Titel: Vée, über die Fabrikation des chlorsauren Kalis.
Autor: Vée,
Fundstelle: 1833, Band 48, Nr. LXXXV. (S. 447–452)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj048/ar048085

LXXXV. Bemerkungen über die Fabrikation des chlorsauren Kalis; von Hrn. Vée, Apotheker zu Paris.

Aus dem Journal de Pharmacie. Mai 1833, S. 270.

Die neue Bereitungsart des chlorsauren Kalis, welche Hr. Ganassini in der pharmaceutischen Zeitung von Verona bekannt machte,135) veranlaßt mich einige Details eines ähnlichen Verfahrens mitzutheilen, nach welchem ich sehr große Quantitäten von diesem Salze während sieben bis acht Jahren mit nicht unbedeutendem Vortheil fabricirte. Damals wäre es gegen das Interesse des Hauses, womit ich |448| associirt war, gewesen, dieses Verfahren der Oeffentlichkeit zu üben geben; übrigens hielt ich es selbst noch für sehr unvollkommen, als ich diese Fabrikation bereits aufgegeben hatte; es war meine Absicht es wieder vorzunehmen und zu vervollkommnen, da ich aber bisher immer daran verhindert wurde, so beschreibe ich es so, wie es ausgeführt wurde; es kann anderen Fabrikanten als Anhaltspunkt dienen und sie in Stand sezen ein wohlfeileres Product zu liefern; ohne Zweifel würde das chlorsaure Kali auch in den Künsten viel häufiger angewandt werden, wenn man es zu einem niedrigeren Preise als bisher erhalten könnte.

Ich will zuerst einige theoretische Betrachtungen, die mich bei meinen Versuchen geleitet haben, auseinandersezen.

Welche Ansicht man auch über die Natur der unter dem Namen Chloralkalien bekannten Substanzen haben mag, so ist so viel gewiß, daß sie alle Elemente enthalten, um durch eine neue Anordnung ihrer Bestandtheile in chlorsaure Salze und Chloride verwandelt zu werden. Das chlorsaure Kali ist ein in der Kälte sehr schwer auflösliches Salz und wegen dieser Schwerauflöslichkeit entsteht es auch häufig in Flüssigkeiten, worin es ursprünglich nicht enthalten war, die aber seine Elemente, auf andere Art verbunden, enthielten, wie in den so eben genannten bleichenden Verbindungen. Das Resultat ist immer dasselbe, wir mögen leztere als Gemenge von chlorichtsauren Salzen und Chloriden in bestimmten Verhältnissen, oder nach der älteren Ansicht als Verbindungen von Chlor mit Oxyden betrachten; nehmen wir z.B. leztere Hypothese an, nicht als wenn sie die wahre wäre, sondern weil wir unsere Idee dabei auf die einfachste Art auseinandersezen können, so finden wir, daß das Chlorkali aus zwei Aromen Chlor, einem Atom Sauerstoff und einem Atom Kalium besteht.

Das chlorsaure Kali besteht aus einem Atom Chlorsäure, welche zwei Atome Chlor auf fünf Atome Sauerstoff enthält, und aus einem Atom Kali, das ein Atom Sauerstoff und ein Atom Kalium enthält; dieß gibt im Ganzen für das Atom chlorsauren Kalis, zwei Atome Chlor, eines Kalium und sechs Sauerstoff; die Bestandtheile sind also von derselben Art wie die des Chlorkalis, nur ist viel mehr Sauerstoff vorhanden. Wenn man also eine Auflösung von Chlorkali so weit in die Enge bringt, daß sich chlorsaures Kali wegen seiner Schwerauflöslichkeit bilden kann, so werden sich fünf Atome Chlorkalt in Chlorkalium umändern und die fünf Atome Sauerstoff, welche sie fahren lassen, werden sich mit dem Chloratom eines sechsten zu einem Atom chlorsauren Kalis verbinden. Wenn die Zersezung vollständig wäre, dürfte daher die Flüssigkeit nur noch so viel |449| Chlorkalk enthalten, als bei der bestehenden Temperatur aufgelöst bleiben kann.

