Titel: Eine amerikanische Dampfwagen-Probefahrt, und Einiges über amerikanische Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1832, Band 46, Nr. CXIII./Miszelle 1 (S. 430–431)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj046/mi046113_1

Eine amerikanische Dampfwagen-Probefahrt, und Einiges über amerikanische Eisenbahnen.

Am 16. August 1832 wurde auf der Baltimore-Ohio-Eisenbahn in Nordamerika eine Probefahrt mit dem Dampfwagen angestellt, den die HH. Davis und Gartner zu York in Pennsylvanien erbaut hatten. Die ganze Caravane, welche aus 6, mit 90 Personen beladenen, an dem Dampfwagen angehängten Wagen bestand, sezte sich um 6 Uhr 4 Minuten von Pratt-Street aus in Bewegung, frühstükte zu Ellicott's Mill, und langte 28 Minuten nach 10 Uhr an der ersten schiefen Fläche, welche 41 engl. Meilen von dem Abfahrtspunkte entfernt ist, an. Rechnet man den Aufenthalt an verschiedenen Orten ab, so fuhr die Caravane diese Streke in drei Stunden 10 Minuten, so daß folglich 13 Meilen auf die Stunde kamen. Auf dem Rükwege, auf welchem sich die Zahl der Passagiere bis auf 145 vermehrte, fuhr die Caravane dieselbe Streke genau in drei Stunden, so daß etwas mehr als 13 Meilen auf die Stunde kamen. Die ganze Fahrt hin und her, eine Streke von 82 Meilen, wurde nach Abzug alles Aufenthaltes unter Wegs in 5 Stunden 52 Minuten zurükgelegt. Zu bemerken ist hiebei, daß die Bahn von Baltimore aus bis zu der ersten schiefen Ebene um 567 Fuß steigt, und das Steigen eine Streke von 4 englischen Meilen weit, selbst 32 bis 57 Fuß in der Meile beträgt. Selbst diese Streken fuhren die Wagen mit einer Geschwindigkeit von 13 Meilen in der Stunde. Die Krümmungen, welche die Straße macht, scheinen keinen besonderen Einfluß auf die Geschwindigkeit gehabt zu haben. Der Dampfkessel wurde mit Anthracit geheizt, und verzehrte auf dem Wege von 41 Meilen etwas weniger als eine halbe Tonne Anthracit. Die Dampfmaschine verrichtete bei diesem Versuche die Arbeit von 52 Pferden, und verbrauchte dabei nicht ihre ganze |431| Kraft, indem auf dem ganzen Wege etwas Dampf entwich. – Das Resultat dieses Versuches ist, daß wenn die Eisenbahn ein Mal vollendet seyn wird, Jedermann in 24 Stunden von der Mündung des Patapsco an die Ufer des Ohio gelangen kann, wozu man früher Wochen brauchte. Dieß ist übrigens nicht die einzige Eisenbahn, welche Nordamerika aufzuweisen hat. In Süd-Carolina wird binnen Kurzem eine Bahn von 135 engl. Meilen vollendet seyn, und beinahe in allen der wichtigeren Staaten ist entweder eine größere oder kleinere Bahn bereits vollendet, oder wenigstens im Werden, so daß bald das ganze Land mit einem Neze von Eisenbahnen versehen seyn wird, welches mächtig zur Förderung des Verkehres und des Wohlstandes beitragen muß. Eines der größten Projecte, dessen Ausführung man gleichfalls in Kürze erwartet, ist die Errichtung einer sogenannten atlantischen Eisenbahn, welche von Maine an bis nach Georgien durch die wichtigsten Städte der atlantischen Staaten führen soll, und die eine Ausdehnung von mehr als 1000 Meilen erhalten würde. Dieser Unternehmungsgeist wird in Amerika aber auch von Oben herab sehr begünstigt: während das Haus der Lords in England seinen hemmenden, den Schlendrian, und den Vortheil der Monopolisten und Aristokraten allein begünstigenden Einfluß in seiner lezten Sizung auch dadurch zeigte, daß es die Erlaubniß zur Anlegung mehrerer der gewünschtesten Eisenbahnen in England verwarf, erließ der amerikanische Congreß kürzlich eine Acre, nach welcher von allem Eisen, welches zu Eisenbahnen oder schiefen Flächen verwendet wird, von dem Staate ein Drittel der Auflage auf das Eisen wieder herausbezahlt wird! – Das Interesse, welches das ganze Publikum übrigens an diesen Unternehmungen nimmt, erhellt am besten daraus, daß zu Baltimore ein eigenes Eisenbahn-Journal, das American-Railroad-Journal, erscheint, welches unter der Redaction eines Hrn. Minor nicht nur Vieles leisten, sondern auch sehr gelesen seyn soll. (Aus dem Mechan. Magaz. N. 478 und 480.)

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