Titel: Ueber die Anwendung des Gußeisens.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 49, Nr. LXXXVI . (S. 418–422)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj049/ar049086

LXXXVI. Ueber die Anwendung des Gußeisens, des hohlen Eisens des einfachen und bearbeiteten Eisenbleches bei Bauten.

Aus dem Journal de connaissances usuelles. Mai 1833, S. 275.

Die Anwendung des Eisens statt des Holzes bei Bauten ist ungeachtet der Fortschritte, welche die Gewinnung, der Guß und die weitere Behandlung dieses nüzlichsten aller Metalle gemacht hat, ungeachtet der schönen Beispiele, mit denen man uns in England vor ausging, bei uns in Frankreich noch beinahe als null und nichtig, oder wenigstens, als auf einige wenige Gegenstände und Fälle beschränkt zu betrachten.92) Der Grund dieser eben so wahren, als schmerzlichen Thatsache ist gegenwärtig nicht mehr in dem zu hohen Preise des Materiales, sondern vielmehr darin zu suchen, daß der Schlendrian es noch immer nicht gestattet, daß die neuerlich in der Baukunst gemachten Erfindungen und Verbesserungen so schnell und so allgemein als möglich zum Vortheile der Bauunternehmer benuzt werden können.

Wenn unsere Productionsmittel leider noch so unvollkommen sind, daß wir in Hinsicht auf die rohe Substanz noch nicht mit dem Auslande Concurrenz halten können, sondern demselben vielmehr noch fortwährend tributär sind, so sind wir in Hinsicht auf die Verarbeitung und Benuzung des rohen Productes in manchen Beziehungen wo möglich doch noch weiter zurük.

Eine verständige Benuzung des Gußeisens, des Schmiedeisens, des Eisenbleches und verschiedener anderer Eisenfabrikate bei Bauten und mannigfachen anderen Dingen würde nicht nur dem Bauunternehmer |419| von großem Nuzen werden, sondern der Verbrauch an Eisen würde dadurch im Innern eine ungeheuere Zunahme erleiden, eine Zunahme, welche nothwendig auf die Vervollkommnung der Fabrikation den größten und wohltätigsten Einfluß ausüben würde und müßte.

Im Jahr 1812, wo die Kuppel der Halle zu Paris mit Eisen gedekt wurde, war man noch so weit zurük, daß die Kosten dieser Dachbedekung nicht wohl Jemanden aufmuntern konnten, einen ähnlichen Versuch zu wagen. Diese Ursachen bestehen aber heut zu Tage nicht mehr, und bei dem rascheren Fortschreiten unserer intellektuellen Entwikelung in neuerer Zeit läßt sich wohl hoffen, daß man in Kurzem allgemeiner eine Baumethode befolgen werde, welche eine größere Dauerhaftigkeit, größere Eleganz, Leichtigkeit und geringere Gefahr bei Feuersbrünsten verspricht. Um auch von unserer Seite hierzu mitzuwirken, erlauben wir uns nur folgende Bemerkungen mitzutheilen.

Von den leichteren Gegenständen aus Gußeisen. Zu diesen gehören die Stufen oder Fußtritte, die Feuergitter, ganzen Stiegen, Kamine, Ausgüsse, Wasserkufen, Dachröhrenkessel, Dokengeländer, Balcons, Fenstergesimse und viele andere Gegenstände. Eine sehr schöne Anwendung des Gußeisens sieht man z.B. an der Stiege des Theaters des Palais-Royal und im Bazar Montmorency.

Diese verschiedenen Gegenstände werden sehr dünn gegossen; um denselben jedoch die gehörige Starke zu geben, bringt man während des Gusses auf der Rükenfläche Querstangen von 6 bis 7 Linien Höhe an. Diese Vorsichtsmaßregel reicht hin, um einer Platte die gehörige Stärke zu geben, ohne daß deren Gewicht dadurch zu sehr erhöht würde. An den Gesimsen und Geländern läßt man große leere Räume, deren Ränder kleine Vorsprünge bilden, welche nicht nur zur Verzierung, sondern auch zur größeren Festigkeit beitragen. An den Stiegen sind z.B. die Tritte der Stufen voll, die Stüzen derselben hingegen durchbrochen, was eine große Ersparniß gibt. Eine nach dieser Methode erbaute Stiege von 30 Stufen kommt mit Einschluß der mittleren Schneke und des Geländers aus hohlem Eisen oder selbst aus Gußeisen nicht höher als auf 2000 Franken, und übertrifft dabei, wenn sie angestrichen oder bronzirt ist, sowohl an Schönheit und Eleganz, als an Dauerhaftigkeit jede hölzerne und jede steinerne Stiege. Bei den Schnekenstiegen, welche in der Mitte eine Art von cannelirter hohler Säule haben, ergibt sich auch noch der Vortheil, daß diese hohle Säule als Abzugsröhre für den Rauch oder für das Ausgußwasser der oberen Stokwerke dienen kann; zu ersterem Zweke sieht man sie z.B. in der Galerie vitrée des Palais Royal benuzt.

