Titel: Moléen, über den Nuzen der Sanitäts-Commissionen.
Autor: Moléon,
Fundstelle: 1832, Band 46, Nr. XII. (S. 48–58)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj046/ar046012

XII. Ueber den Nuzen der Sanitäts-Commissionen oder Sanitäts-Räthe, und über die Nothwendigkeit diese Institute auch in den Departements zu errichten. Von Hrn. de Moléon.31)

Aus dem Journal officiel des Commissions sanitaires im Recueil industriel Junius 1832, S. 217.

Der sicherste Beweis für die Nüzlichkeit einer zu gründenden Anstalt ergibt sich aus der Betrachtung eines ähnlichen, bereits seit vielen Jahren bestehenden Institutes, und aus der Erwägung aller jener Vortheile, die dasselbe während seines Bestehens gewährt.

|49|

Der beste Zeitpunkt für die Errichtung solcher Anstalten hingegen, von denen es sich hier handelt, wird gewiß immer dann eingetreten seyn, wenn sich die Vortheile derselben sogleich und unmittelbar verwirklichen oder realisiren lassen, wenn der Nuzen, den sie der Gesellschaft bringen können, gewisser Maßen von den Umständen der Epoche abhängt, und endlich, wenn die Männer, aus denen diese Anstalten bestehen sollen, wegen einer größeren Concurrenz, eines herrschenden regeren Eifers oder eines größeren, persönlichen oder allgemeinen Interesse's leichter zu finden und zu wählen sind.

|50|

Diese drei Bedingungen wird man gerade im gegenwärtigen Augenblike überall, wo es der Regierung mit der Errichtung von Sanitäts-Räthen wirklich Ernst ist, ziemlich erfüllt finden. Ein Muster dieser Institute ist in ganz Frankreich und selbst im Auslande längst bekannt. Jedermann kennt das viele Nüzliche und Gute, welches man dem Sanitäts-Rathe für die Stadt Paris und das Departement der Seine, der im J. 1802 errichtet wurde, verdankt. Die Untersuchung aller Werkstätten, Manufacturen und Fabriken der Hauptstadt, um den Ursachen, durch welche deren Ungesundheit bedingt ist, ein Ziel zu sezen, und um für jede Kunst und jedes Gewerbe die der Gesundheit am zuträglichsten und vollkommensten Methoden anzugeben;32) die Aufklärung der Behörden über die Maßregeln, die sie zu nehmen haben, um das Gedeihen dieser Anstalten, zu fördern und mit den bestehenden Gesezen und Verordnungen in Einklang zu bringen die Auflösung der Fragen, die dem Rache täglich von den Vorständen der verschiedenen Fabriken in der Absicht vorgelegt werden, und ihre Verfahrungsweisen und Methoden zu verbessern, um Processe mit den Nachbarn und Verstoße gegen die erlassenen Verordnungen über diesen Gegenstand zu vermeiden; die Ausmittelung der Zahl der Selbstmörder, der Ertrunkenen und der Erstikten, die sich leider in jedem Jahre ziemlich hoch beläuft, so wie die allmähliche Verbesserung des Gesundheitszustandes durch gehörige Maßregeln gegen die Syphilis33) und gegen Epidemien, sie mögen unter Menschen oder Thieren wärthen; und endlich die beständige und unausgesezte Wachsamkeit über |51| Alles, was auf den allgemeinen Gesundheitszustand einen Einfluß haben kann, so wie die Angabe begründeter Mittel, durch welche das Gute befördert, dem Uebel aber so schleunig und kräftig, als möglich, gesteuert werden kann; Alles dieß ist die Aufgabe und der Wirkungskreis des Sanitäts-Rathes zu Paris, dessen Mitglieder nun seit 20 Jahren ihrem Berufe auf eine ebenso erfolgreiche, als uneigennüzige Weise mit unermüdlichem Eifer und bewundernswürdiger Ausdauer nachkommen.34)

Die Arbeiten, durch welche die Raths-Glieder den industriellen Bedürfnissen Genüge leisten, und zu deren Erledigung der Rath eigentlich gegründet wurde, sind von dreierlei Art. Die ersten Arbeiten geschehen in den wöchentlichen Versammlungen, in denen alle eingelaufenen Fragen, Klagen und Reclamationen untersucht werden; die Versammlung wählt unter sich die Berichterstatter, welche die einzelnen Gegenstände zu untersuchen und einen Bericht darüber zu erstatten haben. Hiernach bildet sich der Rath für jeden einzelnen Gegenstand selbst seine Gesezgebung, und ist diese ein Mal gehörig begründet und bewährt, so bleibt ihm nichts mehr übrig, als dieselbe auf alle Fälle und Fragen von gleicher Art anzuwenden.

Die zweiten Arbeiten, die man füglich auch die Geschäfte der Direction nennen kann, umfassen die Redaction der Entwürfe zu Verordnungen, Instructionen, Mustern, welche durch die Behörde bekannt gemacht werden sollen, und welche, nachdem sie die Genehmigung des Polizeipräfecten, der der jedesmalige Vorstand des Rathes oder der Commission ist, erhalten, dem Druke übergeben werden. Diese Arbeiten fließen unmittelbar aus den ersteren; sie geben das Resultat der Erfahrung, die man sich über eine Menge von Gegenständen eigen machte; sie zeigen dem Stadtbewohner, dem Fabrikanten und allen Classen der Gesellschaft, was unter diesen und jenen Umständen das Zwekmäßigste ist. Sie bilden gleichsam Handbücher, in denen sich Jedermann Rathes erholen kann, und durch deren Bekanntmachung und Lesung die wöchentlichen Arbeiten des Rathes bedeutend werden vermindert werden.

Die lezten Arbeiten bestehen endlich in der Redaction der Berichte, welche am Ende eines jeden Jahres den Behörden erstattet |52| werden, und die Alles umfassen, was im Laufe des ganzen Jahres vorkam. In diesen Berichten stellt der Rath alle die einzelnen Thatsachen, die Resultate der verschiedenen Erfahrungen, die Vortheile und Nachtheile der einzelnen Gegenstände zusammen, und schlägt hiernach der Regierung in einer Uebersicht die allgemeinen Maßregeln vor, welche sie dem Interesse des Staates sowohl, als der Einzelnen angemessen und zuträglich hält. In dieser Uebersicht zeigt der Rath auch die bemerkenswertheren Fortschritte an, welche durch die Wissenschaften, die Aufklärung, die Sitten und Gebräuche in dem allgemeinen und öffentlichen Gesundheitszustande bewirkt wurden. Auf dieser weiten Bahn der Verbesserungen stekt er die Zeichen oder Gränzpfähle, an die man sich zu halten hat. Seine Nachschlage fanden bisher allseitige, günstige Aufnahme, theils wegen der unabhängigen Stellung, in der sich dessen Mitglieder befinden, theils wegen des Eifers, mit welcher er jeder Zeit das Wohl der Menschheit vertritt.

Ich brauche hier wohl nicht zu bemerken, daß die verschiedenen, angeführten Arbeiten mit der größten Umsicht und Sachkenntniß verhandelt werden, indem sich alle Arten von Talenten in dem Rathe vereinigt finden, und indem jede Frage, die demselben vorgelegt wird, sowohl vom Gelehrten, als vom Arzte, vom Chemiker, Fabrikanten und Oekonomen beleuchtet wird. Diese kurze Analyse der Attribute der Sanitäts-Räthe allein mag schon hinreichen, um deren Nuzen über allen Zweifel zu erheben.

Die zweite, oben berührte Bedingung bezieht sich auf den Zeitpunkt der Errichtung. Die Cholera hat in dieser Beziehung nur zu sehr erwiesen, daß man mit der Gründung der Sanitäts-Räthe in den Orten, welche der Siz von Präfecturen oder Unterpräfecturen sind, nicht genug eilen kann. Diese Anstalten werden nicht nur bald einen täglichen, sondern auch ihren bleibenden Nuzen bewahren; sie werden physisch und moralisch wohlthätig einwirken, und die öffentliche Meinung beruhigen; sie werden die Behörden über die zu ergreifenden Maßregeln aufklären und leiten u. dergl. m. Die gegenwärtig durch den Einbruch der Cholera hervorgerufenen Commissionen erfüllen zwar, wie sich nicht läugnen läßt, beinahe denselben Zwek; allein sie sind nur provisorisch, und werden zugleich mit den Verheerungen dieses Uebels aufhören, obwohl ein großer Theil derselben den Kern zu den zu errichtenden Sanitäts-Räthen geben könnte.

Der Hr. Minister des Handels hat die dringenden Bitten, die ihm der Sanitäts-Rath von Paris am 20. März neuerdings an's Herz legte, gewürdigt, und in seinem Rundschreiben vom 1. April sämmtliche Präfecten aufgefordert, in ihren Departements gleichfalls solche Räthe zu bilden, hie., wie es im Circulare heißt, die dringendsten |53| Maßregeln zur Verbesserung des Gesundheitszustandes und die allgemeinen Anordnungen vorschlagen sollen, durch welche der ärztliche Dienst den Hülfsquellen und den Gebräuchen des Landes angepaßt werden könnte.

Die HH. Präfecten werden sich, wie wir hoffen, beeifern, der geschehenen Aufforderung Genüge zu leisten, und die General-Conseils werden sie hiebei um so mehr unterstüzen, als es sich um Institute handelt, deren Begründung eben so leicht, als wenig kostspielig ist.

Man findet gewiß an dem Size einer jeden Präfectur oder Unterpräfectur, oder in der Nähe derselben:

einen Arzt und einen Wundarzt, die in der Stadt ansässig oder am Spitale angestellt sind;

einen Apotheker, der mit dem gegenwärtigen Stande der Chemie vertraut ist;

einen tüchtigen Fabrikanten oder Technologen, oder Werkführer einer Fabrik;

einen Oekonomen;

einen Thierarzt, und

einen Baumeister.

Ein solches, aus 7 Personen bestehendes Personal, welches sich gewiß leicht zusammensezen läßt, konnte sich alle 14 Tage oder längstens alle Monate unter dem Vorsize des Präfecten, Unterpräfecten oder Maire versammeln, und die Fragen erwägen, welche in das Gebiet der Sanitäts-Polizei einschlagen, und über welche die Präfecturen oder Mairien das motivirte und gewissenhafte Gutachten desselben zu erhalten wünschten. Bei einem solchen Personale würde sich gewiß für jeden vorkommenden Gegenstand ein tüchtiger Berichterstatter ergeben. Wenn es die Umstände erlauben, so könnte dieses Personal übrigens auch noch durch Zuziehung eines Chemikers von Profession, eines Naturhistorikers, des Spitaldirectors, des Vorstandes des Gefängnisses, und verschiedener anderer, ausgezeichneter und sachkundiger Männer vermehrt werden.

In mehreren Departements haben die HH. Präfecten bereits nach diesem Principe Sanitäts-Räthe zusammengesezt, und dabei nicht die geringste Schwierigkeit gefunden. Ueberall suchten die aufgeklärtesten und am besten unterrichteten Männer mit allem Eifer Mitglieder dieser Räthe zu werden, überzeugt von dem Nuzen, mit welchem sie auf diese Weise zur Förderung des allgemeinen Wohles beizutragen im Stande wären. Täglich vermehren sich die an die Räthe gerichteten Anfragen, und die Klagen über Dinge, um deren Abhülfe gebeten wird: der deutlichste Beweis von dem Vertrauen, |54| welches solche Institute genießen werden, und von dem wohlthätigen Einflüsse, den sie nach und nach auf das ganze Land ausüben werden. Jeder Ort wird denselben seine Vortheile zu verdanken haben, und ganz vorzüglich werden sich diese in den Fabrikstädten offenbaren und bewahren. Die Fabriken und Werkstätten werden sowohl in Hinsicht auf ihre Lage und Einrichtung, als in Hinsicht auf die in ihnen üblichen Fabrikations-Methoden wesentliche Verbesserungen er, leiden, und die Folge hievon muß und wird seyn, daß viele Fabrikate vollkommner und um geringeren Preis erzeugt werden können, als früher, und daß die Unterhaltung und Ausbesserung der Fabriken weniger kostet. Die Gesundheit der Arbeiter wird ferner gegen eine Menge von Gefahren, die die Werkführer oft aus Unwissenheit, Nachlässigkeit oder Vorurtheil mitten unter diesen Menschen, die großen Theils Familienvater sind, dulden, geschüzt werden. Die Behörden haben um so mehr die Pflicht, mit aller Sorgfalt über das Wohl dieser Leute zu wachen, als es nur zu bekannt ist, daß sie sich, um für den augenbliklichen Unterhalt ihrer Familie und ihrer eigenen Person zu sorgen, oft durch die unausbleiblichsten Gefahren nicht zurükschreken lassen.

Gehen wir von den einzelnen und mehr individuellen Resultaten, die aus den Arbeiten der Sanitäts-Räthe fließen werden, auf die mehr allgemeinen Wirkungen derselben über, so wird man mit uns eingestehen müssen, daß die Reinlichkeit, das Aufsprizen und die Sorge für die Erhaltung des Gesundheitsstandes in den Städten überhaupt, der Dienst und die Aufsicht in den Spitälern, Gefängnissen, Schauspielhäusern, Schulen, Vorlesesälen etc. nach und nach vervollkommnet und verbessert werden wird; daß die General- und Municipal-Conseils selbst um viele Verbesserungen nachsuchen, und die Fonds zu denselben herschaffen werden, und daß sich durch diese Arbeiten, Untersuchungen und Maßregeln nach und nach eine unschäzbare Masse von Materialien zur einstigen Herausgabe einer erschöpfenden ärztlichen Statistik verschiedener Städte und Departements ansammeln wird.

Was ist nun zur Erreichung dieses Zwekes nöthig? Man muß, wenn das Personal des Sanitäts-Rathes ein Mal sorgfältig und gut gewählt ist, alle Thatsachen aufzeichnen, sie durch die erstatteten Berichte vervollständigen, und vorzüglich über die Verhandlungen in den Sizungen genaue Protokolle führen. Am Ende eines jeden Jahres müssen die in den Unterpräfecturen bestehenden Sanitäts-Räthe nach einem gleichförmigen Muster einen Rechenschaftsbericht über die im Laufe des Jahres vorgekommenen Arbeiten, oder einen Jahresbericht erstatten, und darin hervorheben, was bloß von localem Interesse ist, oder was sich auf das ganze Departement oder auf ganz Frankreich |55| anwenden läßt. Eine Abschrift dieses Berichtes muß dem Präsidenten des in der Departements-Hauptstadt errichteten Rathes mitgetheilt werden. Der Secretär dieses Rathes muß aus allen diesen eins gehenden Berichten einen Hauptbericht anfertigen, der sämmtliche Localitäten, alle Thatsachen und alle erlassenen Beschlüsse umfaßt, und aus dessen Vergleichung mit dem vorjährigen Berichte die dabei betheiligten Gassen ersehen mögen, welche wohlthätigen Verbesserungen die fraglichen Anstalten in verschiedenen Zweigen der Administration hervorriefen.

Dieses von dem Präfecten gut geheißene Rechenschaftsbericht muß dem Druke übergeben werden; denn alle Gewerbsmänner, Oekonomen, Handeltreibenden und Künstler des Departements werden denselben mit Eifer und Nuzen lesen. Er wird für alle diese gleichsam ein Handbuch bilden, in welchem sie Auflösungen, von Fragen, die für sie von Interesse sind, Rathschläge, die sie in vielen Fällen leiten, und vor unnöthigen Ausgaben, Processen, Zeitverlust bewahren werden, etc. finden werden. Wir können hier den Wunsch nicht unterdrüken, daß von allen diesen gedrukten Berichten regelmäßig zwei Exemplare an das Archiv des Ministeriums des Handels und der öffentlichen Arbeiten eingesendet werden sollten. Dieß muß zur allgemeinen und mit aller Strenge vorgeschriebenen Maßregel gemacht werden; denn dieß ist das einzige Mittel, wodurch diese an wichtigen statistischen Documenten so äußerst armen, Archive nach und nach bereichert werden können; dieß ist das einzige Mittel, um jedes Departement nach seinen Leistungen und Bedürfnissen beurtheilen zu können, um den Nuzen von diesen oder jenen Maßregeln für diese oder jene Local-Verhältnisse nachweisen, und den Deputirten der Departements die Motive zu denselben vorlegen zu können etc.35)

|56|

Die Sanitäts-Räthe mögen durch die Municipal- oder durch die General-Conseils geschaffen werden sollen, so läßt sich kein Hinderniß gegen die Gründung derselben entdeken. Sie verursachen nämlich beinahe keine Kosten, da einer der Säle der Pärfectur oder der Maine als Local eingeräumt werden könnte; da die Bureaukosten höchst unbedeutend sind, und da die Mitglieder keine Besoldungen erhalten, und nur im Falle sie Reisen machen, für die Kosten derselben entschädigt werden würden. Die größte Ausgabe würden die Drukkosten des Generalberichtes und des jährlichen Berichtes, die gratis an die Rathsmitglieder und an die vorzüglicheren Behörden des Departements vertheilt werden müßten, veranlassen. Allein diese ließen sich |57| gewiß auch durch den Verkauf der überschüssigen Exemplare der Berichte zum Theil deken.

Wenn die Regierung die Maßregel, um die sie schon vor vielen Jahren angegangen wurde, früher ergriffen hätte, so würden wir jezt schon seit 10 Jahren beinahe für jede größere Stadt Frankreichs eine Art von Sanitäts-Codex besizen; gewiß würden viele ungesunde Localitäten bereits in gesunde umgewandelt seyn, und gewiß würde man den Verheerungen der Cholera und anderer künftiger Epidemien kräftiger zu steuern im Stande seyn, als man es gegenwärtig vermag. Dem sey nun wie ihm wolle, so wird man wenigstens von nun an einen großen, wir möchten sagen unendlichen, Vortheil daraus ziehen können. Die großen die öffentliche Gesundheit betreffenden Fragen werden in Zukunft von 363 Collegien (denn so groß ist die Zahl der Präfecturen und Unterpräfecturen) mit Sorgfalt geprüft werden; alle werden über diese oder jene, von der Regierung vorgeschlagene Maßregel ihre durch Gründe unterstüzte Meinung abgeben, und aus dieser Masse von Meinungen wird gewiß die größte Aufklärung über diesen oder jenen Gegenstand hervorgehen.

Der Eifer der Mitglieder der Sanitäts-Räthe wird beständig durch die Natur ihrer Functionen selbst erhalten werden, indem die Fragen und Arbeiten, die ihnen zukommen, entweder die Interessen des Departements oder der Stadt, in welcher sie sich befinden, betreffen werden. Man wird sich daher gewiß überall überzeugen, daß die Stelle eines Sanitäts-Rathes, obwohl sie keine Besoldung trägt, außer der Ehre, doch auch mehrere Vortheile mit sich bringt; und man wird deßhalb diese Stellen gewiß eher suchen, als ablehnen. Würden die Arbeiten übrigens für das bezeichnete Personal zu zahlreich und zu ermüdend, so ließen sich ja leicht Adjuncten ernennen.

Es wäre sehr zu wünschen, daß sich die Departements-Sanitäts-Räthe in Hinsicht auf ihre ganze Einrichtung und auf die Direction und Eintheilung ihrer Arbeiten den Sanitäts-Rath von Paris zum Muster nehmen möchten. In diesem Rathe wird seit seinem dreißigjährigen Bestehen ein und dasselbe System befolgt, da sich dasselbe so gut bewahrte. Man kann dieses System aus folgendem Werke studiren: Collection des rapports généraux sur les travaux du conseil de salubrité de la ville de Paris et du département de la Seine, exécutés depuis l'année 1802, époque de sa création, welches einen starken Octav-Band bildet.36) In diesem Werke wird |58| man die Geschichte des Rathes, die Biographien seiner Mitglieder; eine Sammlung der Berichte in chronologischer Ordnung und in Kapitel eingetheilt, und endlich ein Sachregister finden; es bildet unstreitig eines der besten Handbücher für unsere Administrativ-Beamten. Würden die Departements-Berichte nicht sämmtlich nach einer und derselben Norm abgefaßt, so würde mit dem Studium der darin beobachteten Form allein schon unendlich viele Zeit verloren gehen, Während es bei einer bestimmten Form leicht ist, aus allen diesen Materialien die Quintessenz auszuziehen.

Sezen wir nun, es befänden sich in den Händen eines gewandten und der ihm übertragenen Aufgabe vollkommen gewachsenen Mannes die Generalberichte von 86 Departements, und sezen wir, daß diese Berichte ein Jahrzehend umfassen, so wird sich aus der Zusammenstellung des Wesentlichen dieser Berichte gewiß eine große Menge sehr interessanter, allgemeiner Resultate, und eine Masse der wichtigsten Beobachtungen ergeben, in denen die Regierung gewiß die Elemente zu mehreren, guten Gesezen finden wird, mit denen sie sich wahrscheinlich nicht beschäftigt haben würde, wenn sie diese vorbereitenden Arbeiten nicht auf die dringende Nothwendigkeit und den Nuzen dieser Geseze aufmerksam gemacht hätten. Dahin wünschen wir, daß man gelangen möchte; darin liegt das Ziel, das wir zu erreichen streben müssen, und durch dessen Erreichung wir in der Civilisation einen großen Schritt vorwärts gemacht haben werden.

Der schlechte Zustand unserer Sanitäts-Polizei, oder vielmehr der gänzliche Mangel einer solchen in der Praxis, veranlaßt uns zur Mittheilung dieses Artikels, der zwar demnächst nur für Frankreich geschrieben worden, der aber mit Aenderung einiger Nahmen auch für uns sehr passend scheint. Die Lebenszeichen unserer Sanitäts-Polizei bestehen fast lediglich in einer oberflächlichen Apotheker-Visitation, in einer ebenso ungenügenden Bierbeschau, bei der man in der Regel Alles gethan zu haben glaubt, wenn man ein schlechtes, und folglich ungesundes Bier im Preise herabsezt, und endlich in einer Art von Aufsicht auf die Victuolienmärkte, in Folge deren hie und da manchmal ein Paar Körbe unreifes Obst in den nächsten besten Fluß oder Bach geschüttet werden. Nur wenn ein polizeiliches oder magistratisches Individuum des Nachts über einen auf der Straße liegen gebliebenen Misthaufen stolpert, oder wenn dasselbe auf irgend eine andere unangenehme oder nachtheilige Weise afficirt wird, erfährt man, daß der Wirkungskreis der Sanitäts-Polizei auch bei uns ein größerer ist, als er dem üblichen und gestatteten Thun und Treiben gemäß Jedermann zu seyn scheinen muß. Auch zeigt sich die Amtsgewalt dann, wenn wegen irgend einer Klage einzelner oder mehrerer gegen diese oder jene bestehenden Mißbräuche oder Schädlichkeiten ein Entschluß gefaßt werden muß. Aber welche Entschlüsse kommen da zu Tage! So wie man im gewöhnlichen Leben den Mangel eines tüchtigen, die leidige Willkür und den bösen Willen Einzelner beschrankenden Polizei-Codex nur zu empfindlich fühlt, ebenso erkennt man aus den in den erwähnten Fällen erlassenen Entschließungen nur zu oft den Mangel an hinlänglicher Sachkenntniß. Unsere landgerichtlichen, polizeilichen und magistratischen Beamten oder Schreiber haben, im Durchschnitte genommen, auch nicht den leisesten Begriff von dem, was in das Sanitäts-Wesen einschlägt, vielweniger eine genaue Bekanntschaft mit den einzelnen Gegenständen; allein sie wollen und müssen nun ein Mal urtheilen, und zwar so viel als möglich unumschränkt, und ohne Einrede Sachverständiger. Nur in seltenen Fällen, z.B. wenn es sich um eine genauere chemische Untersuchung, um arge Quaksalbereyen, um zu ertheilende Prügel oder dergl. handelt, wird der Hr. Physikus, ein Apotheker oder ein Chemiker etc. zu Rathe gezogen. Ist nun Jemand so frech, sich mit einem solchen Beschlusse erster Instanz nicht zufrieden zu geben, und sucht er bei der Regierung um Hülfe, so kommt er erst vom Regen in die Traufe, wie dieß Hunderte von Negierungs-Entschließungen, die jährlich gnädigst erlassen werden, nur zu sattsam beweisen. Der lezte Nothanker bleibt dann in einem solchen verzweifelten Falle noch das Ministerium, und wie schwach auch dieser meistens ist, weiß Jedermann. Man muß zwar gestehen, daß die lezte Instanz, weniger als die übrigen, in sich selbst Alles zu finden überzeugt ist oder überzeugt zu seyn scheint, indem sie sich doch öfter von verschiedenen Collegien oder Anstalten Berichte erstatten läßt. Leider ist sie aber in der Wahl der Berichterstatter nicht immer glüklich. Was läßt sich z.B. von einer Akademie oder einer Universität, an der sich zuweilen auch nicht ein einziger praktisch gebildeter, in allen Zweigen der Industrie erfahrner Technolog befindet, über diesen oder jenen Gegenstand einer Fabrik für ein Bericht erwarten? Schon aus diesem Wenigen, gewiß nicht Uebertriebenen geht hervor, wie ersprießlich auch für unser Vaterland zwekmäßig eingerichtete Sanitäts-Räthe werden müßten, und wie sehr es zu wünschen wäre, daß unsere Staatsverwaltung wenigstens hierin ihren überrheinischen Nachbar nachahmte. Da die Errichtung und Unterhaltung dieser Räthe nach dem in Frankreich hiebei befolgten Principe nur sehr wenig kostet, und mithin der Sparsamkeit keinen Eintrag thut, so könnte ja wohl einstweilen jeder unserer Kreisregierungen eine solche Commission oder ein solcher Rath beigegeben werden, bis sich dieselben durch den Nuzen, den sie unstreitig gewahren müssen, auch auf alle übrigen bedeutenderen Orte ausdehnen lassen. Die Räthe dürfen aber, wenn sie ihrem Zweke entsprechen sollen, keine Automaten seyn, denen die Regierungen allein durch die Ohren, durch den Mund oder durch den Bauch Leben und Bewegung einhauchen; es muß ihnen jederzeit auch die Initiative zustehen, die Regierungen auf bestehende Mängel oder Mißbräuche oder Schädlichkeiten aufmerksam zu machen, und ihr die Mittel vorzuschlagen, durch welche denselben vorgebeugt oder abgeholfen werden kann. Wir hoffen, daß die allerhöchste Weisheit in ihrer Besorgniß um das Wohl sämmtlicher Staatsbürger unserem Lande auch noch Sanitäts-Räthe gewähren werde, gleichwie sie dasselbe bereits durch Landräthe beglükte. Auch bei uns, wie in Frankreich, könnte der thätige, bisher aber nur zu häufig einseitig gelenkte Eifer, den die Angst vor der Cholera erzeugte, der Bildung von Kreis-Sanitäts-Räthen fördernd an die Hand gehen.

A. d. R.

|50|

Man möchte dieser Ausdehnung des Wirkungskreises der Commission vielleicht den Vorwurf machen, daß sie das freie Handeln und Schalten und Walken des Fabrikanten und Gewerbsmannes in seiner Anstalt beeinträchtige. Allein es handelt sich hier ja bloß um die Belehrung eines Bessern und oft um die Sicherung der Gesundheit und des Lebens Mehrerer oder sogar Vieler gegen den über verstandenen Vortheil eines Einzelnen. Die Regierungen können sich daher durch dergleichen Einwendungen um so weniger von Maßregeln, die zur Förderung des physischen Wohles ihrer Bürger beitragen, abschreken lassen, als sie sich durch das Festhalten an der Censur, und durch die Aufstellung von Demagogism witternden Polizei-Verfügungen für die Sicherung des geistigen Wohles derselben eifrig bemüht zeigten.

A. d. Ueb.

|50|

Im J. 1800 kam in Paris auf 9 Mädchen Ein syphilitisches, im J. 1821 dagegen nur 1 auf 51. Die Krankheit ist daher innerhalb 20 Jahren läufig 6 Mal weniger anstekend geworden, und dieß hat man vorzüglich dem Dispensatorium zu verdanken, welches gleichfalls von dem Sanitäts-Rathe ausgilt. Dieses Resultat ist um so merkwürdiger, als die Zahl der Freudenmädchen im J. 1821 nie über 2960 betrug. A. d. O. Es scheint uns, daß der Sanitäts-Rathe sich in diesem Punkte etwas zu große Verdienste zuschreibt, und daß die Verminderung der Syphilitischen auch noch von vielen anderen, außer dem Dispensatorium gelegenen, Gründen herrühre. Was die Contagiosität der Krankheit selbst betrifft, so hat sie sich keineswegs so sehr vermindert, als hier angegeben ist; allein die Bösartigkeit des Uebels hat außerordentlich abgenommen, und diese scheint der Verfasser mit der Anstekungskraft verwechselt zu haben.

A. d. Ueb.

|51|

Zu Paris sind alle Mitglieder des Rathes im Allgemeinen unbesoldet. A. d. O. Dieß müßte auch bei uns so gehalten seyn, um die unabhängige Stellung der Mitglieder zu sichern, und um zu verhindern, daß nicht hie und da ein Schwächerer sich des Interesse's halber zum Werkzeuge brauchen läßt. Besoldete Staatsdiener sollten daher so selten als möglich zu solchen Räthen zugelassen werden.

