Titel: Weitere Bemerkungen über den Zustand des Fabrikwesens in Nordamerika.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 51, Nr. XXXII. (S. 138–149)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj051/ar051032

XXXII. Weitere Bemerkungen über den Zustand des Fabrikwesens in Nordamerika, nebst Auszügen aus den Angaben mehrerer englischer Fabrikanten in Betreff der Concurrenz, die England von Seite des europäischen Continentes zu fürchten hat.

Im Auszuge aus dem Berichte der Factorei-Commission im Mechanics' Magazine, No. 528, 532, 536.

Das große Interesse, welches unsere früheren Auszüge27) aus den Berichten der Factorei-Commission am lezten Parliamente sowohl in England als anderwärts erregten, veranlaßt uns zur Mittheilung einiger weiterer Notizen über diesen für Fabrikanten, Kaufleute und Staatsverwaltungs-Behörden so höchst wichtigen Gegenstand. Wir beschränken uns auch dießmal darauf die Angaben einzelner vor der Commission examinirter Sachverständiger im Auszuge und ohne alle kritische Bemerkungen darüber vorzulegen, und erlauben uns nur auf die Notizen |139| über den Zustand des Fabrikwesens in Amerika auch noch ähnliche Bemerkungen über die Fabriken auf dem europäischen Continente und über die Concurrenz derselben, welche England zu befürchten hat, folgen zu lassen. Wir bemerken in dieser Hinsicht nur noch, daß die einzelnen Angaben gemacht wurden, bevor man von dem Zustandekommen des deutschen Handelsvertrages Kenntniß hatte.

Alexander Pitcairn, Mulespinner in der Baumwollspinnmühle der HH. Matthew Brown und Comp. zu Johnstone, gab an, daß er sich gegenwärtig bei seiner Arbeit mit Rädern, welche 528 Spindeln enthalten, wöchentlich 25 Schill. (15 fl.) verdiene; daß er vor 7 bis 8 Jahren mit Rädern von 712 Spindeln 28–30 Schill. (16 fl. 48 kr. – 18 fl.) in der Woche verdiente, und daß er gegenwärtig von seinen drei Stüklern dem einen 5 Schill. 6 Den. (3 fl. 18 kr.), dem anderen 3 Schill. (1 fl. 48 kr.) und dem dritten 2 Schill. (1 fl. 12 kr.) zahle. Er begab sich vor 3 Jahren mit seinem Weibe und vier Kindern nach New-York, um daselbst als Landmann sein Glük zu versuchen. Er ging jedoch daselbst nach einigen Monaten in die Spinnmühle des Hrn. Pearson zu Rammapool, 30 Meilen von New-York, und arbeitete sowohl dort, als zu Paterson und an anderen Orten als Mulespinner mit Rädern, welche 552 Spindeln enthielten, und welche zu den schwersten gehörten, die er in Amerika sah. Hierbei verdiente er sich wöchentlich, abgesehen davon, daß er seine Stükler bezahlte, wenigstens 6 Dollars, nie aber über 7 Dollars; seinen Stüklern, wozu er seine eigenen Kinder verwendete, zahlte er 2 und manchmal 2 1/2 Dollars Lohn. Die amerikanischen Maschinen, die er sah, stehen nach seiner Meinung überall weit unter den englischen; er glaubt daher auch, daß England nie die Concurrenz der amerikanischen Fabriken zu fürchten habe, so lange die Fabriken daselbst nach dem gegenwärtigen Systeme betrieben werden, und so lange die Arbeiter in denselben nach Belieben kommen und gehen können. Er ist der Ueberzeugung, daß er in England mit seinen 528 Spindeln 2 und 3 Mal so viel Garn zu spinnen im Stande ist, als er in Rammapool mit seinen 552 Spindeln zu spinnen im Stande war, und daß dieß lediglich der Schlechtigkeit der Maschinen und der Unregelmäßigkeit des Betriebes der Arbeit zuzuschreiben sey. Uebrigens bemerkte er, daß er in Amerika einen eben so hohen Lohn einnahm, als irgend ein anderer Arbeiter; daß man seine Familie eben so gut behandelte, als wie die eingebornen Amerikaner; daß ihm die Amerikaner aber wegen ihrer geringen Geselligkeit nicht gefielen; daß ihn die vielen Wälder nicht anlokten, sich als Landmann niederzulassen; daß er aber, wenn er nicht durch andere Verhältnisse zur Rükkehr bewogen worden wäre, des hohen Lohnes wegen, den er und seine Kinder sich verdienten, in Amerika geblieben seyn würde.