Wenn aber die Flüssigkeit, welche zur Zersezung angewandt wird, nicht bloß Kali, sondern im Gegentheil fünf Atome Kalk und nur ein Atom Kali enthielte, so sollte sich offenbar kein chlorsaurer Kalk bilden, weil derselbe sehr leicht auflöslich ist, dagegen eben so viel chlorsaures Kali, wie früher entstehen. Das Calcium sollte ganz in Chlorcalcium verwandelt werden. Dieser Erfolg war um so wahrscheinlicher, weil lezteres Chlorid viel auflöslicher als das Chlorkalium ist.

Man sieht leicht ein, daß man auch noch in dem Falle chlorsaures Kali erhalten muß, wenn auf sechs Atome in Wasser aufgelösten Chlorkalks, bei der gehörigen Temperatur und Concentration ein Atom eines auflöslichen Kalisalzes vorhanden ist, welches ein Atom Chlorcalcium oder chlorsauren Kalks durch doppelte Wahlverwandtschaft zersezen kann.

Nach der früheren Bereitungsart des chlorsauren Kalis gehen auf sechs Theile Kali fünf rein verloren; wenn man also die Basis des Chlorkaliums durch Kalk, eine beinahe werthlose Substanz, ersezen könnte, so wäre dieß eine bedeutende Ersparniß; dieß war auch der Zwek des Verfahrens, welches ich vor einigen Jahren befolgte.

Ich betrieb damals eine Fabrik chemischer Producte in Verbindung mit Hrn. Gessard. Ein Arbeiter erbot sich uns chlorsaures Kali auf eine, wie er sagte, sehr wohlfeile Art zu fabriciren; sein Verfahren bestand darin, aufgelösten Chlorkalk durch schwefelsaures Kali zu zersezen und die Flüssigkeiten dann einzudampfen, um sie krystallisiren zu lassen; es bildete sich aber dabei ein ungeheurer Saz von schwefelsaurem Kalk, den man mit vielem Wasser aussüßen mußte, und ehe noch die erhaltenen Flüssigkeiten hinreichend concentrirt waren, entband das Chloralkali fast allen seinen Sauerstoff, so daß man kaum Spuren von chlorsaurem Kali erhielt.

Nach den oben angeführten Betrachtungen und in der Voraussezung, daß sich das chlorsaure Kali bloß durch seine Schwerauflöslichkeit erzeugen kann, vermuthete ich nun, daß wenn man eine hinreichend concentrirte Auflösung von Chlorkalk darstellen und in dieselbe Chlorkali oder kohlensaures Kali oder bloß Chlorkalium in gehörigem Verhältniß bringen würde, Alles in chlorsaures Kali und Chlorcalcium sich verwandeln müßte; ich konnte mich indessen dabei irren, wofür besonders die späteren Versuche von Berzelius sprechen. Um diesen Zwek zu erreichen, ohne die Flüssigkeit kochen zu müssen, hätte die Chlorkalk-Auflösung auf 28 oder 30° Beaumé gebracht werden sollen; ich versuchte eine solche zu erhalten, indem ich |450| eine sehr dike Kalkmilch mit Chlorgas sättigte, die Auflösung konnte aber nie über 23 oder 24° gebracht werden, ohne zu krystallisiren und zu einer Masse zu erstarren.

Ich entschloß mich nun die Auflösungen nur auf 20° zu bringen und sie durch Kochen zu concentriren, indem ich zugleich die zur Bildung des chlorsauren Kalis nöthige Menge Chlorkalium zusezte. Ein Theil Chlorkalk wird während des Kochens zersezt, indem sich Sauerstoff unter lebhaftem Aufbrausen entbindet. Die Verhältnisse, in welchen diese Zersezung Statt fuchst, sind sehr wandelbar, wie man weiter unten sehen wird und stehen mit der Ansicht des Hrn. Worin 136) in Widerspruch. Ich lasse zwar seiner vortrefflichen Abhandlung alle Gerechtigkeit widerfahren, um so mehr, da sie zu der Zeit, wo sie erschien, mir die Theorie meiner Fabrikation berichtigte, kann aber doch nicht allen seinen Resultaten geradezu beistimmen; ich habe oben einen Fall angegeben, wo die Zersezung des Chlorkalks fast vollständig Statt fand und er führt selbst Versuche von Chenevix an, welcher dabei zwei Mal so viel chlorsaures Kali als er erhielt. Diese Quantität glaube ich auch bisweilen im Laufe meiner Fabrikation erhalten zu haben. Ich verfuhr dabei folgender Maßen.