A. d. Ueb.

|55|

Man beklagt sich in den Departements zuweilen darüber, daß die Hauptstadt den Anstrengungen und Bemühungen der Lokalbehörden, der gelehrten Gesellschaften und einzelner, wohl unterrichteter Männer keine Gerechtigkeit widerfahren läßt, und doch liegt die Schuld hiervon an den Departements allein, indem sie sich so wenig beeifern die Hauptstadt mit ihren literarischen Producten bekannt zu machen. Als Beweis hierfür will ich nur ein Paar Thatsachen anführen. Es ist bekannt, das; beinahe in jedem Departement jährlich ein sogenannter Taschenalmanach, oder ein Annuaire oder eine Statistik erscheint, unter denen es schlechte, mittelmäßige und gute gibt. Alle diese Schriften haben jedoch ihren Nuzen, weil sich in allen derselben Thatsachen befinden, die nur an Ort und Stelle gesammelt werden konnten, und welche zusammengenommen eine Sammlung bilden, die der Publicist, der Historiker, der Administrativbeamte, und selbst das Bureau, welches von dem Minister den Auftrag diese oder jene Nachweisung zu geben, erhält, mit großem Nuzen zu Rathe ziehen kann. Dessen ungeachtet befindet sich aber von allen diesen jährlichen Almanachen oder diesen Statistiken weder im Archive, noch in der Bibliothek des Handelsministers auch nur ein einziger, so daß der Minister, wenn er heute diese oder jene auf die Bevölkerung bezügliche Zahl mit den partiellen, von den Departementsstatistiken gelieferten Resultaten vergleichen wollte, |56| dieß nicht ein Mal thun könnte, weil ihm hiezu, so wie zu einer Menge anderer Dinge die Elemente fehlen. Ein zweites, ähnliches Beispiel geben die Abhandlungen der gelehrten Gesellschaften im Allgemeinen. Beinahe alle diese Gesellschaften erhalten von den General-Conseils oder der Regierung Unterstützungen, und man sollte daher glauben, daß es nicht mehr als billig wäre, wenn sie ein Exemplar der Abhandlungen, die sie durch den Druk bekannt machen, auf dem Archive des Ministeriums des Handels, und eines auf der königlichen Bibliothek niederlegen müßten. Dessen ungeachtet findet man aber von allen diesen Abhandlungen auf der königlichen Bibliothek auch nicht eine einzige, und in der Bibliothek der königlichen Central-Agricultur-Gesellschaft zu Paris nur eine unvollständige Sammlung derselben. Wenn daher z.B. ein Oekonom, der ex professo ein Werk über die verschiedenen Betriebsarten des Feldbaues, über den Dünger etc. herauszugeben gesonnen wäre, sich die Erfahrungen aller in Frankreich bestehender, landwirthschaftlicher Gesellschaften eigen machen, und daraus die Ansicht der Majorität schöpfen wollte, so könnte er dieß in Paris entweder gar nicht, oder nur höchst unvollkommen zu Stande bringen. Selbst wenn er sich mit sämmtlichen Secretären aller dieser Gesellschaften in Verbindung sezen würde, könnte er nicht zu. jener Aufklärung gelangen, die sich aus einer vollständigen Sammlung aller der gedrukten Abhandlungen erreichen ließe. Die Departementalpresse sollte daher schon ihres eigenen Vortheils halber nicht so geizig gegen die Hauptstadt seyn. Es würde dann ein weit größerer Austausch an nüzlichen Kenntnissen und Producten Statt haben, Während gegenwärtig, sey es aus Nachlässigkeit oder aus fehlerhaften administrativen Maßregeln, eine große Menge sehr schäzenswerther Arbeiten und Producte der Departements für Paris ganz verloren gehen. Wir wollen hoffen, daß die Jahresberichte der Sanitäts-Räthe eine Ausnahme von dieser Regel machen werden. A. d. O. Wir wissen nicht, wie es mit den Bibliotheken der Ministerien in Deutschland aussieht, da in neueren Zeiten eine mehr als chinesische Mauer um die Archive der meisten derselben gezogen wurde. Allein mit unserer Hof- und Staats-Bibliothek steht es nicht viel besser, als mit der französischen) auch auf ihr sucht man vergebens mehrere vaterländische, literarische Producte. Hat man sie aber auch gefunden, so weiß man kaum, wie man zu deren Benuzung gelangen kann. Die Normen, nach welchen diese Benuzung gegenwärtig möglich ist, sind schwerfällig; sie beweisen, daß man entweder gar keinen richtigen Begriff von dem Zweke einer Bibliothek hat, oder daß man diesen Zwek, der nicht in der Tendenz der Unterdrüker des Fortschreitens der geistigen Entwikelung liegt, auf eine sehr gelungene Weise zu vereiteln sucht, oder daß das Personal dieser Anstalt aus irgend einem Grunde die höhere Stelle über die Mittel zu tauschen wußte, durch welche der größte und allgemeinste Nuzen derselben gesichert wäre. Wir wollen hoffen, daß dieses wissenschaftliche Unterdrükungssystem, welches besonders eines Staates, in dem der König selbst Schriftsteller ist, so. höchst unwürdig erscheint, bald eine Aenderung erfährt, und daß dasselbe wenigstens das zukünftige neue Bibliothekgebäude nicht verpesten wird.

A. d. Ueb.

|57|

Man findet dieses Werk, dessen Preis 8 Franken beträgt, auf dem Central-Bureau der polytechnischen Schule, rue neuve des Capucins N. 13 bis.

A. d. O.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: