Titel: Ueber die Seidenfabrikation in England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1832, Band 44, Nr. XXX./Miszelle 18 (S. 155–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj044/mi044030_18

Ueber die Seidenfabrikation in England.

Es wurde lange in England darüber geklagt, daß es keine erschöpfenden und genauen Abhandlungen und Werke über die Geschichte und die allmählichen Fortschritte der verschiedenen Fabrikationszweige gibt, denen doch dieses Land lediglich sein hohes Emporkommen, alle seine Blüthe und seinen ganzen Reichthum zu verdanken hat. Die Gesellschaft zur Verbreitung nüzlicher Kenntnisse hat diesen Mangel erkannt; die Cabinet Cyclopaedia verspricht demselben abzuhelfen; denn schon hat der erste Band dieser lezteren mit Dr. Larduer's Abhandlung über die Seidenfabrikation,41) bei welcher diese Lüke besonders fühlbar war, wenigstens in dieser Hinsicht ein großes Bedürfniß befriedigt. Das Mechanics Magazine gibt in Nr. 430 S. 85 eine gedrängte Uebersicht dieses Werkes, die sehr zu dessen Gunsten spricht, so daß wir dasselbe nicht bloß allen denen, die sich mit diesem Fabrikationszweige in's Besondere beschäftigen, sondern auch denen zur Nachlese empfehlen, die sich mit Untersuchung der Vortheile der freien Einfuhr oder der Prohibitivmaßregeln abgeben. Hr. Dr. Lardner ist nämlich ein Anhänger der Huskisson'schen Maßregel, die schon so oft vertheidigt, und eben so oft angefochten worden. Er zeigt, daß die Seidenfabrikation seit Befolgung dieses Systemes zugenommen hat, und schreibt diese Zunahme lediglich diesem Systeme zu, obschon sie vielleicht ohne dasselbe noch größer gewesen seyn würde. Ueberdieß ist Hr. Lardner auch den Beweis schuldig geblieben, daß sich, bei dieser Zunahme der gelieferten Arbeit, auch der Gewinn in gleichem oder wenigstens gehörigem Verhältnisse vermehrt habe, daß die Fabrikanten in dem Maße besser stehen, worauf es doch hauptsächlich ankommt, wenn über den Nuzen einer ähnlichen Maßregel abgeurtheilt werden soll. – Das Werk des Hrn. Lardner zerfällt in drei Abschnitte, von denen der erste, welcher der Geschichte gewidmit ist, besonders großes Interesse hat. Wir wollen nur ein Paar Stellen ausheben, die im Mech. Mag. mitgetheilt sind. Im J. 1718 waren die Maschinen für Seidenarbeiten in England noch so unvollkommen, daß die meiste Organsin-Seide aus Italien eingeführt wurde; erst um diese Zeit gelang es Hrn. Lombe von Derby, indem er sich als einfacher Arbeiter verkleidete, sich genaue Zeichnungen der piemontesischen Maschinen zu verschaffen. Nach diesen errichtete er bei seiner Zurükkunft an dem Flusse Derwent in Derby eine ungeheuere Spinnmühle, für die er für 14 Jahre ein ausschließliches Privilegien erhielt. Diese große Maschine hatte 26,586 Räder und 97,746 Bewegungen, durch welche bei jeder Umdrehung des Wasserrades, welches die Maschine in Bewegung sezte, 73,726 Yards Seidenfäden erzeugt wurden. Da nun das Rad in jeder Minute drei Umdrehungen machte, so konnte die Maschine täglich die ungeheuere Menge von 318,504,960 Yards Organsin-Seide hervorbringen! Die gesammte Maschinerie wurde von einem einzigen. Wasserrade getrieben, das der damaligen Mechanik große Ehre machte, indem einzelne oder mehrere der Bewegungen nach Belieben gesperrt werden konnten, während die übrigen ungestört fortliefen. Das Fabrikgebäude hatte 5 Stokwerke und eine Länge von 1/8 einer englischen Meile. Der Bau desselben dauerte so lang, und veranlaßte so große Kosten, daß der Patent-Träger nach dem Verlaufe der Dauer seines Patentes noch unmöglich Ersaz dafür erhalten haben konnte. Er wendete sich daher im J. 1731 an das Parliament, |156| um eine Verlängerung Seines Patentes auszuwirken, die ihm jedoch verweigert wurde, weil das Parliament das Wohl seines Landes so gut verstand, daß es einsah, daß ein Gegenstand von so großem und nationalem Interesse nicht länger das Monopol eines Einzigen bleiben könne und dürfe. So wohlthätig das Parliament hierdurch auf den Aufschwung dieses Industriezweiges im ganzen Lande wirkte, eben so wollte es sich auch gegen Sir Thomas Lombe für seine großen Bemühungen und Aufopferungen, mit welchen er der ganzen Nation unendlichen Nuzen verschaffte, dankbar bezeugen. Es bewilligte ihm daher eine Summe von 14,000 Pfund Sterling unter der einzigen Bedingung, dgß er Sachverständigen erlaube, ein genaues Modell seiner Maschine zu verfertigen, welches die Regierung zur Belehrung für Jedermann aufstellen ließ. Unter den Gründen, aus welchen obige Summe dem Sir Thomas bewilligt wurde, ist auch aufgeführt, daß der edle Sir dadurch großen Nachtheil erlitt, daß der König von Sardinien, einsehend was die Seidenfabrikation seiner Staaten von der Verbreitung dieses Industriezweiges in England zu fürchten habe, die Ausfuhr der rohen Seide aus seinen Staaten verbot.

Als Beweis, daß die englischen Seidenfabrikate jenen des Continentes, und namentlich den französischen, nicht mehr nachstehen, erzählt Hr. Lardner Folgendes. Kurze Zeit bevor noch die Huskisson'sche Verordnung vom Jahre 1824 eintrat, ließ sich ein sehr angesehener und erfindungsreicher, französischer Fabrikant in London nieder, und erregte die Eifersucht der englischen Seidenweber in hohem Grade. Man sagte sogar, der Hauptzwek des französischen Fabrikanten sey, durch seine Fabrik einen Dekmantel für die eingeschwärzten französischen Seidenwaaren zu bilden. Man umlagerte daher die Fabrik beständig mit Spionen, worauf der Unternehmer selbst auf die genaueste Untersuchung seines Waarenlagers drang. Bei dieser Untersuchung fanden sich nun 37 Stüke, die von den ersten Sachverständigen zu Spitalfields für fremde Waare erklärt wurden, bis der Fabrikant die englischen Weber vorstellte, welche diese Stüke verfertigt hatten! – Man glaubt gegenwärtig, daß die englischen Seidenwaaren die Lyoner sogar bald übertreffen werden, weil in England weit mehr mechanische Kenntnisse verbreitet sind, und weil man in Folge derselben beständig Verbesserungen an den Maschinen anbringt, während man zu Lyon beinahe immer noch den Jacquard'schen Stuhl mit allen seinen ursprünglichen Unvollkommenheiten beibehält. In einer einzigen und sehr wichtigen Hinsicht behaupten jedoch die Lyoner-Waaren noch immer einen Vorzug vor den englischen. Ihre Dessins sind gefälliger, anmuthiger, bieten mehr Abwechslung dar, und zeigen auch einen besseren Geschmak, als man ihn an den englischen trifft, die mehr dem englischen Nationalcharakter entsprechen. Abgesehen von der größeren Leichtigkeit aller französischen; abgesehen davon, daß man daran gewohnt ist, die Moden in dieser Hinsicht aus Frankreich zu erhalten, und daß man deßwegen allein schon den französischen Mustern den Vorzug einräumt; abgesehen von dem Talente und der Fruchtbarkeit der Franzosen in diesen Dingen, scheint ein wesentlicher Grund ihres Vorsprunges, wie Hr. Lardner treffend sagt, darin zu liegen, daß sie dieses Talent systematisch bilden und vervollkommnen. Diese Ausbildung erhält dasselbe ganz vorzüglich durch die École des Arts zu Lyon, in welcher die Zeichenkunst in allen ihren einzelnen Zweigen gründlich gelehrt wird, und die Musterzeichner nach den besten Regeln der Kunst unterrichtet werden.

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A Treatise on the Origin, progressive Improvement and present state of the Silk Manufacture. Kl. 8° London 1831. Longman and Comp.

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