Titel: Dr. Reichenbach über das Naphthalin und Paranaphthalin.
Autor: Reichenbach, Karl
Fundstelle: 1833, Band 49, Nr. XL. (S. 203–219)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj049/ar049040

XL. Ueber das Naphthalin des Hrn. Laurent und das Paranaphthalin des Herrn Dumas; von Dr. Reichenbach zu Blansko in Mähren.

In mehrere deutsche Zeitschriften, darunter auch in dieses polytechnische Journal, erstes Februarheft 1833, ist eine Abhandlung von Herrn Dumas über das Naphthalin aus dem Journ. de Chimie et de Physique übergegangen, worin sich dieser mehrere Male auf einen Aufsaz von mir über denselben Gegenstand bezieht, den ich im Band LXI. p. 175 des Schweigger'schen Jahrbuchs der Chemie bekannt gemacht habe.

Unsere beiderseitigen Untersuchungen haben uns über einige Punkte zu verschiedenen Ansichten geführt, und indem Herr Dumas die Seinige entwikelt, drükt er sich über die Meinige mit folgenden Worten aus:

Reichenbach hat aus seinen eigenen Untersuchungen einen ganz entgegengesezten Schluß gezogen; man erkennt aber bei Prüfung seiner Arbeit, daß die meisten der von ihm erhaltenen Resultate einer Revision bedürfen, da ihm die Mittel zur Entdekung der Gegenwart des Naphthalins, in den von ihm vergebens darauf geprüften, öhliger Flüssigkeiten unbekannt waren.“

Daß Herr Dumas meine Arbeit wirklich einer Prüfung unterworfen habe, wie er sich ausdrükt, muß ich bei aller großen Achtung, die ich für die Verdienste dieses ausgezeichneten Naturforschers hege, in der That bezweifeln; sie müßte denn mit jener liebenswürdigen französischen Leichtigkeit vollzogen worden seyn, die der deutschen Literatur nicht selten bei unsern westlichen Nachbarn zu Theil wird, und die es ihnen häufig nicht zuläßt, bis zu dem eigentlichen Sinn unserer Schriften einzudringen; denn sonst würde Herr |204| Dumas schwerlich öffentlich in versammelter Akademie mir Unwissenheiten zur Last gelegt haben, die dießmal wenigstens, in der That schwerlich auf meiner, sondern eher auf seiner Seite sich zeigen dürften, wie man sogleich sehen wird.

Die Meinungsverschiedenheit, durch welche er mich auf die Defensive sezt, besteht wesentlich darin, daß Herr Dumas das Naphtalin für einen in der Steinkohle präexistirenden Stoff ansieht, ich dagegen es für ein Product der trokenen Destillation etc. halte.

Den Beleg für die Wahrscheinlichkeit, daß die Steinkohlen Naphthalin enthalten, entnimmt er aus einer Arbeit des Herrn Laurent, seines Eleven, bei welcher dieser Naphthalin im Steinkohlentheer gefunden hat, während ich unter bestimmten Umständen keines darin gewahr werden könnte. Der Grund soll nun darin liegen, daß ich mit den Mitteln zur Entdekung des Naphthalins unbekannt gewesen, und meine Angaben einer Revision bedürftig seyen. Ich habe mich keiner anderen Mittel bedient, als der einzig bisher bekannten, welche die Engländer angeben, und einiger von mir ausgefundenen. Frage ich nun aber, welches denn jene mir unbekannten Mittel zur Darstellung des Naphthalins aus Steinkohlentheer eigentlich seyen, so bestehen sie sämmtlich: 1) in Anwendung von 10° C. Kälte; 2) in einigem Alter des Theers, um der Einwirkung atmosphärischen Sauerstoffes Zeit zu gewähren, und 3) Durchführung von Chlorgas durch das Theeröhl.

Was die beiden ersten betrifft, so habe ich Steinkohlentheeröhl, das im Winter 1830 zu diesen Untersuchungen mit besonderer Sorgfalt bereitet worden, jezt 2 1/2, Jahre altern, und den ganzen Winter 1832 der Kälte ausgesezt seyn lassen, die nicht bloß auf – 10°, sondern oftmals unter – 20° fiel. Naphthalin aber hat sich keines darin auskrystallisirt, und der Inhalt der Flaschen, den ich öfters untersuchte, blieb zu allen Zeiten vollkommen klar und flüssig.

Dann habe ich Chlorgas durch dasselbe Theeröhl streichen lassen, wie es die französische Vorschrift angibt, nämlich 4 Tage lang hinfort, darauf habe ich es mit Wasser mehrere Male ausgewaschen, dann destillirt und das Destillat in zwei Hälften abgenommen; den Theer habe ich zwar sich verdunkeln und verdiken sehen, aber die Bildung von Naphthalin ist vollkommen ausgeblieben. Ich habe dann beide in eine Kältemischung gebracht, wobei nach Herrn Laurent schon bei + 5° C. sich Naphthalin hätte auskrystallisiren sollen; dieß geschah aber nicht nur nicht in dieser Temperatur, sondern auch nicht bei den angegebenen – 10° C. Um Alles zu erschöpfen, steigerte ich die Kälte bis auf – 22° C., die mehrere Stunden andauerte; aber auch dieß vergeblich, das Oehl blieb durchaus |205| frei von Naphthalinkrystallen. Die Angaben der Herren Dumas und Laurent haben sich auf allen diesen Wegen nicht bestätigt. Es hat sich im Theere weder präexistirendes Naphthalin, von dem Steinkohlen abstammend, noch auch durch Oxydation oder Decomposition des Theeres mittelst Chlor erzeugtes Naphthalin darin ergeben. In demjenigen Steinkohlentheer also, den ich anwandte, ist auch mit den angeblich neuen Mitteln des Herrn Dumas kein Naphthalin zu finden. Wie aber ist es möglich, daß ein so tiefer Kenner der Chemie, wie Herr Dumas, es über sich nehmen kann, unter die einfachen Zerlegungsmittel des Theeres mächtige Agentien wie Jahre lang einwirkenden Sauerstoff und das Chlor aufzunehmen, Stoffe, die direct nur als die stärksten Zersezungsmittel eingreifen? Wie kann man Zerlegung und Zersezung für gleichbedeutend, und in solcher Verwechselung zur Waffe in einer Controverse gebrauchen? Und zwar nicht etwa um einen schon anerkannten vorhandenen Körper abzuscheiden, sondern um erst für sein bestrittenes und unwahrscheinliches Vorhandenseyn in der Theermischung einen Beweis aufzustellen. Gesezt, Sauerstoff und Chlorgasanwendung lieferte aus Theer wirklich Naphthalin (wie sie es aber nicht thun), könnte Herr Dumas dasselbe wirklich im Ernste und mit gutem Gewissen mir, ohne andere empyrische Stüze, als Educte entgegen halten wollen?

