Titel: Drewry, über Kettenbrüken.
Autor: Drewry,
Fundstelle: 1833, Band 49, Nr. V. (S. 12–24)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj049/ar049005

V. Einiges über Kettenbrüken und über die Stärke des Eisens. Auszug aus dem neuesten Werke des Hrn. Drewry, Civil-Ingenieurs.

Aus dem Repertory of Patent-Inventions. Mai 1833, S. 303.

Wir glauben es wird unseren Lesern nicht unangenehm seyn, wenn wir ihnen aus dem neuesten Werke des Hrn. Drewry 2) die Ansichten dieses berühmten Ingenieurs über Kettenbrüken überhaupt und die Zusammenstellung der vorzüglichsten Versuche über die Stärke des Eisens mittheilen.

Wir sind überzeugt, daß sie, wie wir, viel Interessantes darin erbliken, und wie wir der Meinung seyn werden, daß das Werk des Hrn. Drewry, welcher sich überdieß noch durch die Reinheit und Deutlichkeit seines Styles auszeichnet, von allen Kunstgenossen des Verfassers fleißig studirt werden sollte.

Nachdem Hr. Drewry im ersten Abschnitte die Geschichte der Hängebrüken abgehandelt, geht er im zweiten in mannigfache Details über die Stärke der Eisendrähte, Eisenstangen, Ketten und Stahlstangen über, woraus wir Folgendes ausheben.

Versuche über die Stärke der Eisendrähte, Eisenstangen, Ketten und Stahlstäbe.

„Hr. Telford stellte einen Theil seiner bekannten Versuche in der Absicht an, um die directe Cohäsionskraft des Schmiedeisens zu ermitteln, während er einen zweiten Theil derselben mit Eisendrähten vornahm, die zwischen zwei Stüzpunkten gespannt waren, und die er zwischen diesen Stüzpunkten je nach der Stärke des Drahtes mit verschiedenen Gewichten belastete.

Bei einigen dieser Versuche waren beide Enden der Drähte festgemacht, bei anderen hingegen nur das eine, wo dann an das andere Ende, welches über die Stüze lief, ein Gewicht angehängt wurde. Die Versuche wurden ferner bei verschiedenen Spannungen, als bei 100, 31 1/2, 140 und 900 Fuß Spannung, und auch bei verschiedenen Biegungen oder Deflectionen von 1/8 Zoll in 31 1/2 Fuß an aufwärts, |13| je nach der Länge der Drähte, und je nach den angewendeten Gewichten.“ 3)

„Die Resultate der Versuche über die directe Cohäsionskraft des Eisendrahtes enthält folgende Tabelle:

Nro. der
Versuche.
Durchschnitt des
Drathes in
Quadratzollen.
Gewicht, welches denselben
zum Brechen brachte,
in Pfunden.
Gewalt, bei welcher der
Bruch erfolgt, auf den
Quadratzoll berechnet und
in Tonnen angegeben.
1 0,00672 534 = 35,7
2 0,007854 738 = 42,0
3 0,00288 277 = 42,9
4 0,0018 157 = 38,1
5 0,007853 630 = 35,8
6 0,007854 634 = 36,1
––––––––––––––––––––
6|230,6
Mittel 38,4“

„Hiernach kann also die mittlere senkrechte Stärke eines Eisendrahtes, der nicht über 1/10 Zoll im Durchmesser hat, zu 38 1/2 Tonne per Quadratzoll angenommen werden.“

„Oberst Dufour zu Genf machte gleichfalls mehrere Versuche über die directe Cohäsionskraft des Eisendrahtes, welche, auf englische Maße und Gewichte reducirt, folgende Resultate gaben:4)

Durchmesser
in Zollen.
Durchschnitt in
Quadratzollen.
Aeußerste Stärke in
Pfunden A voir dup.
Stärke in Tonnen
per Quadratzoll
0,03346 0,000879 96 48 3/4
0,048 0,00439 413 42
0,0826 0,00537 462,89 38,4
0,108 0,00915 808,86 39
0,146 0,0167 1502 40 1/4
|14|

„Man wird hieraus bemerken, daß beiden Reihen von Versuchen zu Folge die dünneren Drähte eine größere Stärke per Quadratzoll zu besizen scheinen, als die dikeren.“

„Hr. Vicat fand die größte Stärke eines Eisendrahtes von 0,1181 im Durchmesser zu 1165 Pfund, was eine Last von 47 Tonnen auf den Quadratzoll gibt. Diese Angabe übersteigt jedoch die Resultate der übrigen, an Drähten von mehr als 1/10, Zoll im Durchmesser angestellten Versuche um so Vieles, daß sie nicht wohl als allgemeiner Maßstab angenommen werden kann. Mit Sicherheit kann man nur 38 1/2 Tonne per Quadratzoll als die äußerste Stärke bei Berechnung der Stärke dünner Drähte annehmen; dieses Maß übersteigt jedoch die Stärke eines schmiedeisernen Stabes von einem Quadratzolle weit.“

Versuche über die Stärke der Eisenstangen.

„Hr. Telford stellte in der Kettentaufabrik der HH. Brunton und Comp. auch mehrere Versuche über die directe Stärke des Schmiedeisens an. Aus 9 Versuchen, welche mit Eisen von verschiedener Güte und verschiedener Stärke gemacht wurden, ergab sich als mittleres Resultat, daß die größte Stärke einer guten schmiedeisernen Stange von 1 Zoll im Gevierte zu 29 Tonnen 5 2/3 Centner anzunehmen ist.“

„Dieses Resultat muß jedoch als zu hoch betrachtet werden, indem die Maschine, deren man sich zur Erprobung der Stärke bediente, aus einer hydraulischen Presse bestand; an der bei großem Druke bekanntlich eine starke Reibung des Kolbens an dem Stiefel der Pumpe Statt findet. Die auf die Maschine ausgeübte Kraft hat daher einen größeren Widerstand zu überwinden, als ihn die Eisenstange, welche erprobt werden soll, wirklich darbietet, so daß folglich die Kraft, welche die Maschine, als zum Zerreißen der Eisenstange erforderlich, angibt, größer ist, als deren wirkliche Stärke.“

„Eine andere Reihe von Versuchen über die Stärke der Eisenstangen und eisernen Ketten wurde in der Fabrik von Capitän Brown's eisernen Patenttauen angestellt.5) Die größte Stärke |15| einer Stange aus gutem Schmiedeisen beträgt nach diesen Versuchen 25 Tonnen,6) und die größte Stärke eines doppelten Bolzen von 1 1/2 Zoll im Durchmesser zeigte sich, nachdem derselbe in die Form der für die Taue erforderlichen Kettenglieder gebogen worden, zu 76 Tonnen. Dieß gibt also 76 Tonnen für 3 1/2 Quadratzoll oder 21 1/2 Tonne für einen Quadratzoll, so daß das Eisen durch dessen Biegung in Kettenglieder also nicht weniger als 1/6 seiner Stärke verlor.“

„Der mittlere Durchschnitt von Telford's und Capit. Brown's Versuchen gibt 27 Tonnen per Quadratzoll, was gegenwärtig auch allgemein als Richtschnur angenommen wird, wenn es sich um die größte Cohäsionskraft von gutem Schmiedeisen handelt.“

Ueber die Kraft, wodurch schmiedeiserne Stangen gestrekt werden.

„Aus den von Hrn. Telford angestellten Versuchen ergab sich, daß sich das Eisen beiläufig bei 3/4 der zum Brechen desselben nöthigen Kraft zu streken begann, und zwar bis auf 45/100. Hr. Donkin sagt in dem Berichte, welchen er der Commission, die das Haus in Betreff der Holyhead-Straße niedergesezt hatte, erstattete, daß bei den Versuchen, bei denen er gegenwärtig war, eiserne Stangen von 1 Zoll im Gevierte sich bei einer Last von 16 Tonnen zu streken begannen, was also 16/17 oder 6/10 ihrer größten Stärke beträgt.“

„Man hat gesagt, daß die Erfahrung zeigte, daß sich das Eisen bei einer Last von 10 Tonnen strekte, daß die Strekung beiläufig |16| den 1/1630sten Theil der Länge der Stange betrug, und daß das Eisen 9 Tonnen per Quadratzoll zu tragen vermag, ohne irgend eine Strekung zu erleiden. Diesem gemäß nimmt man nun auch 9 Tonnen per Quadratzoll allgemein als die Gewalt an, welche die Ketten einer Hängebrüke fortwährend aushalten können, ohne eine Beschädigung zu erleiden; die Klugheit erfordert, daß man sich bei dem Baue derselben hienach richte. Es läßt sich jedoch übrigens aus den zuerst angegebenen Versuchen, und aus der beinahe unbemerklichen Strekung, welche bei 10 Tonnen erfolgt, schließen, daß die Eisenstangen wenigstens eine Zeit lang eine Last von 12 bis 14 Tonnen ohne Nachtheil tragen können, obschon man dieselben deßwegen nicht ununterbrochen mit einer solchen Last beschweren darf.“

Stärke des gehämmerten Eisens.

„Hr. Brunel stellte einige Versuche über die Stärke des gehämmerten Eisens an. Als mittlerer Durchschnitt von zwei Reihen von Versuchen, die mit sogenanntem bestem Eisen angestellt wurden, welches in der Mitte durch das Hämmern bis auf 3/8 reducirt worden war, ergab sich eine Last von 30,6 Tonnen. Der mittlere Durchschnitt einer anderen Reihe von Versuchen, welche mit sogenanntem besten besten Eisen angestellt wurde, nachdem dasselbe in der Mitte durch Hämmern auf 1/2 im Gevierte reducirt worden, betrug 32,3 Tonnen per Quadratzoll. – Diese Resultate sind, wie sich wohl erwarten ließ, höher, als jene der zuerst angeführten Versuche; es ist aber auch allgemein bekannt, daß die Stärke des gehämmerten Eisens größer ist, als jene des ausgewalzten.“

Von der Stärke des Stahles.

„Nach Hrn. Georg Rennie's Versuchen beträgt die höchste Cohäsionskraft des Gußstahles 134,256 Pfd. per Quadratzoll. Vor einigen Jahren stellte ein deutscher Mechaniker, vor dem Baue einer Hängebrüke mit stählernen Stangen zu Wien, eine große Menge von Versuchen an, von denen in folgender Tabelle einige enthalten sind.

|17|

No. 1.

Namen des Metalles. Geringste zum Brechen
erforderliche Kraft in
Pfunden Avoir du p.
Größte zum Brechen
erforderliche Kraft in
Pfunden.
Damascener Stahl 63,055 77,303
Gußstahl 85,185 112,725
Rohstahl 109,690 113,962
Brescianer Stahl 73,758 101,334
Ausgewalztes Eisenblech,
der Länge nach geschniten
im Mittel 31,128
Do. der Quere nach geschnitten – 41,000

No. 2.

Namen des Metalles. Zum Brechen erforderliche Kraft
in Pfunden Avoir du p.
Doppelt gehämmertes Eisen 48,395
Damascener Stahl, ein Mal fein gemacht 80,000
Do. zwei Mal fein gemacht 101,490

Ueber die Stärke des Eisens nach der Quere.

„General Millar stellte im Arsenale zu Woolwich mehrere Versuche über die Stärke an, welche das Schmiedeisen nach der Quere besizt. Eine Stange schwedisches Eisen von 3 Fuß Länge und 1 Zoll im Gevierte, welche an beiden Enden unterstüzt, in der Mitte hingegen belastet wurde, bog sich bei 560 Pfunden in der Mitte um 1/4 Zoll, bei 884 Pfunden hingegen um 1/2 Zoll; nach Entfernung der Gewichte nahm sie jedoch wieder ihre frühere Form an. Das mittlere Resultat aller dieser Versuche (wie sie Barlow S. 279 angibt) lautet, daß die Elasticität einer schmiedeisernen Stange von 3 Fußlänge und 1 Zoll im Gevierte bei einer Belastung mit 1000 Pfund zerstört wird, d.h. daß sie gebogen wird, und nach der Entfernung der Last ihre frühere Gestalt nicht wieder annimmt.“

Versuche über die Deflections-Gewichte, welche ein zwischen zwei Stüzen gespannter Draht zu tragen im Stande ist.

„Die Resultate der Telford'schen Versuche über diesen Gegenstand weichen sehr von einander ab, und scheinen durchaus kein |18| bestimmtes Gesez zu befolgen, wie aus folgenden, aus denselben ausgehobenen Daten erhellen wird.“

„Ein Draht von 6/70 Zoll im Durchmesser, dessen senkrechte Stärke 561 Pfunde betrug, trug, wenn er über zwei 100 Fuß weit von einander entfernte Stüzen gespannt war, eine kurze Zeit über ein Gewicht von 116 Pfunden (wovon nämlich 56 Pfd. in der Mitte, und 30 Pfunde am vierten Theile der Länge von den Stüzen entfernt angebracht waren), worauf er dann brach. Die mittlere Biegung betrug hiebei 5 Fuß 8 3/4 Zoll oder 1/174 der Spannung.“

„Ein Draht von 6/70 Zoll im Durchmesser und 531 Pfd. senkrechter Stärke, welcher über zwei 31,5 Fuß weit von einander entfernte Stüzen gespannt war, und der in der Mitte eine Abweichung oder Biegung von 1 Fuß 10,75 Zoll (d.h. von 1/166 der Spannung) zeigte, brach, als ein Gewicht von 130 1/2 P und an dessen Mitte aufgehängt wurde.“

„Ein Draht von 1/10 Zoll Durchmesser und 630 Pfund senkrechter Stärke brach bei einer Spannung von 900 Fuß und einer Abweichung oder Biegung, die in dessen Mitte 17,34 Fuß oder 1/52 der Spannung betrug, wenn eine Last von 73 Pfunden (d.h. 17 Pfunde in der Mitte und 28 Pfunde in einer Entfernung von 1/4 der ganzen Länge von den Stüzen) daran aufgehängt wurden.“

„Es ergibt sich hiernach folgende Tabelle der Kraft, mit welcher Eisendrähte ein an ihnen aufgehängtes Gewicht zu tragen vermögen:

Abweichung oder Deflection in der Mitte,
in Theilen der Spannungslinie angegeben
Größte Aufhängekraft, in Theilen der
größten senkrechten Kraft angegeben.
1 in 17,4 1/458
1 in 16,6 1/40
1 in 52 1/863

„Hr. Telford stellte auch über das Moment, welches gespannte Drähte ohne zu brechen zu tragen vermögen, einige Versuche an. Es zeigte sich, daß ein Gewicht von 5 Pfunden, welches einer Schnur an einem Drahte von 277 Pfund senkrechter Stärke aufgehängt war, den Draht zum Brechen brachte, wenn man es plözlich 10 1/2. Fuß herabfallen ließ, so daß es ein Moment von 220 Pfunden erlangte. Ein Gewicht von 25 Pfunden, welches durch einen Raum von 7 3/4 Fuß fiel, dessen Moment also 566 1/2 Pfunde betrug, |19| zerriß einen Draht, dessen senkrechte Stärke nicht weniger als 630 Pfunde maß.“.

Vergleichung der Güte des Eisendrahtes mit jener des Stangeneisens, als Material für die Trageketten der Hängebrüken benuzt.

„Einige französische Ingenieurs scheinen den Eisendraht zum Behufe des Baues von Hängebrüken dem Stangeneisen vorzuziehen. Die Gründe, die sie für ihre Meinung anführen, sind: daß der Eisendraht stärker ist, als das Stangeneisen; daß Ketten aus Draht leichter und schneller zusammengefügt werden können, als andere Ketten; daß bei solchen Drahtbrüken leichter zu untersuchen und zu entscheiden ist, ob sie sich in gutem Zustande befinden oder nicht, und endlich, daß sich Drahtketten leichter in ihre gehörige Stellung emporheben lassen, als Ketten aus Eisenstangen.“

„Die Leichtigkeit, mit welcher sich der Draht, ohne große und schwere Maschinen dazu nöthig zu haben, und beinahe lediglich mit den gewöhnlichsten Werkzeugen bearbeiten läßt, mag dessen Benuzung unter gewissen Umständen sehr dienlich machen, so z.B. bei dem Baue kleiner Brüken oder in solchen Fällen, in welchen der Baumeister der mechanischen Hülfsmittel mehr oder weniger beraubt ist. Der Eisendraht hat jedoch auch seine großen Nachtheile, die sich hauptsächlich bei dem Baue einer großen und starken Brüke zeigen werden.“

„Erstens steht es sehr in Zweifel, daß, obschon ein einfacher Draht per Quadratzoll stärker ist, als eine Eisenstange, eine aus Drähten verfertigte Kette gleichfalls stärker ist, als eine Kette aus Stangeneisen von äquivalenten Dimensionen; und zwar wegen der Ungleichheit der Spannung in den verschiedenen Drähten, in Folge deren auf einige Drähte eine größere Gewalt kommt, als auf die anderen, so daß die wirkliche Starke der Kette also auf die Stärke einer Kette von geringerem Durchmesser reducirt wird. Dieser Ungleichheit ist schwer abzuhelfen und vorzubeugen, selbst wenn die Drähte bei der Verfertigung der Ketten in derselben Krümmung gezogen werden, die sie haben sollen, wenn sie sich an ihrer Stelle befinden.

„Zweitens werden die Drähte nothwendig schneller von dem Roste angegriffen und zerstört, indem sie eine größere Oberfläche der Einwirkung der Luft aussezen, als dieß bei Eisenstangen von gleichem Durchschnitte der Fall ist. Ein Ueberzug von Firniß kann die Drähte zwar einiger Maßen schüzen; allein auch die Eisenstangen können durch ähnliche Ueberzüge geschüzt werden, und zwar in noch höherem Grade, als die Eisendrähte.

|20|

„Drittens haben die Drähte sehr oft Krümmungen etc., die sich nur mit sehr bedeutender Gewalt ausbringen lassen,7) und ist dieß geschehen, so läßt sich nur schwer ausmitteln, ob der Draht an dieser Stelle nicht für immer eine Veränderung oder Beschädigung erlitten. Auch die langen Krümmungen, die sich so häufig an dem Drahte bilden, können selten ganz entfernt werden. Der Verfasser hat Draht von etwas weniger als 1/10 Zoll im Durchmesser (dessen größte Stärke beinahe 600 Pfunde betragen dürfte) wiederholt gespannt, ihn in der Mitte mit einem Gewichte von 130 Pfunden belastet, und dieses Gewicht dann mehrere Male auf den Draht fallen lassen, so daß eine Gewalt auf denselben ausgeübt wurde, die der zum Abreißen des Drahtes nöthigen Kraft nur wenig nachstand, und doch war er nicht im Stande dadurch die in dem Drahte befindlichen Krümmungen zu entfernen. Der Draht bricht gewiß sehr oft eher, als er seine Krümmungen verliert; und bleiben diese, so werden sie, wie klein sie auch seyn mögen, doch der Gleichheit der auf die einzelnen Drähte der Kette einwirkenden Gewalt schaden.“

„Viertens endlich ist zu bemerken, daß, obschon eine kleine Kette leicht an Ort und Stelle gebracht werden kann, dieß nicht deßwegen der Fall ist, weil sie eine Kette ist, sondern weil sie verhältnißmäßig klein und leicht ist. Eine Drahtkette von größerem Durchmesser, z.B. von 3 Zoll im Durchmesser oder darüber, wird beim Heben keineswegs leichter handzuhaben seyn, als eine Stangenkette von gleichem Durchschnitte. Leztere wird im Gegentheile die biegsamere seyn.“

„Die Biegsamkeit und die Leichtigkeit, mit welcher sich der Draht bei seiner Verarbeitung zu Ketten handhaben läßt, wurde auch bedeutend übertrieben. Hr. Vicât, der sich durch den Bau der Brüke von Argentât einige Erfahrung in der Anwendung des Drahtes erwarb, gesteht dieß selbst zu; obschon auch er dem Drahte am Ende den Vorzug einräumt. Er sagt nämlich: „Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt über die Biegsamkeit der Drahtketten beinahe ebenso zu denken, wie über jene der hanfenen Seile, und Alles, was ich über diesen Gegenstand gelesen hatte, befestigte mich so sehr in dieser Ansicht, daß ich nicht ein Mal darüber nachdachte, welche Wirkung die neuen Krümmen, die die Ketten annehmen müssen, wenn sie an Ort und Stelle emporgehoben werden, auf die gleichmäßige Spannung des Drahtes haben müssen; und doch ist diese Wirkung ungeheuer groß.“ An einer anderen Stelle sagt er, nachdem er die Mängel |21| und Nachtheile des Drahtes aufgeführt: „Es kann als ausgemacht angenommen werden, daß eine Kette, welche gehörig rund gebunden ist, dieselbe Steifigkeit besizt, wie eine Eisenstange. Eine solche Kette kann also nicht aufgewunden, und weder nach Rükwärts, noch nach Vorwärts gebogen werden; auch kann sie überdieß, wenn sie über eine gewisse Länge hat, und wenn diese Länge nicht sehr groß ist, nur schwer herumbewegt oder an ihre Stelle emporgehoben werden.“

„Wenn also Draht angewendet werden muß, so dürfte es in der That besser seyn, Glieder von 10 bis 15 Fuß Länge aus demselben zu bilden, und diese dann durch kurze Glieder aus Draht oder Eisen und durch Bolzen von großem Durchmesser mit einander zu verbinden, welche leztere man, wie es in der Beschreibung der Genfer-Brüke S. 117 angegeben ist, der größeren Leichtigkeit wegen, hohl machen kann. – Wenn man jedoch Alles gehörig erwägt, so läßt sich mit aller Gewißheit behaupten, daß sich Stangen- oder Schienen-Ketten für alle Brüken, die mehr als bloße Stege für Fußgänger seyn sollen, weit besser eignen, als Drahtketten.“

Ueber die Anwendung der Hängebrüken im Allgemeinen äußert sich Hr. Drewry folgender Maßen:

„Die Hängebrüken haben sich seit einigen Jahren so sehr vermehrt, und die Anwendung derselben ist noch fortwährend so im Zunehmen, daß es hier gewiß an seiner Stelle seyn dürfte, einige Worte der Betrachtung der Umstände zu widmen, unter welchen deren Anlage zwekmäßig ist oder nicht.“

„Die ausgezeichnetste und vorzüglichste Eigenschaft der Hängebrüken beruht auf deren vollkommener Unabhängigkeit von dem Flußbette, über welches sie gespannt sind. In Folge dieser Eigenschaft können sie nämlich selbst an solchen Orten angebracht werden, an welchen wegen der Heftigkeit der Strömung oder wegen der Höhe der Ufer, eine steinerne Brüke entweder gar nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten ausführbar ist.“

„Eine weitere sehr schäzenswerthe Eigenschaft derselben liegt in der Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit welcher sie sich erbauen lassen, so wie in der geringen Menge Material, die sie erfordern, und in der nothwendig hieraus folgenden Ersparniß. Alle diese Vortheile in Verbindung mit dem eleganten, zierlichen und leichten Aussehen der Hängebrüken verliehen denselben einen Reiz, der vielleicht so übermäßig zu werden droht, daß sie selbst an unzwekmäßigen Stellen in Anwendung zu kommen Gefahr laufen. Man sollte nicht vergessen, daß, so lange man Hängebrüken nach den bisher gebräuchlichen Verhältnissen baut, sie, wenn sie auch noch so stark sind, doch ohne Vergleich schwächer sind, als steinerne oder gußeiserne Bogenbrüken. |22| Es existirt auf der ganzen Welt noch keine Hängebrüke, welche fortwährend die Last auszuhalten im Stande wäre, die die London-Brüke täglich und stündlich zu tragen hat.“

„Eine Brüke, auf welcher ein starker und ununterbrochener Verkehr Statt findet, und auf der sich nicht nur häufig große Menschenmengen sammeln und über die nicht nur öfter Truppen marschiren, sondern welche auch der raschen Bewegung einer großen Anzahl schwerer Fuhrwerke ausgesezt ist; kurz eine Brüke in einer sehr bevölkerten und industriösen Stadt sollte nie nach dem Principe der Hängebrüken erbaut werden. Denn wollte man dieselbe nicht stärker erbauen, als unsere stärksten Kettenbrüken gegenwärtig sind, so würden sie nicht die gehörige Festigkeit besizen; und würde man ihnen andererseits eine solche Stärke geben, daß sie auch in den angegebenen Fällen mit aller Sicherheit dienen könnten, so würde deren Schwere, die Schwierigkeit die Ketten aufzuheben, und die Vermehrung des zu deren Stüze nöthigen Mauerwerkes die Kosten derselben dergestalt erhöhen, daß es sehr zweifelhaft ist, ob sie nicht eben so hoch zu stehen kämen, als eine steinerne oder eine gußeiserne Brüke. Außerdem ist aber auch noch in Anschlag zu bringen, daß eine Kettenbrüke nie die Festigkeit einer gewöhnlichen Bogenbrüke haben kann, weil dieselbe Schwingungen ausgesezt ist, deren Gesez noch nicht so bekannt ist, daß sich deren Resultate in der Praxis genau berechnen ließen, die übrigens an einer schweren Hängebrüke jedenfalls gefährlicher seyn müssen, als an einer leichten. Es bleibt daher bei dem Baue einer jeden Hängebrüke eine Aufgabe, die Brüke so leicht zu bauen, daß sie nicht durch ihre eigene Schwingung beschädigt werden kann; oder, da dieß in 10 Fällen 9 Mal nicht möglich ist, sie im Verhältnisse zu der Last, welche sie zu tragen hat, so schwer und unbeweglich zu bauen, daß sie durch diese Last nicht zu sehr erschüttert werden kann. Dieß würde jedoch bei einer Brüke, welche beständig mit so viel belastet seyn kann, als sie zu tragen vermag, nicht ausführbar seyn.“

„Für große und weite Flußbette oder Abgründe, über welche eine Passage hergestellt seyn muß, und wo sich doch selten eine große Menge von Gehenden und Fahrenden auf ein Mal einfindet, sind die Hängebrüken ganz vorzüglich geeignet, indem sie bei verhältnißmäßig geringen Kosten beinahe von jeder Spannung und jeder Höhe angebracht werden können. Es gibt eine Menge von Gegenden, in denen man bisher für schweres Geld steinerne Bogenbrüken zu bauen pflegte, obschon der in denselben getriebene Handel bei weitem nicht das Maß der Stärke überschreitet, die man den Hängebrüken verständiger Weise geben kann.“

|23|

„Als militärische Brüken sind die Hängebrüken ganz vorzüglich brauchbar; die Ketten, die Platform und selbst die Balken zur Erbauung der Tragepfeiler lassen sich leicht herschaffen. Eine vollkommene Hängebrüke dürfte in der That leichter und zwekmäßiger nachgeführt werden, als das Material zu einer Schiffbrüke; auch wäre die Errichtung dann in sehr kurzer Zeit vollbracht.“

„Zur Ueberschreitung von Abgründen in Gebirgsländern gibt es nichts Besseres als die Hängebrüken. An der St. Gotthard- und Simplon-Straße z.B. sind die Abgründe, über welche Brüken gebaut werden mußten, öfter mehrere hundert Fuß tief, und deren Abhänge so senkrecht oder überhängend, daß der Bau der steinernen Bogenbrüken mit eben so viel Mühe als Kostenaufwand verbunden war. Hier sind Hängebrüken ganz vorzüglich an ihrem Orte; um so mehr, da sie an Pässen dieser Art den Einwohnern auch in militärischer Hinsicht große Vortheile gewähren können. Durch das Herausschlagen von ein Paar Verbindungsbolzen kann nämlich eine solche Brüke sehr schnell abgebrochen werden, so daß man auf diese Weise den Feind weit leichter und schneller und ohne Zerstörung des Materiales aufhalten kann, als dieß bei steinernen Brüken möglich ist, die erst gesprengt werden müssen, und die sich, wenn sie ein Mal zerstört worden, nur sehr schwer wieder herstellen lassen.“

„Auch an den Seeküsten scheinen die Hängebrüken wegen ihres Baues sehr zwekmäßig zu seyn. Wenn die Tragepfeiler auf Pfählen ruhen, und aus einem starken aber offenen Gerüste erbaut sind, und wenn die Ketten und die Platform gehörig mit einander verbunden sind, so daß sie bei dem möglich geringsten Gewichte auch die größte Stärke und Festigkeit darbieten, und zugleich den Schwingungen gehörig widerstehen, ohne dabei so schwer zu seyn, daß sie durch die unvermeidlichen Schwingungen nothwendig Schaden leiden müssen, so darf man nicht fürchten, daß die Tragepfeiler, wenn sie sich auch mitten in der See befinden, nicht die gehörige Sicherheit darbieten möchten.“

„Was die Dauer der Hängebrüken betrifft, so kann darüber nur die Erfahrung und die Zeit entscheiden. Die Ketten werden zwar mit einer Last von 9 Tonnen per Quadratzoll probirt, und werden durch diese Last nicht gestrekt; allein hieraus folgt noch nicht, daß das Eisen auch durch eine bleibende Last von 9 Tonnen per Quadratzoll keine Veränderung erleidet. Es wäre gewiß, ein sehr interessanter und nüzlicher Versuch, wenn man Eisenstangen mehrere Jahre lang der Luft und dem Wetter bloßgegeben, d.h. unter den Umständen, in welchen sie sich an den Kettenbrüken befinden, verschiedenen Lasten von 7 Tonnen per Quadratzoll aufwärts aussezen würde. Was |24| ferner den Schuz der Ketten gegen den Rost betrifft, so sind sie zwar allerdings durch den Firniß und den Ueberzug, womit sie überstrichen werden, einiger Maßen dagegen geschüzt; dessen ungeachtet geht aber doch eine Zerstörung an denselben vor, was schon daraus erhellt, daß man sie alle Paar Jahre abkrazen und neu anstreichen muß. In welchem Grade nun diese langsame Corrosion in das Eisen eindringt, und in welchem Maße dadurch die Zähigkeit des Eisens leidet, ist noch nicht bekannt und bestimmt. Es wäre vielleicht, so lange diese Punkte durch die Erfahrung noch nicht ausgemittelt sind, am besten, den Hängebrüken eine größere Stärke zu geben, als sie gewöhnlich haben, oder alle Paar Jahre eine Stange oder einen Bolzen aus denselben zu nehmen, und dieselben wieder zu probiren, um dadurch zu erfahren, ob die Brüke ausgebessert werden muß oder nicht. So viel ist wenigstens gewiß, daß eine Hängebrüke, welche gegenwärtig 1000 Tonnen zu tragen vermag, nach 100 Jahren dieselbe Last kaum mehr zu tragen im Stande ist.

|12|

Der vollständige Titel des Werkes des Hrn. Drewry lautet folgender Maßen: A Memoir on Suspension Bridges, comprising the History of their origin and progress and of their application to civil and military purposes, etc. By. Charles Stewart Drewry, Associate Member of the Institution of Civil Engineers. London: Longman et Co.

|13|

Genaue Nachrichten und Angaben über alle diese Versuche enthält das bekannte Werk des Hrn. Barlow.

A. d. O.

|13|

Diese Angaben sind entnommen aus: Description du pont en fil de fer à Genève, par le Colonel Dufour .

A. d. O.

|14|

Die Probirmaschine, deren sich Capitän Brown bediente, ist sehr einfach und doch sehr wirksam. Sie besteht aus zwei Walzen, von denen an jedem Ende eines langen eisernen Gestelles eine in Zapfenlagern aufgezogen ist. An der Welle der einen dieser Walzen ist ein starker Hebel so festgemacht, daß er horizontal aus derselben hervorragt. Das Ende dieses Hebels steht durch ein kurzes senkrechtes Verbindungsglied mit dem kurzen Ende eines horizontalen, an einem feststehenden Mittelstifte aufgezogenen Hebels in Verbindung. Das lange Ende dieses Hebels wird belastet, und das Verhältniß zwischen beiden Hebeln ist ein solches, daß selbst ein geringes, an dem Ende des Gegenhebels angebrachtes Gewicht die Walze mit sehr großer Kraft umzudrehen trachten wird. Unten aus dem |15| Umfange der Walze ragt ein kurzer senkrechter Arm hervor, an welchen ein Stük einer Kette eingehängt wird, und an dem Ende dieser Kette wird das eine Ende der Stange, welche probirt werden soll, festgemacht, während deren anderes Ende an einem Kettenstüke befestigt wird, welches an der zweiten, an dem entgegengesezten Ende der Maschine befindlichen Walze angebracht ist. Diese zweite Walze wird, je nach der Größe der zu probirenden Stange von 2, 4 oder 6 Männern mittelst eines aus 3 Rädern und 3 Triebstöken bestehenden Räderwerkes so lange umgedreht, bis die belastete Walze so weit umgedreht worden, daß das Gewicht, womit sie belastet worden, und welches das Maß der Gewalt, der die Stange unterworfen werden soll, ausdrükt, gehörig emporgehoben wurde. An der Maschine in der Fabrik des Hr. Capit. Brown ist das Verhältniß der beiden Hebel ein solches, daß das angehängte Gewicht eine 224 Mal größere Gewalt ausübt, als es für sich ausüben würde. Das Räderwerk ist ferner so eingerichtet, daß 2 Männer eine Gewalt von 30 Tonnen auf die zu probirende Stange auszuüben im Stande sind.

A. d. O.

|15|

Die Stärke per Quadratzoll ist je nach der Größe der Stangen einigem Wechsel unterworfen. Man hat beobachtet, daß wenn eine Stange so ausgedehnt worden, daß deren Durchschnittsfläche kleiner wurde, die auf diese Weise verdünnte Stange eine größere Last per Quadratzoll zu tragen vermag, als die nicht gestrekte Stange zu tragen im Stande war. Dieß stimmt auch ganz mit dem überein, was oben von den Eisendrähten von verschiedenem Durchmesser gesagt worden. Innerhalb der Gränzen der Größe, welche man den bei Kettenbrüken gebräuchlichen Eisenstangen gewöhnlich zu geben pflegt, ist jedoch dieser Unterschied nicht bedeutend, so daß man 27 Tonnen per Quadratzoll wohl als sicheren Maßstab annehmen kann.

A. d. O.

|20|

Vicât sagt, bei Gelegenheit wo er von dem Drahte No. 18 spricht, dessen größte Stärke 1165 Pfunde beträgt, daß er manchmal 116 bis 350 Pfunde brauchte, um die Krümmungen aus demselben zu entfernen.

A. d. O.

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