Titel: Arnott's hydrostatisches Bett.
Autor: Arnott, Neil
Fundstelle: 1832, Band 46, Nr. XLVI. (S. 189–195)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj046/ar046046

XLVI. Ueber ein neues, hydrostatisches Bett für Kranke. Von Dr. Arnott.

Aus dem Register of Arts. Septbr. 1832, S. 238.61)

In vielen Krankheiten, denen die Menschen ausgesezt sind, rührt oft mehr als die Hälfte der Leiden und selbst der Gefahr nicht direct |190| von der Krankheit selbst, sondern von der Lage her, zu welcher der Kranke gezwungen ist. Ein Beinbruch am Arme ist an und für sich keine viel bedeutendere Verlezung als ein Beinbruch am Fuße, und doch findet ein mächtiger Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Beinbrüchen Statt, und zwar lediglich deßwegen, weil der Kranke im ersten Falle meistens auf seyn, Bewegung machen, gehörig essen und trinken und alle übrigen Functionen leicht verrichten kann, während er in lezterem Falle eine lange Zeit über im Bette liegen muß, und zwar noch dazu größten Theils in einer und derselben Lage. Dieses Liegen stört sowohl hier, als bei vielen anderen Krankheiten, oft den Schlaf und den Appetit; es erregt nicht selten einen fieberhaften Reiz, der die Heilung verzögert, und oft sogar noch eine bedenklichere Krankheit erzeugt, als das ursprüngliche Uebel war. Die Art und Weise, auf welche fortgesezter örtlicher Druk wirkt, kann sich Jedermann am besten nach folgenden Daten erklären. Die Gesundheit und selbst das Leben eines jeden Theiles unseres Körpers hängt von einer hinreichenden, durch die Thätigkeit des Herzens unterhaltene Circulation des Blutes in demselben ab. Wenn nun aber Jemand sizt oder liegt, so werden die Theile, auf denen er sizt oder liegt, zusammengedrükt, und das Blut kann folglich nicht so leicht in dieselben eindringen. Diese örtliche Unterbrechung des Kreislaufes wird um so größer seyn, je mehr die Thätigkeit des Herzens durch die bestehende Krankheit geschwächt ist. An den Stellen, an welchen der Kreislauf auf diese Weise gehemmt ist, entsteht bald ein lästiges Gefühl, welches das Individuum zwingt eine andere Stellung anzunehmen. Diese Veränderungen |191| der Lage geschehen bei Gesunden leicht und schnell, bei Kranken hingegen schwer und mit Anstrengung, oder auch aus Schwäche oder Bewußtlosigkeit gar nicht oder zu selten. Die Folge hievon ist, daß die Kranken an jenen Stellen, an denen die Circulation zu lange gehemmt blieb, Brandschorfe bekommen, daß sie sich aufliegen, dadurch unendliche Schmerzen bekommen, und nicht selten auch an diesem schreklichen Uebel zu Grunde gehen.

In einem ähnlichen, dem Tode nahen Zustande befand sich auch eine meiner Bekannten, bei welcher sowohl das Earle'sche Bett, als das Unterlegen von Flaum- und Luftkissen dem Fortschreiten des Uebels nicht Einhalt zu thun vermochten. Unter diesen Umständen kam mir die Idee meines hydrostatischen Bettes, indem ich deutlich einsah, daß in solchen Fällen nur dann Hülfe geschafft werden kann, wenn der Körper ohne merkliche Ungleichheiten des Drukes getragen und unterstüzt werden kann. Ich dachte mir, daß die Stüze, welche das Wasser einem schwimmenden Körper gewährt, so gleichförmig vertheilt ist, daß selbst jeder 1/1000 Zoll der unteren Fläche desselben seinen eigenen, flüssigen Stüzpfeiler hat, und daß kein Theil die Last des benachbarten Theiles trägt; ich dachte mir ferner, daß eine, in einem Bade befindliche Person beinahe auf dieselbe Weise getragen wird, und daß daher ein Patient, den man auf eine Wasserfläche legen würde, welche vorher mit einem Blatte wasserdichten Kautschukzeuges überdekt worden wäre, und unter den man, um ihn in hinreichendem Grade schwimmend zu machen, eine dünne weiche Matraze gebracht hätte, auf dieser Wasserfläche eben so sanft ruhen müßte, wie ein Schwan auf seinem Gefieder, indem an keiner Stelle ein bedeutender Druk Statt finden kann, da beinahe das ganze Gewicht des Körpers bei dieser Einrichtung aufgehoben oder aufgewogen ist. Der Druk der atmosphärischen Luft auf unseren Körper beträgt auf jeden Quadratzoll unserer Oberfläche beinahe 15 Pfunde, und doch ist uns dieser Druk gar nicht fühlbar, weil er gleichmäßig vertheilt ist. Der Druk eines Wasserbades von solcher Tiefe, daß es den Körper bedekt, beträgt weniger als ein halbes Pfund auf den Zoll, und auch diesen Druk verspürt Niemand.

Ich ließ also sogleich nach diesem Plane ein Bett verfertigen. Ich ließ eine Kufe von gehöriger Länge und Breite und 1 Fuß Tiefe mit Metall beschlagen, um sie wasserdicht zu machen, und füllte diese zur Hälfte mit Wasser. Darüber breitete ich ein Tuch aus wasserdichtem Kautschukzeuge von solcher Größe, daß es die leere Kufe vollkommen ausgekleidet haben würde. Die Ränder dieses Tuches, die überfirnißt worden waren, um das Aufsteigen des Wassers durch die Wirkung der Haarröhrchen zu verhindern, wurden hierauf rings um den oberen Rand der Kufe wasserdicht befestigt, und dann bei einer |192| Oeffnung, die in einer Eke gelassen wurde, und welche genau verschlossen werden konnte, Wasser eingefüllt, gerade so wie man es in eine Flasche füllt. Auf dieses ausgebreitete ganz trokene Tuch legte ich eine gehörige Matraze, ein Kopfkissen und das übrige Bettzeug, so daß ich auf diese Weise ein Bett erhielt, welches sich nur durch seine weit größere Weichheit und Nachgiebigkeit von einem gewöhnlichen Bett unterschied. In dieses Bett nun brachte ich meine Kranke; sie fühlte sich äußerst behaglich darin und verfiel bald in einen erquikenden Schlaf. Als wir sie nach dem Erwachen fragten, wo wir die Polster, deren sie früher immer mehrere nöthig hatte, unterlegen sollen, antwortete sie, daß sie derselben nicht bedürfe, und daß sie vortrefflich liege. Es waren von nun an keine weiteren Polster nöthig, die Schmerzen verschwanden allmählich, die aufgelegenen Stellen heilten, und die Kranke erholte sich schnell.

Ich muß hier noch ein Mal darauf verweisen, daß die specifische Schwere des menschlichen Körpers beinahe jener des Wassers gleich ist; wenn man sich daher auf den Rüken, mit dem Gesicht nach Oben gekehrt, in das Wasser legt, so wird der Körper, wie alle Schwimmer wissen, auch ohne alle Bewegung schwebend oder schwimmend erhalten, indem das Wasser, welches er auf diese Weise aus der Stelle treibt, beinahe eben so viel wiegt, als der ganze Körper. Wenn ein Mensch von gewöhnlicher Größe eine Masse von 2 1/2 Kubikfuß gibt, so wird derselbe eben 2 1/2 Kubikfuß Wasser aus der Stelle treiben, und dieses Wasser wird so viel wiegen, als sein Körper. Treibt man aber nicht mit dem Körper allein, das Wasser aus der Stelle, sondern bringt man etwas, was einen großen Raum einnimmt und doch wenig wiegt, unter den Körper, wie dieß z.B. mit der oben beschriebenen Matraze der Fall ist, so wird der Körper, wenn er nur 2 Kubikfuß aus der Stelle getrieben hat, mit 4/5 seines Volumens über der Wasserfläche schwimmen, und folglich viel weniger tief in die schwimmende Matraze einsinken, als dieß bei einem gewöhnlichen Federbette der Fall ist. Es scheint mir, daß man je nach der Dike der Matraze, die man wählt, und bei ungewöhnlichen Stellungen auch dadurch, daß man derselben an verschiedenen Stellen verschiedene Diken gibt, oder daß man an dieser oder jener Stelle ein zusammengelegtes Tuch oder ein Kissen unter die Matraze schiebt, dem Körper leicht jede wünschenswerthe Lage zu geben im Stande ist.

Mein Bett ist ein warmes Bett, denn das Wasser ist ein beinahe vollkommener Nichtleiter der Wärme in der Richtung von Oben nach Unten, und verhindert auch den Zutritt der kalten Luft von Unten her. Aus diesem lezten Grunde wird aber freilich eine geringere Menge der Ausdünstung des Kranken durch die Luft weggeschafft |193| werden, als dieß bei den gewöhnlichen Betten der Fall ist. Wenn daher der Kranke zur Lüftung des Bettes nicht täglich aufstehen kann, so muß man ein Wachstuch oder einen sonstigen wasserdichten Zeug über die Matraze breiten, damit die Ausdünstung sich nicht in dem unterliegenden Bettzeuge verdichte. Man kann übrigens in einigen Fällen auch die Betttücher fleißig wechseln, oder unter die Matraze eine Schichte dünn geschnittenen Kork legen, um auf diese Weise den gehörigen Grad von Ventilation zu erreichen.

Dieses Bett ist so troken, als ein Bett nur seyn kann, denn der Kautschuk ist so wasserdicht, daß man Flaschen aus demselben verfertigen kann. Um übrigens allen Zufällen vorzubeugen, kann man für Leute, die höchst vorsichtig seyn wollen, auch ein doppeltes Tuch anwenden. In meinem Bette kann sich der Kranke, wenn er auch sehr schwach ist, leichter als in irgend einem anderen Bette bewegen, denn er bildet gleichsam ein schwimmendes Individuum, welches sich mit aller Leichtigkeit die nöthige Bewegung zu verschaffen im Stande ist. Besonders zwekmäßig zeigt sich das Bett, wenn der Kranke zum Behufe des Verbindens von Wunden umgekehrt werden soll; man braucht hier nämlich nur die eine Seite der Matraze emporzuheben oder die andere nieder zu drüken, oder der Kranke braucht nur das eine Bein auf die andere Seite zu legen, um mit aller Sanftigkeit auf die eine Seite geneigt zu werden. Man kann sogar an irgend einer der Stellen, auf welchen der Kranke liegt, Verbände oder Umschläge anbringen, oder Gefäße unter den Kranken schieben, ohne daß man dessen Körper zu bewegen braucht, indem das Wasser immer um einige Zolle unter dem Körper nachgeben kann, so daß die Unterstüzung eines Theiles aufgehoben werden kann, ohne daß jene der übrigen Theile dadurch beeinträchtigt wird.62) Mein Bett gewährt nicht nur alle die Vortheile, die den übrigen Krankenbetten eigen sind, sondern bietet deren auch noch neue dar; es ist überdieß so wohlfeil, daß leicht in jedem Spitale mehrere solche Betten angeschafft werden können. Hr. Earle hat bereits mehrere derselben für das Bartholomäus-Hospital einrichten lassen, und ist ganz vorzüglich damit zufrieden. Eben so hat sie Hr. Keato im St. Georg's-Spitale eingeführt. Ich habe an diesen und anderen Orten schon so viel Gutes von dem neuen Bette gesehen, daß ich glaube, die Leiden und die Gefahr des Aufliegens bei fieberhaften sowohl als chronischen Krankheiten |194| dürften dadurch bedeutend, wo nicht ganz vermindert, und bei frühzeitiger Anwendung desselben sogar ganz vermieden werden. Eben so eignet sich mein Bett auch ganz vorzüglich für Beinbrüche, Lähmungen, Krankheiten des Hüftgelenkes und des Rükgrates etc.

Entfernt man die Matraze, so wird mein Bett ein warmes oder kaltes Bad, bei welchem der Körper jedoch nicht mit dem Wasser selbst in Berührung kommt; es dürfte daher in Indien und in den Tropenländern überhaupt sowohl für Kranke als für Gesunde ein sehr zwekmäßiges kühles Bett geben, und gewiß wird dasselbe mit der Zeit noch viele andere nüzliche Anwendungen erhalten. Manche, die die Sache nicht näher betrachten, möchten vielleicht glauben, daß mein Bett den gewöhnlichen Luftkissen oder Luftbetten sehr ähnlich sey; dem ist aber nicht so, indem die Principien, auf welchen beide beruhen, einander durchaus entgegengesezt sind. Ein Luftkissen trägt den Körper durch die Spannung der Oberfläche, welche die Luft in sich schließt, und verhält sich daher, wie eine Hängmatte oder wie ein fester Strohsak; es ist nichts weiter als ein hartes Kissen. An meinem hydrostatischen Bett befindet sich aber gar keine gespannte Oberfläche: der Kranke schwimmt im Wasser, über welches bloß deßwegen ein loses Tuch gelegt wird, um die Matraze und den Körper troken zu erhalten. Aus diesem Grunde gebührt meiner Erfindung auch eher der Namen eines hydrostatischen, als jener eines Wasserbettes.

Ich habe kein Patent auf meine Erfindung genommen, sondern stelle es Jedermann frei dieselbe zu seinem eigenen Wohle oder zum Wohle Anderer selbst zu verfertigen oder verfertigen zu lassen. Ich selbst ließ mein Bett von dem mir zunächst wohnenden Zimmermann, Hrn. Smith, 253 Tottenham-court Road verfertigen, und bediente mich des wasserdichten Zeuges, den die HH. Mackintosh und Comp., 58 Charing-Croß, verfertigen.

Ich fühle mich veranlaßt, am Schlusse noch folgende Bemerkung beizufügen. Die meisten Aerzte überlassen gegenwärtig, einige wenige Fälle ausgenommen, die Wahl des Bettes für den Kranken seinen Verwandten oder den Krankenwärterinnen, und doch sind nur sie es, die entscheiden können, welches Lager dem Kranken das zuträglichste ist, und auf welche Weise ihm die meiste Linderung und die größte Sicherheit vor Gefahr des Aufliegens geschafft werden kann. Die Aerzte sollten daher auch hierauf ihre Aufmerksamkeit mehr richten, als sie es gewöhnlich zu thun pflegen, und unter den vielen Arten von Betten jene wählen, welche für den Kranken die zuträglichste ist. Am Besten, nach meinem hydrostatischen Bette, scheinen mir die Betten mit Spiralfedern zu seyn, an welchen der Druk gleichfalls mehr vertheilt ist, und deren Princip gegenwärtig allgemein an den Sopha's, Stühlen etc. benuzt |195| wird. Diese Einrichtung ist schon uralt, blieb aber leider so unbekannt, daß ein englischer Fabrikant erst vor wenigen Jahren noch ein Patent darauf nahm!

Das Register erhielt diesen Aufsaz von Hrn. Dr. Arnott mitgetheilt; er ist aus der fünften Ausgabe der Elements of Physics des Hrn. Arnott, welche sich eben unter der Presse befindet, entlehnt. Wir beeilen uns denselben auch unseren Lesern mitzutheilen, und ihn nicht nur unseren Aerzten, sondern auch den Vorständen der Krankenhäuser zur Berüksichtigung zu empfehlen. Uns scheinen die Betten des Hrn. Arnott weiterer Versuche höchst würdig zu seyn, denn wenn sich dieselben wirklich so wohlthätig zeigen, wie Hr. A. es versichert, so hat er der leidenden Menschheit gewiß einen größeren Dienst erwiesen, als er ihr durch seine Doctorschaft vielleicht je auf eine andere Weise hätte leisten können. Die ganze Vorrichtung kann nicht so kostspielig seyn, als daß deren Kosten ein wesentliches Hinderniß gegen deren Anwendung in Spitälern seyn dürfte; ein anderes Hinderniß liegt aber darin, daß unsere Arbeiter vom Säkler bis zum Kupferschmiede selten etwas vollkommen wasserdicht zu verfertigen im Stande sind, und daß man den in England so häufig gebräuchlichen wasserdichten Kautschukzeug weder selbst verfertigt, noch im Handel bekommt: ja es geht so weit, daß man denselben bei uns noch nicht ein Mal dem Namen nach kennt! Wir selbst überzeugten uns erst kürzlich, wie übel man bei uns noch daran ist, wenn man etwas braucht, was nicht geradezu im täglichen Leben vorkommt. Wir wollten nämlich für eine unserer kranken Verwandten zur Linderung ihrer Leiden ein sogenanntes Luftkissen anschaffen; allein in der ganzen benachbarten Residenzstadt, wo es doch so viele Luftgebäude gibt, war nicht nur kein solches aufzutreiben, sondern es war sogar Niemand zu finden, der eine gehörige Idee davon gehabt hätte, und der ein solches gehörig zu verfertigen im Stande gewesen wäre! Der größte Theil jener Leute, bei welchen man solche Artikel vermuthen sollte, glaubte, man wolle sie zum Besten haben!

A. d. Ueb.

|193|

Wir sind selbst auf einem hydrostatischen Bette des Hrn. Arnott gelegen, und können die Wahrheit alles dessen, was oben gesagt wurde, bestättigen; die Weichheit, der Mangel von allem Druke, und die Leichtigkeit, mit welcher man sich auf einem solchen Bette umkehren kann, sind wirklich wunderbar. Hr. Dr. Allen hat bereits einige derlei Betten in seiner Privat-Irrenanstalt zu High Beech bei Woodford errichtet.

A. d. Reg. of Arts.

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