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Von dem verarbeiteten und hohlen Eisen. Die Ausmittelung einer Methode, bei welcher der Nerve, die Zähigkeit und die Härte des Eisens unverändert bliebe, während dessen Schwere um Vieles vermindert würde, war bei dem unvollkommenen Zustande, in welchem sich die Eisengießerei noch immer befindet, ein Gegenstand von höchster Wichtigkeit. Außerordentlich Vieles verdanken wir in dieser Hinsicht den HH. Gandillot zu Besançon, welche es nach lange fortgesezten und kostspieligen Versuchen endlich dahin gebracht haben, daß sie nun um einen sehr mäßigen Preis eine Menge leichter eiserner Gegenstände in den Handel bringen können, welche eben so dauerhaft sind, als bestünden sie aus massivem Eisen.93) Zu den vorzüglichsten Gegenständen dieser Art, welche jene Herren fabriciren, gehören Gitter, Balcons, Wiegen, Raufen, einfache und doppelte Leitern, Kreuze, Betten, Tische, Stühle, Canapé's etc. Der Absaz dieser Artikel fängt gegenwärtig an immer mehr zuzunehmen, indem dieselben um 2/3 leichter sind, als dieselben Artikel aus massivem Eisen verfertigt werden können, und indem sie sich aus diesem Grunde auch weit leichter handhaben lassen. Die Thüren, Gitter etc. dieser Art sind weniger geneigt sich so zu verändern, daß sie nicht mehr passen, oder sich so senken, wie jene aus massivem Eisen, die wegen ihrer großen Schwere überdieß auch schwer zu bewegen sind.

Außerdem ist die Zusammenfügung dieser Artikel auch viel leichter und dauerhafter. Eine hohle Stange von 10 Linien im Durchmesser besizt beinahe 3/4 der Kraft einer massiven Stange von ebendemselben Durchmesser, oder sie kommt an Kraft beinahe einer massiven Stange von 10 Linien Durchmesser gleich. Im Allgemeinen ist nämlich das Verhältniß von hohlen zu massiven Stangen innerhalb gewisser Gränzen, wie 10 zu 11; außerhalb dieser Gränzen hören jedoch die Dauerhaftigkeit und Ersparniß an Kosten auf, indem die Kosten der Zusammenfügung keineswegs mehr durch die Ersparniß an Material ausgeglichen würden; eine zu kleine hohle Stange würde überdieß auch zu wenig Sicherheit gewähren.

Ein Gitter, welches an einer Mauer angebracht werden soll, und welches aus hohlen Eisenstangen von 10 Linien Durchmesser und 5 Fuß Höhe besteht und mit gußeisernen Lanzen und zwei vierekigen Querstüken versehen ist, kann für 72 Franken per Klafter geliefert werden; d.h. was aus massivem Eisen 1000 Franken kosten würde, kann aus hohlem Eisen um 2/3 wohlfeiler, d.i. um 355 Fr., geliefert werden.

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Von dem convexen, concaven und dreiekigen Eisen. Convexes und concaves Eisen sahen wir in diesem Jahre zum ersten Mal zur Verfertigung von Stiegengeländern benuzt. Ein Eigenthümer besaß nämlich eine große Menge alter Reifen und flacher dünner Eisenschienen, die er höchstens mehr als altes Eisen verwerthen konnte. Er kam nun auf die Idee, diese Eisenschienen ihrer ganzen Länge nach so unter rechten Winkeln liegen zu lassen, daß sie eine Art von dreiekiger Rinne bildeten, deren hohlen Raum er mit einem festen Kitte ausfüllen ließ. Er fand bald Nachahmer, welche auf dieselbe Weise Rinnen mit rundem Rüken verfertigen ließen, so daß man gegenwärtig Gitter, Geländer, Rahmen etc. aus solchen hohl gebogenen Schienen sieht, welche ein sehr gefälliges Aeußeres haben. Ich sah kürzlich ein solches Geländer, welches aussah, als bestünde es aus runden, in zwei Stüke gespaltenen Stangen. Die Festigkeit dieser Art von Fabrikaten ist zwar nicht außerordentlich groß, allein sie sind sehr wohlfeil und sehen dabei hübsch aus.

Von dem einfachen und gerieften oder cannelirten Eisenbleche. Wir haben schon früher ein Mal angedeutet, daß man aus dem Eisenbleche Sommerladen verfertigen könne, welche wohlfeiler zu stehen kommen, als das Eisenbeschläg der gewöhnlichen hölzernen Sommerladen. Man kann das Eisenblech aber auch anstatt der Schieferplatten benuzen, theils indem man es in großen Platten verwendet, theils, was noch besser ist, indem man die Stüke in Form von eingehakten Schuppen zerschneidet, wo dann das Dach gleichsam als aus einem Stüke bestehend aussieht. Der Dachstuhl, der diese Art von Dachbedekung zu tragen hat, braucht bloß aus kleinen Sparren von solcher Stärke zu bestehen, daß sie sowohl sich selbst, als den Dachdeker zu tragen im Stande sind; auch kann man das Dach, während es gedekt wird, zum Ueberflusse von unten aus stüzen. Ist das Dach gedekt, so überstreicht man es mit einer Farbe, wodurch es vollends wasserdicht wird. Durch Eintauchen der Blechplatten in einen heißen wasserdichten Firniß kann man dieselben beinahe unveränderlich machen. Man braucht beinahe ein Pfund dieser Platten, um einen Quadratfuß zu deken, oder 4 1/2 Kilogrammen, um einen Quadratmeter zu deken. Die Benuzung des Eisenbleches zur Bekleidung von Dächern ist etwas sehr Altes; allein gegenwärtig erst, wo das Eisenblech sehr wohlfeil ist, und wo man verschiedene Abfälle der Eisenblech-Fabriken und Klempnereien hierzu benuzen kann, kann man sich desselben mit Vortheil bedienen.

Das Eisenblech kann auch für sich allein und ohne alle Dazwischenkunft eines Gebälkes als Dachbekleidung benuzt werden. Man braucht dasselbe zu diesem Behufe nur der Länge nach mehr oder |422| weniger fein zu halten oder zu canneliren, die Blätter an ihren Enden mittelst Schrauben mit einander zu verbinden, und dann das Ganze gehörig anzubringen. Auf diese Weise verbundene cannelirte Blechplatten geben sehr leichte und doch sehr feste Bogen. Das Canneliren geschieht leicht auf einem Strekwerke; die Falten können rund oder vierekig gemacht werden. Das Eisenblech verliert zwar durch dieses Canneliren an Breite, gewinnt aber dafür so viel an Stärke, daß es eine Last von 500 Kilogrammen zu tragen vermag, ohne sich zu biegen und ohne zu brechen.94) Das Vorteilhafteste hierbei ist, daß man auf diese Weise ohne alles Gebälk 40 und 50 Fuß weite Bogen verfertigen kann, die man nur mehr mit Oehl oder Theer zu bestreichen braucht, um sie gegen die Einflüsse der Witterung zu schüzen.

Das Eisenblech läßt sich in einer Menge von Fällen auch zu Tafelwerk benuzen, leider werden aber, da es sich bei Veränderungen der Temperatur ausdehnt und zusammenzieht, die Gefüge loker, so daß der Anstrich abspringt. Diesem Uebelstande läßt sich abhelfen, wenn man das Blech fein cannelirt, und es so anbringt, daß es sich ausdehnen und wieder zusammenziehen kann. Man kann das Tafelwerk für Comptoirs, Kaufladen etc. und auch ganze Thüren auf diese Weise verfertigen. Bricht in einem solchen Falle Feuer in einem Gemache aus, so braucht man nur dessen Thüre zu verschließen, um das Feuer auszulöschen. Endlich kann man aus solchem Eisenbleche auch Scheidewände für Zimmer verfertigen, die sich, wenn man unten Rollen anbringt, wegen ihrer Leichtigkeit gut schieben lassen, so daß man ein Zimmer nach Belieben größer oder kleiner machen kann.

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Dieser Vorwurf trifft unser südliches Deutschland in noch größerem Maße als Frankreich. Man kann, ohne unseren Landsleuten Unrecht zu thun, füglich behaupten, daß die in den lezten 10 Jahren in England eingeführten Verbesserungen in der Production des Roheisens, und die zahlreichen, mehr oder weniger glüklichen Versuche über die Benuzung des Gußeisens und verschiedener anderer Eisenfabrikate zu verschiedenen Zweken für uns beinahe ohne allen wesentlichen Erfolg geblieben sind, obschon man anderwärts, wo man weniger für Erhaltung des Status quo, als für Beförderung der Fortschritte in sämmtlichen Zweigen unseres Wissens besorgt ist, bereits mehr oder weniger Nuzen daraus zu ziehen wußte. Dieser Umstand, den jeder unbefangene Beobachter leider nur zu sehr bestätigt finden wird, veranlaßt uns zur Mittheilung dieses Aufsazes, welcher eigentlich keine neuen Daten enthält, sondern nur auf die Befolgung und Erwägung von Dingen dringt, die wir bereits schon so oft zu wiederholen Gelegenheit hatten, daß wir derselben längst überdrüssig geworden wären, wenn uns die Förderung des Wohles unseres Vaterlandes weniger am Herzen läge.

A. d. R.

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Wir haben über diese Fabrikate im Polyt. Journ, Bd. XLIV. S. 273 einen ausführlichen Bericht mitgetheilt.

A. d. R.

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Siehe Polyt. Journal, Bd. XLVII., S. 170.

A. d. R.

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