Titel: Mittel das Holz an den Deken und Dächern der Gebäude zu ersezen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. XCIV. (S. 415–426)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/ar050094

XCIV. Ueber die Mittel und Vorkehrungen, durch welche das Holz an den Deken und Dächern der Gebäude ersezt werden kann.

Aus dem Journal des connaissances usuelles. Mai 1833, S. 289.

Mit Abbildungen auf Tab. VII.

Die Baukunst ist unstreitig eine jener Künste, deren Vervollkommnung im innigsten Zusammenhange mit der Wohlfahrt eines Landes steht. Eben deßhalb verdient aber auch Alles, was sich auf dieselbe bezieht, im höchsten Grade unsere Aufmerksamkeit.

Man hat in unseren Tagen, obwohl der Wohlstand doch etwas allgemeiner und gleichmäßiger unter unseren Mitbürgern vertheilt ist, an allen Bauten, und selbst bis auf die bescheidensten Wohnungen des Landmannes herab, wesentliche Verbesserungen einführen sehen. Eine der vorzüglichsten Ursachen, welche jedoch fortwährend hemmend auf die Verbreitung dieser Verbesserungen einwirkt, ist bei uns noch immer der hohe Preis des Bauholzes, welches in so großer Menge erforderlich ist, obschon viele unserer Architekten bereits bemüht waren, den Bedarf an diesem kostbaren Materiale bedeutend zu beschränken.

Das natürlichste Mittel, welches sich uns zum Ersaze des Holzes an den Boden und Dächern, welche die größte Menge von Bauholz verzehren, darbietet, sind die Gewölbe; leider wird und muß aber die Anwendung dieses Mittels immer sehr beschränkt bleiben, so lange man nur schwere Gewölbe nach der gewöhnlichen Art und |416| Weise erbaut. Gewölbe dieser Art üben auf die Strebemauern einen Druk aus, dessen Wirkungen um so größer sind, je höher diese Mauern, und je breiter und diker die Gewölbe sind. Man ist daher, um diesem Druke das Gleichgewicht zu halten, gezwungen, den Strebemauern eine größere Dike zu geben, wo dann der hierdurch erzeugte Kostenaufwand beinahe jedes Mal die Ersparniß aufhebt, die sich in Folge der Anwendung von Mauerwerk statt des Bauholzes ergeben haben würde. Dieß ist der vorzüglichste Grund, warum man die Gewölbe weder in den oberen Stokwerken eines Gebäudes, noch zum Deken eines etwas ausgedehnten Gebäudes mit Vortheil anwenden kann. Hierzu kommt jedoch noch der Umstand, daß man, indem diese Gewölbe zur Vermeidung eines zu großen Drukes beinahe immer in einem vollen Bogen oder beinahe in einem solchen erbaut werden müssen, zwischen den Boden übermäßige Entfernungen lassen müßte, theils um die Länge des Pfeiles der Bogen, theils um eine solche Höhe zu finden, daß man unter den Anläufen derselben durchgelangen kann.

Die Errichtung von hölzernen Lehrbögen bei dem Baue dieser Gewölbe ist ein weiterer Vorwurf, den man denselben machen kann, theils indem dadurch die Kosten vermehrt werden, theils indem der Bau dadurch verzögert wird.

Es war daher eine sehr wichtige Aufgabe, eine Art von leichtem Gewölbe ausfindig zu machen, welches nur wenig Druk ausübt, eine sehr schwache Krümmung hat, und leicht und schnell ausführbar ist. Alle diese Vortheile findet man in den Gewölben aus flachen Ziegeln und Gyps vereint, welche im südlichen Frankreich, und besonders im Roussillon, schon seit alten Zeiten bekannt sind, und deren Anwendung sich seit einigen Jahren auch in den übrigen Theilen Frankreichs auszubreiten anfängt.

Man findet diese Gewölbe schon im Jahre 1750 im Monate April der Zeitschrift Mercure von einem Architecten aus Avignon erwähnt, der sich, wie es jedoch scheint fälschlich, die Erfindung derselben zuschreibt. Dem sey nun wie ihm wolle, so ist wenigstens so viel gewiß, daß sie um jene Zeit von mehreren Militär-Ingenieurs bekannt gemacht wurden, welche in dieser Art von Bau hauptsächlich ein Mittel suchten, wodurch dem Feuerfangen der Gebäude in festen Pläzen bei Belagerungen vorgebeugt werden könnte. Die genauesten Aufschlüsse und Belehrungen über diese Bauart gab jedoch Hr. d' Espie in einer Broschüre, welche im Jahre 1754 unter folgendem Titel erschien: Manière de rendre toutes sortes d'édifices incombustibles, ou Traité de la construction des voûtes faites avec des briques et du plâtre, dites voûtes plates etc.“

|417|

Diese Gewölbe erhielten deßwegen den Namen flache Gewölbe (voûtes plates), weil man denselben so wenig Wölbung geben kann, als man will, und weil an beiläufig 2/3 ihrer Breite die Baksteine, aus denen sie erbaut werden, flach gelegt werden. Man kann diese Gewölbe also nicht besser definiren, als wenn man sie mit Zwischenwänden vergleicht, die über einen Lehrbogen gebogen worden.

Die Baksteine, deren man sich im Roussillon zum Baue dieser Gewölbe bedient, haben 10 Zoll Länge, 5 Zoll Breite und 1 Zoll Dike, indem Steine dieser Art eine bessere Wölbung geben, als die größeren Steine, deren man sich anderwärts bedient. Die kleineren Steine geben nämlich mehrere Gefüge und folglich eine größere Menge von Berührungspunkten mit dem Gypse, wodurch die Gewölbe nothwendig eine größere Festigkeit erhalten.

Man darf nur gut gebrannte Steine, die keiner Feuchtigkeit ausgesezt waren, zum Baue der Gewölbe verwenden; auch darf der Gyps nicht an der Luft gelegen seyn. Man hat daher auch darauf zu sehen, daß nie mehr Gyps auf ein Mal angerührt wird, als sogleich verbraucht werden kann.

Man kann diesen Gewölben jede Form geben, welche man den gewöhnlichen Gewölben zu geben pflegt; die beste Form jedoch, wenn es sich um den Bau einer Deke handelt, ist die sogenannte Form en Impériale, welche durch die Seiten von vier gedrükten Gewölben gebildet wird, indem diese Seiten von den Wänden des Gemaches ausgehen, und sich in dessen Mitte mit einander vereinigen. Das Minimum der Wölbung, welches man den flachen Gewölben geben kann, beträgt den achten Theil ihrer Breite; die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß sie bei einer geringeren Wölbung nicht genug Festigkeit besizen.

Man braucht nur so viel Lehrbögen, als zur Bildung des Himmels oder der Imperiale oder irgend einer anderen Form, welche man dem Gewölbe geben will, nöthig ist. Diese Lehrbögen können aus den leichtesten und schlechtesten Brettern zusammengeschlagen werden, da sie nicht zum Tragen des Gewölbes, sondern nur dazu bestimmt sind, den Arbeiter bei dem Baue zu leiten.

Man kann diese Art von Gewölben eben so gut auf alte, als auf neue Mauern aufsezen, wenn dieselben fest sind. Hat man es mit neuen Mauern zu thun, so ist es gut, vor dem Aufsezen der Gewölbe 5 bis 6 Monate verstreichen zu lassen, um auf diese Weise die Senkung derselben abzuwarten. Für den Anlauf der Gewölbe läßt man an den Strebemauern Einziehungen von 3 bis 4 Zoll Tiefe, so daß der erste Ziegel des Gewölbes flach und beinahe lothrecht auf die Einziehung gelegt werden kann. Ist die Mauer hingegen |418| alt, so macht man eine Einziehung in dieselbe, um den ersten Ziegel des Gewölbes auf die eben angegebene Weise legen zu können.

Die Gewölbe können einfach und doppelt gemacht werden; einfach macht man sie, wenn das obere Stokwerk nicht bewohnt wird, oder wenn sie überhaupt keine bedeutende Last zu tragen haben. Doppelt werden sie, wenn man auf den ersten Ziegel noch einen zweiten als Ueberschlag legt, und dabei darauf sieht, daß die Fugen dieses zweiten Ziegels nicht auf jene des ersten passen, so daß also auf diese Weise zwei auf einander liegende Gewölbe erbaut werden.

Das Verfahren bei dem Baue selbst ist folgendes. Nachdem der Arbeiter seine Lehrbögen, denen man gewöhnlich eine elliptische Form oder die Form eines Kreisbogens gibt, an Ort und Stelle gebracht, und gehörig befestigt hat, so spannt er 5 Zoll hoch über der erwähnten Einziehung seine Schnur von einem Ende des Zimmers zum anderen darüber. Dann reinigt er die Einziehung von Staub und allen sonstigem Unrathe, befeuchtet sie, wirft etwas Gyps darauf, und legt den ersten Ziegel; auf diesen wird dann an zweien seiner Verbindungen, d.h. an jener, welche sich gegen die Einziehung zu stemmen hat, und an jener, welche sich mit der Mauer, in deren Nähe die Reihe beginnt, zu verbinden hat, gleichfalls Gyps geworfen. Dann wird der Ziegel von Unten gerichtet, wobei der Arbeiter der Einziehung folgt, damit der Ziegel weder eine Vertiefung noch eine Hervorragung an der Mauer, sondern eine und dieselbe Fläche mit ihr bilde; oben soll der Ziegel hingegen die Schnur berühren. Wenn nun der Stein gefaßt hat, so schreitet der Arbeiter zum Legen des zweiten Steines, indem er in die Einziehung und an jene Seite des ersten Steines, mit der er in Berührung zu kommen hat, etwas Gyps legt, und indem er gleichfalls an jene Seiten des zweiten Steines, welche an die Einziehung und an den ersten Stein zu liegen kommen, Gyps legt. Das übrige Verfahren ist ganz dasselbe wie bei dem ersten Steine, und auf gleiche Weise wird dann auch fortgefahren, bis die ganze erste Reihe fertig ist. Zu bemerken ist, daß kein Stein gelegt werden darf, der nicht vorher in Wasser eingetaucht worden, weil dadurch die Poren des Steines besser zur Aufnahme des Gypses vorbereitet werden, so daß das Mauerwerk auf diese Weise mehr Festigkeit erhält.

Wenn der Arbeiter nun rings um das ganze Gemach (wir wollen annehmen, daß das Gewölbe die Form en impériale erhalten soll) die erste Reihe von Ziegeln gelegt hat, so gibt er seiner Schnur eine andere Stellung, indem er sie 5 Zoll hoch über ihrer früheren Stelle anbringt, und legt dann den ersten Ziegel der zweiten Reihe, wobei gleichfalls auf |419| zwei Seiten des Ziegels, so wie auf jene Seite der ersten Reihe, auf welche der Ziegel zu ruhen kommt, Gyps gelegt werden muß. Die Schnur leitet den Arbeiter, damit die zweite Reihe schnurgleich werde. Die zweite Reihe muß mit einem halben Ziegel begonnen werden, damit ihre Gefüge nie mit den Gefügen der ersten Reihe zusammentreffen: eine Vorsichtsmaßregel, welche bei dem ganzen übrigen Verlaufe der Arbeit gleichfalls zu beobachten ist.

Ist nun auf diese Weise auch die zweite Reihe vollendet worden, so schreitet der Arbeiter, wenn das Gewölbe ein doppeltes werden soll, zur Doppelung desselben. Er überstreicht zu diesem Behufe die eine Fläche der Ziegel, und legt sie dann mit dieser Fläche auf den ersten Ziegel der ersten Reihe, jedoch so, daß die Fugen nicht auf einander passen. Eine weitere Beschreibung des Verfahrens bei der Doppelung und bei dem Baue der weiteren Reihen scheint wirklich nicht nöthig, da dieß aus dem Gesagten selbst dem gemeinsten Maurer deutlich seyn wird.

Der Arbeiter braucht keine weiteren Werkzeuge, als zwei Tröge, in denen man ihm den Gyps in dem Maße anrichtet, als er dessen bedarf, und eine Kelle, welche etwas länger und breiter ist, als die gewöhnliche Maurerkelle, und deren er sich zum Bewerfen der Ziegel mit Gyps bedient. Der Handlanger hat gleichfalls eine solche Kelle, mit der er den Gyps anrührt. Der Arbeiter hat ferner einen schneidenden Hammer, mit welchem er, wenn es nöthig ist, die Steine zerschlägt, und mit dem er auch einige leichte Schläge auf die Steine macht, damit der Gyps fester zusammengedrükt werde, und damit die Steine also fester fassen. Eben diese Schläge dienen übrigens auch dazu, um den Stein genau längs der Schnur zu richten.

Wenn der Gyps gut und in voller Kraft ist, so faßt er so schnell, daß, so wie der Arbeiter über die Gewölbwinkel hinaus ist, und die flachen Ziegel zu legen anfängt, er den Ziegel, wenn er ihm kaum den Schlag mit dem Hammer gegeben, nur mehr mit einem Finger hält, und ihn, sobald er merkt, daß er festhält, losläßt, was gewöhnlich in weniger dann zwanzig Minuten der Fall ist.

Der Arbeiter hat sorgfältig darauf zu sehen, daß er nie eine neue Ziegelreihe beginnt, bevor nicht die vorhergehende an den vier Seiten des Gemaches vollendet, damit alle vier Reihen immer gleichmäßig gegen den Mittelpunkt des Gewölbes hin wachsen, bis sie am Ende nur mehr eine so kleine Oeffnung bilden, daß dieselbe mit einem einzigen Ziegel geschlossen werden kann. Gut ist es jedoch, wenn man diese Oeffnung, bevor man sie verschließt, noch 2 oder 3 Tage lang bestehen läßt, weil der Gyps beim Troknen an Volumen zunimmt, so daß die dadurch entstehende Ausdehnung des Gewölbes |420| auf die Strebemauern einwirken würde, wenn sie nicht in der angeführten Oeffnung gehörigen Spielraum finden könnte.

Die Winket c, c, c', c', welche zwischen der Wölbung des Gewölbes und den Strebemauern bleiben, werden bis auf eine Höhe von beiläufig 11 Zoll mit Gyps und kleinen Trümmern Ziegel- oder Baksteinen ausgefüllt. Dann werden die Gewölbewinkel durch kleine, 4 1/2 Fuß weit von einander entfernte Strebemauern b, b, b', b', gefaßt. Ist das Gewölbe en impériale gebaut, so hat man dergleichen kleine Strebemauern auch all den vier Winkeln anzubringen, welche die wesentlichsten Theile sind. Diese kleinen Strebemauern werden aus Ziegeln von großem Maße erbaut, welche man flach legt; matt kann übrigens auch zwei aus eben diesen Ziegeln gebaute Scheidewände zu diesem Behufe mit einander verbinden. Diese kleinen Mauern werden so hoch aufgeführt, bis sie etwas unter der Höhe des Rükens des Gewölbes stehen. Zwischen diesen kleinen Strebemauern wird dann gleichfalls bis auf eine Höhe von 2 7/10, Fuß mit Ziegeltrümmern und Gyps ausgemauert, worauf man den Zwischenraum zwischen diesen kleinen Strebemauern vollends ausfüllt, und Alles bis etwas über das Niveau des Rükens des Gewölbes empor mit gut getrokneter Erde oder besser noch mit Schutt aufführt, um dann endlich die Täfelung darauf anzubringen. Man muß sich wohl hüten, zum Ausfüllen der eben beschriebenen Zwischenräume gewöhnlichen Mörtel anzuwenden, weil dieser Mörtel feucht bleiben und folglich dem Gypse und der Festigkeit des Gewölbes Schaden bringen würde. Aus eben diesem Grunde eignen sich die flachen, mit Gyps erbauten Gewölbe auch nicht für Keller und andere dergleichen feuchte Orte.

So wie die Wölbung fertig ist, kann man auch die Lehrbögen abnehmen, denn sie dienen, wie bereits gesagt worden, nur dazu, um den Arbeiter bei der Form, welche er dem Gewölbe geben will, zu leiten. Innen werden die Gewölbe dann mit Gyps beworfen, wobei man die hervorspringenden Winkel weniger scharf macht, wenn das Gewölbe en impérial gebaut ist. Wenn es der Mühe lohnt, so kann man an dem Anlaufe des Gewölbes auch einen Kranz oder ein Karnieß anbringen, welches an der Höhe der zweiten Ziegelreihe liefe. Dieser Kranz würde die Verbindung des Gewölbes mit der Strebemauer, an der sich gewöhnlich die größte Wölbung befindet, verfielen, wodurch der ganze Plafond ein dem Auge gefälligeres Aussehen erhielt.

Dieß ist im Allgemeinen das Verfahren bei dem Baue der flachen Gewölbe. Was die Ersparniß dabei im Vergleiche mit dem Baue der Deken aus Holz betrifft, so wird diese, wie Jedermann |421| sieht, von dem relativen Werthe der Baumaterialien an diesem oder jenem Orte abhängen. Ueberall gewähren jedoch diese Gewölbe den Vortheil, daß bei Feuersbrünsten die Gefahr weit geringer ist; daß sie eine gleichmäßigere, im Winter wärmere und im Sommer kühlere Temperatur in den Zimmern unterhalten; daß sie zur Reinlichkeit der Zimmer beitragen, indem bei ihnen kein Staub durch die Fugen dringt, wie dieß bei den gewöhnlichen Deken fast immer der Fall ist; daß sich weder Mäuse, noch Ratten, noch irgend ein anderes Ungeziefer in denselben aufhalten kann; daß sie nicht wie das Holz die allenfalls in dem Gemache entwikelten der Gesundheit nachtheiligen Ausdünstungen einsaugen und aufnehmen; und endlich, daß sie weniger Geräusch von den oberen Stokwerken in die unteren durchlassen, als dieß sonst selbst bei doppelten Böden der Fall ist.

Eine sehr vortheilhafte Anwendung könnten die flachen Gewölbe auf dem Lande bei dem Baue von Ställen und Speichern finden. Die Deken der Ställe werden nämlich, wegen der geringen Kosten und der geringen Sorgfalt, die darauf verwendet werden, gewöhnlich sehr schlecht gebaut, ein Fehler, der fast immer zwei große Nachtheile mit sich bringt. Erstens fällt nämlich beinahe beständig Staub und Unrath auf das Vieh herab, so daß dasselbe fortwährend unrein bleiben muß, und zweitens steigt die Ausdünstung des Viehes in den über dem Stalle befindlichen Heuboden empor, sezt sich daselbst in das Heu oder Stroh, und bewirkt, daß das Vieh jenes Futter, welches zu Unterst auf dem Boden gelegen, entweder gar nicht oder nur mit Widerwillen anrührt.

Wir wollen hier nun noch einige aus dem Werke des Hrn. d'Espie gezogene Beispiele anführen, um zu zeigen, welche große Festigkeit diese Gewölbe besizen, und wie wenig Druk sie auf die Strebemauern ausüben. Die Ziegel und der Gyps bilden mitsammen eine innig gebundene Masse, an deren einzelnen Theilen kein Spiel Statt findet, und welche sich, wenn sie nur etwas gestüzt ist, immer unzertheilt erhalten wird.

Erstes Beispiel. In einem Kloster zu Perpignan, an welchem mehrere Theile des Daches verfallen waren, drang der Regen auf mehrere Punkte eines flachen Gewölbes ein. Die Folge hiervon war, daß sich der Gyps mir der Länge der Zeit von den Ziegeln ablöste, und daß endlich selbst die Ziegel herabfielen. Es entstanden aber dadurch nur Löcher, denn die benachbarten troken gebliebenen Ziegel blieben vollkommen fest, so daß, nachdem die Löcher wieder ausgefällt worden, das Gewölbe wieder so fest und gut war, wie früher.

|422|

Zweites Beispiel. Ein Bewohner des Languedoc ließ auf alte Mauern ein flaches Gewölbe aufsezen. Einige Zeit darauf wich eine der Mauern aus ihrer lothrechten Stellung, so zwar, daß zwischen ihr und dem Gewölbe eine bedeutende Oeffnung entstand. Da die Arbeiter das Gewölbe dessen ungeachtet nicht einstürzen sahen, so hatten sie den Muth, die alte Mauer ganz abzubrechen und eine neue aufzubauen, welche sie dann mit dem Gewölbe verbanden, das sich auch nicht im Geringsten von der Stelle bewegt hatte.

Drittes Beispiel. Eine glaubwürdige Person, sagt d'Espie, erzählte mir, daß sie sich habe einen hölzernen Rahmen verfertigen lassen, an welchem jedes Stük beinahe 5 Zoll dik und etwas über 6 Fuß lang war. Diese vier Stüke waren mit ihren Enden in einander eingezapft, und wurden durch Schrauben angezogen. Auf diesem Rahmen wurde ein Gewölbe erbaut, dessen Pfeil beinahe einen Fuß betrug. Als nun das Gewölbe troken geworden, nahm man den Rahmen aus einander, ohne daß das Gewölbe dabei Schaden litt, ja man konnte dasselbe auf dem Boden hin und her schieben, ohne daß dessen Festigkeit dadurch auch nur im Geringsten beeinträchtige worden wäre. Man belastete dasselbe mit so vielen Steinen, als man darauf legen konnte, und es erlitt auch nicht die geringste Veränderung; man warf mit Steinen darauf, wodurch zwar Löcher in demselben entstanden, die aber dennoch dessen Zerstörung nicht zu bewerkstelligen im Stande waten, so daß man es förmlich in Stüke zerschlagen mußte.

Viertes Beispiel. Jemand ließ ein flaches Gewölbe en impérial erbauen, und dieses dann an seinen vier Seiten mit Ausnahme der vier Eken so durchsägen, daß sich zwischen der Mauer und den vier durchsägten Seiten ein nicht unbedeutender Zwischenraum befand. Das Gewölbe wurde also nur mehr von seinen vier Eken getragen, und doch fiel es selbst, nachdem man es mit einer beträchtlichen Last beschwert hatte, nicht ein.

Fünftes Beispiel. d'Espie ließ auf ein Gemach, welches mehr als 26 Fuß im Gevierte hatte, ein Gewölbe en impérial aufsezen. Alsobald nachdem dieses Gewölbe fertig war, belastete er dessen Scheitel mit einem Haufen von 1750 Baksteinen, von denen jeder beiläufig 25 Pfund wog, so daß also die ganze Belastung an 43,750 Pfund betrug. Mit diesem Gewichte blieb das Gewölbe zwei Tage lang belastet, ohne daß es auch nur die geringste Veränderung dadurch erlitten hätte.

Sechstes Beispiel. d'Espie ließ ein neu gebautes Gewölbe an 7 oder 8 verschiedenen Stellen durchbrechen, und zwar mit Löchern, welche sich ziemlich nahe an einander befanden und beiläufig |423| 6 Zoll im Durchmesser hatten. Man ging auf den Rändern dieser Löcher herum, man belastete das Gewölbe, man schlug darauf, ohne daß dieß dem Gewölbe den geringsten Nachtheil brachte. Die Löcher wurden wieder zugemauert, und das Gewölbe war dann wieder so gut, als hätte es gar keine Verlezung erlitten.

Siebentes Beispiel. d'Espie ließ in einem Gemache von 18 Fuß Breite auf 27 Fuß Länge, dessen Mauern 2 Fuß dik und 42 Fuß hoch waren, 3 Stokwerke aus flachen Gewölben bauen. Sechs Monate nach deren Vollendung ließ er das untere Gewölbe durchbrechen, um eine Stiege durch dasselbe zu führen. Alles dieß geschah ohne den geringsten Nachtheil. Dieses leztere Beispiel beweist hauptsächlich, wie schwach der Druk dieser Gewölbe gegen ihre Strebemauern ist, indem diese Mauern, der großen Höhe, in welcher sich das obere Gewölbe befand, ungeachtet, nur 2 Fuß Dike hatten.

Alle diese Beispiele fanden im südlichen Frankreich Statt; wenn nun aber gleich im Norden keine so umständlichen Versuche angestellt wurden, so lassen sich doch an mehreren Orten solche flache Gewölbe nachweisen, die nicht minder gute Resultate gewährten. Die Gewölbe des Kriegsbureau's zu Versailles waren vor der Revolution auf diese Weise erbaut. Der Verfasser dieses Aufsazes ließ vor 5 Jahren im Departement de Saône und Loire zwei solche Gewölbe erbauen, welche 12 bis 15 Fuß Breite haben, und nur auf einfachen Pisemauern von beiläufig 1 1/2 Fuß ruhen. Das eine dieser Gewölbe dekt einen Keller, das andere eine Maierei; beide wurden sie zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen nicht unbedeutenden Lasten beschwert, ohne daß sich deßhalb auch nur die geringste Veränderung in denselben gezeigt hätte. Zu bemerken ist hierbei, daß diese Gewölbe überdieß auch noch mit sehr schlechtem Gypse erbaut wurden, und zwar von einem Maurer vom Lande, der diese Art von Bau zum ersten Male in seinem Leben sah.

d'Espie, der das Holz an den Gebäuden überall, wo es nur möglich war, zu unterdrüken suchte, hat an seinem Hause zu Toulouse einen Dachstuhl angebracht, welcher bloß aus Baksteinen, Dachziegeln und Gyps erbaut worden, und den man aus den beigefügten Zeichnungen ersieht. Als nämlich das Gewölbe a' a' a', welches den Dachstuhl tragen sollte, erbaut war, wurden auf dem Rüken desselben in Entfernungen von 1 Fuß von einander doppelte Scheidewände e, e etc. errichtet, deren Höhe man an beiden Seiten nach der Neigung des Daches abfallen ließ. Die Baksteine hatten 15 Zoll Länge auf 10 Zoll Breite und 2 Zoll Dike, so daß die Scheidewände also 4 Zoll und einige Linien dik waren. Durch diese Scheidewände |424| lief in der Mitte des Gewölbes ein Gang oder Corridor b' b', über welchem sich die Längenwölbung g befand. Um diese leztere herzustellen, wurden die Scheidewände zuerst bei ff abgeglichen, und dann mit einer Lage flach gelegter Baksteine ff gekrönt, deren eine Reihe, welche dem Gewölbe als Kiffen diente, quer durch die Scheidewände lief, so daß dieselben auf diese Weise an einander gebunden waren. Das kleine zwischen dem Längengewölbe und dem Giebel befindliche Dreiek h wurde mit leichtem Mauerwerke aus Ziegelstüken und Gyps ausgefüllt; das Massive oder Schwere dieses Baues ließe sich übrigens noch vermindern, wenn man eine Lage hohler, der Länge nach gelegter Ziegel anwendete. Nachdem die beiden Abhänge aller dieser Stüzen abgeglichen waren, wurde zur Dekung ii mit Gyps und großen Ziegeln, welche alle Zwischenräume zwischen den Scheidewänden dekten, geschritten. Auf die erste Lage wurde eine zweite gelegt, so daß die Gefüge derselben jedoch nicht auf die Gefüge der ersteren paßten, und auf diese zweite Lage wurden dann erst die hohlen Ziegel ll mit Mörtel und Sand gebettet. Das auf diese Weise erbaute Dach hatte nach 3 Jahren nicht die geringste Veränderung erlitten, obschon dasselbe im Winter 1752/53 eine Masse Schnees zu tragen hatte, wie man sie zu Toulouse seit Menschengedenken nicht gesehen hatte.

Diese Andeutungen mögen hinreichen, um einen Begriff von der Art und Weise zu geben, auf welche d'Espie seinen Dachstuhl erbaute. Wir wissen nicht, ob dieselbe auch noch anderwärts in Anwendung kam. Ein Vorwurf, den man diesem Dachstuhle auf den ersten Blik machen kann, ist der, daß er den oberen Theil des Gebäudes bedeutend überlastet. Auch müßte man erst die Kosten sämmtlicher Baumaterialien und des Taglohnes der Arbeiter berechnen, um zu finden, ob ein solcher Dachstuhl wohlfeiler kommt, als ein hölzerner. Um die Kosten und das Gewicht der Scheidewände zu vermindern, könnte man dieselben auch nach der Form von M und N durchbrechen, was freilich dafür mehr Arbeit und auch einige Schwierigkeiten darbieten würde.

Diese Dachstühle gewähren jedoch auch einen Vortheil, der sich nicht in Abrede stellen läßt. Es ist nämlich bei denselben gar keine Feuersgefahr möglich. Wahrscheinlich ist deren Unterhaltung auch minder kostspielig, als jene der gewöhnlichen Dächer; denn es befinden sich an denselben weder Latten, noch Sparren, noch andere Dinge, welche vermodern und daher beständige Reparaturen nöthig machen könnten. Die Reparaturen beschränken sich bei d'Espie's Dachstühlen höchstens auf das Ausbessern oder Erneuern einzelner Ziegel.

|425|

Es gibt aber noch eine gemischte Bauart, und diese scheint uns in Hinsicht auf Ersparniß an Bauholz im Allgemeinen mit Vortheil anwendbar. Statt nämlich statt eines jeden Sparren eine Scheidewand aufzuführen, dürfte man sich damit begnügen, eine gewisse Anzahl derselben in Entfernungen von 9 bis 12 Fuß von einander aufzuführen. Diese Scheidewände würden bei einer Dike von 4 Zoll und einigen Linien im Allgemeinen fest genug seyn, um die Dachfetten tragen zu können, auf welchen wie gewöhnlich die Sparren und Latten angebracht würden. In diesem Falle bliebe das Längengewölbe weg, indem man statt desselben einen hölzernen, auf allen Dachstuhl-Scheidewänden hinlaufenden First anbrächte.

Wir wollen am Schlusse dieses Aufsazes nur noch bemerken, daß die flachen Gewölbe leicht einer allgemeineren Anwendung fähig seyn dürften, wenn man statt des Gypses den sogenannten römischen Kitt zu deren Bau verwendete. Dieser Kitt erhärtet nämlich bekanntlich sehr schnell, und auf dem schnellen Erhärten des Bindemittels beruht hauptsächlich das Gelingen der Gewölbe. Der Kitt würde sich ferner auch vorzüglich für feuchte Orte eignen, an denen der Gyps nicht wohl anwendbar ist. Der einzige Vorwurf, den man dem römischen Kitte, z.B. jenem von Pouilly, der der beste von der Welt ist, machen kann, ist der hohe Preis, auf welchen derselbe bisher noch im Handel zu stehen kommt. Das Werk, welches Hr. Berthault kürzlich herausgab, und in welchem er zeigt, wie man sich aller Orten auf eine wohlfeile Weise den besten römischen Kitt bereiten kann, wird jedoch, wie wir hoffen, auch diesen Einwurf bald beseitigen.

Fig. 18 ist ein Durchschnitt des Gebäudes nach der Linie AB.

Fig. 19 gibt einen Grundriß, welcher über dem Gewölbe des ersten Stokwerkes GH genommen ist.

Fig. 20 ist ein Grundriß nach der Linie EE.

Fig. 21 ist ein Durchschnitt nach der Linie CD.

aa, a' a' sind doppelte Gewölbe aus flach gelegten Ziegeln, deren Pfeil 1/8 der Breite beträgt.

bb, b' b' sind doppelte Scheidewände, welche zur Verbindung der Gewölbe dienen.

cc, c' c' ist ein Mauerwerk aus Gyps und Ziegelstüken, womit die Winkel zwischen den Strebemauern und den Gewölben ausgefüllt werden.

dddd sind die scharfen Kanten des en impériale gebauten Gewölbes.

ee sind die Pfeiler der doppelten Scheidewände, die den Dachstuhl bilden.

|426|

ff sind Lager aus flach gelegten Ziegeln, welche der Längenwölbung als Kissen dienen.

g ist eine Längenwölbung, die den First des Daches trägt.

h ist ein kleines Gewölbe oder ein Streif aus hohlen Ziegeln zur Verminderung des Massiven des Baues.

ii , ii ist ein doppeltes Pflaster aus Ziegelsteinen, welches die hohlen Ziegel trägt.

ll , ll ist die Deke aus hohlen Ziegeln.

m, m ist der First des Daches.

m, n sind Stellen, welche man hohl machen oder wölben könnte, um die Belastung der Scheidewände zu vermindern.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Tafeln


Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: