Titel: Notizen über den Seidenbau in Asien und Europa.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. XXXVIII./Miszelle 9 (S. 156–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/mi050038_9

Notizen über den Seidenbau in Asien und Europa.

Der berühmte Dr. Ozanam, der Vorstand der Aerzte am Hôtel-Dieu zu Lyon, hat im Recueil industriel eine Instruction für die Zucht der Maulbeerbäume und der Seidenraupen bekannt gemacht, die zwar sehr einfach und gediegen ist, aus der wir aber wegen Mangel an Raum, und da diese Vorschriften doch größten Theils mit jenen in älteren Werken übereinstimmen, nur folgende Zusammenstellung des Seidenbaues in Asien und Europa ausziehen wollen. – China erzeugt unter allen Ländern die größte Menge Seide. Die schönste Seide liefert die Provinz Cho-Kiang, woher sie auch die englischen und holländischen |157| Factoreien in China beziehen; sie ist blendend weiß und sehr leicht, gibt aber beim Bearbeiten einen sehr bedeutenden Abfall, und wird deßhalb am besten roh verarbeitet. Die Seide aus der Provinz Kan-Tong hat eine eigene hellgraue, silberartig glänzende Farbe, die man ihr läßt, und die sie auch beim Waschen behält; sie ist übrigens weich und nervig. – Die japanische und philippinische Seide kommt der chinesischen gleich, eben so die von Tunkin, welche meistens im Lande zu Atlas und Taffet verarbeitet wird, der nach Amerika geht. – Im Indostan wird eine ungeheure Quantität Seide gezogen; die Provinz Kazembozar allein liefert jährlich über 25,000 Ballen, jeden zu 50 Kilogr., und alle diese Seide expedirt die ostindische Compagnie nach England. Die indostanische, so wie die bengalische Seide ist schwer, und spinnt sich ungleich; sie hat sich bedeutend verbessert, seit die Engländer italienische Spinner nach Indien sandten, übrigens steht sie aber immer noch weit unter der französischen und italienischen Seide. – Die Provinzen Kilan, Schirvan und einige andere an den Ufern des caspischen Meeres gelegene Provinzen liefern jährlich über 40,000 Ballen Seide, worunter sehr viele schöne weiße Seide, die aber sehr unvollkommen abgehaspelt ist. Diese Seide wird durch die Caravanen nach Aleppo, Smyrna und Constantinopel gebracht; man unterscheidet mehrere Sorten von ihr, worunter die Soubassis und Legis die besten sind; auf diese folgen die Ardassis. – Die Seide von Brusa welche eine bedeutende Quantität ausmacht, gibt vielen Abfall. Auch Aleppo, Tripoli, Seyd, Cypern, Candia, Syrien und Palästina liefern viele Seide, worunter besonders die weiße aus Palästina sehr geschäzt ist. Die Seide von den Inseln des Archipels kommt der schlechtesten Seide aus dem Vivarez gleich. – Sicilien soll jährlich eine Million Pfund Seide ausführen. Diese Seide, die ehemals sehr geschäzt war, ist schwer und fest; sie gibt aber beim Bearbeiten viel Abfall, und hat, wie alle in heißeren Klimaten gewonnene Seide, weniger Nerviges, weniger Elasticität und weniger Glanz. – In Neapel kommt die beste Selbe von Reggio, Reggio-Sambatelli, Sambatellini, Apalte, Amalsi, Girella, San Giacomo, Vomero, Santo-Baya, Nola, Nocerra etc. Diese Seide ist meistens stark und fest, so daß man sie hauptsächlich zum Vergolden, zur Bortenwirkerei, als Nähseide etc. verwendet. In der Umgebung von Neapel ist das Abhaspeln und Oeffnen der Seide in neuerer Zeit so vervollkommnet worden, daß einige der dortigen Seiden sogar den Piemontesischen vorgezogen werden. – Im Parmesanischen und Modenesischen spinnt man Eintrag und Kettenseide, die mit der Piemontesischen an Güte wetteifert. Im Genuesischen wird sehr viel feine Seide gezogen, welche, da die Ausfuhr der rohen Seide, so wie im Piemont verboten ist, in Eintrag – und Kettenseide verarbeitet wird. Die Umgegend von Novi erzeugt eine Seide, die der Chinesischen in nichts nachsteht. – In Piemont und in der Lombardei wird die größte Menge Seidenraupen gezogen, und Seide von jeder Schönheit und Feinheit erzeugt und gesponnen. Man mag sich einen Begriff von der Ausdehnung der Seidencultur daselbst machen, wenn man bedenkt, daß bloß ein einziger Fabrikant im Novarresischen, Hr. Saporiti, jährlich 200 Centner Cocons zieht. Der jährliche Ertrag des ganzen Landes wird auf 50,000 Ballen Seide geschäzt! – Spanien verbraucht seine Seide größten Theils selbst; am meisten erzeugen Valencia und Grenada. Die Seide ist schwer und stark, und eignet sich vorzüglich für Nähseide, zur Bortenwirkerei etc. – In Frankreich hat der Seidenbau erst seit 20 bis 25 Jahren einen größeren Aufschwung gewonnen, und wie weit derselbe bereits gediehen, erhellt daraus, daß der Werth der jährlich erzeugten Seide bereits an 20 Millionen Franken beträgt, so daß Frankreich bald keiner fremden Seide mehr bedürfen wird, um seine Fabriken zu befriedigen. Die Cantone von St. Jean du Gard, Ganges, Anduse, Villerangue und St. Denis de Brou bei Lyon erzeugen die schönste und feinste weiße Seide, die es gibt, so daß diese Seiden auch um 12 bis 15 Franken per Pfund mehr gelten als alle übrigen Seidensorten.

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