Titel: Ueber die Ausbesserung von altem hölzernen Schnizwerke.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. LXIX./Miszelle 9 (S. 315–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/mi050069_9

Ueber die Ausbesserung von altem hölzernen Schnizwerke.

Ein Correspondent des Mechanics' Magazine ersucht in einem der lezten Blätter dieses Journales angelegentlichst um die Mittheilung eines guten chemischen Agens, um den Anstrich und den Schmuz, den man so häufig auf altem eichenen Schnizwerke findet, zu entfernen. Man wendet, wie er sagt, gewöhnlich eine starke Potasche-Auflösung hiezu an; das alte trokene Holz saugt jedoch sehr viel davon ein, bekommt daher leicht Sprünge und erhält jedenfalls eine rauhe und unebene Oberfläche, die dem Werthe dieser Dinge sehr schadet. Sehr gut wäre es, nach der Meinung dieses Correspondenten, wenn man das Alkali in einer solchen Form anwenden könnte, in welcher es nicht so tief in das Holz eindränge und mit einer geringen Menge Flüssigkeit wieder entfernt werden könnte. – Die Bildhauer werden in England jezt häufig um die Ausbesserung von altem Schnizwerke angegangen, und suchen dabei nicht nur die Formen, sondern auch die alterthümliche Farbe des Originales so tauschend als möglich nachzumachen. Das gewöhnliche Mittel, dessen man sich hierzu bedient, ist gepülverter Kalk, der jedoch immer eine röthliche Farbe zurükläßt, so daß die Sache leicht entdekt wird. Besser ist es die neuen Theile mit Wasserfarben förmlich zu mahlen, indem man hierdurch die Täuschung auf's Höchste bringen kann. Auch das Kochsalz eignet sich sehr gut, um neuen Stüken die Farbe und die Schattirung des antiken Originales zu geben. – Welche Wichtigkeit diese Behandlung des Schnizwerkes gegenwärtig in England hat, und welche Richtung daselbst der vor einigen Jahren mehr gothische Geschmak gegenwärtig genommen hat, mögen unsere Leser aus folgendem Auszuge aus dem oben erwähnten Aufsaze ersehen: „Die Wuth nach altem hölzernen Schnizwerke ist gegenwärtig in England so groß, daß keine Woche vergeht, in der nicht große Quantitäten davon aus allen Theilen des Continents eingeführt würden. Diese starke Einfuhr hatte bereits die gute Wirkung, daß unsere Künstler in diesem Fache nun sehr beschäftigt sind und Außerordentliches leisten; und wir hoffen sogar, daß sie unter allen Förderern der Kunst einen besseren Geschmak bewirken und allgemein zur Annahme des prächtigen und schönen Styles führen wird, in welchem man unter Ludwig XIV baute! Die Einführung des griechischen Styles bei den Verzierungen im Inneren unserer Paläste und Gebäude hat wegen der Einfachheit und Plattheit dieses Styles die Talente unserer Holzschnizer einschlummern lassen, so daß manche glauben, diese Kunst sey bei uns in England ganz erstorben. Dr. Paris sagt sogar in der Biographie Davy's: „Der Vater Davy's war der lezte Künstler in der Holzschnizerei, einer Kunst, die seit Gibbons's Zeiten in Verfall kam und gegenwärtig als ganz verloren gegangen betrachtet werden kann.“ Woher Dr. Paris dieß hat, wissen wir nicht; wir konnten wenigstens nirgendwo etwas von einem Schnizwerke Davy's erfragen. Ganz falsch ist es übrigens, daß diese Kunst in England untergegangen sey; denn wir haben gerade die besten Künstler dieser Art, die es in ganz Europa gibt. Wie wir dazu kamen, läßt sich auf folgende Art nachweisen: Die besten Künstler in diesem Fache befanden sich bei dem Ausbruche der ersten französischen Revolution in Paris; dieses Ereigniß unterdrükte ihre Kunst, sie wanderten nach England, fanden dort gute Aufnahme, und unterrichteten eine Menge junger Leute, die nun zum Theil große Meister geworden. Was Frankreich auf diese Weise für England geworden, das wurde England durch die Annahme des griechischen Styles später für Nordamerika. In den lezten 4 bis 5 Jahren sind nämlich mehrere der ersten Künstler Englands nach Amerika ausgewandert, und es scheint, daß sie sich daselbst sehr gut befinden, weil noch keiner derselben |316| zurükkehrte.“ Wie weit ist die Verkehrtheit des Geschmakes gediehen, wenn man den erhabenen griechischen Styl dem erkünstelten und haarzöpfigen Style zu Zeiten Ludwigs XVI. nachsezen kann!

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