Titel: Biot, über ein optisches Kennzeichen des Trauben- oder Rohrzukers.
Autor: Biot,
Fundstelle: 1833, Band 49, Nr. XII. (S. 36–45)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj049/ar049012

XII. Ueber ein optisches Kennzeichen, wodurch man sogleich erfahren kann, ob der in einem Pflanzensafte enthaltene Zuker dem Trauben- oder Rohrzuker analog ist; von Hrn. Biot.

Aus den Annales de Chimie et de Physique. Januar 1833, S. 58.

Ich habe neulich der Akademie eine Abhandlung über die kreisförmige Polarisation (polarisation circulaire) übergeben und darin bemerkt, daß der Traubenzuker die merkwürdige Eigenschaft hat, die Polarisationsebenen der leuchtenden Strahlen gegen die Linke zu wenden, |37| so lange er nicht den festen Zustand angenommen hat und sie beständig zur Rechten zu wenden, sobald er einmal in festen Zustand übergegangen ist, selbst wenn man ihn durch Auflösen in Wasser oder Alkohol wieder flüssig macht.

Verschiedene Indicien ließen mich vermuthen, daß bei dem Rohrzuker, wenn er in festen Zustand übergeht, keine so schnelle Veränderung des Molecularzustandes Statt finden dürfte, so daß er vor wie nach seinem Festwerden die Polarisationsebenen in den Pflanzensäften, worin er enthalten ist, gegen die Rechte wenden würde. Diese Vermuthung bestätigte sich auch bei meinen Versuchen vollkommen.

Der Runkelrübensaft bewirkt schon die Drehung gegen die Rechte, von dem Augenblike an, wo Man ihn auspreßt, und er wirkt beständig auf dieselbe Art bei allen Graden von Verdichtung, die man ihm geben kann, den festen Zustand inbegriffen.

Ebenso verhält es sich mit dem Safte, welcher aus der Pastinake, der Stekrübe und der Möhre ausgepreßt wird, in welchen die Chemiker auch schon vor langer Zeit einen größeren oder geringeren Gehalt an Rohrzuker nachgewiesen haben. Dieselbe Zukerart hat bekanntlich Hr. Wittstock, ein deutscher Chemiker, in dem Eibisch entdekt. Die HH. Boutron und Pelouze, welche gemeinschaftlich eine Untersuchung dieser Wurzel anstellten, erhielten daraus schon bei der bloßen Behandlung mit kaltem Wasser einen süßen Syrup, dessen Drehungsrichtung sie kennen zu lernen wünschten. Sie beobachteten dieselbe mit mir, und diese Richtung zeigte sich ebenfalls gegen die Rechte, daher das fragliche Product dem Rohrzuker analog ist, wie es auch Hr. Wittstock angab.

Es ist also ausgemacht, daß die Umkehrung ihres Zustandes im Augenblike des Festwerdens dieser besonderen Zukerart eigenthümlich ist, man mag sie nun aus Trauben, Aepfeln, Birnen oder vielen anderen Vegetabilien, worin sie enthalten ist, ausziehen; die Drehung gegen die Linke zeigt folglich bei einem Pflanzensafte an, daß er Traubenzuker, und die Drehung gegen die Rechte, daß er Rohrzuker enthalten kann. Diese beiden Erscheinungen deuten übrigens nur einen möglichen Fall an und geben keine Gewißheit, weil die Drehung gegen die Rechte sowohl als gegen die Linke noch durch eine Menge verschiedenartiger Substanzen veranlaßt werden kann; man lernt durch sie aber wenigstens, welche Zukerart man in einem Pflanzensafte, nach der Richtung seiner Drehkraft, aufsuchen muß.

Abgesehen von diesem Resultate, haben mir die besprochenen Versuche mehrere andere Erscheinungen dargeboten, welche die Chemiker, die Zukerfabrikanten und die Oekonomen interessiren können. Ich will sie in Kürze angeben.

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Es war der Saft der Gartenpastinake (pastinaca sativa), bei dem ich sie beobachtete. Dieser Saft zeigt sich, wenn er aus der zerriebenen Wurzel frisch ausgepreßt ist, klebrig und zähe wie derjenige von Eibisch. Versucht man ihn aber durch graues Filtrirpapier zu filtriren, so geht er doch zum Theil durch und gibt eine klare Flüssigkeit von gelblicher Farbe. Diese Flüssigkeit zeigte sich in einer 160 Millimeter langen Röhre von einer sehr dunklen röthlichen Orangefarbe und verursachte eine Drehung gegen die Rechte gleich 3°,25, was 2°,72 für die Drehung des äußersten Roth gibt. Diese Abweichung entspricht nur drei Procent Rohrzuker, in der Flüssigkeit aufgelöst.10) Nun fanden aber die Chemiker, welche den Saft der Pastinake analysirten, darin viel mehr Zuker. Daraus mußte ich schließen, daß nur der am wenigsten zukerhaltige Theil durch das Filter gegangen war, während der übrige Zuker in der klebrigen Flüssigkeit zurükblieb, welcher vielleicht eine gewisse Menge Pflanzeneiweiß ihre Klebrigkeit ertheilte. Ich kochte den Saft einen Augenblik, um dieses Eiweiß zum Gerinnen zu bringen; und in der That schied sich davon sogleich ein Schaum ab, den ich beseitigte, worauf die Flüssigkeit auch ganz klar war, vollkommen klar sich filtrirte und in derselben Röhre von 160 Millimeter Länge beobachtet, immer eine Drehung gegen die Rechte zeigte, jezt aber von 13°,20 für das äußerste Roth, was nicht mehr 3, sondern 14 Procent in Wasser aufgelösten Rohrzukers entspricht.

So viel Zuker fand aber Hr. Drapier in dem Safte der Pastinake nicht und es ist nicht einmal ausgemacht, daß aller Zuker, den er fand, krystallisirbarer Rohrzuker war. Ich vermuthete nun, daß ein Theil dieser Wirkung durch, das Freiwerden der Substanz |39| hervorgebracht wurde, welche ich mit Hrn. Persoz Dextrin genannt habe; sie befindet sich im Inneren der Stärkmehlkörner, und müßte hier durch das Sieden aus denselben ausgeschieden worden seyn; dieß ist um so wahrscheinlicher, weil der Pastinakensaft eine sehr beträchtliche Menge freier Säure enthält, womit sie also in Berührung ist, und durch die sie aus ihren Hülsen frei geworden seyn kann, gerade so wie wenn man Kartoffelstärkmehl mit verdünnter Schwefelsäure in Berührung bringt. Von dieser Analogie geleitet, suchte ich, das Dextrin aus diesem Safte auszuscheiden; ich fällte es nämlich mit Alkohol, |40| süßte es mit derselben Flüssigkeit gut aus, löste es dann in Wasser auf und beobachtete seine Drehung. Die ersten beiden Eigenschaften hat es mit den natürlichen Gummiarten gemein, durch leztere aber unterscheidet es sich von denselben; da die Gummiarten die Polarisationsebenen gegen die Linke ablenken, während das Dextrin sie gegen die Rechte mit großer Energie wendet. In lezterer Richtung wirkte auch der abgeschiedene Niederschlag, woraus sich also ergab, daß derselbe Dextrin war, weil keine bisher bekannte Substanz die chemischen und physischen Eigenschaften vereinigt, die ich ihr oben beigelegt habe. Uebrigens will ich nicht behaupten, daß diese Substanz genau mit derjenigen identisch ist, welche das Kartoffelstärkmehl enthält: diese Identität ist ein wichtiger Punkt der Pflanzenorganisation, den ich später noch weiter untersuchen will.

Dadurch erklärte sich die große Zunahme der Drehkraft, welche die Flüssigkeit zeigte, nachdem diese Substanz in Freiheit gesezt war; da sie in dem Pastinaksafte aber auch in Berührung mit einer Säure ist, so muß ein langer fortgeseztes Sieden sie natürlich in zukerigen Syrup verwandeln, wie dieses nach den Versuchen, die ich mit Hrn. Persoz anstellte, geschieht, wenn man das Dextrin mit verdünnter Schwefelsäure kocht. Ob unser Syrup nun, sey es an und für sich oder durch den Einfluß des ihm beigemengten Rohrzukers, zu krystallisirbarem oder unkrystallisirbarem Zuker erstarren muß, können wir noch nicht sagen. Sehr wahrscheinlich wird man ein Gemenge von krystallisirbarem mit unkrystallisirbarem Zuker erhalten.

Der Saft der weißen Rübe zeigte mir ähnliche Wirkungen. Dieser Saft wurde, nachdem er kalt ausgepreßt worden war, in zwei Theile getheilt, wovon der erste bloß durch weißes Papier filtrirt wurde, ohne daß man ihn erhizte, der andere aber vorher einen Augenblik gekocht wurde. Aus lezterem schied sich wie aus dem Pastinakensafte eine sehr beträchtliche Menge eines eiweißartigen Schaumes ab, den man ebenfalls vor dem Filtriren beseitigte. Der gekochte Theil bewirkte eine Drehung gegen die Rechte, welche genau zwei Mal so groß war, als bei dem ungekochten Safte und deren absolute Intensität vier Procent Rohrzukergehalt entsprach. Die Flüssigkeit gab aber bei der Behandlung mit Alkohol einen beträchtlichen Niederschlag, welcher sich in Wasser augenbliklich wieder auflöste, wie das Dextrin, was mir die plözliche Zunahme der Drehung nach dem Kochen genügend zu erklären schien. Ich habe hier jedoch nicht wie bei der Pastinake die Drehung dieses Niederschlages direct beobachtet, sondern sie nur nach der Kraftzunahme beurtheilt, welche er der Flüssigkeit mitgetheilt hatte. Ich kann daher nicht positiv |41| behaupten, daß dieser Niederschlag Dextrin war, obgleich diese Folgerung unendlich wahrscheinlich ist.

Der Saft der Stekrübe bietet analoge Erscheinungen dar. Wenn man ihn durch bloßen Druk auspreßt und durch Papier filtrirt, so übt der Theil, welcher durchgeht, in einer Röhre von 160 Millimeter gar keine merkliche Drehung aus; kocht man ihn aber mit dem Fleische, so erhält man eine Flüssigkeit, zur Rechten wendet, was auch mit der Natur des Rohrzukers, den er enthalten soll, übereinstimmt.

Diese Beobachtungen leiteten mich nothwendig darauf, den Runkelrübensaft denselben Versuchen zu unterziehen, denn die Kenntniß der unbedeutendsten Eigenschaften dieses Saftes und besonders sein Gehalt an Substanzen, welche unkrystallisirbaren Zuker geben können, sind für die Fabrikanten von der höchsten Wichtigkeit. In der That hat man über diesen Gegenstand einen sehr delicaten Versuch, welcher zu beweisen scheint, daß der Runkelrübensaft keinen unkrystallisirbaren Zuker enthält, sondern bloß Rohrzuker im Verhältnisse von ungefähr zehn Procent des Gewichts der Wurzel. Dieser Versuch wurde von Hrn. Pelouze angestellt; derselbe überzeugte sich zuerst, daß der Alkohol der Runkelrübe keine bemerkliche Menge Zukerstoff entzieht, woraus hervorgehen würde, daß sie keinen unkrystallisirbaren, dem Traubenzuker ähnlichen Zuker enthält, weil ein solcher sich in dem Alkohol auflösen müßte; und da sie offenbar krystallisirbaren Rohrzuker enthält, so mußte Hr. Pelouze folgern, daß nur dieser leztere Zuker darin vorkommt. Es war daher nur noch seine Quantität zu bestimmen. Dazu ließ er ein gegebenes Gewicht Runkelrübensaft gähren und maß die Menge absoluten Alkohols, welche er lieferte. Er berechnete dann hieraus den Zukergehalt und stellte auch wirklich eine wässerige Auflösung von Rohrzuker dar, welche genau dasselbe Product an Alkohol gab und das Gewicht des Zukers, der erforderlich war, um diese Gleichheit herzustellen, gab ihm nun den Zukergehalt in der Rübe an, der sich auf diese Art zu ungefähr zehn Procent herstellte: über dieses Resultat mußten sich natürlich die Fabrikanten sehr verwundern, und es konnte ihnen zur Aneiferung dienen, da sie ungeachtet aller Sorgfalt bei ihren Operationen aus den Runkelrüben nicht mehr als fünf oder sechs Procent Zuker erhalten. Der Vergleich, welchen Hr. Pelouze anstellt, sezt voraus, daß der unkrystallisirbare Traubenzuker in der Flüssigkeit, was er auch bewiesen hat, nicht vorhanden ist, und daß also alles Uebrige, was gährt, nothwendig krystallisirbarer Zuker ist. Nun ist diese Nothwendigkeit aber nicht absolut, weil wir jezt das Dextrin für sich dargestellt haben und seine chemischen Eigenschaften studiren konnten; |42| denn es gährt ebenfalls, und verwandelt sich unter dem Einflusse der Säuren auch in eine zukerige Substanz; der Alkohol kann es aber nicht auflösen und in diesen geht es daher auch nicht über. Um eine genaue Analyse des Runkelrüben-Saftes zu erhalten, wodurch sich allein die Fabrikation des Zukers daraus gehörig erklären läßt, muß man daher auch wissen, ob diese Substanz darin vorkommt oder nicht.

Ich maß zuerst öfters und mit großer Sorgfalt die Intensität der Drehung, welche von dem frisch ausgepreßten Safte der weißen Runkelrübe hervorgebracht wird. Wenn ich ihn sogleich nach dem Auspressen vornahm, konnte ich sie durch eine Röhre von 160 Millimeter Länge vollkommen beobachten. Die Abweichung gegen die Rechte betrug für das äußerste Roth bisweilen 10°, manchmal 12°,6 je nach den angewandten Wurzeln; dieß entspricht einem Rohrzukergehalte von eilf und vierzehn Procent. Der obere Theil und die Seiten der Wurzel, die weniger reif waren, als ihre Mitte, schienen mir etwas geringhaltiger, im Verhältnisse von neun zu zehn. Die angewandten Rüben kamen von einem Felde, welches ich mit 90,000 Kilogr. Mist per Hectar hatte düngen lassen, und das 54,000 Kilogr. Wurzeln lieferte, was eine beträchtliche Ernte ist, aber noch nicht die stärkste, welche sich, wie man sagt, erzielen läßt. Der große Gehalt an zukeriger Substanz, welchen die Intensität der Drehung angab, bestätigt die Bemerkung des Hrn. Pelouze, daß reichlicher Dünger den Zukerstoffgehalt dieser Wurzel nicht vermindert, obgleich er, wie man glaubt, auf, die Leichtigkeit ihrer Aufbewahrung Einfluß haben kann: vielleicht, hat die auffallend trokene und warme Witterung während eines Theils des Sommers auch dazu beigetragen, ihren Zukerstoffgehalt zu vermehren.

Ich mußte darin nun noch das Dextrin aufsuchen. Als ich zu diesem Ende den Saft mit Alkohol behandelte, schied sich daraus ein weißer, dem Dextrin ähnlicher Niederschlag ab, der auch wie dieses sich in Wasser vollständig wieder auflöste. Es war dieß kein Pflanzeneiweiß, denn er gerann in der Hize nicht; es war auch kein Gummi, denn er lenkte die Polarisationsebenen nicht gegen die Linke ab; aber auch kein Dextrin, weil er sie nicht gegen die Rechte ablenkte. Derselbe war mit einem Worte absolut unwirksam. Der filtrirte und dann durch thierische Kohle entfärbte Runkelrüben-Saft scheint mit der Zeit ein ähnliches Product, ohne Dazwischenkunft des Alkohols, zu geben. Ich habe noch nicht bestimmt, ob es sich durch bloße Absonderung oder durch Zersezung bildet; dessen ungeachtet scheinen die Beobachtungen, welche ich bisher machen konnte, für erstens zu sprechen. Denn der übrige Saft, welchem dieses Product entzogen ist, behält eine Drehkraft in der Richtung des Zukers bei; und so viel ich in diesen |43| nebeligen Tagen ausmitteln konnte, ist die Intensität seiner Wirkung nicht geschwächt. Man sollte die Natur dieses Productes untersuchen, dessen Bildung oder bloße Gegenwart in dem Runkelrüben-Safte nothwendig unsere Zukerfabrikanten interessiren muß, weil es auf ihre Operationen Einfluß haben kann.

