Titel: Methode den Trokenmoder zu verhüten.
Autor: Faraday, Michael
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. LXVII. (S. 299–304)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/ar050067

LXVII. Auszug aus dem Vortrage, welchen Hr. Professor Faraday vor der Royal Institution über die Kyan'sche Methode den Trokenmoder zu verhüten hielt.93)

Aus dem London Journal of Arts. September 1833, S. 106.

Es läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmt sagen, wodurch jene Art von Zerstörung und vorzüglich der Trokenmoder, gegen welchen die Erfindung des Hrn. Kyan hauptsächlich gerichtet ist, veranlaßt wird; denn es scheint beinahe, daß Ursache und Wirkung einander ersezen, und daß das, was in einem Falle die Folge dieser Verwesung ist, in einem anderen Falle die endliche gänzliche Zerstörung des Fasergewebes der Substanzen herbeiführt. Ich lege der Versammlung hiermit mehrere Exemplare vor, aus denen man den raschen Verlauf und die große Ausdehnung dieser Zerstörung ersehen wird, und mache hauptsächlich auf folgende Stüke aufmerksam: auf einen Balken, an welchem sich der eine Theil in rascher Verwesung befindet, während der andere noch ganz gesund ist; auf ein mir. Oehlfarbe bestrichenes Brett, welches von Außen ganz gut zu seyn scheint, während es im Inneren bis auf 1/20 von dem Anstriche weg ganz durch den Trokenmoder zerstört ist; auf ein Stük eines Mastes, welches von Außen ganz gut zu seyn scheint, während es im Inneren wie mit einem Meißel ausgehöhlt ist; auf ein Stük Holz |300| von Woolwich, welches so von Würmern durchlöchert worden, daß es mehr einem Schwamme als einem Holze gleicht etc.

Da ich mir eine genaue Kenntniß von dieser wichtigen Sache verschaffen wollte, so begab ich mich vor einiger Zeit nach Woolwich, um zu sehen, was an diesem großen Depot unter Aufsicht und Sanktion der Admiralität vorgeht. Ich erfuhr daselbst, daß zum Baue eines Schiffes erster Classe von 90 Kanonen und darüber 5880 Lasten Holz; zu einem Schiffe zweiter Classe oder von 80 Kanonen 4339 Lasten; zu einem Schiffe dritter Classe von 70 Kanonen 3600 Lasten; zu einem Schiffe vierter Classe 2372; zu einem Schiffe fünfter Classe 1800, und zu einem Schiffe sechster Classe von 28 Kanonen 963 Lasten erforderlich sind. Wenn man nun hiernach solche Daten hört, wie man sie im Quarterly Review for 1813 lesen kann, so wird man die unendliche Wichtigkeit des fraglichen Gegenstandes gehörig zu würdigen im Stande seyn. Der Rodney wurde z.B. im Jahre 1809 vom Stapel gelassen, und war kaum in See gegangen, als wegen des unausgewettert verbrauchten Holzes alle Fugen desselben lek wurden, so daß das Schiff im Jahre 1812 aus dem Mittelländischen Meere heimgeschafft und verkauft werden mußte. Der Dublin wurde im Februar 1812 vom Stapel gelassen, und kehrte schon im Jahre 1813 in einem so erbärmlichen Zustande von seiner Kreuzfahrt an den Küsten von Madera und an den westlichen Inseln zurük, daß er hätte verkauft werden sollen; man besserte ihn jedoch aus, und verwendete darauf eine Summe von 20,000 Pfd. Sterl.

Noch weit mehr dergleichen Beispiele ließen sich von Privatschiffen anführen; denn hier geschieht es gar häufig, daß ein Schiff, welches noch kaum in See gegangen, als Brennholz oder zu einem anderen Zweke verwendet werden muß, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil sich der Trokenmoder desselben bemächtigte. Ja es ließen sich sehr viele Fälle anführen, in welchen das Holz während des sogenannten Auswetterns, welches 2–5 Jahre dauert, und ehe es noch angewendet wurde, zerstört zu werden anfing.

Diese traurigen Umstände veranlaßten bereits viele Nachforschungen nach Mitteln, welche dem Trokenmoder vorbeugen könnten, und diese Nachforschungen führten zu so vielen Angaben, daß man wahrhaftig sagen kann, daß die Regierung manchmal mit angeblichen Erfindungen überhäuft und gequält wurde. Jedes Verfahren, welches im Großen zu nüzlichen Zweken angewendet werden soll, soll nach meiner Ansicht einer Probe unterworfen werden, bevor man ein Unheil darüber fällt. Die Regierung hat dieß gleichfalls in den meisten Fällen befolgt, wenn die vorgeschlagenen Mittel nur |301| einige Wahrscheinlichkeit für sich hatten. Es ist hier nicht meine Absicht alle diese Vorschlage, welche nicht zu dem gewünschten Resultate geführt zu haben scheinen, einer Kritik und Untersuchung zu unterwerfen; sondern ich beschränke mich bloß auf ein neuerlich vorgeschlagenes chemisches Mittel, welches seinen Eigenschaften gemäß schon im Voraus als tauglich und entsprechend angenommen werden konnte, so daß dessen wirkliche Leistungen nur mehr durch Versuche zu erproben waren. Ich meine die Anwendung des äzenden Queksilber-Sublimates, der längst als ein fäulnißwidriges Mittel bekannt ist, und der, wie jeder Anatom und Naturhistoriker weiß, bereits öfter angewendet wurde, um der Zerstörung und Fäulniß der feinsten organischen Gewebe, wie z. V. des Gehirnes, für jede Dauer der Zeit vorzubeugen.

