Titel: Ueber einige Selbstentzündungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 51, Nr. XVI. (S. 86–89)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj051/ar051016

XVI. Ueber einige Selbstentzündungen und über die Mittel denselben vorzubeugen.

Aus dem Journal des connaissances usuelles. November 1833, S. 260.

Man liest in den Zeitschriften beinahe täglich von Unglüksfällen, die durch die Selbstentzündung dieser oder jener Waaren entstehen; besonders häufig ereignen sich dieselben in Häfen, auf Schiffen und Mauthniederlagen, wo sie oft unendlichen Schaden anrichten. Wir glauben daher, daß es von höchster Wichtigkeit wäre in die Erforschung der Ursachen aller dieser Selbstentzündungen einzugehen, um so mehr, da sich nur auf diesem Wege die Mittel, wodurch denselben vorgebaut werden kann, ausfindig machen lassen. Folgende Daten dürften deßhalb nicht ohne Interesse seyn.

Baumwolle, welche mit Oehl benezt worden, entzündet sich schnell.17) Man weiß, wie schwer und beinahe unmöglich es ist, das Durchsikern des Oehles durch die Oehlfässer zu verhindern, und doch kann die geringste Menge ausgeschwizten Oehles hinreichen, um eine Selbstentzündung zu bewirken. Folgende noch nicht sehr veraltete Thatsache ist hierüber in den Philosophical Transactions aufgezeichnet.

Hr Golding, Commissär der ostindischen Compagnie, hatte auf einem Tische des Arsenales, neben dem sich eine Kiste mit grobem |87| Baumwollzeuge befand, eine Flasche mit Oehl stehen lassen. Diese Flasche wurde in der Nacht wahrscheinlich von Ratten umgeworfen; sie zerbrach auf dem Dekel der Kiste, und das Oehl drang in den Baumwollzeug ein. Als man nun den nächsten Morgen darauf die Kiste öffnete, fand man den Baumwollzeug in Flammen und zum Theil verkohlt, und selbst die Kiste war bereits auf dem Punkte in Flammen zu gerathen. Hr. Golding glaubte im ersten Schreken, man habe einen Versuch machen wollen, das Arsenal in Brand zu steken; da man aber bei dem genauesten Nachsuchen nirgendwo in der Nähe der Kiste eine Spur einer entzündbaren Substanz entdeken konnte, so theilte er diese Erscheinung, nach deren Ursachen er vergebens forschte, Herrn Humphries, einem bei der ostindischen Compagnie angestellten Manne, mit. Dieser hatte verschiedene chemische Werke, und unter anderen auch jene des Hrn. Hopson gelesen, in denen von den Selbstentzündungen, die sich zu Petersburg ereigneten, und auch von den Versuchen, die der Akademiker Georgi hierüber anstellte, die Rede ist. Die Aehnlichkeit der Thatsachen überraschte ihn dergestalt, daß er sich entschloß, zu seiner und Hrn. Golding's Beruhigung einige Versuche hierüber anzustellen.

Sie nahmen zu diesem Behufe ein Stük von demselben Baumwollzeuge, befeuchteten es mit Leinöhl, und brachten es in eine mit einem Schlüssel verschlossene Büchse. Nach 3 Stunden fing die Büchse zu rauchen an, und bei dem Oeffnen derselben fand man den Baumwollzeug ganz in dem nämlichen Zustande, in welchem Hr. Golding den Inhalt seiner Kiste gefunden hatte.

Eine russische, im Hafen von Cronstadt eingelaufene Fregatte, auf welcher zuverlässig seit 5 Tagen kein Feuer mehr gebrannt worden, ging im Jahre 1781 plözlich in Flammen auf, ohne daß man die Ursache davon ausfindig machen konnte. Aus den Versuchen, die die Akademie zu Petersburg auf Befehl der Kaiserin hierüber anstellen mußte, ging hervor, daß sich der von vegetabilischen Substanzen erzeugte Ruß, d.h. der Kienruß, der sich aus dem Rauche des Föhrenholzes und anderer harziger Bäume absezt, von selbst entzündet, wenn er mit Hanföhl benezt wird; nicht so verhält sich hingegen der Ruß thierischer Substanzen. Der fürchterliche Brand des großen Taumagazines zu Petersburg, so wie der Brand des Magazines zu Rochefort im Jahre 1756, wurden ähnlichen Ursachen zugeschrieben. Im Jahre 1757 brannte das Segelmagazin zu Brest in Folge einer Selbstentzündung ab, die dadurch entstand, daß man Wachstuch, welches auf einer Seite bestrichen und an der Sonne getroknet worden, von den Sonnenstrahlen erwärmt, auf einander schichtete. Authentische Versuche, die später hierüber angestellt wurden, haben diese Ursache der |88| Selbstentzündung vollkommen erwiesen. Saladin und Carette haben gezeigt, daß sich vegetabilische Stoffe, die in Oehl oder Fett gekocht, und dann einige Zeit über aufgehäuft worden, beim Zutritte der freien Luft entzünden. Sehr merkwürdig ist es, daß die vegetabilischen Substanzen, wenn sie vor der Behandlung mit Oehl noch feucht waren, in Flammen aufgehen; daß sie hingegen ohne Entwikelung von Feuer in Asche verwandelt werden, wenn sie vorher gut getroknet worden.

Die Papierfabrikanten wissen sehr wohl, daß sich die Lumpen in den Gährungsstuben, in welchen sie in Haufen aufgeschichtet liegen, entzünden, wann nicht bei Zeiten die gehörigen Vorsichtsmaßregeln gegen diese Erhizung ergriffen werden. Noch bekannter ist die Erhizung und Selbstentzündung von nassem oder feuchtem Heu. Blieb zufällig ein Stük Eisen, wie z.B. der Zahn einer Heugabel in dem Heuschober, so ist die Entzündung beinahe unvermeidlich. Auch das Getreide entzündet sich zuweilen; doch geschieht dieß weit seltener, weil man es selten so naß aufschichtet, und weil man überhaupt mehr Sorgfalt auf dasselbe verwendet. Tabakfässer erhizen sich gleichfalls zuweilen.

Graf Marozzo erzählte eine Selbstentzündung, die von einer Explosion begleitet war, und welche sich in einem Mehlmagazine zu Turin ereignete. Man schrieb diese Erscheinung den Mehltheilchen zu, die in Folge des Herabfallens eines Haufens Mehl in dem ganzen Magazine in der Luft schwebten, und die sich an der Flamme einer Lampe entzündet haben sollen, gleich wie sich der Berlappsamen, dessen man sich in den Schauspielhäusern bedient, an der Flamme eines Kerzenlichtes entzündet. Dock wurde die Ursache dieser Entzündung nie gehörig erklärt.

Auch von der Selbstentzündung der Wolle gibt es bereits mehrere Beispiele. Man sah schon öfter Stüke Tuch, welche nicht entfettet worden waren, in den Magazinen Feuer fangen, und eben so wurden Wollenzeuge brennend, während man sie auf die Walkmühle führte.

Diese Selbstentzündungen ereignen sich aber immer nur dann, wenn die auf einander geschichteten Substanzen einen gewissen Grad von Feuchtigkeit besaßen; die Zersezung des Wassers durch die höhere Temperatur, welche in Folge der Gährung entsteht, reicht hier zur Unterhaltung der Verbrennung hin. Hieraus mag man abnehmen, wie vorsichtig man bei dem Aufhäufen der Wolleballen, die oft naß ankommen, seyn muß, und wie sorgfältig man darauf zu sehen hat, daß sie gehörig getroknet sind, und daß nicht zu viel auf einander geschichtet wird. Baumwolle und Oehl sollen immer gehörig von einander getrennt aufbewahrt werden; auch soll man erstere nicht in Kellern verwahren, denn hier wird sie feucht, so daß sich in jedem Augenblike wieder die Gefahr |89| erneuert, die man eben vermeiden wollte. Ein Magazin von Wolleabfällen in der von Hrn. de Bolleyme errichteten Armenbeschäftigungsanstalt fing Feuer, weil die Wolle fett war. Die Wolle brennt gleich der Baumwolle ohne Flamme, so lange der Zutritt der Luft abgehalten ist; so wie dieser Statt findet, bleibt auch die Flamme aus.

Wir wollen uns über die vielen anderen Fälle, in denen eine Selbstentzündung eintritt, nicht weiter verbreiten. Die Ursachen derselben sind sehr verschieden, und beweisen nur zu sehr, daß man vorzüglich in jenen Magazinen, in welchen Tauwerk, Hanf, Kienruß, Pech, Theer, Wachsleinwand u. dergl. aufbewahrt wird, nicht vorsichtig genug seyn kann. Nie sollen diese Substanzen in größerer Menge aufgehäuft werden, besonders wenn sie feucht oder naß sind. Man soll dieselben oft untersuchen, und wenn sich auch nur die geringste Erhizung zeigt, sogleich Maßregeln dagegen treffen; denn die geringste Verspätung kann zu einem heftigen Brande führen. Wenn die Untersuchung des Nachts vorgenommen wird, so soll durchaus kein offenes Licht dabei verwendet werden, weil sich die Gase, die sich aus diesen Substanzen entwikeln, oft bei der Berührung, in die sie mit der Flamme treten, entzünden.

Es wäre sehr nothwendig, daß die Verwaltungsbehörden, denen die Polizei der größeren Städte anvertraut ist, genau mit den Ursachen und Erscheinungen dieser Ereignisse bekannt wären; denn die Unkenntniß derselben und die Unvertrautheit mit den zu treffenden Vorsichtsmaßregeln sind nur zu oft die einzige Ursache mancher Feuersbrünste, welche nicht nur einer ganzen Stadt großen Schaden bringen können, sondern die auch nicht selten auf Unschuldige geschoben werden, die auf diese Weise als Dekmantel für die Unwissenheit gelten müssen.

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Wir haben im Polyt. Journale Bd. L. S. 237 angeführt, daß der große Brand der Halle zu Dublin von einigen Mitgliedern der Untersuchungscommission dem Einsikern von Oehl in nahe gelegene Baumwoll- und Wollsäke zugeschrieben wurde. Wir haben nachträglich hierzu nur noch zu bemerken, daß auch Hr. Ainsworth dieser Ansicht war; daß hingegen der Professor der Chemie an der Royal Society zu Dublin, Hr. Davy, diese Ansicht für irrig erklärte. Lezterer behauptete nämlich, daß die fixen Oehle keine Wirkung auf die Baumwolle und Wolle haben, in welchem Verhältnisse sie auch damit in Verbindung gebracht werden mögen; daß alle Chemiker von irgend einigem Namen eben dieser Meinung sind; daß alle Autoren, welche von der Selbstentzündung der beöhlten Baumwolle oder Wolle sprechen, dieselbe nur vom Hörensagen kennen, und keine Resultate eigener Versuche anführen; und endlich, daß er als Chemiker die Ueberzeugung habe, daß man, selbst wenn man Tausende von Versuchen anstellen würde, um Baumwolle oder Wolle durch Oehl zur Selbstentzündung zu bringen, man doch nimmermehr diesen Zwek erreichen würde. Diese große Meinungsverschiedenheit über einen so höchst wichtigen Gegenstand zeigt, wie nothwendig es auch hier wäre, das Wahre der Sache durch directe Versuche zu ermitteln. Leider sind diese Versuche, da sie im Großen gemacht werden müssen, bei der kärglichen Ausstattung gar mancher unserer Laboratorien, schwer anzustellen, selbst wenn unsere Professoren der Chemie genug praktischen Sinn dazu hätten. A. d. Ueb.

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