Es wäre auch von Wichtigkeit, genau den Gehalt der Gartenpastinake an krystallisirbarem Rohrzuker zu bestimmen, so wie die Menge krystallisirbarer oder nicht krystallisirbarer zukeriger Substanz, welche man mit dem in dieser Wurzel enthaltenen Dextrin hervorbringen kann, so wie es mit dem Dextrin des Kartoffel-Starkmehles geschieht. Dieß müßte die Zukerfabriken interessiren, welche unter zwei bedeutenden commerciellen Schwierigkeiten leiden: die erste ist, daß sie nur einige Monate lang nach der Ernte noch mit Vortheil arbeiten können, weil der Zuker sich in den Rüben immer mehr zu verändern scheint, je mehr sich der Frühling nähert; die zweite ist, daß diese Ernte nothwendig mit derjenigen der Saat zusammenfällt, so daß zu dieser Zeit die Herbeischaffung der nöthigen Anzahl von Oekonomiepferden kostspielig und schwierig wird. Könnte man die Pastinake mit einigem Vortheile auf die beiden Zukerarten, welche sie enthält, verarbeiten, so hätte man, da sie die Kälte unserer Winter vollkommen verträgt, den doppelten Vortheil, daß man die Arbeiten der Zukerfabrikation länger als bei der Runkelrübe hinausschieben und außerdem sie immer leicht, und mit wenig Kosten einsammeln könnte, nämlich gerade zu einer Zeit, wo die Oekonomiepferde am wenigsten beschäftigt sind. Um diese Frage zu lösen, müßte man genau die Kosten des Anbaues der Pastinake, so wie die Menge und Natur der Zukerarten, welche sie enthält, bestimmen: beides ist leicht, und könnte zu nüzlichen Folgerungen führen.

Da das Dextrin in den Wurzeln durch das Kochen frei wird, so scheint es mir auch in Betrachtung gezogen werden zu müssen, wenn man ihre nährenden Eigenschaften vergleicht. Unter den Versuchen, welche über diesen Gegenstand angestellt wurden, scheinen mir diejenigen des Hrn. Mathieu de Dombasles mit der größten Umsicht unternommen zu seyn; man findet sie in einem der lezten Bände der Annales de Roville beschrieben. Dieser gelehrte Oekonom beschränkte sich nicht darauf, wie man es bisher fast immer gethan hat, Thiere mit einer einzigen Art von Nahrungsmittel zu nähren, um dessen nährende Kraft nach dem zu ihrem Unterhalte erforderlichen Gewicht zu schäzen. Er besaß zu viel Erfahrung in der Landwirthschaft, als daß er nicht gewußt hätte, daß keine Substanz gut nährt, wenn sie den Thieren beständig und allein gereicht wird, und wenn sie sogar auf diese Art lange Zeit das Leben erhalten kann. Er vertheilte die Thiere, welche er zu seinen Versuchen bestimmte, in mehrere Abtheilungen und |44| brachte zuerst jedes auf einen constanten und permanenten Gewichtszustand, indem er sie mit geeigneten gewöhnlichen Nahrungsmitteln, aber von verschiedener Art, fütterte; er entzog ihnen dann ein bekanntes Gewicht von diesen Nahrungsmitteln, zum Beispiel trokenem Luzernerklee, und ersezte ihn durch diese oder jene Art von Wurzeln, wovon er die Dosis allmählich vermehrte oder verminderte, bis jedes Thier auf sein anfängliches Gewicht zurükkam und sich darauf erhielt. Aus der Vergleichung der so äquivalenten Quantitäten ergab sich das Verhältniß ihrer Nahrungskraft unter den dabei befolgten Bedingungen. Nach den Resultaten, welche Hr. von Dombasles auf diese Art bei den Schafen erhielt, schienen ihm die Möhren als Futter einen weil niedrigeren Rang einzunehmen, als die Oekonomen ihnen allgemein beilegen, und als man selbst nach den Erfahrungen derjenigen glauben sollte, die sie zum Füttern der Pferde benuzten, bei denen sie das Korn ersezen können. Man muß aber bemerken, daß Hr. von Dombasles seineu Schafen die Mohren roh gab; und nach dem was ich weiter oben gesagt habe, wird alsdann nur ein kleiner Theil von der inneren Substanz der Starkmehlkörner unmittelbar durch das Kauen entblößt. Der Rest muß durch Kochen in Freiheit gesezt werden. Nun wäre aber nach den Versuchen von Leuwenhoek diese Substanz allein nährend. Es ist möglich, daß der Magen des Pferdes Kraft genug hat, um sie aus ihren Hülsen frei zu machen, und daß der Magen des Schafes einer solchen Anstrengung unfähig ist, oder wenigstens es nur unvollständig thut. Dieselbe Wurzel wird dann in rohem Zustande für die verschiedenen Thierclassen ungleich nährend seyn. Man ersieht hieraus, daß die Versuche des Hrn. von Dombasles mit gekochten Wurzeln wiederholt werden müßten; sie könnten alsdann ganz andere Resultate geben. Aus diesen Betrachtungen kann man aber folgern, daß in Uebereinstimmung mit der allgemeinen Praxis der flämischen Oekonomen, zum Füttern der Thiere die gekochten Wurzeln den rohen vorgezogen zu werden verdienen, weil das Kochen die Hülsen des Zellengewebes zerreißt oder erweicht, welche die nährende, gummiartig aussehende Substanz, die ich mit Hrn. Persoz Dextrin nenne, enthalten; Hr. Raspail hat zuerst die Existenz dieser Substanz dargethan und die Art, wie sie in den Pflanzengeweben enthalten ist, genau beschrieben. Diese Anwendungen werden vielleicht als sehr unerwartete Folgerungen aus obigen Versuchen erscheinen. Aber jede wissenschaftliche Thatsache kann, wenn, es oft auch erst spät geschieht, eine nüzliche Anwendung finden. Eine mikroskopische Beobachtung, eine optische Eigenschaft, welche anfangs nur merkwürdig und abstract scheint, kann später für die Landwirthschaft und Gewerbe wichtig werden.

|45|

Anmerkung.

Als Hr. Raspail die Eigenschaften, welche die innere Substanz der Stärkmehlkörner von ihrer rindenförmigen Hülse unterscheiden, bekannt machte, nannte Hr. Chevreul diese Substanz Amidine und die Hülse Amidin. Nun hatte aber schon Hr. Th. v. Saussure eine besondere Stärkmehlart, die durch eine freiwillige Veränderung der inneren Substanz der Stärkmehlkörner entsteht, wenn sie unter Wasser bleiben, Amidine genannt. Um der Verwechslung zu begegnen, welche diese doppelte Benennung veranlassen könnte, glaubten wir, Hr. Persoz und ich, dieselbe ändern zu müssen, nachdem wir die innere Substanz in hinreichender Menge isolirt hatten, um alle ihre Eigenschaften zu studiren, und wir nannten sie Dextrin, weil sie die Eigenschaft hat, die Polarisationsebenen gegen die Rechte des Beobachters zu wenden, und zwar in höherem Grade als jede bisher bekannte organische Substanz.

|38|

Da ich von dieser Inductionsweise öfters Gebrauch machen muß, so ist es nöthig, daß ich das Princip angebe, worauf sie beruht.

In meiner Abhandlung über die kreisförmige Polarisation, wovon wir hier eine Anwendung machen, maß ich die Drehung, welche den Polarisationsebenen der leuchtenden Strahlen mitgetheilt wird, unmittelbar durch mehrere Auflösungen von Rohrzuker in destillirtem Wasser, die ich in bestimmten Verhältnissen bereitet hatte. Aus diesen Elementen und der bekannten Dichtigkeit der Auflösungen berechnete ich, nach theoretischen Principien, die in meiner Abhandlung entwikelt sind, die absolute Drehkraft der Rohrzukermolecule unter der Dike eines Millimeters und für eine Dichtigkeit, die ich zur Einheit nahm; ich konnte nun für jede andere Zukerauflösung, deren Dichtigkeit und Zusammensezung bekannt war, den Bogen der Drehung berechnen, die sie jedem einfachen Strahle, von welcher Art er sey, mittheilt. Auf diese Art habe ich die folgende Tabelle hergestellt, worin die Dichtigkeit der Auflösungen nach der Interpolationsmethode aus denjenigen, welche ich beobachtet habe, abgeleitet sind. Die Berechnungen sind für die besondere Art von rothen Strahlen in der Nahe, des äußersten Roth gemacht, welche durch das mittelst Kupfer Oxyduls roth gefärbte Glas hindurchgehen. Es ist dieß diejenige Glassorte, welche die Physiker bei ihren optischen Untersuchungen gewöhnlich anwenden, um durch Transmission erwärmende Strahlen, die genau unter sich vergleichbar sind, zu erhalten.

|39|

Tabelle über die Drehungen, welche der Polarisationsebene eines und desselben rothen Strahles durch verschiedene Proportionen von Rohrzuker ertheilt werden, die in destillirtem Wasser aufgelöst sind, und die man durch eine stets gleiche Dike von 160 Millimeter beobachtet.

Antheil von Kandiszuker
in der Gewichtseinheit
der Auflösung.
Dichtigkeit der Auflösung,
die des destillirten kalten
Wassers als 1 angenommen.
Drehungsbogen, welcher
von der Polarisationsebene
des rothen Strahles durch eine
Dike von 160 M. M.
beschrieben wird.
0,01 1,004 0°,888
0,02 1,008 1°,783
0,03 1,012 2,684
0,04 1,016 3,393
0,05 1,020 4,509
0,06 1,024 5,432
0,07 1,028 6,363
0,08 1,032 7,300
0,09 1,036 8,244
0,10 1,040 9,196
0,11 1,045 10,153
0,12 1,049 11,128
0,13 1,053 12,104
0,14 1,057 13,087
0,15 1,062 14,079
0,25 1,105 24,413
0,50 1,231 54,450
0,65 1,311 75,394

Die Drehungsbögen sind in Sexagesimalgraden und Decimalbrüchen dieser Grade ausgedrükt. Die drei lezten Zeilen enthalten die Verhältnisse, bei denen die Beobachtungen über die Drehung und die Dichtigkeit gemacht wurden. Die correspondirenden Drehungen sind aus dem mittleren beobachteten Resultate abgeleitet. Die anderen Dichtigkeiten sind aus Interpolationen, welche durch die drei lezteren angegeben werden, abgeleitet, und nachdem dieses, einzige Element so erhalten war, konnte das Uebrige durch eine genaue Berechnung gefunden werden. Der geringe Einfluß, welchen Verschiedenheiten in der Dichtigkeit bei sehr schwachem Zukergehalte auf den Drehungsbogen haben, läßt mich daß diese Tabelle sich nirgends merklich von der Wahrheit entfernen wird. Man ersieht aus ihr sogleich den Rohrzukergehalt, der jeder beobachteten Drehung entspricht, vorausgesezt, daß diese Drehung durch eine wässerige Zukerauflösung bewirkt wird. Die Dichtigkeiten gelten auch nur für diesen Fall. Diese Tabelle zeigt auch, daß die Drehung, die durch ein Procent Zuker hervorgebracht wird, bei der optischen Beobachtung nicht leicht entgehen kann, selbst wenn man die Dike auf 160 Millimeter beschränkt, wie es bei den berechneten Bögen vorausgesezt ist.

A. d. O.

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