Titel: Rutter, ueber die elektrischen Eigenschaften des Kautschuks.
Autor: Rutter, John Obadiah Newall
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. XII. (S. 45–48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/ar050012

XII. Ueber die elektrischen Eigenschaften des Kautschuks. Von Hrn. J. O. N. Rutter.

Aus dem Mechanics' Magazine, No. 515.

Einer meiner Freunde, Hr. W. Dixon, sah vor ein Paar Monaten ein Paar meiner Kautschukballons, welche ich nach meiner Methode aufgeblasen hatte.16) Als er nach Hause zurükgekehrt war, versuchte er auf gleiche Weise einen Ballon zu blasen, und der Versuch gelang ihm vollkommen. Voll Freude über dieses günstige Resultat nahm er den Ballon, und zeigte ihn seiner Frau, welche eben mit Nähen beschäftigt war, und das Kunstproduct ihres Mannes mit Aufmerksamkeit betrachtete. Zu seinem Erstaunen machte nun |46| Hr. Dixon hierbei die Bemerkung, daß der Faden, womit sein Weib nähte, von dem Kautschukballon abwechselnd angezogen und abgestoßen wurde, und daß diese Bewegung wiederholten Versuchen gemäß von nichts Anderem, als von Elektricität herrührte. Er theilte mir also gleich den Morgen darauf seine Entdekung mit, und ersuchte mich, dieselbe weiter zu prüfen und zu erforschen.

Ich hatte gehofft, über diesen interessanten, und wie mir scheint, neuen Gegenstand eine vollkommene Reihe von Versuchen anstellen zu können; leider wurde ich aber daran gehindert, so daß ich mich mit einigen unausgearbeiteten Mittheilungen hierüber begnügen muß.

Nach einigen Versuchen, die mein Freund und ich mitsammen mit Kautschukballons von verschiedener Größe angestellt, kamen wir endlich dahin überein, an einer Elektrisirmaschine statt des gläsernen Cylinders oder statt der Glasscheibe einen solchen Kautschukballon anzubringen. Da Hr. Dixon eine kleine Scheibenmaschine besaß, so nahmen wir demgemäß sogleich die Scheibe ab, und brachten einen Ballon von beiläufig 9 Zoll im Durchmesser an deren Stelle. Der Versuch entsprach unseren Erwartungen.

Hierdurch ermuntert ließ ich einen einfachen Apparat verfertigen, und an diesem einen Ballon von beiläufig 14 Zollen im Durchmesser anbringen. Wenn nun dieser Apparat in Bewegung gesezt und mit der Hand gerieben wurde, so entstand eine elektrische Wirkung, die jener einer kleinen Elektrisirmaschine von gewöhnlicher Form vollkommen gleichkam.

Der Kautschuk in seinem gewöhnlichen Zustande, d.h. in festen Massen oder in Flaschen, ist, gleich anderen Harzen, ein elektrischer Körper, jedoch in weit geringerem Grade, als das Siegellak. Wird er hingegen aufgeblasen, so entwikeln sich dessen elektrische Eigenschaften in einem weit höheren Grade, als es mir an irgend einer anderen Substanz bekannt ist. Ein bloßer Schlag mit der Hand auf einen Ballon von mittlerer Größe reicht hin, um so viel Elektricität in demselben rege zu machen, daß er ein aus Goldblättchen verfertigtes Elektrometer in einer Entfernung von 6 Zollen afficirt. Mit einem Ballon, den ich fest mit der einen Hand faßte und stärk mit der anderen Hand rieb, brachte ich einen elektrischen Zustand hervor, in Folge dessen die Goldblättchen selbst in einer Entfernung von 4 Fuß noch in sehr merkliche Bewegung kamen. War die Elektricität des Ballons sehr angeregt, und befand sich derselbe sehr nahe an dem Elektrometer, so wurde das Goldblättchen öfter zerrissen und in Trümmern an die Wände des gläsernen Gefäßes, in welchem es aufgehängt war, geschleudert.

Wenn ich einen Kautschukballon an einem gehörigen Apparate |47| anbrachte, und ihn wie eine Elektrisirmaschine in Bewegung sezte, so konnte ich mit diesem Apparate die meisten jener einfachen Versuche anstellen, die man mit einer Elektrisirmaschine, deren Cylinder 5 Zoll, oder deren Scheibe 10 Zoll mißt, anzustellen pflegt. Der elektrische Funken einer solchen Maschine ist jedoch minder glänzend, und wie mir dünkt, mehr blaßblau, als jener einer Glasmaschine.

Die größte Länge der Funken, welche ich bisher auf diese Weise erreichte, betrug 1/10 Zoll. Ein zwei Unzenfläschchen, welches mit der Kautschukmaschine geladen wurde, gab mir und Anderen einen Schlag, der eben ohne ein Gefühl von Schmerz ertragen werden konnte.

Die Hauptschwierigkeit bei der Anwendung dieses Ballons liegt im Sammeln der auf deren Oberfläche erzeugten Elektricität. Vielleicht wird der Kautschuk in dem Verhältnisse, in welchem er dünner wird, ein vollkommnerer Nichtleiter. Ich fand, daß die Elektricität dem Kautschuk mit außerordentlicher Hartnäkigkeit anhänge, so daß das günstigste Verhältniß einer nicht leitenden Substanz nöthig ist. Ich habe öfter mittelst eines Ballons zwischen dem Conductor und der Achse einer 24zölligen Scheibenmaschine eine Verbindung hergestellt, fand aber deren elektrische Wirkung nie dadurch beeinträchtigt.

Die Kautschukmaschine ist gegen eine feuchte Luft weniger empfindlich, als die Glasmaschine. Sie erfordert kein Amalgam und kein anderes Reibkissen, als die Hand des Operateurs. Ich wendete Seide, Wollenzeug und Pelz als Reibkissen an; die stärkste Wirkung erhielt ich jedoch immer, wenn ich mich bloß der Hand bediente. Zuweilen mag es wohl gut seyn, statt der Hand ein seidenes Tuch zu nehmen, allein bloß zu dem Behufe, um die durch die Ausdünstung feucht gewordene Haut wieder zu troknen. Ich ziehe die Hand aus mannigfachen Gründen als Reibkissen vor, und diese Gründe werden sich Jedem, der meine Versuche wiederholen will, von selbst ergeben.

Ich habe bereits angedeutet, daß meine Maschine außerordentlich einfach in ihrem Baue ist: ich wollte für ein bloßes Experiment keine großen Ausgaben machen. Nun kann ich aber mit voller Ueberzeugung behaupten, daß ein gehörig angebrachter Kautschukballon unsere physikalischen Apparate auf eine sehr interessante und nüzliche Weise vermehren wird, und daß ein solcher Apparat durchaus nicht als bloße Spielerei betrachtet werden darf. Es ist dieß, wie ich glaube, das erste Mal, daß eine einfache und wenig kostspielige Harz-Elektrisirmaschine erbaut wurde. In dem Laboratorium der Chemiker dürfte eine solche Maschine durchaus nicht |48| ohne Nuzen seyn, und bei der Demonstration der Harzelektricität in der Physik ist sie gewiß zwekmäßiger, als eine Stange rothes Siegellak, deren man sich gewöhnlich bedient.

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Hr. Rutter erweicht die Kautschukflaschen vor dem Aufblasen in heißem Wasser, wogegen Hr. Baddeley bemerkte, daß es besser sey, die Flaschen durch trokene Hize zu erwärmen, indem das heiße Wasser nachtheilig auf die Eigenschaften des Kautschuks einwirke. Hr. Rutter versichert nun aber, daß er von der Anwendung des heißen Wassers durchaus keine Nachtheile sah, daß er die Flaschen nur deßwegen anfangs in heißes Wasser eintauche, um sie so schnell als möglich gleichmäßig zu erwärmen; und daß er später gleichfalls trokene Wärme zur Erweichung des Kautschuks anwende.

A. d. Ueb.

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