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Isaak Collinge, Spinnmeister zu Rochdale, war 34 Jahre lang Arbeiter, bevor er Meister wurde, brachte 6 Jahre und 10 Monate an den Wasserfällen zu Schrilkyll, 4 Stunden von Pennsylvania zu, und kehrte vor 11 Jahren nach England zurük. Er arbeitete, wie er angab, in Amerika im Sommer von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang, d.h. von 4 1/2 Uhr Morgens bis 7 1/2 Uhr Abends; im Winter hingegen 12 Stunden lang. Dabei wurde für das Frühstük und das Mittagsmahl je eine halbe Stunde Zeit zugestanden; die Kost wurde außerhalb der Fabrik genommen und war gut. Die Fabrik war gut ventilirt, wurde aber mit Oefen geheizt, die eine etwas drükende Hize gaben. Es wurden gegen 60 Knaben und Mädchen in derselben verwendet, und zwar von 10 Jahren an, was als das niedrigste Alter betrachtet wurde, aufwärts. Sie wurden gut behandelt, und nie sah Collinge dieselben mißhandeln, so wie er auch versichert, daß er in Amerika nie eine Klage darüber hörte, daß die in den Fabriken verwendeten Kinder im Wachsthume zurükblieben, oder minder gesund seyen, als jene, die man zu anderweitigen Arbeiten benuzt.

Was die Maschinen in den amerikanischen Fabriken betrifft, so waren sie zu der Zeit, zu welcher er in Amerika war, nicht so gut, als die englischen; gegenwärtig stehen sie aber nach seiner Meinung den lezteren durchaus nicht nach, wie er dieß von seiner Familie, die größten Theils in amerikanischen Fabriken beschäftigt ist, weiß. Die Spinnmaschinen für Wolle sind sogar in Amerika besser als in England, weil sie daselbst mehr durch Triebkraft, als durch Menschenhände betrieben werden; und nach seiner Meinung dürfte eine Woll-Spinnfabrik von gleicher Größe in Amerika beinahe um 1/5 mehr Ertrag abwerfen, als eine in England. Die wenigen Mechaniker, welche Nordamerika bisher noch hat, stehen den englischen nicht nach, und in den lezten 15 Jahren sind viele der besten Künstler aus England nach Amerika ausgewandert.

Die Ausfuhr von Maschinen nach Amerika ist daher seines Wissens gegenwärtig nicht groß; denn man macht in Amerika jezt schon eben so gute Maschinen, als in England, nur kommen sie dort höher zu stehen. Drosselspindeln kosten in England 8, in Amerika hingegen 12 Schill., und im Allgemeinen läßt sich nach den Daten, die er in Händen hat, behaupten, daß die Maschinerien in lezterem um den dritten Theil theurer sind, als in ersterem. Die Ursachen dieses höheren Preises liegen hauptsächlich in dem höheren Arbeitslöhne, da der Stahl und das Eisen nur etwas weniger höher zu stehen kommt, als in England. Herr Collinge versicherte, daß ihm seine Kinder aus Amerika von den von ihnen fabricirten Zeugen, welche hauptsächlich aus Gingangs bestunden, zugesendet haben, und daß dieselben den englischen Fabrikaten an |141| Güte gleichkamen, und nur etwas theurer waren. Er ist daher der Ueberzeugung, daß England nicht mehr mit Amerika Concurrenz halten kann, wenn man die Arbeitszeit um 1/6 vermindere, und wenn dabei das Korn und die Baumwolle mit derselben Abgabe belegt bleibt. Schließlich bemerkt er noch, daß die Amerikaner gegenwärtig alle Arten von Schnittwaaren, mit Ausnahme der feineren Sorten erzeugten, daß die gröberen Waaren den englischen an Güte gleichkämen, und nur unbedeutend theurer wären, weil der höhere Arbeitslohn durch den niedrigeren Preis der rohen Producte ausgeglichen würde; und daß die amerikanischen Fabriken und Fabrikate mit jedem Jahre rasch einer höheren Stufe von Vollkommenheit entgegengingen.

Robert Hyde Grey, von der Firma der HH. Samuel Grey und Comp. zu Manchester, gab an aus den besten Quellen zu wissen, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika beiläufig den vierten Theil so viel Baumwolle verbrauchen, als England; daß deren Spinnmühlen rasch zunehmen; daß deren Fabrikate auf einigen fremden Märkten und namentlich in Südamerika mit den englischen Concurrenz hielten; daß die Maschinen in den amerikanischen Fabriken gut seyen, und daß die Arbeitszeit 13 bis 14 Stunden betrage. Die Frage, ob die lezten Verbesserungen an den Maschinen nicht aus Amerika nach England gekommen seyen, beantwortete er folgender Maßen: „Vier unserer besten und sinnreichsten Maschinen erhielten wir aus Amerika, und diese sind: die Patent-Flöten-Maschine, die Patent-Karden-Maschine, Dyer's Patent-Vorspinn-Maschine und Danforth's Patent-Drossel-Maschine. – Uebrigens findet es Hr. Grey besonders berüksichtigungswerth, daß man in einem Lande, in welchem die Bevölkerung noch so gering ist, wie in Nordamerika, in welchem man um 1 1/2 Dollars einen Acre Land erwerben kann, und wo der Arbeitslohn so hoch steht, in den Spinnmühlen, in denen der Erwerb im Verhältnisse zu anderen Beschäftigungen geringer ist, doch Arbeiter genug findet, und daß es Eltern genug gibt, die ihre Kinder in die Spinnfabriken geben. Es scheint ihm hieraus hervorzugehen, daß der Amerikaner eine tägliche 13–14stündige Fabrikarbeit durchaus nicht für so nachtheilig hält, als der Engländer.

Hr. H. H. Birley von Manchester legte verschiedene Briefe über die Zunahme der amerikanischen Fabrikate aus ausländischen Märkten vor, worunter vorzüglich ein Schreiben des Hrn. John Bradshaw Esq., des Vorstandes eines Hauses zu Manchester und zu Rio Janeiro, merkwürdig ist. Hr. Bradshaw sagt nämlich, daß ihm sein Haus aus Rio Janeiro im Januar 1832 schrieb, daß der Verschleiß an Baumwollwaaren jedes Mal einen empfindlichen Stoß erleide, wenn die Nordamerikaner mit ihren Fabrikaten ankämen; und daß der Markt |142| zu Rio Janeiro im Jahre 1831 manchmal dermaßen mit einigen wohlfeilen amerikanischen Fabrikaten überschwemmt gewesen sey, daß die Engländer mit ihren Ausschiffungen einhalten mußten. Dasselbe Haus bemerkte seinem europäischen Lieferanten auch, daß man den groben, schweren, nordamerikanischen Baumwollzeugen in Brasilien mit Recht den Vorzug vor den englischen gäbe, weil sie aus viel besserer Baumwolle gearbeitet seyen, als die englischen. Eben so lauten auch die Berichte aus der Havannah und anderen südamerikanischen Staaten. Hr. Birley legte auch einen Auszug aus dem Berichte der Commission bei der New-Yorker Convention vor, aus welchem hervorgeht, daß im Jahre 1832 in 12 Staaten der Union in den Baumwollwaarenfabriken ein Capital von 44,914,984 Doll. stelle, und daß in diesem Jahre daselbst 230,461,990 Yards Baumwollzeuge erzeugt, und 77,516,316 Pfund Baumwolle verarbeitet wurden; eine Quantität, die dem Verbrauche und Erzeugnisse Englands vor 20 Jahren gleichkommt.

So viel über die amerikanischen Fabriken; nun zu dem Urtheile der Engländer über die von dem europäischen Continente zu befürchtende Concurrenz.

Hr. William G. Baxter, Theilhaber an den Flachsspinnereien der HH. Baxter und Comp. zu Dundee, erklärt, daß er seit dem Jahre 1820 mit zweien dieser Gesellschaft angehörigen und 241 Arbeiter beschäftigenden Fabriken in Verbindung stehe. Die Arbeiter müssen in diesen Fabriken täglich 13 Stunden lang arbeiten, mit Ausnahme des Samstags, an welchem die Arbeitszeit nur 11 1/2 Stunde beträgt. Er erklärt, daß es sich nicht mir Sicherheit bestimmen lasse, ob die Zahl der Arbeitsstunden ohne Nachtheil für den Leinenhandel auf 11 oder gar 10 Stunden beschränkt werden könne; daß es aber gewiß sey, daß der Preis dieser Fabrikate unter diesen Verhältnissen steigen müsse. Er weiß aus der ausgebreiteten Correspondenz seines Hauses mit ganz Amerika, daß Deutschland sehr viele Leinenzeuge, zu denen das Garn beinahe durchaus mit der Hand gesponnen wird, und wozu England auch keinen Strähn Garn liefert, nach Amerika ausführe, und auf diesen Märkten gegenwärtig schon mit den englischen Fabrikaten Concurrenz halten könne. Herr Baxter besuchte mehrere Spinnmühlen Frankreichs und Rußlands, erklärt sich aber für unfähig zu beurtheilen, ob diese Fabriken das Leinengarn wohlfeiler, als um jenen Preis liefern könnten, in welchem das englische Fabrikat bei verkürzter Arbeitszeit stehen müßte. So viel weiß er aber, daß eine große Flachsspinnerei, welche er in der Nähe von Petersburg sah, und welche mit einer Dampfkraft von 70 Pferden arbeitet, vor 4 Jahren eine bedeutende Menge ihres Garnes nach Hull versandte, und daselbst einen sehr guten Absaz fand.

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Hr. William Stratton, Eigenthümer zweier Flachsspinnmühlen, erklärte, daß die Zahl der Arbeitsstunden nach seiner Ueberzeugung zum allgemeinen Besten, zur Förderung der physischen und moralischen Ausbildung und der Erziehung der arbeitenden Classe auf 10 Stunden vermindert werden müsse. Diese Einrichtung würde nach seiner Meinung auch für die Fabrikeigenthümer selbst sehr vortheilhaft werden, vorausgesezt, daß die fremden Länder bei dieser Herabsezung der Arbeitsstunden nicht mit England Concurrenz halten könnten. Diese Concurrenz ist, wie er behauptet, und wie er auf seinen Reisen durch Frankreich und der Schweiz ermittelt haben will, durchaus nicht zu befürchten, indem die Tonne Steinkohlen zu Paris 45 Schill. kostet, und indem der Preis des Holzes seit der Errichtung der vielen Hüttenwerke in Frankreich um 300 Proc. gestiegen ist, so daß Frankreich also in keinem Fabrikationszweige, bei welchem hauptsächlich die Dampfmaschine als Triebkraft benuzt wird, mit England Concurrenz halten kann. Eben dieß findet nach seiner Meinung auch auf alle übrigen Staaten, in denen es nicht so viele und so wohlfeile Steinkohlen gibt, wie in England, seine Anwendung. Wie wenig die Flachsspinnereien in England bisher von der Concurrenz des Auslandes gelitten haben, erhellt daraus, daß in den Jahren 1815–1820 nach den Documenten, welche Huskisson dem Parliamente vorlegte, in England jährlich im Durchschnitte 1840 Tonnen Flachs eingeführt wurden, während gegenwärtig Dundee allein eine solche Quantität einführt. Es scheint ihm unbegreiflich, wie man verlangen könne, daß gegenwärtig, nach der Erfindung der Flachsspinnmühlen, in denen jezt ein Arbeiter mehr Garn liefert, als früher ihrer 30 zu liefern im Stande waren, die Arbeiter eine längere Anzahl von Stunden über und härter arbeiten sollen, als vor der Erfindung dieser Maschinen. Er wünscht daher, daß eine der größten Erfindungen, die Dampfmaschine, bald das bewirken möge, was man von ihr erwarten konnte, und was sie auch zuverlässig bewirken muß: nämlich eine Verminderung der Handarbeit, eine Verkürzung der Arbeitszeit, in Folge deren die arbeitende Klasse an Geist und Gemüth eine größere, zum wahren Glüke führende Ausbildung und Aufklärung erhalten konnte. Er unterstüzt daher mit Freude eine legislative Maßregel in Betreff der Abkürzung der Arbeitszeit, wodurch eine große Anzahl von Menschen mehr sich selbst gegeben und in Stand gesezt würden, ihrem Zweke besser zu entsprechen, und ihre Würde aufrecht zu erhalten.28)

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Hr. John Swade Lunham, Theilnehmer an der Flachsspinnerei der HH. Richards und Comp. zu Aberdeen, ist der Meinung, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit auf wöchentlich 58 Stunden, bei weitem die Preise der Linnenwaaren nicht so erhöhen würden, als die Kaufleute und Fabrikanten dieß vorgaben, ausgenommen der Arbeitslohn bliebe auf seiner gegenwärtigen Höhe, was natürlich nicht seyn könnte. Der Preis eines Leinenzeuges, der gegenwärtig 8 Den. (24 kr.) per Yard kostet, würde nach einer solchen Verkürzung der Arbeitszeit, den von ihm angestellten Berechnungen gemäß, nur um 3/4 Den. (2 1/4 kr.) steigen. Der Markt im eigenen Lande scheint seiner Meinung nach dem englischen Fabrikanten durch die bestehenden Zölle hinreichend gesichert, und was die auswärtigen Märkte betrifft, so glaubt er, daß auch auf diesen die vortrefflichen Maschinen, die große Industrie und die großen Capitalien dem Engländer selbst bei einer geringen Erhöhung des Preises noch Schuz genug geben würden.

Hr. Robert Thompson, einer der Eigenthümer der alten und neuen Adelphi-Spinnmuhlen zu Glasgow, welcher die Spinnmühlen in Sachsen und anderen Theilen Deutschlands, nicht aber jene der Schweiz, Frankreichs und Amerika's sah, glaubt, daß die Gefahr der Concurrenz, welche England von Deutschland zu befürchten habe, eben nicht sehr groß sey. Die Maschinen, deren man sich in Sachsen etc. bedient, stehen zwar den englischen nicht viel nach; allein die Arbeiter sind in England fleißiger, emsiger und an eine bessere Disciplin gewöhnt; sie sind unermüdlich, wenn sie einen besseren Lohn zu erwarten haben.29)

Hr. William Dunn von Duntocher, der größte Baumwollgarn-Fabrikant |145| Fabrikant in Schottland und einer der erfahrensten Männer in diesem Fache, ist der Meinung, daß die Meister oder Fabrikherren durch eine Verminderung der Arbeitsstunden gerade am meisten gewinnen würden. Es findet gegenwärtig, wie er behauptet, eine übermäßige Production von Baumwollenwaaren, eine wahre Ueberfüllung Statt, und diesem Uebel dürfte durch eine Verminderung der Arbeitsstunden, wodurch nothwendig auch die Preise wieder steigen würden, abgeholfen werden.

Anmerkung. Einer der Commissäre, Hr. Mackintosh, bemerkte, daß auf die Aussage eines Mannes wie Hr. Dunn, der zu den größten Fabrikanten Großbritanniens gehöre, besonders großes Gewicht zu legen sey. Er gab an, daß Hr. Dunn bereits drei Spinnmühlen im Gange habe, und daß die vierte eben erst vollendet wurde. Die Errichtung einer neuen Spinnmühle durch einen Mann von der Erfahrung und dem Scharfblike des Hrn. Dunn scheint ihm der sicherste Beweis gegen die Behauptung, daß die englischen Fabriken gegenwärtig unter der Concurrenz des Auslandes und bei den Zwistigkeiten des englischen Fabrikvolkes unterliegen müßten.

Hr. William Felkin, Agent für den Bobbinnet- oder Tullhandel zu Nottingham, legte verschiedene Documente über den Handel mit Strumpfwirkerwaaren und Tull vor, woraus wir Folgendes ausheben.

Die Zahl der Strumpfwirkerstühle auf dem Continente etc. betrug nach Blackner im Jahre 1812:

In Paris 1100, in Lyon 1800 und in 22 anderen Städten
Frankreichs 3955, in Summa

6855
In den Niederlanden 520, in Spanien und Portugal 1955,
in Italien 985, in Deutschland 2340, in Petersburg u.s.w.
200, in Stockholm 30, in Kopenhagen 35, in
Nordamerika 260, in Summa



6325
––––––
Totalsumme 13180

Die Zahl dieser Maschinen hat sich seither wahrscheinlich bedeutend vermehrt, besonders in Deutschland, wo gegenwärtig sowohl zum eigenen Gebrauche, als zur Ausfuhr eine nicht unbedeutende Menge Strumpfwirkerarbeiten erzeugt werden. Einige dieser Fabrikate fanden sogar ihren Weg nach England, wurden daselbst im Großen angekauft und nach Amerika versendet. Die französischen seidenen Strümpfe, die vorzüglich um Nismes, Anduze, Air, Avignon etc. in großer Menge, gut und wohlfeil erzeugt werden, haben auf manchen fremden Märkten den Vorzug vor den englischen, und deßhalb können auch die englischen Strumpfwirker den Arbeitslohn nicht erhöhen, |146| wie niedrig er auch seyn mag. Der Lohn der deutschen Strumpfwirker ist zwar auch sehr niedrig, allein bei dem niedrigen Preise der Lebensmittel können die Arbeiter dennoch ziemlich gut leben; in Paris wird guter Lohn bezahlt, und überhaupt steht der Strumpfwirker in ganz Frankreich nicht schlecht. Die meisten der auswärtigen Strumpfwirkerstühle sind sehr alt, ja das Gestell derselben zählt oft 100 bis 150 Jahre, und selbst das Innere ist oft in schlechtem Zustande. Das Baumwollgarn, dessen sich die Strumpfwirker in England bedienen, besteht gewöhnlich nur aus einem einzigen, selten aus zwei Faden, und dieß ist auch hinreichend, wenn das Garn aus guter Baumwolle gesponnen worden; in anderen Ländern hingegen wendet man gewöhnlich Garn aus 5–6 Faden an, die noch dazu sehr ungleich und aus schlechter Wolle gesponnen sind. Die Fabrikation von gutem Strumpfwirkergarn ist, wie der englische Baumwollspinner wohl weiß, eine der schwierigsten. Wegen dieser größeren Feinheit der englischen Fabrikate sind geschmuggelte, feine, englische Strümpfe in Paris mehr gesucht und besser gezahlt, als seidene Strümpfe, und würden die englischen Fabrikate von No. 36 bis 60 frei in Frankreich eingeführt werden dürfen, so würde die Nachfrage nach denselben gewiß ungeheuer seyn. Die Fabrikanten zu Nottingham und ihre armen Arbeiter werden daher gewiß die Anstrengungen und Aufopferungen, mit denen sie die Handelsfreiheit zwischen England und Frankreich zu erringen suchen, bei Erreichung ihres Zwekes reichlich belohnt sehen.

Von den 23,400,000 Quadrat-Yards Bobbinnet oder Tull, welche jährlich in England erzeugt werden, wird beinahe die Hälfte ungestikt und weiß ausgeführt. Eine große Menge wird aber auch ungebleicht versendet, und im Auslande, vorzüglich in Sachsen, Belgien, und bis auf die neueste Zeit auch in Polen, gestikt; ja die Quantität des im Auslande gestikten Zeuges mag so groß seyn, wie jene, die in England gestikt wird. Der Grund hiervon liegt darin, daß der Arbeitslohn im Auslande noch geringer ist, als in England. Der Lohn der armen englischen Stiker und Stikerinnen ist in England seit dem Sept. 1831 beinahe um die Hälfte gefallen, und dieß scheint man lediglich der Concurrenz der belgischen Stikerinnen zuzuschreiben. Wenn jährlich, sagt Hr. Felkin, 1 1/2 Millionen Pfd. Sterl. an das Ausland für das Stiken des in England erzeugten Fabrikates bezahlt werden; wenn der Grund hiervon nur darin liegt, daß der Arbeitslohn im Auslande niedriger steht; wenn der Arbeitslohn in England bei dem hohen Preise der Lebensmittel unmöglich weiter ermäßigt werden kann, und wenn endlich aus diesem Zustande selbst für den Markt im eigenen Lande Gefahr zu befürchten |147| ist, ist es da nicht hohe Zeit, an eine Aufhebung des Einfuhrzolles auf fremdes Getreide zu denken? Die größte Menge Bobbinnet führt England nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt, Antwerpen, als Contrebande nach Frankreich, nach Italien, Süd- und Nordamerika aus; merkwürdig ist, daß die Quantität, welche um das Vorgebirg der guten Hoffnung herum nach dem Osten verführt wird, noch immer beinahe als null zu betrachten ist.

Die HH. Edmund Ashworth und John Pooley, beide Baumwollspinner von Manchester, die von den Baumwollspinnern daselbst abgesandt waren, um zu beweisen, daß der englische Baumwollspinner im Vergleiche mit jenem auf dem Continente im Nachtheile arbeite, wurden von Hrn. Cowell examinirt. Ersterer erklärte in seinem und seines Bruders Namen, daß jede weitere Verminderung der Arbeitsstunden nach ihrer Ansicht den Gewinn der Fabrikherren um Vieles schmälern und die Erzeugungskosten der Fabrikate erhöhen würde; und daß, wenn es hierdurch auch möglich wäre, die Preise der Fabrikate für einige Zeit steigen zu machen, dieser höhere Preis nur dem auswärtigen, nicht aber dem englischen Fabrikanten zu Gute kommen würde. Die Folge hiervon wäre nämlich, daß sich die auswärtigen Fabriken heben, und das Wachsen der englischen Fabriken, welches bei der laschen Zunahme der Bevölkerung durchaus nöthig ist, wenn es nicht arbeit- und brodlose Hände geben soll, unterdrüken würden. Eine weitere Folge hiervon wäre ferner, daß die Nachtarbeit zunehmen müßte, daß die Handarbeit noch mehr durch Maschinen ersezt werden würde, und daß der Arbeitslohn also noch mehr fallen, und Mangel an Beschäftigung entstehen müßte.

Hr. Pooley, der hauptsächlich grobes Garn, welches alles ausgeführt wird, fabricirt, behauptet, daß jedes Gesez, wodurch die Leichtigkeit der Fabrikation in England beeinträchtigt würde, dem Fabrikanten auf dem Continente um eben so viel zum Nuzen, als dem Engländer zum Schaden gereichen würde. Er besuchte kürzlich mehrere Spinnmühlen auf dem Continente, und namentlich jene der HH. Poleman, Sohn und Turranske zu Gent. Diese Mühle steht in keiner Hinsicht, auch nicht an Güte der Maschinen, den englischen nach, und hat den Vortheil, daß sie um 30 bis 50 Proc. weniger Arbeitslohn bezahlt. Ein Spinner, welcher grobes Garn spann, erhielt nämlich im August 1829 für eben dieselbe Quantität und Qualität Garn, für welche ihm in England 30 Schill. (18 fl.) bezahlt werdet, mußten, nur 20 Schill. (12 fl.)

Hr. Ashworth sprach nicht bloß von den gröberen Garnsorten, sondern von den Baumwollspinnereien im Allgemeinen, und gab an, daß er aus einer neueren Untersuchung von 12 der größten Spinnmühlen |148| in der Schweiz und in Frankreich zu der Ueberzeugung gelangt sey, daß der Lohn der Spinner in diesen Ländern im Allgemeinen um 50, und jener der Weiber und Kinder um 30 Procent niedriger sey, als in England; und daß die Arbeiter auf dem Continente mit diesem niedrigen Lohne besser oder wenigstens eben so gut leben, als die Engländer mit dem hohen Lohne.

Hr. Pooley gab ferner noch folgende Antworten auf einzelne, an ihn gerichtete Fragen.

Fr. Können Sie angeben, wie hoch die Errichtung einer Maschine, die dieselben Nummern, wie die Ihrige spinnt, und die in jeder Hinsicht der Ihrigen gleichkommt, in Gent, im Vergleiche mit Manchester oder dessen Umgegend, zu stehen kommt? – Antw. Ich habe mich hierüber sehr angelegentlich bei Hrn. Poleman, so wie bei dem Maschinenmacher Bell und einigen anderen Sachverständigen erkundigt, und es ist hiernach meine feste Ueberzeugung, daß die Errichtung und vollständige Ausrüstung einer Spinnmühle zu Gent nicht um 20 Procent mehr kosten würde, als die Errichtung einer ähnlichen Spinnmühle zu Manchester.

Fr. Wie viel vom Hundert sind von dem Capitale, welches in ihrer Fabrik ruht, fixirtes oder Abschlagscapital, und findet zu Gent dasselbe Verhältniß zwischen dem Abschlags- und dem Betriebscapitale Statt? – Antw. Ich glaube, daß sich hierüber im Allgemeinen Folgendes sagen läßt. Wenn ein Fabrikant in Manchester 40,000 Pfd. Sterl. braucht, um eine Fabrik, wie die meinige, so herzustellen und auszurüsten, daß sie sogleich zu arbeiten beginnen kann, so braucht er noch ein Betriebscapital von 10,000 Pfd. Sterl., um die Fabrik gehörig in Gang erhalten zu können; und wenn ihm die Errichtung einer ganz gleichen Fabrik zu Gent 48,000 Pfd. St. kostet, so braucht er daselbst doch nicht mehr, sondern eher weniger als 10,000 Pfd. St. Betriebscapital.

Fr. Warum braucht er weniger Betriebscapital? – Antw. Wegen der klimatischen Verhältnisse. Während der Wintermonate kann in England kein Garn ausgeführt werden, so daß dasselbe also dem Fabrikanten diese Zeit über zur Last liegen bleibt; in Gent hingegen kann er sein Garn fortwährend absezen.

Fr. Wissen Sie noch eine andere Ursache für den geringeren Bedarf an Betriebscapital anzugeben? – Antw. Ich wüßte keine.

Fr. Muß denn das Betriebscapital nicht auch wegen des niedrigeren Arbeitslohnes geringer seyn? – Antw. Allerdings. (Hr. Pooley verlangte hier die Cassirung seiner Antwort auf die vorhergehende Frage.)

Fr. Wie hoch glauben Sie also, daß sich der Vortheil beläuft, |149| den der Fabrikant zu Gent in Hinsicht auf die Gestehungs- oder Productionskosten vor dem Fabrikanten zu Manchester voraus hat, wenn er Garn von Nr. 40 auf einen fremden Markt bringt? – Antw. Ich glaube, dieser Vortheil dürfte 5 bis 7 1/2 Proc. betragen.

Bemerkungen des Commissärs Hrn. Cowell über die Aussagen der HH. Ashworth und Pooley.

Hr. Pooley war im Jahre 1829 in den Niederlanden und in diesem Jahre führte England dahin nicht weniger als 11,399,792 Yards Calico, 7,878,249 Pfd. Garn, und an Strumpfwirker-Arbeiten, Tull etc. im Werthe von 214,681 Pfd. St. aus. Nach keinem Lande, mit Ausnahme von Rußland und Deutschland, war damals die Ausfuhr an Garn eben so groß, und in Betreff der Calico's stand obige Ausfuhr, nach Macculloch's Dictionary in der siebenten Reihe. Man darf übrigens nicht vergessen, daß selbst in Manchester der Lohn der Spinner für das Spinnen einer und derselben Nummern Garn verschieden ist, und daß dessen ungeachtet selbst jene Fabrikanten, die den höchsten Lohn bezahlen, nichts weniger als ruinirt sind. Der Lohn, welcher gegenwärtig für das Spinnen auf Mules von verschiedener Größe bezahlt wird, erhellt aus folgenden Daten.

Ein Spinner, welcher No. 170 auf Mules von:

Sh. Den.
336 Spindeln u. darunter spinnt, erhält per Pfd. gesponnenen Garnes 2 0
348 bis 384 – – 1 11 1/2
396 – – 1 10 1/2
600 bei Hrn. Maconell 1 4 1/2
– – Houldsworth 1 8 1/2
– – Carruther 1 6 1/2
Ein Spinner, welcher No. 200 auf Mules von:
336 Spindeln u. darunter spinnt, erhält per Pfd. gesponnenen Garnes 3 6
348 – – – 3 5
396 – – – 3 4
600 – bei Hrn. Maconell 2 5
– – Houldsworth 2 5
– – Carruther 2 8 3/4

Da sich der hieraus bemerkliche Unterschied in dem Arbeitslohne lediglich auf das Spinnen bezieht, und da in den Kosten des Zurichtens der Baumwolle zum Spinnen kein verhältnißmäßiger Unterschied Statt findet, so ergibt sich, daß die großen Mules in Hinsicht auf die Kosten der Production einen Vortheil von 4 bis 5 Procent vor den kleinen Mules voraus haben. Dessen ungeachtet sind aber die Eigenthümer der kleineren und mittleren Mules noch keineswegs dadurch ruinirt.

|138|

Unsere Leser finden diese Auszüge im Polyt. Journale Bd. L. S. 63. Bei dem großen Anklange, den sie, so viel wir wissen, fanden, dürfen wir uns schmeicheln, daß diese weiteren Mittheilungen nicht minder günstig aufgenommen werden; wir hoffen dieß um so mehr, da ein Theil derselben zeigt, wie der eben so industriöse als calculirende Engländer das Fortschreiten der Industrie Deutschlands beurtheilt, und was er für einen Einfluß davon auf sein Vaterland erwartet. In wiefern diese Ansichten durch den neuen, zwischen den meisten deutschen Staaten geschlossenen Mauthvertrag modificirt werden, hoffen wir in einem anderen Artikel zeigen zu können. A. d. R.

|143|

Auch wir wünschen sehnlich, daß der Mensch so wenig als möglich die Dienste von Maschinen zu verrichten habe; zweifeln aber sehr, daß in der Baumwollspinnerei und in der Verarbeitung der Baumwolle überhaupt in dieser Hinsicht |144| noch bedeutende Erleichterung eintreten dürfte. Man wird unserer Ansicht seyn, wenn man bedenkt, daß den im English Almanac angestellten Berechnungen gemäß in England durch die Maschinen gegenwärtig eine Masse von Baumwollefabrikaten erzeugt wird, zu deren Fabrikation ohne Maschinen nicht weniger als 84 Millionen Menschen erforderlich wären! Wir benuzen übrigens diese Gelegenheit, um alle jene, die sich mit Untersuchung des leidigen Zustandes der arbeitenden Classe in den Fabriken abgeben, auf ein Werk des Hrn. P. Gaskell Esq. aufmerksam zu machen, welches unter folgendem Titel erschien: The Manufacturing Population of England, its moral, social and physical Condition, and the Changes which have arrisen from the use of Steam Machinery.“ Man wird darin sehr viel Gutes finden, obschon der Hr. Verfasser mehr zu den Torys und leider zu jenen gehört, die eine weitere Ausbildung der Maschinen mit Furcht und Bangen betrachten. A. d. Red.

|144|

Wir führen bei dieser Gelegenheit folgendes gewiß merkwürdige Beispiel von einer englischen Spinnerinn an, die von Sir David Barry, einem Mitglieds der Factory-Commission examinirt worden. Betty Robinson, 53 Jahre alt, befindet sich 26 Jahre lang in einer Spinnmühle zu Aberdeen, und hat daselbst immer an einer und derselben Stelle gearbeitet, so daß sie den Laden des Bodens, auf welchem sie hin und her ging, ganz durchtrat, und daß vergangenes Jahr ein neuer Laden gelegt werden mußte! Sie befindet sich, wie sie sagt, bei dieser Art von Bewegung sehr wohl. A. d. Red.

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