Titel: Notizen über den Mechaniker Manhard in München und über dessen Leistungen. Aus einem Schreiben an die Herausgeber dieses Journales.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1833, Band 50, Nr. XC./Miszelle 14 (S. 394–396)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj050/mi050090_14

Notizen über den Mechaniker Manhard in München und über dessen Leistungen. Aus einem Schreiben an die Herausgeber dieses Journales.

Recht erfreulich war es für mich, hier Ihre, mir so gütevoll verliehenen, technischen Notizen zu empfangen. Mein herzlichster Dank dafür, den ich hier nur zu gern wiederhole, eilte zu Ihnen und drükte Ihnen recht fest die Hand. |395| Bei Reisezweken meiner Art sind Hinweisungen auf Alles, was die Wissenschaft und Kunst, und insbesondere die Technik betrifft, wohl recht wohlthuende Geschenke; denn in der Ansicht von Verschiedenheit der Gegenstände sammeln und verzweigen sich immer am reichsten unsere Ideen. Wo ich von hier den Rösselsprung meiner Reise hinwende, weiß ich selbst noch nicht; aber, wo ich auch meine Winterquartiere beziehe, die Muße wird mir wohl daran thun, Ihnen vielleicht Manches, Ihrem Interesse Entsprechendes, mitzutheilen. Bis dahin verschiebe ich also auch an Sie die meinerseitigen Notizen. – Hier erlaube ich mir nur noch aus meinen Blättern „über München Sie auf einen dortigen mechanischen Künstler aufmerksam zu machen, der wohl einer Beachtung in Ihrem polyt. Journale werth wäre, den Sie vielleicht aber wohl selber schon aus dem „Kunst- und Gewerbeblatt des polyt. Vereines im Königreiche Bayern“ unfehlbar kennen: den Großuhrmacher und Mechanist Manhard in München nämlich. Dieser Mensch ist wie recht treffend und rühmlichst das selbst höchst geniale und ungewöhnliche mechanische Talent beim dortigen polytechnischen Institute-Liebherr, der selber nur recht vielseitig gewendet und benuzt werden sollte, – bei Gelegenheit meiner vorübergehenden Erwähnung Manhard's von ihm sagte, „ein wahres mechanisches Universal-Genie.“ – In seiner Werkstatt, die sich in einer mechanischen Schloßfabrik zugleich mit zerspaltet, finden Sie Alles, vom simpeln Schraubestok an, der eine eigenthümliche Vollkommenheit hat, bis zu den Drehebänken, wovon sich besonders seine große, eigens construirte Drehebank auszeichnet, – (sie ist so mit aller Leichtigkeit zu verstellen, daß darauf Gegenstände von dem kleinsten Knopfe ab bis zu Stüke von 8 Schuh Durchmesser gedreht und auch, durch eben diese Verstellungen, Flächen nach verschiedenen Winkeln eben gefeilt oder gefaßt werden können, was sonst bei anderen Drehebänken nicht möglich ist, mittelst der er in dem 24sten Theile der gewöhnlichen Zeit noch sogar die Stüke mit der sichersten Genauigkeit bearbeitet), – so wie sein Gewindwerkzeug, das ebenfalls eine ungewöhnliche eigene Construction hat, mittelst dem er mir großer Präcision arbeiten kann; – und selbst seinen Schleifstein, der, mittelst seines Mechanism, selbst Ungeübten es möglich macht, scharf und obere Flächen in einen bestimmten Winkel zu schleifen, und den Vortheil enthält, daß der Stein rund bleibt, nie verdorben werden kann und die Arbeit in einer höchst geschwinden Zeit leistet, – neu und eigenthümlich. In der Abtheilung für die Schloßfabrik finden Sie, für jeden Theil des Schlosses, eine von ihm selbst erfundene sinnreiche und einfache Vorrichtung, vermittelst welcher der ganz kunstlose Mensch die Gegenstände derselben in der größten Geschwindigkeit fertigen kann, und diese mit einer Genauigkeit, daß sie keiner Nachhülfe bedürfen. Die Förderung der Bearbeitungen der Theile ist ungemein, und dieser Theil seiner Werkstatt allein verdient wohl die größte Aufmerksamkeit, und gerade ist er derjenige, den dieses Original ohne Werth beachtet. – Ich habe mich zwar etwas lange bei der Beschreibung seiner Werkstatt aufgehalten; sie ist aber in der That sehenswerth und bedürfte einer ausgedehnteren Beschreibung, ja sie wäre einer genauesten Aufnahme und Kunde würdig, denn gerade in ihr liegt eine große Förderung der mechanischen Technik. Sein erfundener Glatthammer, mittelst welchem Eisenschienen, und überhaupt alles Eisen von verschiedenartiger Dike und Breite, wie auf das reinste geschliffen geschmiedet gleich werden, ist schon durch das Kunst- und Gewerbeblatt bekannt; auch bei diesem spricht sich sein ungewöhnliches Talent und seine möglichen Leistungen, wenn es nur vielseitig gerichtet würde, rühmlichst aus. – Seine originelle Thurmuhr auf der protestantischen Kirche, die in 4 Weisern mit nicht mehr als 7 1/2 Pfund Gewicht getrieben wird, die in Plan und Gang gleichsam ganz neu erdacht ist und bei welcher sich insbesondere das höchst einfache Triebwerk der Weiser, das bis auf die Hälfte beinahe vereinfacht ist, originell ausspricht; seine gleich originelle Uhr im Palais des Herzogs Max königl. Hoheit, welche 8 Tage geht und schlägt und ihre Zeiger in zwei Höfe zeigt; wie die daselbst von ihm construirte interessante Bratmaschine von 4 Bratspießen, jeder von 6 Fuß Länge, von einem Wasserstrahle getrieben, der in seiner Dike wie aus einer Schreibfederpose austreibt und dabei Weiserstangen umzuführen hat, welche in einem Canale von 55 Schuh Länge unter der Erde hingehen, sind ebenfalls schon im angeführten Kunst- und Gewerbeblatt erwähnt. Eine sehr sinnreiche Plombirmaschine sah ich noch bei ihm für die bayerische Manch, und eine noch nicht ganz vollendete Münzdurchschnittsmaschine, mit zwei |396| kleinen Handschwungrädern, womit in Einer Minute 120 Stük große und, mit einem anderen Einsaze, 240 Stük kleine Münzen zur Prägung gefördert werden, in der Arbeit.

Dieser Künstler ist ein geborner Bayer aus Gmünd bei Tegernsee und für die Mechanik ein wahrhaft gebornes Genie. Er verlor seinen Vater in einem Alter von 5 Jahren und hatte keine Verwandten, welche ihm nur einige Schulkenntnisse zukommen lassen konnten, nicht einmal Lesen und Schreiben; ihm blieb nur übrig, Alles aus sich selbst zu erlernen. Seine Neigung fiel zunächst auf die Uhrmacherei, die er auch auf dem Lande bei einem Uhrmacher zu erlernen suchte; wie er sie erlernte, gefiel sie ihm aber nicht, und sie muhte, schon in der späteren hier aufgestellten Thurmuhr der angeführten protestantischen Kirche, die in ihm gleichsam geborne Umgestaltung ihres Mechanismus erhalten. Mit dieser Umgestaltung ergriff er zugleich alle die Ideen zu seiner Werkstatt und zu den von ihm erbauten Maschinen; Alles ist, da er Nichts lesen und mit dem Vorhandenen und Verbesserten sich vergleichen kann, eigene von ihm ausgehende Schöpfung, und Alles bedarf nur an ihm der deutlichen Aufgabe, um in seinem Talente zum kürzesten und gediegensten Mechanismus zu werden. – Dieses ungewöhnliche originelle Genie, das nie im Stande ist, sein eigenes Product zum zweiten Male nachzumachen, ohne gänzlich neu zu gestalten, weil ihm nie das Vorhergegangene gefällt, wird gewiß Außerordentliches im Felde der technischen Mechanik leisten, wenn es nur Aufforderung genugsam dazu erhalten wird, und verdient daher in jeder Rüksicht der Aufmerksamkeit. Verzeihen Sie meiner Weitläuftigkeit und genehmigen Sie die vollkommenste Verehrung

Ihres ganz ergebensten Freundes und Dieners
Herrmann Baron v. Dalwitz,
kais. russischer Ingenieur-Oberstlieutenant.

Stuttgart, den 28. November 1833.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: