe angewendet wird. Ueberdieß läßt sich eine nach dieser Methode verfertigte Zeichnung nicht ausbessern oder retouchiren.

Die schönen und angenehmen Arbeiten, die man mittelst des Tamponnirens oder Tupfens erhielt, wovon die von Hrn. Engelmann herausgegebenen Zeichnungen des Hrn. Bacler d'Albe einen Beweis geben, berechtigten zu der Erwartung, daß die Künstler sich dieser Methode mit Eifer annehmen, und sie durch weitere Ausbildung leichter und allgemeiner anwendbar machen würden. Allein der Tampon gibt wohl Farbentöne voll Anmuth, keineswegs aber eine Zeichenmethode, weil man nur einzelne Farben mit demselben geben, und bestimmte Töne weder nach Belieben copiren, noch wieder hervorbringen kann. Außerdem hat dieses Verfahren den großen Nachtheil, daß man während der Arbeit seine Zeichnung nicht sieht. Der Concurrent versuchte das Tamponniren mit der Anwendung der Walzen zu verbinden, und erhielt dadurch interessante Resultate, die jedoch sämmtlich das bestätigen, was wir über diese Methode so eben sagten.

Mehrere Künstler wendeten folgendes Verfahren an: sie imprägniren den Stein mit einer Schichte lithographischer Kreide, breiten dieselbe mittelst eines Wollenflekens oder anderen Zeuges aus, und bringen dann die gewünschte Wirkung dadurch hervor, daß sie die Kreide mit einem Schaber oder durch gelindes Reiben mit einem Stüke Zeug entfernen. Bei diesem Verfahren wurde der Stein bald kalt behandelt, |220| bald wurde er erwärmt; in beiden Fällen erhielt man jedoch beim Abziehen selten längere Zeit hindurch gute Resultate: die dunklen Farben waren matt und die Mitteltöne schwer gleich zu erhalten; auch verkleksten sich die Zeichnungen leicht. Auch bei dieser Methode zeigte sich mithin bei den Versuchen, daß man nicht Herr und Meister dessen war, was man hervorbringen wollte.

In diesem Zustande traf Hr. Tudot die Aufgabe; ihm erst gelang es durch sinnreiche Modificationen an den Methoden seiner Vorgänger alle die Producte des Tuschens oder der Schwarzkunst auch mit den lithographischen Steinen zu erhalten, sie nach Belieben zu erzeugen, sie ohne alle Schwierigkeit ins Unendliche abzuändern, und Zeichnungen zu liefern, welche eben so oft abgezogen werden können, als die Steinzeichnungen selbst. Um das Verfahren, welches er mit so vielem Glüke anwendet, ganz verständlich zu machen, müssen wir eine Untersuchung der Grundlagen, auf denen dasselbe beruht, vorausschiken.

Die Natur des Kornes der Steine hat den größten Einfluß auf die Farbentöne, die man in einer Zeichnung erhalten kann; ist das Korn grob, so sind die Töne einer größeren Intensität fähig; ist es hingegen fein, so werden die Töne lichter, und zeigen etwas, was an gewischte Zeichnungen erinnert. Eine interessante Bemerkung des Hrn. Tudot betrifft die Kreide, welche er in fettige und seifenartige eintheilt. Die fettigen Kreiden taugen am Besten zum Hervorbringen des Getuschten; die mit seifenartiger Basis hingegen sind mehr zur Nachahmung der Schwarzkunst geeignet. Die seifenartige Kreide gibt mehr Durchsichtigkeit, Glanz und Reinheit, als die fettige, deren Töne gewöhnlich nur schwer werden; erstere trennt sich nämlich leichter, wodurch sie für die Anwendung der zu diesem Gebrauche bestimmten Instrumente tauglicher wird; leztere hingegen hängt sich fester an den Stein an, und läßt sich daher schwerer durch die Instrumente entfernen. Es ist überdieß sehr schwer, eine mit einer fettigen Kreide gemachte Zeichnung gehörig zu würdigen, während man sich bei der Durchsichtigkeit der seifenartigen Kreide leicht von der Zeichnung Rechenschaft zu geben im Stande ist.

Bei der gewöhnlichen Zeichnung auf Stein mit dem lithographischen Stifte gehen die lichten Stellen durch eine zu starke Zubereitung, die für die dunklen Theile nöthig ist, sehr leicht verloren; um nun diesen lezten die Durchsichtigkeit zu erhalten, und die ersteren dabei nicht zu verändern, muß man den Steinen nach der allgemeinen Zurichtung auch noch eine theilweise örtliche geben. Nach der Schwarzkunstmethode des Hrn. Tudot kann man dem Steine hingegen |221| eine allgemeine Zubereitung geben, weil das Korn des Steines gleichmäßig mit Kreide überzogen ist.

Das Erwärmen des Steines erzeugt ganz überraschende Wirkungen; allein es ist kaum möglich, diese Wirkungen so zu leiten, wie man es wünscht. Doch kann man sich desselben, wenn man es mit gehöriger Vorsicht und Umsicht anzuwenden weiß, in einigen Fällen bedienen.

Die sogenannten geriebenen (frottés) lithographischen Zeichnungen, in denen sich besonders die HH. Deveria, Saint-Evre, Eug. Delacroix, Boulanger, Eug. Isabey, Roqueplan, Ziegler, Paul Huet und Dorchschwiller auszeichneten, und die eine Nachahmung des Tuschens waren, ließen noch Vieles zu wünschen übrig. Der Stein wird nämlich bei diesem Verfahren ganz mit Kreide oder Tinte überzogen, die Arbeit ist weich, die lichten Stellen sind weiter nichts als eine Abstufung, die dadurch erzeugt wird, daß man die Kreide oder die Tinte mit Flanell oder mit irgend einem anderen Körper an jene Stellen bringt, an welchen man dunklere Farbentöne erhalten will. Die nothwendige Folge dieses Verfahrens ist, daß der Farbenton ungleich, und die lichten Stellen nicht dauerhaft werden. Die Farbentöne lassen sich ferner nicht nach Belieben copiren, und man ist oft gezwungen mit jenen Tönen zufrieden zu seyn, die der Stein eben gab. Alles dieß ist bei dem Verfahren des Hrn. Tudot, von welchem wir nun sprechen wollen, nicht der Fall.

Hr. Tudot bedient sich keiner Schaber (grattoirs), deren Nachtheile er erkannt hat, sondern er bewirkt mittelst kleiner, von ihm erfundener Instrumente aus Buchsbaumholz, daß die Kreide, nach dem er dem Steine mit der seifenartigen lithographischen Kreide eine allgemeine Farbe gegeben, und diese Kreide durch hinlängliches Reiben auf dem ganzen Steine verbreitet hat, bis auf den Grund des Kornes eindringe.

Man kann sich auch beinerner Meißel zu diesem Zweke bedienen, und dann das Korn mit kleinen, zugeschnittenen Stükchen Holz, mit welchen sich die verlangten Farben hervorbringen lassen, losmachen. Hr. Tudot wendet jedoch statt dieses unvollkommenen Instrumentes, sogenannte Auskörner (égrenoirs) an, die er entweder aus einem einzigen oder aus mehreren, mehr oder weniger gehärteten Stahldrähten verfertigt, und mit denen sich wegen ihrer Biegsamkeit und wegen der verschiedenen Formen, die man dem Ende derselben geben kann, die Kreide entfernen und auf der allgemeinen Farbe, die man dem Steine gegeben hatte, jeder beliebige lichtere Ton hervorbringen läßt. Hr. Tudot wendet zur Vervollkommnung seines Instrumenten-Apparates auch elfenbeinerne Spizen und Stahlfedern |222| an, mit welchen man den Zeichnungen alle die Kraft oder all das Markige geben kann, welches man wünscht. Verbindet man hiemit noch die Erweichung der Kreide, die Hr. Tudot nach Bedürfniß vornimmt, so hat man ein Verzeichniß aller jener Hülfsmittel, deren er sich bei seinem Verfahren bedient.

Es erhellt wohl hinreichend, daß die Wirkung dieser Instrumente sehr von jener einer Bürste abweicht, die man allenfalls statt derselben anzuwenden gesonnen seyn möchte. Die Bürste breitet nämlich die Kreide aus, verbreitet dieselbe auf der Oberfläche des Steines, und könnte vielleicht sogar jenen Theil wegnehmen, der an der Spize des Kornes festhängt; die Instrumente des Hrn. Tudot hingegen entfernen äußerst kleine Theilchen der Kreide im Grunde des Kornes selbst, und gewähren den unschäzbaren Vortheil, daß man die Zeichnungen nicht mit Kreide zu überladen braucht, um kräftige Farbentöne zu erhalten, und daß man, um lichtere Töne zu erhalten, nur mehr oder weniger von der Kreide, die in das Korn eindrang, zu entfernen braucht, so daß man, wenn man alle die Kreide wegnimmt, bis zum Weißen gelangen kann.

Außer diesen Vortheilen des Tudot'schen Verfahrens kommen demselben noch eine große Leichtigkeit der Ausbesserungen und beliebiger Veränderungen, welche man an den Zeichnungen anbringen will, zu; man braucht nämlich in diesen Fällen nur frische Kreide in das Korn eindringen zu lassen, um die Arbeit unverzüglich wieder beginnen zu können.

Hr. Tudot hat sein Verfahren bereits mehreren Künstlern mitgetheilt, und diese erkannten in demselben sogleich die großen Vortheile, die daraus erwachsen müssen, so daß sich die lithographische Schwarzkunst gleich von ihrer Kindheit an einer weit günstigeren Aufnahme zu erfreuen hat, als die Lithographie erst nach langen Jahren bei uns fand. Die Commission wohnte dem Abziehen mehrerer Zeichnungen für das Stammbuch, welches Hr. Motte herausgibt, bei. Diese Zeichnungen waren von den HH. Deveria, Isabey und Grenier nach der Methode des Hrn. Tudot verfertigt; der 600ste Abdruk derselben war noch eben so schön wie der erste, obschon die Druker früher noch nie nach dieser Methode gearbeitet hatten.

Die neue Kunst des Hrn. Tudot wird gewiß Epoche in der Lithographie machen; sie erfreut sich in den Händen unserer Künstler und vorzüglich durch die Unterstüzung des verdienten Hrn. Lemercier bereits der besten und segenreichsten Pflege, und muß immer und mehr an Wichtigkeit gewinnen, da bei derselben jeder Maler, ohne daß er Kupferstecher oder Lithograph zu seyn brauchte, die |223| Producte seiner Phantasie in wenigen Augenbliken auf den Stein zu zeichnen im Stande ist. Die Commission schlägt daher der Gesellschaft vor, dem Hrn. Tudot in Anerkennung des großen Verdienstes, welches er sich um die Kunst erwarb, eine goldene Medaille im Werthe von 2000 Franken überreichen zu lassen.

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Vergl. Polytechn. Journal Bd. XLIII. S. 33.

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