Zum Glük bedarf es dessen allen nicht. Ich habe, um Herrn Dumas zu widerlegen, gar nicht ein Mal nöthig, an der Richtigkeit seiner Beobachtung zu zweifeln, daß er in der That Naphthalin aus seinem Steinkohlentheer unmittelbar gezogen habe, selbst ohne Anwendung von Chlor etc. Aber was war dieß für ein Theer? Hätte der geniale Franzose meine Abhandlung wirklich gelesen, geprüft wie er sagt, hätte er weniger von seinem Talente sich fortreißen als von der Geduld sich fesseln lassen, so würde er gefunden haben, daß zwischen Theer und Theer ein Unterschied ist, und daß Heere, je nachdem sie aus glühenden Gefäßen oder aus nicht glühenden mit bloßer Verkohlungshize kommen, eine himmelweit verschiedene chemische Zusammensezung haben. Und diese Verschiedenheit betrifft gerade am allerstärksten den Gehalt an Naphthalin, der auf der einen Seite überaus groß ausfallen, auf der anderen Seite bis auf Nichts herabsinken kann. Hierüber sagt Herr Laurent wie Herr Dumas kein Wort. Man erfahrt aus Ihren Aufsäzen mit keiner Andeutung, ob der Theer eigens und rein bereitet worden, oder ob es Steinkohlentheer von den gewöhnlichen Gasbeleuchtungen sey. Ist er von den großen Etablissements bei den Abbattoirs du Faubourg Montmartre, die ich selbst sah, so schließt er alle |206| Bedingungen zu einem reichlichen Naphthalingehalt ein. Die Frage über die Beschaffenheit seines Theeres läßt sich indessen mit ziemlicher Zuverlässigkeit voraus beantworten. Wäre es Theer, der mit allen den Vorrichtungen und Cautelen besonders bereitet worden wäre, um ihn und seine Dämpfe aus der Retorte so herauszubringen, daß er nirgends glühende Wände berührt, in keinem Stadium seiner Bildung die eigentliche Verkohlungshize überschritten, nirgends Verrußungseinwirkung erlitten hätte, mit Einem Worte, ein reines unversehrtes Product der trokenen Destillation constituirte, wie ich dieß in meiner erwähnten Abhandlung umständlich auseinander gesezt habe, so hätte dieses Veranstaltungen und Umständlichkeiten erfordert, von denen die Verfasser gewißlich Meldung gemacht, und die sie nicht stillschweigend übergangen haben würden, auch nicht hätten übergehen können, weil sie in diesem Falle gewußt hätten, daß sie wesentlich zur Sache gehören und dabei von entscheidendem Einflusse sind. Sie sagen aber kein Wort davon, und beweisen eben damit, daß sie meine Abhandlung nicht nur nicht geprüft, sondern daß sie sie nicht ein Mal recht gelesen haben, aber doch, auf gut Französisch, genug davon zu wissen glauben, um sie für unbrauchbar zu erklären. Während nun das Gesagte einen negativen Beweis abgibt, so fehlt es andererseits auch nicht an einem positiven, denn es findet sich in Herrn Laurent's eigenen Angaben schon ein Schlüssel, der aufmacht. Er sagt nämlich (Poggendorff's Annal. 1832, Heft VI, Seite 377 u. 378), daß er aus seinem Theer bei der Destillation nicht ganz die Hälfte Theeröhl gewonnen habe, das Uebrige fester Rükstand geblieben sey, den er unter einer Steigerung der Hize bis zum fast jedesmaligen Zerspringen des Retortenhalses ausdestillirt habe. Ein reiner Verkohlungstheer gibt aber nicht weniger als die Hälfte, sondern weit mehr als die Hälfte Theeröhl, nämlich ungefähr 70 Proc. und kaum 30 Proc. festen Rükstand; solcher Theer aber, welcher in hoher Glühhize, wie bei den Gaslichtanstalten, in immerfort glühenden eisernen Röhren erzeugt wird, enthält eine große Ueberladung von schwarzem Pech und Ruß, und gibt deßhalb bei der Destillation kaum die Hälfte Theeröhl. Offenbar war also Herrn Laurent's Theer, in Uebereinstimmung mit seinen eigenen Angaben, solches unreines Material, und folglich ganz natürlich reich an bei der Verkohlung durch Verrußung gebildeten Naphthalin, wie ich dieß ebenfalls in meiner Abhandlung im Schweigger'schen Jahrbuche 1831, Heft II. das Nähere auseinander gesezt habe. Der Grund, warum es Herrn Laurent nach seinem eigenen Geständnisse (a. a. O. S. 378) nicht immer gelungen, aus jedem Steinkohlentheer durch Erkältung |207| Naphthalin darzustellen, liegt nicht, wie er meint, darin, daß der Theer nicht alt genug, nicht lange genug der Luft ausgesezt gewesen ist, sondern in dem ungleichen Gange der Verkohlungen in den Gaslichtretorten, die bald stärker, bald schwächer glühen, je nachdem geheizt, je nachdem gefüllt und ausgeleert, oder ruhig fortgefeuert wird. Die dabei obwaltende ungleiche Temperatur, der verschiedene Feuchtigkeitszustand der angewandten Steinkohle, der Unterschied der Arbeiter, deren jeder seine Retorten mehr oder minder stark in Gluth erhält, schneller oder langsamer arbeitet etc., sind lauter Umstände, die einen sehr verschiedenen Naphthalingehalt bedingen. Dazu kommt dann noch, daß die verschieden zusammengesezten Oehle, nach ihren ebenso verschiedenen specifischen Gewichten in den Vorlagen sich ablagern, und der obere Theer immer eine andere Zusammensezung hat, als der unten liegende. Wir haben uns demnach gar nicht zu wundern, und ich habe es nicht zu bestreiten, daß Herr Laurent und Dumas Naphthalin in ihrem Theer gefunden, es ist darin vielmehr eine ganz normale Erscheinung. Es beweist für die Behauptung, daß Naphthalin in Steinkohlen präexistire, nicht nur nichts, sondern die Unwahrscheinlichkeit davon besteht ungeschwächt mit derselben Stärke, mit der ich sie aufgestellt habe, fort. Unbekanntschaft mit der Sache fällt mir nicht nur nicht zur Last, sondern sie fällt vielmehr dieß Mal auf Herrn Dumas selbst zurük, der meinen Aufsaz über diesen Gegenstand nicht gründlich kannte. Und eine Revision meiner Arbeit kann nach dem, was Herr Dumas Neues, aber Irriges, aufgestellt, so wenig Statt finden, daß vielmehr umgekehrt seine Arbeit einer Revision, und zwar nach meinen Erläuterungen, nöthig hat. Sie muß darin bestehen, daß er sich erst einen reinen Theer verschafft, der mit sorgfältiger und gewissenhafter Abhaltung aller die bloße Verkohlung überschreitende Hize erzeugt worden ist, und dann erst seine Versuche von Vorn beginnt. Wird er hiebei nur Wahrheit suchen, so wird er sich leicht von der Genauigkeit meiner Angaben überzeugen; wird er aber Recht haben wollen, so braucht er bloß die Verkohlungshize etwas über die nöthigen Gränzen zu steigern, und die Bildung neuen Naphthalins wird ihm nicht ausbleiben. Dann wäre jeder weitere Streit hierüber unnüz und zweklos.

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Fassen wir nun die Frage, ob Naphthalin in den Steinkohlen fertig gebunden vorhanden sey oder nicht, für sich in's Auge, so hat Herr Dumas vielleicht Recht, wenn er sagt: „daß sie im absoluten Sinne schwerlich gelöst werden könne;“ so lange wenigstens, als es noch an einem directen Reagens auf Naphthalin fehlen wird. |208| Nichts desto weniger berechtigen uns die Erfahrungen, zu dem Besiz wir bis jezt vorgerükt sind, zu Aufstellung von großen Wahrscheinlichkeiten, die den Ansichten des Herrn Dumas durchaus nicht günstig sind. Wenn man Steinkohlentheer erlangen will, welches frei von solchem Naphthalin seyn soll, das ein Product der Verkohlung und der Verrußung ist, so muß man mit vieler Vorsicht zu Werke gehen. Die Verkohlungsgefäße dürfen durchaus nicht in's Glühen kommen, und da dieß, um die Ladung der Retorte bis in die Mitte hinein zu verkohlen, bei Steinkohlen am Ende doch unvermeidlich ist, so muß man den überdestillirten Theer unterbrochen auffangen, so daß man nämlich die Vorlagen von Zeit zu Zeit wechselt und nur jenes Theeres sich bedient, der sicherlich früher überging, als die Retorte zu glühen anfing. Gegen das Ende, wo Glühhize eintritt, bildet sich dann immer einiges Naphthalin, und zwar meist in der Verlarvung des sogenannten Paranaphthalins, das sich dann unter den sämmtlichen Theer mischt, und ihn ohne Unterschied naphthalinhaltig macht, wenn man nicht zuvor die naphthalinfreien Theerabtheilungen geborgen hätte. Ich ging dabei immer so zu Werke, daß ich Steinkohlen in einer geräumigen Glasretorte in ein Sandbad sezte, und dann aus einer gußeisernen Kapelle destillirte, die ich nie glühend werden ließ. So lange ich so verfuhr, erhielt ich immer Theer, der aus Eupion, Kreosot, Pikamar, Paraffie, Moder, Schwefel u.s.w. zusammengesezt war, aber lediglich kein Naphthalin enthielt; sobald ich aber über diese Schranken hinausging, könnte ich im Theere das Auftreten des Naphthalins nachweisen, das sich dann später durch feine Blumen im Retortenhals zu erkennen gibt. – Man könnte hier vielleicht einwenden, daß das Naphthalin erst in jener höheren Hize Gasform annehme, folglich früher nicht habe übergehen können, sondern sich nur in der Retorte angehäuft habe, um bei eintretender Glühhize überzugehen. Dieß ist aber keineswegs der Fall. Denn erstens ist das Naphthalin flüchtig genug, um nach Herrn Dumas's eigenen Ansichten gleich – „mit der ersten Fraction der Theerdestillation rein überzugehen,“ – wobei natürlich noch bei weitem von keiner Glühhize die Rede seyn kann, welche überhaupt bei der Theerdestillation auch in dem lezten Stadium nicht in Anwendung kommt, folglich kein Grund vorhanden, an dem Uebergange desselben mit dem Theere aus der Verkohlung vor Eintritt des Glühens zu zweifeln; zweitens ist die Steigerung der Hize bis zum Glühen der Gefäße bekanntlich nicht eben der Verkohlung an sich wegen nothwendig, da diese noch ein ziemliches unterhalb der Glühhize schon eintritt, sondern darum, weil die sich in der Berührung mit der Retorte zuerst verkohlenden Steinkohlen |209| zerschmelzen, zusammenbaken, und dann eitle feste Kruste um die übrige noch unverkohlte Steinkohlenmasse bilden, welche ein so schlechter Wärmeleiter ist, daß die Hize in das Innere der Masse nicht hineinzudringen vermag, wenn man die äußeren Umhüllungen nicht auf einen solchen Grad der Hize hinauftreibt, daß nicht nur die Retorte, sondern auch die Kohlenkruste, welche die Anhäufung der Hize in den Retortenwänden verursacht, selbst bis zum Glühen gebracht wird. Dann aber ist die Periode da, und die Umstände sind gegeben, wo sich nicht sowohl Naphthalin entwikelt als vielmehr erst bildet, und zwar aus den Dämpfen der inneren eingehüllten, nun erst zur Verkohlung gelangenden Steinkohle. Wäre das Naphthalin, wie Herr Dumas es ansieht, in den Steinkohlen präexistent, oder wäre es auch nur ein Product der rein verstandenen Verkohlung für sich; so müßte es gleich mit den ersten Theerdämpfen, dem Product der Verkohlung der außen lagernden Steinkohle, die lange vor Eintritt der Glühhize verkohlte, übergehen, kraft der Flüssigkeit des Naphthalins, und in Uebereinstimmung mit der eigenen Erfahrung des Herrn Dumas am Theeröhl, zu Folge welcher es ja bei der bloßen Destillationshize des Theeröhls willig übergeht, die sogar weit unter der Verkohlungshize liegt, von der Glühhize aber in großer Ferne absteht.

Es gibt aber noch eine andere Betrachtung, welche die Wahrscheinlichkeit, daß das Naphthalin in der Steinkohle präexistire, tief herabstimmt und weit in Hintergrund rükt. Die Steinkohle kann man nämlich, wenn sie gleich Kohle heißt, durchaus nicht als eine Kohle betrachten. Sie ist eine Kohlen-Wasserstoffverbindung, und als solche dem Gagat, Asphalt, Bernstein, sofort den Harzen, dem Holze, der Fleischfaser, ohne allen Vergleich näher gelegen, als der ihrer chemischen Constitution nach weit davon entfernten eigentlichen Kohle. Sie verträgt so wenig einige Hize, daß sie darin vielmehr gewöhnlich zerschmilzt, dann bäkt u.s.w., und hat mit dieser nichts gemein als die schwarze Farbe. Hätte man sie neu zu benennen, so würde man sie gewiß statt Steinkohle eher Steinholz heißen, mit dem sie ungefähr auf gleicher Stufe chemischer Constitution steht. In meiner frühern Abhandlung habe ich gezeigt, daß man aus Holztheer und aus Thiertheer Naphthalin eben so leicht bereiten könne, wie aus Steinkohlentheer, so wie man ihre Dämpfe durch glühende Röhren leitet. Nun wird aber Niemand versucht seyn, anzunehmen, daß dieses Naphthalin im Buchenholz oder im Pferdefleisch präexistent sey, welche doch in Beziehung auf dieses auf derselben Stufe stehen, wie die Steinkohle. Ich habe ferner dort auseinander gesezt, wie man aus Alkohol, Aether, Steinöhl direct zu Naphthalin |210| durch Verrußung gelangt, und neuerlich eine Bestätigung meiner Ansichten aus Gelegenheit meiner Abhandlung über das Kreosot mitgetheilt, – Stoffe, welche doch wohl alle frei von Naphthalin angenommen werden müssen, und wovon die beiden ersteren wenigstens über allen Verdacht erhaben sind. – In allen diesen Fällen aber ohne Ausnahme, war zu Bildung des Naphthalins die Einwirkung einer bedeutend hohen Temperatur nothwendig, welche stets das Mühen ersteigen mußte, wobei das Rothglühen nur schwache und erst das Weißglühen eine kräftig produktive Wirkung that. Erwägt man nun, daß die Steinkohle, eine durch Wärme so leicht veränderliche Kohlen-Wasserstoffverbindung, durchaus eine hohe Temperatur ohne Veränderung nicht verträgt, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß sie im Schooße der Erde weder während ihrer Entstehung noch die lange Zeit ihres Bestandes über jemals in irgend einer bedeutend hohen Temperatur sich befunden habe, geschweige in einer solchen Hize, wie wir sie nach unseren jezigen Erfahrungen zur Bildung des Naphthalins nothwendig wissen. Die Muthmaßung also daß die Steinkohle fertiges Naphthalin enthalte, ist nach dem jezigen Stande der Wissenschaft, und so lange keine anderen bessere Beweise aufgefunden worden, nicht nur ohne alle Wahrscheinlichkeit ohne allen Halt, sondern auch gegen alle Analogie.

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Herr Dumas äußert, daß die Frage der Präexistenz des Naphthalins für die Geologie ein hohes Interesse habe, und glaubt, da man daraus Licht zur Schäzung des Drukes und der ursprüngliche Temperatur der verschiedenen bituminösen Produkte schöpfen werde drükt aber nicht näher aus, in welcher Art. Handelte es sich nun um den Gewinn einer neuen Mineralspezies, so sezen die Geognosten in den Besiz einiger Fossilien mehr oder weniger, vordersamt bekanntlich sehr wenig Werth. Handelte es sich aber um den Wärmegrad, den die Steinkohlen muthmaßlich bei ihrer Bildung besessen haben, so sieht man aus meinen Zusammenstellungen, daß die Meinung des Herrn Dumas in diagonalem Widerspruch mit de chemischen Constitution der Kohlen-Wasserstoffverbindung steht, die wir Steinkohle nennen. In dem Maße der Wärme, das diese Verbindung verträgt, und das wir kennen, besizen die Geologen eine festen Anhaltpunkt zu einer Folgerung, zu der nämlich, daß jene ursprüngliche Temperatur keine sehr hohe gewesen seyn könne; selbst wenn man auch einen bedeutend höhern Luftdruk zulassen will, was mit ihrer vegetabilen Abkunft jedoch bis auf einen gewissen Grad unvereinbar ist. Bei der von mir dargethanen Thatsache aber, daß das Naphthalin zu seiner Bildung einer weit höheren Temperatur |211| bedarf, als die Existenz der Steinkohle als solche zuläßt, würden die Geologen, weit entfernt, Licht aus der Annahme von der Präexistenz des Naphthalins in ihr mit Herrn Dumas zu schöpfen, vielmehr in Widersprüche zwischen der Natur und dem Experiment gerathen. Denn augenscheinlich kann die Steinkohle nicht zugleich mit einer hohen Temperatur unverträglich, dann aber wieder aus Erzeugnissen einer solchen wesentlich zusammengesezt seyn. Die Geologen würden also in Verwirrung kommen, und nicht Licht, sondern Verfinsterung schöpfen.

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Die Abhandlung des Herrn Laurent fangt gleich in der ersten Linie mit einer Unrichtigkeit an. Er sagt darin, daß Kidd der Entdeker des Naphthalins sey. Die Gerechtigkeit gebietet aber, daß man Garden in dieser Ehre schüze, die ihm gebührt. Im Jahre 1820 legte dieser die ersten Nachrichten davon im XV. Bd. der philosophischen Annalen S. 74 nieder. Thomson beschäftigte sich dann damit, und machte Mittheilungen davon im XVI. Band S. 85. Erst im Jahre 1821 stellte Dr. Kidd Versuche damit an, die er in dem Philos. Transact. von demselben Jahre P. 2 bekannt machte. Es ist also ganz ungenau, lezteren als Entdeker zu bezeichnen, welcher vielmehr Garden ist, wie alle Engländer anerkennen, und auch Berzelius in seinem Lehrbuche und L. Gmelin in seinem Handbuche angeben.

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In dem Eding. new philos. Journ. Octbr. 1832, und aus diesem im Schweigger'schen Jahrbuche Bd. LXVI. Heft 1 und 2, E. 104 von 1832 findet sich eine Notiz über das Naphthalin von A. Connel, welche hieher einigen Bezug hat. Man hätte ihm aus einer langen eisernen Röhre, die früher zu einem Oehlgasapparat gehörte, nun aber einige Jahre unbenuzt an der Luft gelegen hätte, weiße Krystalle mit einer schwarzen pechartigen Masse vermengt gebracht. Die Röhre hätte früher zu Verbindung des Gasometers mit der Retorte gedient, in welcher abwechselnd Fischthran und Palmöhl verkohlt worden. Die weißen Krystalle wiesen sich als Naphthalin aus. – Dieß wäre eine Bestätigung meiner Angaben, daß Naphthalin nicht bloß aus Steinkohlen bereitet werden könne, sondern auch aus andern Kohlen-Wasserstoffverbindungen, und zwar hier aus Fischthran und Palmöhl. Herr Connel geht nun auf Muthmaßungen über die Entstehungsweise dieses Naphthalins über, und entscheidet sich für die Meinung, daß es nicht während der Destillation gebildet, sondern erst später durch freiwillige Zersezung des Oehltheeres unter Mitwirkung der Luft entstanden sey. Er schließt |212| sich hierin der Ansicht des Herrn Laurent an, und glaubt, daß ich in meinen Versuchen aus Steinkohlentheer darum kein Naphthalin erhalten habe, weil mein Theer zu jung gewesen sey.

Dieser Ansicht kann ich nicht beitreten. Denn erstens ist mein Theer inzwischen alt geworden, nämlich fast drittehalb Jahr alt, und hat in dieser Zeit, obwohl ein Theil nur mit Papier bedekt war, kein Naphthalin gewonnen. Zweitens ist die Erscheinung von Naphthalin aus einer glühenden Retorte, worein Fett gebracht worden, nicht nur nichts Befremdendes, sondern sie ist nach dem, was ich vom Thieröhl, Holzöhl u.s.w. dargethan habe, chemisch gesezlich und nothwendig, und könnte nicht ausbleiben. Endlich aber ist auch der Umstand, daß man diese Krystalle nach mehreren Jahren, wo sie als Naphthalin längst hätten sollen verdunstet seyn, vorfand, nicht so räthselhaft, als es auf den ersten Anblik scheinen möchte. In einer langen Röhre nämlich stagnirt die Luft ganz ungemein, wenn sie nicht durch besondere Sollicitationen zum Zuge bestimmt wird. Ein Beispiel habe ich so eben vor Augen; es sind jezt neun Monate verflossen, seit ich Kreosot durch glühende Röhren geleitet habe, wobei sie sich innen mit Naphthalinkrystallen auskleideten, und obgleich die Röhren von Porcellan ganz kurz sind, und an offener Luft liegen, so sind gleichwohl die Krystalle zur Stunde noch nicht alle verschwunden, was gewiß über Nacht vollbracht gewesen wäre, wären sie auf einer flachen Schale gelegen. Einen anderen Fall habe ich beobachtet, der noch näher liegt. Ich ließ in ein offenes sogenanntes Zukerglas, mit 4 Zoll weiter Mündung, unreines Naphthalin sammeln, um es nachher durch Sublimation zu reinigen. Zufällig gerieth es in Vergessenheit, und blieb 3 Jahre lang bloß mit einem einfachen Papier zugedekt stehen. Als man es wieder aufnahm, war zu meiner Verwunderung nur ein kleiner Theil des Naphthalins verdunstet, die größere Menge aber unter dem Schuze einer schwachen etwas fettigen Staubdeke ruhig im Glase geblieben. Offenbar hätte sich ganz auf gleiche Weise das Naphthalin des Hrn. Connel erhalten, und die ganze Erscheinung schließt also nichts in sich, was nach dem, was wir bereits über diesen Gegenstand wissen, noch problematisch wäre, oder was zur Unterstüzung der Ansichten der HH. Dumas und Laurent dienen könnte.

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Was endlich das Paranaphthalin des Hrn. Dumas betrifft, so thut es mir leid, das Bekenntniß ablegen zu müssen, daß ich auch hierin seinen Ansichten nicht völlig beipflichten kann. Ich besize diesen Stoff schon seit 1829, und obwohl an ihm Verschiedenheiten |213| vom Naphthalin mir auffielen, so vermochte ich doch keine solchen darunter zu erkennen, die bei der übrigen großen Uebereinstimmung desselben mit dem gewöhnlichen Naphthalin mir entscheidend genug erschienen wären, um mich zu einer Trennung des Erstem von Lezterm für genugsam berechtigt zu halten. Die Elementar-Analyse, die Herr Dumas nun damit vorgenommen, und bei der er Naphthalin und Paranaphthalin qualitativ und quantitativ aus gleichen Bestandtheilen zusammengesezt gefunden hat, kann der Zurükhaltung nur einen Rechtfertigungsgrund weiter zufügen, vermöge deren ich es nicht über mich gewinnen konnte, das Auftreten damit als mit einem neuen Stoffe zu wagen, was ich mehrere Jahre vor Hrn. Dumas hätte thun können. Es ist sehr leicht und geschwind geschehen, nach einigen schnellen Versuchen die Wissenschaft mit einem angeblich neuen Stoffe zu beladen; sie aber wieder davon zu reinigen eben so schwer, und man sollte daher sehr mit Vorsicht und Umsicht zu Werke gehen, ehe man der ganzen menschlichen Gesellschaft einen möglichen Irrthum hingibt. Doch der Leser mag nach dem, was ich hierüber zu bemerken habe, selbst urtheilen.

Das Paranaphthalin erscheint bei der trokenen Destillation immer erst dann, wenn die Retorte ein Mal im Glühen sich befindet, anfangs schwach, wenn aber das Glühen voll und die Verkohlung der Steinkohlenladung im lezten Stadium ist, in reichlicher Menge. Es erscheint in Gemeinschaft mit einem fettigen Stoffe, mit einem gelben Stoffe, mit einem dikflüssigen Oehle und mit Paraffin, und bildet eine griesige, citronengelbe Masse, die schon im Retortenhalse hängen bleibt, ja ihn, wenn man sie nicht schmilzt, bisweilen zustopft. Das Oehl kann man theils schon durchs Filter, leicht aber durch scharfes Auspressen zwischen Fließpapier entfernen. Die weitere Behandlung habe ich weniger schwierig gefunden, als Hr. D. sie beschreibt. Es löst sich nämlich die ganze trokene Masse ohne Anstand in siedendem Alkohol, selbst in bloßem siedendem Weingeist von 0,82, nur muß man nicht zu wenig dazu nehmen, die Substanz vorher möglichst zerkleinern und namentlich das Sieden längere Zeit und unter beständigem Umrühren fortsezen. Bei der Abkühlung fällt das sogenannte Paranaphthalin größten Theils krystallinisch wieder nieder, dagegen nicht bloß der Rest von Oehl, sondern auch die größere Menge des gelben Stoffes gelöst bleibt. Das Niederfallende ist bedeutend blässer gelb und der Alkohol goldgelb geworden. Wiederholt man diese Auflösung einige Mal mit frischem Alkohol, oder destillirt man nach Hrn. Dumas den Körper für sich, so wird er bald ganz farblos, erscheint aus Alkohol in weißen, blätterig federigen Krystallen, bei der Sublimation in durchsichtigen Tafeln, und in der Retorte bleibt ein schwacher rothbrauner Rükstand.

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Was nun hiebei nicht fehlen kann, das erräth man leicht, wenn man sich meiner Angaben über das Paraffin erinnert. Es kann nämlich nicht ausbleiben, daß, falls man sich auch auf diesem Wege des gelben Stoffes gänzlich entledigt hätte, dennoch das Paraffin auf der ganzen Fahrt der stete Begleiter des sogenannten Paranaphthalins hat seyn und bleiben müssen. Denn die Farbe, Krystallisirbarkeit, die Schwerlöslichkeit in Alkohol etc. theilt es alle ganz so, wie Hr. Dumas es in seinem neuen Stoffe angibt. Allein damit hat es noch nicht sein Bewenden; auch der gelbe Stoff, wenn gleich er auf seine Farbe verzichtete, weicht auf diesem Wege noch nicht vollständig. Ich hätte eine Abtheilung davon im September v. J. mit mir nach Wien genommen, und sie verschiedenen Personen, namentlich Hrn. Heinrich Rose gezeigt, ohne jedoch der Naturforscherversammlung daselbst darüber einen Vortrag zu machen. Sie war damals schneeweiß, als ich sie aber nachher einige Monate am Lichte hätte stehen lassen, war sie im verschlossenen Glase allmählich wieder gelb geworden. Dem gelben Stoffe kommt nämlich die Eigenschaft zu mit der Zeit zu dunkeln. Seitdem habe ich sie noch mehrere Male in Alkohol aufgelöst, die gelbe Farbe blieb so gänzlich in diesem zurük, daß die Krystalle bläulichweiß niederfielen; dennoch, an die Sonnenstrahlen gebracht, gelbten sie in Kurzem wieder auf der ganzen Oberfläche. Es war also sichtbarlich außer dem Paraffin auch das Princip des gelben Stoffes noch in der Substanz des Paranaphthalins eingewoben, und zwar in einer Weise, in welcher seine gelbe Farbe verlarvt war, also in einer chemischen Verbindung. Meine Untersuchungen über diesen gelben Stoff, mit dem ich mich schon verschiedentlich beschäftigt habe, sind noch nicht vollendet, ich kann also damit noch nicht hervortreten, werde es aber späterhin thun, falls nicht die Thätigkeit eines Anderen mir hierin zuvorkommt. Aber so viel kann ich hier schon aussprechen, was auch jeder bereits sehen muß, daß Hrn. Dumas's Paranaphthalin dem vollen Verdacht bloß steht, ein zusammengesezter Körper zu seyn, aus gelbem Stoffe, Paraffin und einer dritten Substanz, – von welch lezterer meines Dafürhaltens wenig Hoffnung übrig ist, daß sie etwas anderes sey, als gewöhnliches Naphthalin, wie aus dem Folgenden erhellen wird.

Hr. Dumas sagt selbst, daß er sich bis jezt von seinem Paranaphthalin eine so geringe Menge zu verschaffen im Stande gewesen sey, daß sie ihm nicht erlaubt habe, sein Atomengewicht zu bestimmen. In einer so heikligen, gar so leicht zu Selbsttäuschung führenden Sache, fehlte es ihm also schon vor Allem an der zu einer seltsamen Prüfung und gründlichen Untersuchung unentbehrlichen Menge. Sie ist aber nicht sehr schwer zu erlangen, denn sie bildet sich bei |215| der Steinkohlenverkohlung ziemlich reichlich; ich besaß davon wohl schon ein ganzes Pfund; dann sagt er an einer anderen Stelle wörtlich:

„Concentrirte Schwefelsäure bildet damit eine schmuziggrüne Farbe, die wahrscheinlich von geringen Spuren der orangefarbenen Materie herrührt, welche das Paranaphthalin stets begleitet.“

Er räumt eine innige Verbindung mit dem gelben Stoffe selbst ein, und hat also niemals einen reinen Körper behandelt, ihn aber gleichwohl isomer mit dem Naphthalin gefunden. Brachte ich die Substanz in Schwefelsäure, so wurde sie davon unter Färbung der Säure, wenn es wenig war, ganz aufgenommen; brachte ich aber viel hinein, und erwärmte die Säure, so entwikelte sie eine Oehlhaut und beim Erkalten könnte ich einen gestokten Reif abnehmen, der sich bei näherer Untersuchung als reines weißes Paraffin auswies. Zu dieser Beobachtung könnte Hr. Dumas nicht gelangen, einerseits weil ihm, wie es scheint, die Existenz des Paraffins noch unbekannt geblieben, andererseits weil er eine zu geringe Menge Substanz sich verschafft hätte, um zur Abscheidung des Paraffins mittelst Schwefelsäure genug zu haben. – Die Gegenwart des Paraffins folgt also nicht bloß aus der Theorie, sondern sie ist auch experimental nachgewiesen; die Gegenwart des gelben Stoffes hat Hr. Dumas selbst eingeräumt; die Beweise für die Nichteinfachheit sind also vollständig.

In ihren physischen Eigenschaften fand ich die Substanz, je länger ich mit ihr umging, desto mehr sich dem Naphthalin nähern. Anfänglich hätte ich eine Freude an ihr und bearbeitete sie mit Liebhaberei, weil ich mir die Ehre einer hübschen neuen Entdekung davon versprach. Ihre Krystalle waren prachtvoll citronengelb mit einem ganz herrlichen Schimmer; sie war viel schwerlöslicher im Weingeist als Naphthalin, viel strengflüssiger, verkohlte sich statt zu sublimiren u.s.w. Allein als ich sie mehrere Male durch Alkohol genommen, verschwand die gelbe Farbe stufenweise, sie ward allmählich weiß, die Löslichkeit in Alkohol nahm zu, die Strengflüssigkeit ab, die Siedhize näherte sich immer mehr der des Naphthalins, und zur Verkohlung auf dem Platinlöffel, die nun immer kleinere Kohlreste lieferte, gesellte sich endlich ein Sublimat von glänzend weißen Flitterchen, die wie ein Schnee in der Luft umherflogen, und an dargebotene kalte Körper sich krystallinisch anlegten, – ganz die Erscheinungen, die das gewöhnliche Naphthalin charakterisiren. Schmolz ich die Substanz, so irisirte sie mit derselben Lebhaftigkeit, die das Naphthalin in diesem Zustande auszeichnet; beim Erstarren befolgte sie ganz dieselben Geseze der starken Zusammenziehung, der krystallinisch blätterigen Textur, einer gewissen eigenthümlichen Raschheit der Verbreitung der Krystallisation im Beginn ihres Eintrittes durch die ganze Masse, |216| des Glanzes der Oberflächen, der auffallenden Porosität, über die sich schon Thomson 1821 beklagte, des Grades der Härte, Geschmaklosigkeit, Durchsichtigkeit u.s.w., kurz Alles wie gemeines Naphthalin, ausgenommen den starken Geruch und die Farblosigkeit. Das allerreinste Paranaphthalin, das schneeweiß auskrystallisirt war, ward beim Einschmelzen wieder etwas schmuzig farbig, und der Geruch war bei reinen Proben sehr schwach – aber entschieden naphthalinig, bei unreineren fast verschwunden. Hr. Dumas thut des Geruches, des Geschmakes und der Farbe in seiner Abhandlung keiner Erwähnung (warum nun wohl?). Als ich endlich das specifische Gewicht zu Rathe zog, könnte ich durchaus zu keinem Unterschied zwischen Naphthalin und Paranaphthalin gelangen. Beide waren schwerer als Wasser. Das Naphthalin hat Ure mit einem spec. Gewicht von 1,048 angegeben. Die Wägungen, auf denen diese Angabe beruht, sind aber sicherlich mangelhaft, und rühren her von den zahllosen Rissen und innerlichen Höhlungen, welche dasselbe beim Erstarren unvermeidlich annimmt. Nach einigen sorgfältigen Wägungen, die ich damit auf einem Nicholson vorgenommen habe, fand ich ein reines, durchsichtiges und farblos geschmolzenes Naphthalin, das ich selbst aus Buchenholztheer bereitet, und worin ich die Höhlungen alle so ausgebohrt habe, daß ich sie mit Wasser füllen könnte, im spec. Gewicht = 1,153. Diese Zahl wird der Wahrheit ziemlich nahe kommen, dennoch ist auch sie noch nicht gänzlich genau, und wird mit der Zeit in der zweiten und dritten Decimale vielleicht noch Berichtigungen erleiden. Das angebliche Paranaphthalin aus Steinkohle aber ergab mir ein Gewicht von 1,147, beide bei 18° C. gemessen. Hr. Dumas gibt auch kein spec. Gewicht an. Hier ist der Unterschied in den Eigengewichten zwischen beiden Naphthalinen ganz gewiß kleiner, als der Unterschied der beiderseitigen Reinheiten und Porositäten von der Erstarrung, und kann also mit vollem Rechte außer Betracht gelassen werden, so daß also auch das specifische Gewicht für die Identität beider Substanzen nur einen Beweis mehr aufstellt.

Eine Prüfung der chemischen Eigenschaften gibt keine günstigeren Resultate. Krystalle von sogenanntem Paranaphthalin, welche ich durch oftmalige Auflösung im Alkohol ganz weiß bekommen, dann aber sublimirt in schönen Blattchen aus dem Retortenhalse gezogen, also einer doppelten Reinigung unterzogen hätte und die meines Erachtens ziemlich ihres Paraffins entledigt seyn mochten, da sie schon die einem reinen Naphthalin eigene Sprödigkeit zeigten – unterwarf ich neben reinem Naphthalin, das ich aus Holztheer mittelst Verrußung dargestellt hätte, einer Anzahl vergleichender Versuche, wovon ich hier einige anführen will.

|217|

Schwefelsäure von 1,850 greift kalt reines Naphthalin nicht sogleich an; ich hätte es schon eine Stunde lang darin liegen lassen, ehe ich eine schwache Bräunung der Säure gewahr ward, während das Naphthalin ganz weiß darin umherschwamm. Nach einigen Tagen aber ward es allmählich aufgezehrt und die Säure schwarzbraun. – Paranaphthalin, welches mit Alkohol gereinigt worden, wurde hellgrün beim Einbringen der Säure; die Farbe ging aber nach mehreren Stunden in Dunkelgrün uns zulezt in Schwarz über. Paranaphthalin von der Sublimation ward sogleich schmuziggrün, wie dieß auch Hr. Dumas angibt, nach einigen Stunden aber ebenfalls und eben so schwarz wie jene beiden. Grün entsteht bekanntlich nicht bloß aus Blau und Gelb, sondern in manchen Fällen auch aus Schwarz und Gelb, und ist die grüne Erscheinung hiebei ganz klar, indem die Schwefelsäure durch vermittelnde Oxydation in dem Paranaphthalin das gelbe Princip gelb, das Naphthalin schwarz macht, und so die temporäre grüne Erscheinung bewirkt.

Salpetersäure greift kalt das reine Naphthalin gar nicht an. – Paranaphthalin aus Alkohol ebenfalls nicht. – Paranaphthalin von der Sublimation aber entwikelte damit schnell rothes Oehl, das erst mit rother Farbe aufgelöst wurde, dann aber ins Grünliche überging, das Paranaphthalin außerdem blieb aber unangegriffen, wie das reine Naphthalin. Es wurde also von der Säure bloß eine anhängende öhlige Substanz angegriffen und aufgelöst, das darin enthaltene Naphthalin aber unversehrt gelassen.

Salzsäure wirkte weder auf das Naphthalin noch auf das Paranaphthalin.

Essigsäure und Kleesäure, beide concentrirt, lösen kalt weder das Eine noch das Andere.

Kalilauge in concentrirtem Zustande, wirkt weder kalt noch siedend auf beide.

Weingeist löst kalt beide langsam und gleichzeitig auf.

Aether löst beide rapid auf.

Kohlensulfurid ebenfalls beide mit großer Raschheit.

Olivenöhl kalt beide, Paranaphthalin etwas langsam.

Terpenthinöhl löst kalt beide.

Eupion beide ziemlich gleich schnell.

Kreosot beide allmählich.

Pikamar beide gleich langsam.

Kurz es fand ein beständiger Parallelismus Statt, und wo die geringste Divergenz eintrat, lenkten beide Stoffe durch Beweise von dem Zusammengeseztseyn des Paranaphthalins alsbald wieder in die gemeinschaftliche Bahn ein.

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Der Umstand, daß Hr. Dumas aus den ersten Fractionen seines Theeröhls Naphthalin, aus den lezten aber Paranaphthalin zog, eignet sich zu keiner Einwendung gegen die aus meinen Betrachtungen hervorgehenden Folgerungen. Denn die Bestandtheile des Theers sind nach meinen Untersuchungen ungleich flüchtig; Eupion u.a. ist leichtflüchtig, Paraffin aber schwerflüchtig, der gelbe Stoff aber am schwerflüchtigsten. Das Naphthalin, das theilweise mit den erstem überging, war noch frei von den lezteren, und könnte als solches leicht rein dargestellt werden, wogegen das mit den lezteren übergehende die zu Täuschungen führende Verbindung mit ihnen einging.

Unter solchen Umständen, ich bekenne es, verlor ich den Muth, die Substanz als einen neuen Stoff auf die Schaubühne der Welt zu stellen. Wenn ihm gleich noch einige schwache Unterschiede von dem gewöhnlichen Naphthalin übrig bleiben, nämlich ungleich geringere Flüchtigkeit an offener Luft, und was davon unmittelbar herrührt, also damit Eins ist, sehr schwacher Geruch, etwas höhere Schmelz- und Verflüchtigungshize; so erklären sich nicht nur diese einfach aus der gemischten Natur der Substanz und den Beschaffenheiten der sie constituirenden Stoffe, sondern ich sah sie auch mit jedem Reinigungsschritte mehr schwinden, und wenn ich gleich bis an jene Gränze, an welcher völlige Coincidenz eintritt, mich nicht fortschleppte, weil sie meiner Mühe keinen Lohn mehr bot; so sah ich sie doch mit solcher Ueberzeugung nahe vor mir liegen, hätte der Beweisgründe für die Identität des neugeglaubten mit dem alten Stoffe so viele und so sprechende, daß ich, selbst überwunden, meine Hoffnungen aufgab.

Das Paranaphthalin des Hrn. Dumas ist demnach, so weit wenigstens meine geringe Kenntniß der empyreumatischen Stoffe reicht, nichts anderes, als gewöhnliches Naphthalin, verunreinigt bald durch Verbindung mit einer kleinen Menge Paraffin, bald mit einer Wenigkeit eines anderen spröden, an der Luft und dem Lichte gelb werdenden Körpers von ganz abweichenden Eigenschaften bald mit beiden zugleich, von deren jedem aber eine geringe Quantität hinreicht, in den Charakter des Naphthalins solche scheinbare Abänderungen zu bringen, daß man in die Täuschung fallen kann, die Verbindung für einen einfach neuen Grundstoff zu halten.

Sollte ich aber gleichwohl Unrecht haben, sollte ich mich in allen meinen Beobachtungen vergriffen haben und in meinen Folgerungen fehlgegangen seyn, was ich nicht verhoffe, sollte wirklich ein Paranaphthalin existiren, das als ein einfach näherer Bestandtheil der Producte der trokenen Destillation gegen mich erwiesen werden könnte; so hin ich schließlich zur Aufrechthaltung der Ehre meiner Landsleute |219| gezwungen, dem Hrn. Dumas die wenig erfreuliche Nachricht zu geben, daß er dennoch nicht der Entdeker desselben wäre, sondern diese Ehre einem Deutschen zukäme. Er schlage in Gehlen's neuem allgemeinen Journal der Chemie Bd. V. S. 272 bis 287 nach. Dort wird er einen Aufsaz von unserem trefflichen F. C. Vogel zu Baireuth finden, woselbst unter den Producten der trokenen Destillation des Bernsteins des Langen und des Breiten alle jene Stoffe beschrieben sind, namentlich das fettige Oehl, den gelben Stoff und unter dem Namen flüchtiges Harz genau dieselbe Substanz mit allen den Eigenschaften und Verwandtschaftsverhältnissen, wie er sie unter dem Namen Paranaphthalin uns vorlegt. Er wird ersehen, daß wir schon seit 1805, also bereits 28 Jahren her, in Deutschland diese zusammengesezte Substanz kennen. Sie ist auch schon in unseren Lehrbüchern unter dem Namen flüchtiges Harz des Bernsteins aufgezählt, ist weder im Bernsteine, noch in der Steinkohle und ihren Theeren allein enthalten, sondern erscheint nach meinen Erfahrungen ebenso am Ende der Ratifikation des Holztheeres, des Thiertheeres aus Fleisch, Horn, Lederabfällen etc., sobald man nur die erste Verkohlung selbst am Ende stark genug in die Hize trieb, und ist somit überhaupt nichts Neues, sondern längst eine allgemein bekannte Sache.

Wenn ich nun durch alles Dieses dargethan haben dürfte, daß sich Hr. Dumas sowohl in der Prüfung seines Gegenstandes übereilt, als in dessen Beurtheilung getauscht habe, so wie mit der Geschichte desselben unbekannt gewesen sey, so ist dieß im Uebrigen ein Versehen, dem von den ruhmvollsten der Naturforscher noch keiner entgangen ist; und wenn ihm jemals diese Zeilen zu Gesicht kommen sollten, so möchte ich ihn bitten, darum die Huldigung nicht zu mißkennen, die ich dem seltenen Reichthume seiner Kenntnisse, der Ueberlegenheit seines Talentes und seinen vielfachen und ausgezeichneten Verdiensten um die schönste der Naturwissenschaften, die Chemie, aufrichtig zolle.41)

Blansko, im Junius 1833.

|219|

Wir werden demnächst einen von Hrn. Dr. Reichenbach selbst verfaßten Auszug aus den bisher von ihm erschienenen Abhandlungen über die Resultate seiner Untersuchungen, die trokene Destillation betreffend, nachtragen. Die von Hrn. Dr. Reichenbach entdekten Substanzen, das Eupion und Kreosot, werden ohne Zweifel in der Folge in mannigfaltiger Beziehung sehr nüzliche Anwendungen gestatten.

A. d. R.

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