Hr. Kyan schlug nun den äzenden Queksilber-Sublimat in Betrachtung dieser seiner Eigenschaften zur Verhinderung des Trokenmoders des Holzes vor, d.h. für alle jene Fälle, in welchen die Zerstörung des Holzes durch die Vegetation kryptogamischer Gewächse in demselben, oder durch die Gegenwart von eiweißartigen Stoffen in dem Holze entsteht. Er glaubt nämlich, daß die Zerstörung hierdurch in ihren Fortschritten gehemmt oder in ihrer Entwikelung gehindert werden könnte, indem sich der äzende Queksilber-Sublimat mit den eiweißartigen Theilchen verbindet, welche nach Berzelius und anderen ausgezeichneten Chemikern in dem Holze enthalten sind, und gewisser Maßen die Essenz desselben bilden. Hr. Kyan war so sicher hiervon überzeugt, daß er seine Ansicht der Admiralität vorlegte. Die Admiralität wußte dieselbe zu würdigen, ließ einige Jahre lang Versuche mit dieser Methode anstellen, empfahl hierauf Hrn. Kyan ein Patent auf seine Erfindung zu nehmen, und läßt seither die Versuche mit seinem Verfahren, welches er später auch auf die Schüzung von Canevaß, Baumwollenzeugen, Tauen, Hanf gegen die Zerstörung durch den Moder mit Erfolg ausdehnte, fortsezen.

Das Verfahren des Hrn. Kyan ist aus der Erklärung seines Patentes bekannt; ich beschranke mich daher mit der Aufzählung einiger der damit angestellten Versuche, und bemerke vorläufig nur noch, daß der Preis des äzenden Queksilber-Sublimates, der vor einigen Jahren noch ziemlich hoch war, gegenwärtig so gering ist, daß er im Verhältnisse des Vortheiles, den dessen Anwendung gewährt, gar nicht in Betracht kommt. Ich war kürzlich an der Modergrube zu Woolwich, an welcher die Versuche angestellt wurden, und die aus einem in die Erde gegrabenen, ringsum mit Holz |302| ausgekleideten Schachte mit einem doppelten hölzernen Dekel besteht. In diese Grube, welche sehr feucht und moderig ist, werden die verschiedenen zu erprobenden Gegenstände gebracht; ich sah dieselbe öffnen, und beobachtete dabei folgende Resultate.

Ein nach Kyan's Methode präparirtes Stük Bauholz kam nach einem dreijährigen Aufenthalte in der Modergrube so gesund aus derselben, als es hineinkam; unpräparirte Stüke, welche zu gleicher Zeit in die Grube geschafft worden, waren hingegen durch und durch vermodert und ganz zerfallen. Ein großer hölzerner Würfel, der bei einem dreijährigen Aufenthalte in der Grube vollkommen gesund geblieben, und neuerdings auf zwei Jahre hineingebracht worden, war nach fünf Jahren noch ganz hart und vollkommen frisch und gesund; kurz alles präparirte Holz war, selbst nachdem es, wenn wir uns dieses Ausdrukes bedienen dürfen, fünf Jahre lang der verwesenden Kraft ausgesezt worden, noch vollkommen frisch und gesund.

Hr. Robert Smicke brachte ein Paar Pfosten unter eine Dachtraufe, unter welcher sie eine geraume Zeit hindurch ganz gleichen Verhältnissen ausgesezt waren; der eine dieser Pfosten war nach dieser Zeit ganz vermodert, der andere hingegen, der nach Kyan's Methode präparirt worden, blieb unverändert! Ich lege mehrere Stüke Canevaß und Calico vor, welche vom December 1832 bis zum Februar 1833 in Kellern und an anderen Orten der Einwirkung der Feuchtigkeit und des Moders ausgesezt gewesen. Die einen derselben, d.h. jene, welche vorher nach Kyan's Methode behandelt worden, sind in ihrem Gewebe unverändert und vollkommen fest geblieben, während die übrigen vermodert waren, und beim Abwikeln in Stüke zerfielen, so daß Niemand über den Unterschied auch nur im Geringsten in Zweifel seyn kann. Ich war hiernach überzeugt, oder wußte vielmehr schon im Voraus, daß der äzende Queksilber-Sublimat selbst solche Dinge, die weit mehr zur Verwesung geneigt sind, als das Holz, der Canevaß und die Baumwolle, vor derselben zu schüzen vermöge; allein ich hatte über die Anwendung dieses Mittels noch einige Zweifel. Es fragte sich nämlich: ist dieses Schuzmittel oder diese verwesungswidrige Substanz von solcher Art, daß sie bleibend an dem zu schüzenden Körper haftet, oder ist ihre Wirkung nur eine temporäre, die sich mit der Länge der Zeit wieder verlieren würde; wird der äzende Queksilber-Sublimat nicht aus dem Holze, welches dem Bodenwasser in den Schiffen oder irgend einem anderen Wasser ausgesezt ist, wieder ausgezogen, so daß dessen Wirkung auf diese Weise aufgehoben wird; |303| und gesezt, dieß wäre nicht der Fall, erzeugt der äzende Queksilber-Sublimat nicht eine der Gesundheit nachtheilige Atmosphäre? Die Antwort auf diese Frage lautete der Theorie nach: Nein; denn es entstand eine chemische Verbindung zwischen dem äzenden Queksilber-Sublimate und dem zu schüzenden Körper, und die Verwesung wird dadurch verhindert, daß eine neue chemische Verbindung zwischen ersterem und dem eiweißartigen Bestandtheile des Holzes Statt findet. Da mir dieß jedoch zu meiner vollen Ueberzeugung noch nicht hinreichend war, so stellte einige Versuche hierüber an.

Der Saft der Pflanzen erzeugt bekanntlich einen Niederschlag in der Auflösung des äzenden Queksilber-Sublimates; es entsteht hierdurch augenbliklich eine neue Verbindung, und die alten erleiden eine Veränderung in ihren Eigenschaften, und es ist daher nicht wahrscheinlich, daß, wenn beide Substanzen durch eine Art von chemischer Verbindung zusammengerathen, dieselben ihre früheren Eigenschaften beibehalten. Die Eigenschaften des äzenden Queksilber-Sublimates erleiden auch wirklich eine Veränderung; denn die Verbindung kann bei der gewöhnlichen Temperatur nicht mehr verflüchtigt oder auf eine andere Weise ausgezogen werden, wie dieß aus folgenden Versuchen erhellt. Ich nahm von dem präparirten Canevaß und wusch ihn mehrere Male in Wasser aus; ich nahm ferner von dem präparirten Calico, und wusch auch diesen sorgfältig aus, da aus der Natur der Baumwolle vermuthet werden konnte, daß diese vielleicht eher von dem in ihr enthaltenen äzenden Queksilber-Sublimate etwas abgeben möchte. In beiden Fällen war in dem Waschwasser kein Queksilber zu entdeken, und ich schloß daher, daß, wenn die durch die Anwendung des äzenden Sublimates in dem Calico entstandene Verbindung durch Auswaschen mit Wasser nicht entfernt werden kann, diese Entfernung noch weniger an dem Holze Statt finden dürfte, indem die Verbindung hier in die Saftzellen des Holzes eingeschlossen ist. Die Queksilber-Verbindung kann also nicht durch Wasser ausgezogen werden; wohl aber wird sie dieß, wenn man den Calico, den Canevaß oder das Holz in Salpetersäure bringt, was einen Beweis mehr abgibt, daß das Queksilber in diesen Substanzen eine chemische Verbindung eingegangen. Der mehrere Male ausgewaschene Calico wird übrigens, wie ich mich durch Versuche überzeugte, gleichfalls nicht von dem Moder angegriffen, sondern bleibt durch die in ihm entstandene Queksilber-Verbindung vollkommen dagegen geschüzt. Ich folgere aus diesen Versuchen, daß das Queksilber nicht durch Wasser aus dem Holze oder aus den übrigen Substanzen entfernt werden kann; daß es nicht dampfförmig aus denselben entweicht; daß diese Methode |304| also der Gesundheit keinen Schaden bringt, und daß endlich der Nuzen, den sie gewahrt, so groß ist, daß deren Anwendung allgemein empfohlen werden kann.

Wir haben bereits im Polyt. Journale Bd. XLIX. S. 456 von der Kyan'schen Methode, Holz und andere Körper gegen die Vermoderung zu schüzen, gesprochen, und daselbst gegen die Befolgung dieser Methode einige Einwendungen gemacht, die vorzüglich auf die Nachtheile begründet waren, die dieses Verfahren für die Gesundheit haben könnte. Wir geben nun auch die Ansicht des berühmten Chemikers Faraday über diesen Gegenstand, und müssen bei dieser Gelegenheit wahrhaftig unsere Verwunderung darüber äußern, wie dieser große Gelehrte und Praktiker so ganz und gar nichts Gefährliches in der Anwendung des äzenden Queksilber-Sublimates finden konnte. Um nur ein einziges Beispiel für unsere Behauptung anzuführen, erlauben wir uns zu fragen, wird das Holz alter Schiffe, welches größten Theils als Brennholz verbraucht wird, beim Verbrennen keine sehr schädlichen Dämpfe entwikeln, wenn es mit Queksilber-Sublimat gebeizt worden? Dergleichen Fragen ließen sich noch viele aufweisen, und diese mögen unsere Zweifel rechtfertigen.

A. d. Ueb.

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