Titel: Ueber die Wirkung der Auflagen auf die Produktion verschiedener Fabrikate.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 49, Nr. LXXIX./Miszelle 9 (S. 396–398)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj049/mi049079_9
|397|

Ueber die Wirkung der Auflagen auf die Produktion verschiedener Fabrikate.

Ueber diesen bereits unendlich vielseitig besprochenen Gegenstand erschien in neuerer Zeit in England ein Werkchen, welches die Aufmerksamkeit aller Staats- und Finanzmänner in hohem Grade verdient. Der Titel dieses Werkchens ist: Taxation of the British Empire. By Mr. Martin. 18. London, bei E. Wilson.“ Der Verfasser hat in diesem Buche, obschon er sich als einen stein- und beinfesten Tory ausspricht, über die meisten der in England eingeführten Auflagen und deren nothwendige Folgen mit einer Freimüthigkeit gesprochen, wie man sie bei Leuten dieser Doctrine durchaus nicht zu treffen gewohnt ist. Nur bei den Getreidegesezen, deren Druk von Jedermann, ausgenommen von den großen Güterbesizern, anerkannt wird, fiel er aus seiner Rolle, indem er sich, wahrscheinlich aus Privat-Interesse, als eifrigen Verfechter derselben zeigte. – Wir glauben unseren Lesern keinen unangenehmen Dienst zu erweisen, wenn wir ihnen wiederholt einige Beispiele der Wirkung der großen Auflagen auf Dinge, die im Inlande fabricirt werden, vorlegen. – Die Auflage auf das Glas, welche bekanntlich eine der lästigsten in England ist, betrug im Jahre 1792 im Durchschnitte 14 Shill. 2 Den. (8 fl. 30 kr.) per Centner, stieg aber im Laufe der nächstfolgenden 30 Jahre auf 2 Pfd. Sterl. 7 Sh. 5 D. (28 fl. 27 kr.), und die Folge hiervon war, daß die Menge des Fabrikates, welche sich im Jahre 1792 jährlich auf 431,070 Ctr. belief, nach 50 Jahren, ungeachtet der außerordentlichen Zunahme der Bevölkerung und des Luxus nicht nur nicht zugenommen hatte, sondern auf 378,804 Ctr. herabgesunken war! Als im Jahre 1795 die Auflage auf das Flintglas auf 21 Sh. 5 D. (12 fl. 51 kr.) erhöht wurde, sank die Menge des Fabrikates unmittelbar von 67,615 auf 49,218 Ctr. herab; eine im Jahre 1825 eingetretene Verminderung der auf 98 Sh. (58 fl. 48 kr.) angewachsenen Auflage bis auf 56 Sh. (33 fl. 38 kr.) bewirkte im Gegentheile augenbliklich eine Zunahme des Fabrikates von 100,067 Ctr. auf 190,384 Ctr.! Eben so nachtheilig wie dieser nominelle Aufschlag wirkt aber außerdem noch die Erhebungsart desselben, wie folgende Stelle aus der Rede des Hrn. Thompson, des Vicepräsidenten des Handels-Bureau's, zeigt: „Die Auflage auf das Flintglas beträgt 6 Den. (18 kr.) per Pfund, und wenn dasselbe fertig ist, so wird es nicht höher als zu 1 Shill. (36 kr.) verkauft. Der Accise-Beamte hat das Recht die Auflage zu erheben, wenn sich das Glas noch im Schmelztopfe befindet und 3 Den. (9 kr.) per Pfund werth ist, oder nachdem dasselbe ausgegossen worden, und 100 Proc. an Werth zugenommen. Es zeigte sich vortheilhafter, die Auflage auf das Glas im Schmelztopfe zu 3 Den. zu erheben, und auf diese Weise lastet auf dem Flintglase eine Auflage von 7 Den. (21 kr.) per Pfund. Dieß ist aber noch nicht Alles! Der Fabrikant wird nämlich auf diese Weise gezwungen etwas zu fabriciren, dessen er gar nicht bedarf, indem das feine Glas aus der in der Mitte des Schmelztopfes befindlichen, das grobe hingegen aus der oben und am Boden befindlichen Glasmasse erzeugt wird. Der Fabrikant könnte daher, wenn, er bloß feines Glas braucht, den Guß des groben Glases wieder zu einem zweiten Gusse in den Tiegel zurükbringen, wenn er nicht bereits für das grobe Glas eben so viel Auflage gezahlt hätte, als für das feine!