Man nahm vier Ballons von Steingut und brachte in jeden 8 Kilogr. Braunstein in zollgroßen Stüken. Diese Ballons kamen auf einem Ofen in Sandbäder, wovon jedes seine eigene Feuerung hatte. An jedem Ballon brachte man eine bleierne oder gläserne Röhre an, die in eine tiefe und wenig breite Vorlage tauchte; in leztere brachte man 4 Kilogr. (8 Pfd.) gebrannten Kalk, mit beiläufig 40 Liter (80 Pfd.) Wasser angerührt; in jeden Ballon goß man 25 Kilogr. Salzsäure, brachte hierauf die Röhren an und bedekte die Vorlagen mit einem Bleiblatt, das man mit Kalkteig auflutirte und mit Gewichten beschwerte, um das Gas, welches in einigen Augenbliken, wo die Entbindung zu stark ist, nicht absorbirt würde, zusammendrüken zu können. Wenn die Gasentbindung nachließ, erhizte man die Ballons und rührte von Zeit zu Zeit den Kalk, welcher sich auf dem Boden der Vorlagen absezt, um.

Man erhält nach beendigter Operation, wenn der Braunstein von guter Qualität war, Chlorkalk-Auflösungen von 12 bis 13° Beaumé. Man läßt sie sich sezen, gießt das Klare ab und läßt den Saz, der aus einem kleinen Kalküberschuß und unauflöslichem Halb-Chlorkalk besteht, abtropfen und süßt ihn durch Filtriren aus.

Die erhaltenen Auflösungen rührt man noch mit 4 Kilogr. Kalk, der vorher gelöscht wurde, an und leitet neuerdings einen Strom |451| Chlorgas hinein, wozu man dieselben Quantitäten Salzsäure und Braunstein verwendet. Da aber das erste Mal Braunstein in Ueberschuß angewandt wurde, so wascht man den Rükstand in den Ballons aus, zerstoßt ihn und verwendet ihn zu den 8 Kilogr., womit die Ballons beschikt werden müssen, so daß man nur 6 bis 7 Kilogr. bei jeder Operation zuzusezen braucht. Dadurch kommt die Chlorkalk-Auflösung auf 18 oder 20°; sie wird wie das erste Mal decantirt, der unauflösliche Rükstand ausgewaschen und das Waschwasser an Statt reinen Wassers bei einer neuen Operation benuzt.

Die concentrirten Chlorkalk-Auflösungen von diesen beiden Operationen bringt man in einen bleiernen oder gußeisernen Kessel und macht darunter ein möglichst lebhaftes Feuer; wenn sie anfangen heiß zu werden, löst man darin so viel Chlorkalium auf, daß die Flüssigkeit an Baumé's Aräometer drei oder vier Grade mehr zeigt; dann kocht man sie möglichst schnell bis auf 30° oder 31° desselben Aräometers ein. Wenn die Flüssigkeit zu sieden anfängt, muß man sehr aufmerksam seyn, weil die Entwikelung von Sauerstoffgas bisweilen so beträchtlich ist, daß die Flüssigkeit über den Kessel hinaussteigen könnte, während manchmal auch diese Gasentbindung kaum merklich ist.

Die concentrirten Flüssigkeiten läßt man in Schüsseln an einem möglichst kühlen Orte krystallisiren; es sezt sich daraus ein Gemenge von chlorsaurem Kali und Chlorkalium in sehr wandelbaren Verhältnissen ab. Die Mutterlauge wird wieder auf 36° eingedampft. Es krystallisirt aus ihr neuerdings eine Quantität Chlorkalium; sie enthält dann fast nur noch chlorwassersauren Kalk, schmekt aber doch noch sehr stark nach Chlor.

Bei diesen beiden Operationen erhielt man aus 112 Kilogr. Braunstein und 400 Kilogr. Salzsäure 9 bis 17 Kilogr. chlorsaures Kali. Bei einer Reihe von Operationen, die zu derselben Zeit und genau auf dieselbe Art angestellt wurden, erhielt man jedoch dieses Product in sehr wandelbaren Verhältnissen, nämlich

1) . . . . . . . . 9 Kilogr.
2) . . . . . . . . 14 2/10 –
3) . . . . . . . . 10 –
4) . . . . . . . . 15 –
5) . . . . . . . . 15 2/10 –
6) . . . . . . . . 16 –
7) . . . . . . . . 10 –
8) . . . . . . . . 17 –

Aehnliche Operationen lieferten, wie man sieht, sehr verschiedene Resultate; ich glaubte zu bemerken, daß die Chlorkalk-Auflösungen, |452| wenn sie während des Eindampfens viel Sauerstoffgas entwikelten, weniger chlorsaures Kali gaben; es fragt sich aber immer wieder, warum beim Erhizen eine so verschiedenartige Quantität Sauerstoff entbunden wird. Dieß verdient untersucht zu werden, indem von der Ausmittelung dieses Umstandes der völlige Erfolg eines Verfahrens abhängt, welches, wie wir gesehen haben, bisweilen auf eine bequeme und wohlfeile Art, eine beträchtliche Menge chlorsaures Kali lieferte, und von welchem ich nach Versuchen im Kleinen noch vortheilhaftere Resultate erwartet hatte.

Man könnte vielleicht schon jezt aus den vorhergehenden Versuchen folgern, daß von den Chloralkalien durch eine nach ihrer Bildung angewandte Erhizung, selbst unter scheinbar ganz gleichen Umständen, nicht immer gleiche Quantitäten zersezt werden. Indessen sind diese Verbindungen so unbeständig, daß irgend ein physischer Umstand, z.B. der Zustand oder die Natur der Abdampfungsgefäße oder eine fremdartige in ihnen schwebende Substanz, die nicht bemerkt wurde, die lebhafte Sauerstoffentbindung veranlassen konnte, welche uns unter gewissen Umständen um das chlorsaure Kali brachte.

Diese Umstände sind gewiß aller Beachtung werth, und ich habe mir auch vorgenommen, sie noch zu studiren; so viel scheint mir aber ausgemacht, daß, man mag was immer für ein Verfahren zur Bereitung des chlorsauren Kalis anwenden, es möglich und vorteilhaft seyn muß, an Statt der bisher angewandten Auflösung von kohlensaurem Kali, Kalk und ein wohlfeiles Kalisalz zu benuzen.

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Das Verfahren zur Bereitung des chlorsauren Kalis, welches Hr. Ganassini in der pharmaceutischen Zeitung von Verona angab, ist nach dem Journal de Pharmacie, Januar 1833, S. 47 folgendes:

„Man nimmt eine concentrirte Auflösung eines Pfundes Chlorkalk und löst darin anderthalb Unzen krystallisirtes salzsaures Kali auf. Nachdem die Flüssigkeit einige Tage gestanden ist, dampft man sie ein; das chlorsaure Kali krystallisirt dann beim Erkalten.“

Auf diese Art soll man ungefähr zehn Quentchen chlorsaures Kali erhalten.

Schon früher hat Hr. Prof. Liebig in dem Magazin für Pharmacie, September 1831 (auch in den Annales de Chimie et de Phys., März 1832) ein ähnliches Verfahren zur wohlfeileren Darstellung des chlorsauren Kalis vorgeschlagen. Er erhizt nämlich Chlorkalk in troknem oder aufgelöstem Zustande so lange, bis er die Pflanzenfarben nicht mehr bleicht, wodurch bekanntlich ein Gemenge von Chlorcalcium und chlorsaurem Kalk entsteht. Dieses löst er in heißem Wasser auf, bringt die Auflösung in die Enge, sezt dann Chlorkalium zu und läßt erkalten, wodurch das chlorsaure Kali auskrystallisirt; lezteres wird durch Umkrystallisiren gereinigt. Aus 12 Unzen Chlorkalk, der aber von so geringer Qualität war, daß er 65 Procent unauflöslichen Rükstand hinterließ, erhielt er auf diese Art 1 Unze chlorsaures Kali. Um den Chlorkalk durch Einwirkung der Hize leichter zersezen zu können, soll man ihn mit Wasser zu einem Brei anrühren und dann zur Trokniß abdampfen; oder falls man ihn aus Chlor und Kalkmilch bereitet, leztere während der Operation sehr heiß halten. Das chlorsaure Kali scheidet sich beim Erkalten der Flüssigkeiten nicht vollständig aus; nach drei bis vier Tagen bilden sich noch viele Krystalle, daher man die Flüssigkeiten durch Abdampfen concentriren muß. A. d. Red.

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Polytechnisches Journal Bd. XXIX. S. 41.

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