Titel: Polytechnische, Gewerbs- und landwirtschaftliche Schule in Augsburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. XXXVIII./Miszelle 3 (S. 151–153)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/mi050038_3

Polytechnische, Gewerbs- und landwirtschaftliche Schule in Augsburg.

Wir haben im Bande XLVII. S. 391 unsern Lesern die Grundzüge der im Königreiche Bayern zu errichtenden polytechnischen und Gewerbsschulen mitgetheilt, und tragen nun die für diese Anstalten in der Stadt Augsburg allerhöchst angeordneten näheren Bestimmungen hier nach.

Die Errichtung einer polytechnischen Schule in Augsburg.

Mit Genehmigung Sr. Majestät des Königs wird in Augsburg eine polytechnische Schule errichtet, und mit dem Monate November d. J. eröffnet werden.

Diese höhere technische Lehranstalt schließt sich an die in Augsburg ebenfalls neugeschaffene vollständige Kreis-Gewerbsschule an. Der Unterricht an derselben beginnt mit der höheren Zeichnungskunde (architektonische, geometrische und perspektivische Zeichnung), mit der Mathematik, der descriptiven Geometrie, der Experimental-Physik, dann den Anfangsgründen der Civilbaukunde, und endiget mit dem eigentlichen Maschinen- und Architekturzeichnen, mit der Mathematik und Maschinenlehre, mit der technischen Chemie, und nach Maßgabe des Berufes der Schüler mit Bossiren und Modelliren, so wie mit den richtigsten Kenntnissen aus der Straßen-, Wasser- und Brükenbaukunde.

Dabei wird nach dem ausdrüklichen Willen Sr. Majestät des Königs der Woll- und Baumwollen-Fabrikation, der Kunstweberei und der Färberei gleichwie in der Kreisgewerbsschule, so auch in so fern es die höheren Sphären berührt, in der polytechnischen Schule eine vorzugsweise Aufmerksamkeit zugewendet werden.

Sämmtliche Unterrichtsgegenstände sind in Gemäßheit einer Bestimmung des königl. Staatsministeriums des Innern vom 28. März d. J. auf drei Jahrescurse vertheilt, wie folgt:

Ister (unterster) Jahrescurs.

Zeichnungsunterricht. a) Freie Handzeichnung. Zeichnung menschlicher Figuren mit Rüksicht auf Anatomie nach Vorlagblättern in Umrissen, und leicht schattirt. b) Architektonische Zeichnung. Antike Ornamententheile zur Kenntniß der alten Baustyle. c) Geometrische und perspektivische Zeichnung fortschreitend mit der descriptiven Geometrie. (Gesammter Zeichnungsunterricht, wöchentlich 18 Stunden.)

Reine Mathematik. Fortsezung der Algebra, der Gleichungen des zweiten Grades, Constructionslehre, binomischer und polynomischer Lehrsaz, Reihen, Logarithmen, Kreisfunktionen, Trigonometrie, Polygonimetrie, analytische Darstellung der geraden Linien, der Ebenen, der Linien und Flächen zweiter Ordnung (wöchentlich 5 St.).

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Descriptive Geometrie im weitern Umfange (wöchentlich 10 Stunden).

Experimental-Physik, im ganzen Crsus einschließlich der Lehre von den Imponderabilien (wöchentlich 5 Stunden).,

Civilbaukunde. Material- und Constructionslehre (wöchentlich 2 St.).

IIter oder mittlerer Jahrescurs.

Zeichnungsunterricht. a) Freie Handzeichnung, Köpfe, Hände und Füße mit vollständiger Schattirung, zuerst nach Vorlagen, dann nach dem Runden. b) Architektonische Zeichnung. Architektonische Theile und Ornamente zur Uebersicht mittelalterlicher Baustyle. c) Geometrische Zeichnung. Maschinerie, zeichnung nach Vorlagen (wöchentlich 20 Stunden in gehöriger Eintheilung).

Mechanik. Statik der festen und der flüssigen Körper, Anwendungen aus der Statik beider (wöchentlich 5 Stunden).

Technische Chemie. Affinität und chemischer Proceß, chemische Operationen, Darstellung, Eigenschaften und Anwendung der einfachen Stoffe auf die wichtigsten technischen Zweke. Hauptgrundsaz der Stöchiometrie, elementare und stöchiometrische Zusammensezungen. Organische Verbindungen mit den wichtigsten technischen Beziehungen (wöchentlich 10 Stunden).

Bossiren oder Modelliren. Modelliren von Ornamenten, analog dem Zeichnen der Ornamente. Geschichte der Gewerbe in Deutschland mit besonderer Rüksicht auf Bayern (wöchentlich 3 Stunden). Waarenkunde (wöchentlich 5 St.)

IIIter oder oberster Jahrescurs.

Zeichnungsunterricht. a) Freie Handzeichnung. Die freie Handzeichnung übergeht mit dem IIIten Jahrescurse an die Akademie der bildenden Künste, wo jeder talentvolle, und über künstlerische Anlagen sich ausweisende Jüngling auch dann an dem ersten Cursus Theil nehmen darf, wenn er nicht sowohl der reinen, als vielmehr der Kunst in ihrer Anwendung auf bestimmte Gewerbe, z.B. Eiselirung sich zuzuwenden gedenkt. b) Maschinenzeichnung. Zeichnung nach Modellen, Maschinen, Aufnahme von Maschinen, Fortsezung architektonischer Zeichnung für Schüler der Baukunde (ganzer Unterricht in zwekmäßiger Eintheilung, wöchentlich 20 Stunden).

Mechanik und Maschinenlehre. Dynamik fester und flüssiger Körper, Anwendung derselben auf Maschinen, allgemeine Maschinenlehre. Geseze der lebendigen Kraft. Eintheilung der Maschinen, Ausdrüke der Arbeit und Kraft der verschiedenen Maschinen. Durchgehung der wichtigsten Arbeitsmaschinen (wöchentlich 5 Stunden).

Descriptive Geometrie, in ihrer Anwendung auf Steinschnitt, Constructionen und andere Gewerbsgegenstände (wöchentlich 5 Stunden).

Geschichte der Gewerbe in Deutschland, mit besonderer Rüksicht auf Bayern (wöchentlich 3 Stunden).

Waarenkunde (wöchentlich 3 Stunden).

Bossiren und Modelliren, von Köpfen und einzelnen Theilen des menschlichen Körpers.

Die oben bezeichnete eigenthümliche Richtung der polytechnischen Schule in Augsburg auf einen gesteigerten Unterricht in der Chemie wird durch die applikative praktische Reichung des Unterrichts mittelst öftern Besuches der betreffenden Werkstätte, und belehrender Hinweisung an Ort und Stelle auf das Walten der betreffenden Werkmeister und Fabriken verwirklichet werden.

Durch die oben erwähnte Verfügung des königl. Staatsministeriums des Innern vom 28. März d. J. ist ferner festgesezt: Der Eintritt in die polytechnische Schule wird durch das erreichte, oder durch das überschrittene 15te Lebensjahr, und durch die mit Erfolg zurükgelegte Gewerbsschule bedingt. Die Aufnahmeprüfung wird jährlich mit dem Schlusse des Schuljahres an dem Size der polytechnischen Schule vor dem versammelten Gremium der Lehrer vorgenommen. Die sich Meldenden werden zu der Prüfung auf den Grund der Gewerbsschul-Absolutorien admittirt. Jede Prüfung erstrekt sich über alle Gegenstände des Gewerbs-Schulunterrichtes, so wie solche §. 7. näher bezeichnet wurden. Der geprüfte und als fähig anerkannte Schüler tritt in den untersten Curs der Schule. Die Inscription endigt jeden Jahres mit dem 30. October als einem peremtorischen Termine. Der Unterricht der Schule ist für den Inländer unentgeldlich. Der |153| Ausländer zahlt ein Inscriptionsgeld von 10–12 fl. für den Jahrescurs. Hospitanten, welche jedoch nur Ausnahmsweise bei besonders guter Befähigung und stets nur für die praktische Ausübung eines Gewerbes oder einer Kunst zu einzelnen Vorlesungen zugelassen werden können, zahlen die Hälfte des Inscriptionsgeldes für jede Vorlesung. Jeder Curs der polytechnischen Schule besteht mit Schluß jedes Schuljahres eine strenge öffentliche Prüfung, nach deren Ergebniß das Rektorat über die Befähigung zum Uebertritte in den höhern Curs der polytechnischen Schule entscheidet. Die innere Organisation der polytechnischen Schule, das Wechselverhältniß der Lehrer und Schüler, die Prüfungen, und insbesondere die Disciplin der Entlassungsverhältnisse richten sich streng nach den in der Schulordnung für die Gymnasien enthaltenen Normen, und Competenzgränzen.

Als Attribute einer vollständigen polytechnischen Lehranstalt sind erklärt: 1) ein physikalisches Kabinet, 2) ein chemisches Laboratorium, 3) eine technische Bibliothek, 4) eine vollständige Sammlung von Reliefs und körperlichen oder sonstige Vorlagen für den Zeichnungsunterricht, 5) eine ähnliche Sammlung von Vorlagen für die Modellir- und Bossirschule, 6) eine Sammlung der nothwendigen Rohstoffe und Produkte, 7) eine mechanische Werkslatte, 8) eine Modellensammlung im Allgemeinen, insbesondere aber für die descriptive Geometrie, welche in den ersten Vortragen über Linien und Ebenen in Räumen nie anders als nach Modellen gelehrt werden soll.

Der Tag der Eröffnung dieser Anstalt wird durch bereits ernannten Vorstand, Professor Dr. Leo, noch besonders bekannt gemacht werden.

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