“ Das Tyrannische, Vexatorirsche und Niedrige des Systemes des Fiscus zeigt sich übrigens noch weit auffallender bei der Auflage auf das Papier. Das Nachtheilige dieser Auflage, sagt Hr. Martin nämlich, äußert sich auf doppelte Weise: 1) beeinträchtigt sie die Interessen aller derer, die sich mit dem Papierhandel beschäftigen; und 2) unterdrükt sie die Verbreitung von Aufklärung, Kenntnissen etc., indem sie mächtig zu dem hohen Preise der Bücher mitwirkt. Die Auflage beträgt 8, je nach den verschiedenen Sorten des Papieres 30 bis 200 Proc. von dem Werthe, und die größte Auflage, jene von 200 Proc., trifft hier, wie in allen Dingen und in allen Ländern, den gemeinen Mann; während nur die geringste, d.h. jene auf das feine Papier, von dem Vornehmen bezahlt wird. Schreibpapier, gefärbtes Papier, Pakpapier, Kartenpapier und Pappendekel, welche alle in die sogenannte erste Classe gehören, zahlen 3 Den. (9 kr.) per Pfund. Die zweite Classe, welche durchaus aus getheerten Tauen, aus denen der Theer nicht ausgezogen worden, verfertigt werden muß, zahlt 1 1/2 Den. (4 1/2 kr.) per Pfund; wird dasselbe Material aber zu Pappendekel für Hutfutterale, Schachteln etc. verarbeitet, |398| so zahlt es 2 1/4 Den. (6 kr. 3 Pfenn.) per Pfund! Kann es, wenn man auch von der großen Last dieser Auflage ganz abstrahirt, etwas Absurderes geben, als das Verbot, gewissen Pappendekel aus etwas Anderem als aus getheerten Tauen zu verfertigen? Die getheerten Taue wurden seit der immer mehr und mehr zunehmenden Anwendung der Ketten-Taue mit jedem Jahre theurer, während die Lumpenabfälle, die sich bei der Fabrikation von feinem Papiere ergeben, ganz unbenuzt bleiben müssen, indem Pakpapier, welches aus denselben verfertigt worden, bei jedem Centner um 14 Shill. (8 fl. 24 kr.) mehr zahlen muß! Der Papierfabrikant muß ferner eine jährliche Erlaubniß haben, und eine Papiermühle mit einer einzigen Bütte zahlt hierbei eben so viel als eine mit zehn Bütten, und außerdem gibt es so viele Strafen für die wissentlichen und unwissentlichen Uebertretungen der zahllosen Klauseln des Accise-Reglements, daß, wenn das ganze Königreich ähnliche Tyrannei zu ertragen hätte, Niemand auch nur eine Woche in Freiheit bleiben würde. Hr. Colquhoun schäzte im Jahre 1813 den Werth des Papieres, welches jährlich in England fabricirt wird, auf 2,000,000 Pfd. Sterl.; nach Macculloch's Berechnungen belief sich diesen Werth im Jahre 1831 aber nur mehr auf 1,200,000 Pfd. Sterl., und gegenwärtig wird diese Quantität von 700 englischen, 80 schottischen und nur 8 bis 10 irländischen Papiermühlen geliefert. In allen diesen Fabriken werden an 25,000 Arbeiter beschäftigt, und der Gesammtlohn aller dieser Leute beträgt nicht den dritten Theil von dem Ertrage der Auflage auf das Papier! Der verderbliche Einfluß dieser Auflage auf den Buchhandel läßt sich am besten beurtheilen, wenn man bedenkt, daß von 3 Werken und von 20 Broschüren kaum Eines die Kosten des Drukes dekt. Der Buchhändler mag die ganze Auflage oder nur ein Duzend von Exemplaren verkauft haben, so muß er doch für alles Papier die Auflage zahlen; ja der Tax-Einnehmer zeigt sich sogar schon, ehe auch noch ein einziges Exemplar in den Handel gekommen. Der Fiscus erhebt auf diese Weise von 1000 bis 2000 Banden eine Taxe, obwohl kaum 50 derselben wirklich verkauft werden. Das Publikum, fährt Hr. Martin fort, würde selbst dann noch Druk genug erleiden, wenn die Auflage um die Hälfte vermindert würde; denn jedenfalls bliebe hierbei noch die. Alles hemmende und störende Beaufsichtigung der Fabrikanten von Seite des Aufschlags-Beamten! In diesem Sinne geht Hr. Martin nun alle ähnliche Auflagen durch, woraus er am Ende den ganz richtigen und allen Staats-Oekonomen wohl zur Berüksichtigung zu empfehlenden Schluß zieht, daß alle Auflagen, welche auf die Fabriken, die Industrie und die Moralität der Einwohner eines Landes störend oder hemmend einwirken, gänzlich abgeschafft, und nötigenfalls durch andere Besteuerungs-Methoden ersezt werden müssen. Leider kommt aber auf diese Entwikelung der liberalsten und zwekmäßigsten Reform in dem Finanz-Systeme Englands eine Verteidigung der Korngeseze, welche gar zu mächtig von den früher rühmlich verfochtenen Ansichten absticht, und welche, wie das Mechanics' Magazine meint, den Wolf im Schafspelze beurkundet.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: