Titel: Gewinn der Producte aus der Roßkastanie.
Autor: Vergnaud‐Romagnesi,
Fundstelle: 1834, Band 51, Nr. LXX. (S. 284–294)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj051/ar051070

LXX. Ueber die Roßkastanie, und die Producte, die sich aus derselben gewinnen lassen. Von Hrn. Vergnaud-Romagnesi.

Im Auszuge aus dem Recueil industriel. November 1833.

Nach den vielen fruchtlosen Versuchen, die bereits angestellt wurden, um zu ermitteln, auf welche Weise sich von dem Roßkastanienbaume gehöriger Nuzen ziehen läßt, ist es keine kleine Aufgabe, neuerdings mit einer Empfehlung dieses Baumes aufzutreten. Nur der Ausspruch Parmentier's, der da sagte, daß er, so viel er sich auch mit der Frucht der Roßkastanie abgab, doch noch Vieles hierüber zu thun übrig ließ, konnte mich bewegen, diesen Gegenstand neuerdings zur Sprache zu bringen; und ich hoffe, daß die von mir angestellten Versuche zu einem besseren Resultate führen dürften.

Man hat gegen die Kultur des Roßkastanienbaumes hauptsächlich drei Einwendungen gemacht, und diese sind: die Unbrauchbarkeit seines Holzes, das frühzeitige Abfallen seiner Blatter, und die Nuzlosigkeit seiner Früchte, die wegen ihrer Bitterkeit weder von Menschen, noch von Thieren genossen werden können. Wir wollen diese Einwürfe beleuchten.

Was das Holz der Roßkastanie betrifft, so ist es zwar zart und schwammig, allein es eignet sich dennoch zu allen den Zweken, zu welchen man die sogenannten welchen oder weißen Hölzer, wie z.B. das Linden-, Platanen-, Tannen-, Pappelholz etc. verwendet. Es dauert sogar, wenn es gegen Feuchtigkeit geschüzt ist, länger, als manche dieser Holzarten, und wird nur selten von den Würmen |285| angegriffen. Man kann dasselbe auch zu Dachsparren, Schindeln und Balken benuzen; denn es hat zwar weniger Elasticität, als das Tannenholz, springt aber nicht so leicht, als dieses, weil seine Fasern inniger mit einander verbunden sind. Bildhauer, Dreher und Tischler können das Holz der Roßkastanie sehr gut verwenden, denn es nimmt jede Farbe und jeden Firniß an. In einigen Fällen bedient man sich desselben auch statt des Eschen- und Buchenholzes zur Verfertigung der Zugjoche für das Hornvieh, wozu es sich wegen seiner Leichtigkeit sehr gut eignet. Eben so gibt es sehr gute Holzschuhe, und wird zu diesem Behufe selbst dem Erlen- und Birkenholze vorgezogen.

Das frühzeitige Abfallen der Blätter ist wahrlich nicht von Belang, und wird durch das frühe Austreiben im Frühlinge, und durch den dichten Schatten, den sie im Sommer gewähren, reichlich ersezt. Allerdings kann man keines unserer Hausthiere zum Genusse der Blätter der Roßkastanie bewegen; allein sie geben doch eine gute Streue, und will man sie einäschern, so erhalt man aus denselben wen mehr Alkali, als aus den Blättern irgend eines anderen Baumes. Uebrigens hat man die frischen Blatter zu Lyon auch schon zum Zurichten der Hüte angewendet, indem sie beim Sieden eine schleimige, klebrige Substanz geben.

Die Unbrauchbarkeit der Früchte endlich, die den wichtigsten der erwähnten Einwürfe bildet, dürfte durch folgende Bemerkungen und Versuche widerlegt werden.

Die Früchte der Roßkastanie werden in wildem Zustande von den Hirschen, den Rehen, und zuweilen selbst von den Wildschweinen verzehrt. Man versuchte Hunde und Schweine damit zu füttern, allein vergebens; am liebsten frißt sie noch das Hornvieh, und man hat bemerkt, daß Ochsen, die mit zerschnittenen und gekochten Roßkastanien gefüttert wurden, ein sehr festes und reichliches Fett ansezten. Kühe behielten dabei eine große Menge Milch, die keinen üblen Geschmak hatte. Puymaurin will Schafe damit gefüttert, und Boos mehrere Schafheerden dadurch von einer epidemischen Krankheit geheilt haben; wahrscheinlich wußten Beide den Geschmak der Früchte zu maskiren, denn im Allgemeinen haben die Schafe einigen Widerwillen dagegen. In England füllte man alte Fässer mit Roßkastanien, weichte diese 3 bis 4 Tage in fließendes Wasser, und verwendete dann die Früchte zur Mastung der Schweine und der Hirsche. Ich fand, daß die Maceration der Früchte, selbst wenn sie zerschnitten sind, wenigstens 8 Tage lang fortgesezt werden muß, wenn der bittere Geschmak nur einigermaßen vermindert werden soll.

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Man schlug vor, die Roßkastanien in alkalischer Lauge maceriren zu lassen, sie dann zu mahlen, und an die Hühner zu verfüttern. Dieses Verfahren schien zu gelingen; allein es ist zu geringfügig, als daß es die Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Eben so hat man die Früchte getroknet, gemahlen und zu Buchbinderkleister empfohlen, weil man behauptete, dieser Kleister würde wegen seiner Bitterkeit von den Insecten nicht angegriffen. Dem ist aber nicht so, denn dieser Kleister verliert nach 1/2 bis 1 Jahre seine Bitterkeit, wo er sie doch gerade am meisten nöthig hätte. Besser eignet sich daher zu diesem Behufe noch ein Zusaz von Ruß unter den Kleister.

Hr. Antoine, Apotheker am Spitale des Val-de-Grâce, behauptete bei der Destillation der Roßkastanie nur Essigsäure erhalten zu haben, die ihm vor der Gährung schon in diesen Früchten enthalten zu seyn schien. Ich seze diese Früchte nach demselben Verfahren in Gährung, nach welchem man in Deutschland die Erdapfel in Gährung bringt, und erhielt auf diese Weise einen Alkohol, der weder in Hinsicht auf Menge, noch in Hinsicht auf Geschmak auch nur im Geringsten entsprach.

Man hat die Roßkastanien auch zum Reinigen der Wasche empfohlen; man rieb zu diesem Zweke in jede Pinte Wasser zwei Früchte, und verwendete dieses Wasser, nachdem es erwärmt worden, als Seifenwasser. Diese Reinigungsmethode gab jedoch schlechte Resultate; die Wasche wurde gelblich und übelriechend. Hr. Marcandier, bekannt durch seine Abhandlung über den Hanf, behauptet jedoch; daß die Roßkastanie bei gehöriger Behandlung doch mit Vortheil zum Reinigen verwendet werden kann, obwohl sie der Seife nachsteht. Ich habe diese Bleichkraft nicht finden können; denn die Roßkastanie enthält zwar eine große Menge Alkali; allein es ist so gebunden, daß man dessen Menge bloß durch die Einäscherung erfährt. 50 Pfd. Roßkastanienasche geben 35 bis 36 Pfd. reine Potasche von erster Güte.

Einige Fabrikanten behaupteten, sie haben Kerzen aus den Roßkastanien verfertigt. Dem ist aber nicht so: denn der bittere und zusammenziehende Bestandtheil diente bloß dazu den Hammeltalg zu reinigen und ihn fester zu machen; er vermehrte die Menge des Talges durchaus nicht, sondern er verminderte ihn im Gegentheile bedeutend, so daß diese Art von Kerzen immer theurer zu stehen kommen müssen, als andere.

Die Roßkastanie enthält auch eine Art von Oehl, welches man in geringer Quantität gewinnen kann, wenn man die zermalmten Früchte etwas erwärmt und dann auspreßt. Das Roßkastanienpulver |287| kann daher auch statt der sogenannten Mandelkleie zum Waschen der Hände benuzt werden.

Hr. Francheville, Mitglied der Akademie zu Berlin, behauptete, daß der Roßkastanienbaum drei Mal auf sich selbst gepfropft. Fruchte liefere, die durchaus nicht bitter, und eben so genießbar waren, wie die ächten Kastanien. Dieß ist aber eben so unrichtig, als es unrichtig ist, daß Pfirsiche auf Roßkastanien gepfropft, sehr große, aber bittere Früchte liefern. Uebrigens hat diese, wie es scheint, aus der Luft gegriffene Behauptung zu mannigfachen Versuchen über das Pfropfen der besten Kastaniensorten auf Roßkastanienbäume Anlaß gegeben, von denen jedoch in 200 Fällen auch nicht einer anschlug.

Hr. Bon schlug vor, die Roßkastanien, um ihnen ihre Bitterkeit zu benehmen, geschalt und zerschnitten 48 Stunden lang in eine alkalische Lauge einzuweichen, und sie dann 10 Tage hindurch alle 24 Stunden so lang mit reinem Wasser auszuwaschen, bis sie eine weiße Farbe angenommen, und ihren bitteren Geschmak ganz verloren haben. Dieses Verfahren ist langwierig, und doch nicht genügend; übrigens führte mich dasselbe auf die Anwendung der Säuren, um der Roßkastanie ihren bitteren Geschmak zu entziehen.

Die interessantesten Arbeiten über die Roßkastanie verdanken wir den seligen Parmentier und Baumé, die ich in Kürze anführen will.

Ich zerrieb, sagt Parmentier, frische und abgeschälte Roßkastanien, und verwandelte sie in einen weichen Teig, den ich in einem Sake aus starkem, dichtem Zeuge unter die Presse brachte. Es floß hierbei ein klebriger, diker, gelblich-weißer und unerträglich bitterer Saft ab, wahrend ein weißes, sehr troknes Mark zurükblieb, welches ich mit Wasser anrührte. Die milchige, durch ein sehr enges Haarsieb geseihte Flüssigkeit wurde hierauf in ein mit Wasser gefülltes Gefäß gebracht, worauf ich dann endlich durch wiederholtes Auswaschen und Abgießen eine geringe Menge eines sanft anzufühlenden Sazmehles erhielt, welches, bei gelinder Wärme getroknet, weiß und geschmaklos war, und alle Eigenschaften eines wahren Stärkmehles besaß; während der faserige Theil selbst nach dem Troknen einen so unerträglich bitteren Geschmak hatte, daß 10 bis 12 Grane davon hinreichten, um ein Pfund Weizenmehl ungenießbar zu machen. Um dieses Starkmehl in Brod zu verwandeln, vermengte ich 4 Unzen davon mit eben so viel gekochten Erdäpfeln, und bildete daraus mit einer entsprechenden Menge Hefen einen Teig. Dieser Teig gab ein gutes, aber ohne Salz fades Brod.

Nach Parmentier enthält 1 Pfd. frische Roßkastanien 2 Unzen |288| 4 Quentchen Nahrungsstoff, und 2 Unzen bitteres Parenchym; der Ueberrest besteht aus Rinde, Extractivstoff und Wasser.

Baumé gibt dreierlei Methoden an, nach welchen sich das Stärkmehl aus der Roßkastanie gewinnen läßt. Nach der ersten dieser Methoden soll man 6 Pfd. abgeschälte Kastanien 24 Stunden lang in Wasser einweichen. Das Wasser löst hierbei eine geringe Menge Extractivstoff auf, wird röthlich und bitter; und dann ist auch der Zeitpunkt gekommen, wo die Kastanien von ihrem zweiten Häutchen befreit werden müssen. Dieß geschieht am besten, indem man sie zwischen einem von zwei Personen gehaltenen Tuche hin- und her rollt. Die auf diese Weise behandelten Früchte werden in einem Mörser gestoßen, mit einer Walze in einen Teig verwandelt, und dann mit 10 Pfd. Weingeist von 30° in ein gläsernes oder irdenes Gefäß gebracht, welches man den Sonnenstrahlen oder einer gelinden Wärme aussezt und öfter umrührt. Nach 24 Stunden seiht man das Ganze durch ein Tuch und drükt es stark aus. Den Rükstand läßt man hierauf 24 Stunden lang mit frischem Weingeiste aufgegossen, und dieß wiederholt man mit einer gleichen Menge Weingeist noch vier Mal, oder so lange bis der Weingeist keine Farbe mehr annimmt. Das zurükbleibende Sazmehl wird dann getroknet, und gibt ein weißes, durchaus nicht bitteres Pulver, woraus man mit Erdäpfeln oder Weizenmehl Brod bereiten kann.

Dieses Verfahren ist so umständlich, daß von einer Anwendung desselben im Großen gar keine Rede seyn kann. Anwendbarer ist das zweite, nach welchem 6 Pfd. Roßkastanien auf dieselbe Weise gereinigt, gestoßen und zermalmt und mit 300 Pinten Wasser angerührt werden. Dieses Gemenge schäumt beim Umrühren mit einer Spatel wie Seifenwasser, und dieser Schaum wird mit einem großen Schaumlöffel abgenommen. Nach 2 Stunden Ruhe gießt man das Wasser vorsichtig ab, und schüttet hierauf eine gleiche Menge Wasser auf den Rükstand; dieses Auswaschen sezt man so lange fort, bis das Wasser weder milchig, noch grünlich abfließt und auch keinen Geschmak mehr annimmt. Man wäscht in 2–3 Tagen 8–10 Mal aus; der Rükstand wird endlich ausgepreßt, an der Sonne getroknet, gepülvert und durch ein Sieb gebeutelt, worauf man ihn als Starkmehl verwenden kann.

Auch dieses Verfahren ist im Großen unbrauchbar, und das dritte ist nicht besser, denn der ganze Unterschied besteht darin, daß man die Kastanien abschält, troknet, sehr fein pülvert und hierauf auf dieselbe Weise behandelt.

Baumé sagt, daß man 8 Unzen dieses Sazmehles mit 8 Unzen Weizenmehl vermengen, und dann zur Hälfte mit 20 Quentchen |289| Hefen abkneten soll. Nach 12stündiger Gährung soll man die andere Hälfte damit vereinigen und unter Zusaz von einem Quentchen Salz abkneten. Man erhält auf diese Weise 24 Unzen weißes sehr leichtes Brod. Baumé bemerkt hierbei, daß sein Kastanienmehl etwas öhlig war; dieß kann jedoch nur davon herrühren, daß sein Mehl nicht gehörig gereinigt war; denn in reinem Zustande ist dasselbe durchaus nicht öhlig, sondern den übrigen reinen Sazmehlarten ähnlich.

Alle diese Resultate sind wegen der geringen Menge Product, die sie gaben, und wegen des großen Verlustes an Zeit und nüzlichen Stoffen, die sich bei diesen langwierigen und kostspieligen Manipulationen ergab, durchaus nicht ermuthigend. Dessen ungeachtet schien es mir aber, daß sich diesen Uebelständen vielleicht doch abhelfen ließe, und nach vielen vergeblichen Versuchen glaube ich endlich durch die Schriften des Hrn. Dombasle zu Nancy und durch den Vorschlag Kirchoff's das Stärkmehl mit Schwefelsäure zu behandeln, und durch Gährung Alkohol daraus zu gewinnen, auf die geeignetste Methode gekommen zu seyn. Es gelang mir nach dieser Methode bald aus der Roßkastanie eine größere Menge Sazmehl zu gewinnen, als aus den Erdäpfeln, und dasselbe ganz rein und ohne allen bitteren Nebengeschmak darzustellen.

Mein Verfahren ist beinahe dasselbe, wie jenes, dessen man sich gewöhnlich zur Ausziehung des Stärkmehles aus den Erdäpfeln bedient, nur entferne ich den bitteren, scharfen und zusammenziehenden Stoff auf eine eigene Weise.

Ich zerreibe die Roßkastanien mittelst eines Instrumentes, welches jenem Instrumente ähnlich ist, womit man die Erdäpfel zu zerreiben pflegt: nur daß dessen Unebenheiten spiziger und stärker sind. Das Mark, welches gelb und so fettig ist, daß es, wenn man es knetet, eine Masse bildet, lasse ich in ein enges Haarsieb oder in ein etwas weites Seidensieb fallen, welches sich über einem Kübel mit Wasser befindet. In diesem mit Schwefelsäure gesäuerten Wasser bewege ich das Sieb mit dem Breie nach allen Achtungen, wobei das Sazmehl schnell zu Boden fallen wird. Nach einer Viertelstunde nehme ich das Sieb heraus, um es in einen zweiten, gleichfalls mit gesäuertem Wasser gefällten Kübel zu bringen, und neuerdings zu schütteln, damit sich noch etwas Sazmehl abscheide. Dann nehme ich das Sieb heraus und drüke das Mark aus, welches in diesem Zustande keinen unangenehmen Geschmak haben darf. Sollte es einen solchen Geschmak besizen, und wollte man es an die Thiere, die es sehr gern fressen, verfüttern, so müßte man es vorher zwei oder drei Mal mit reinem Wasser auswaschen, dann gut abtropfen |290| lassen, und an einem luftigen Orte troknen. In diesem Zustande läßt sich dasselbe nämlich leicht von einem Jahre zum anderen aufbewahren.

Das Starkmehl, welches sich auf dem Boden des ersten Kübels abgesezt hat, gewinne ich, indem ich das darüberstehende Wasser nach einer Stunde vorsichtig abgieße. Dann rühre ich das Wasser des zweiten Kübels stark um, damit alles Starkmehl, welches sich in diesem Kübel absezte, schwebend erhalten werde, und gieße es hierauf in den ersten Kübel, in welchem ich es mit dem darin befindlichen Bodensaze abrühre. Nach 2 Stunden Ruhe gieße ich das Wasser (welches das nächste Mal als erstes Wasser benuzt werden kann, nach 5–6 Tagen aber nicht mehr zu brauchen ist) sorgfältig ab, und erseze es durch reines Wasser, womit ich das Sazmehl neuerdings aufrühre, um nach 2 Stunden auch dieses Wasser wieder abzugießen. Auf gleiche Weise wasche ich das Sazmehl noch ein zweites Mal aus, und sind diese beiden Waschungen nicht hinreichend, d.h. ist das Sazmehl nicht vollkommen weiß und ohne unangenehmen Geschmak, so nehme ich auch noch eine dritte vor.

Nachdem das Sazmehl auf diese Weise gehörig ausgewaschen, nehme ich die obere Schichte, die beinahe immer graulich ist, ab, und trokne sie so wie das weiße Sazmehl auf offenen, mit Papier oder Leinewand überzogenen Hürden. Das getroknete Sazmehl beutle ich dann durch ein Sieb aus Seidenzeug, worauf es als Nahrungsmittel, Kleister etc. verwendet werden kann. Will man Syrup und Alkohol daraus bereiten, so braucht man das grauliche Sazmehl nicht von dem weißen zu scheiden.

Die Quantität des Wassers, welches man zu den Waschungen nimmt, so wie der Grad der Säure, den man dem Wasser gibt, muß sich nach der Natur der Kastanien richten, die nach der Beschaffenheit des Bodens größer oder kleiner, reicher oder ärmer an Sazmehl sind. Im Allgemeinen muß hauptsächlich beim ersten Abwaschen, die Quantität des Wassers so groß seyn, daß sich die Masse nicht fettig anfühlt, weil das Sazmehl sonst schwer zu Boden fällt. Uebrigens bringt ein Ueberschuß an Wasser keinen Schaden.

Was den Grad der Säure betrifft, so muß sich der saure Geschmak des Wassers, welches man zu den beiden ersten Waschungen nimmt, dem Gaumen zu erkennen geben. Für wenig öhlige Roßkastanien kann man 1 Theil concentrirte Schwefelsäure auf 400 Theile Wasser nehmen; sind sie hingegen mehr öhlig, so soll man einen Theil Säure auf 309 Theile Wasser zusezen; auch ein Theil |291| Säure auf 200 Theile Wasser bringt keinen anderen Nachtheil, als den der größeren Kosten.51)

Ich erhielt auf diese Weise seit mehreren Jahren beständig vollkommen reines Sazmehl; auch das Mark hatte durchaus keinen unangenehmen Geschmak, und beide erhielten sich, an einem trokenen Orte aufbewahrt, zwei Jahre lang in vollkommen gutem Zustande. Ich behandelte vergleichsweise die Erdapfel mit reinem, und die Roßkastanien mit gesäuertem Wasser, und erhielt bei 25maligen Versuchen jedes Mal ein Product an Sazmehl, welches bei den Kastanien um 11 Procent größer war, als bei den Erdäpfeln. Die besten Roßkastanien gaben mir 30 Proc. ihres Bruttogewichtes Sazmehl; die besten Erdapfel hingegen gaben mir nur 20–22 Procent ihres Bruttogewichtes. Außerdem gewähren die Roßkastanien den Vortheil, daß man das Sazmehl aus denselben zu jeder Zeit ausziehen kann, weil sie nicht so auswachsen wie die Erdäpfel, vom Froste nicht Schaden leiden und überhaupt getroknet eben so leicht zu behandeln sind, als frische, so daß man die Ernte von 2 bis 3 Jahren zusammenkommen lassen kann.

Die getrokneten Roßkastanien kann man entweder zerstoßen, durch Schwingen von der Rinde befreien, 48 Stunden lang in Wasser einweichen, zerreiben, und dann auf die beschriebene Weise behandeln; oder man kann sie nach dem Zerstoßen und Schwingen auf einer Mühle mahlen, und das Mehl gleichfalls dem angegebenen Verfahren unterwerfen.

Das aus den getrokneten Roßkastanien gewonnene Sazmehl ist eben so gut, wie jenes aus den frischen; nur ist es weniger weiß, und in etwas geringerer Quantität vorhanden. Beide Arten von Sazmehl, sowohl jenes aus den frischen, als jenes aus den getrokneten Erdäpfeln, lassen sich zu verschiedenem Küchengebrauche verwenden, und geben mit Weizenmehl in gehörigem Verhältnisse gemengt gutes Brod. Bei dessen Verwandlung durch Schwefelsäure in Syrup und Alkohol erhielt ich dieselben Producte, wie aus dem Erdäpfelstärkmehle, so daß man die Roßkastanien also eben so gut auf Branntwein benuzen, und die Erdäpfel dafür bei Mißernten zur Nahrung verwenden kann.

Ich versuchte auch, ob sich nicht aus dem zweiten, dritten und |292| viertel, Abwaschwasser Nuzen ziehen ließe, und erhielt beim Abdampfen desselben ein reichliches Extract von alkalischem Geschmake, welches ziemlich leicht, und mit einer Flamme brannte, die der Flamme der Harze ähnlich ist. Der alkalische Geschmak, den ich an dem Extracte des vierten Waschwassers, welches keine Säure mehr enthielt, erkannte, brachte mich auf die Idee, ob sich dieses Wasser, mit Roßkastaniensazmehl gekocht nicht als Schlichte für die Weber benuzen ließe, indem diese Schlichte vielleicht die gehörigen hygroskopischen Eigenschaften besizen mochte.

Eine gute Schlichte muß glatt, vollkommen gleichmäßig, und von solcher Consistenz seyn, daß sie sich vollkommen in die Bürsten vertheilt, und nach allen Richtungen auf die Kette auftragen läßt. In jeder Gegend hat man beinahe eine eigene Methode die Schlichte zu bereiten; nicht ganz befriedigt ist aber noch das Verlangen nach einer Schlichte, welche in solchem Grade hygroskopisch ist, daß man die Webestühle in gesünderen, luftigeren und helleren Localitäten errichten kann. Man glaubte diese Eigenschaft in dem sogenannten Canariensamen, in den Samen der Phalaris canariensis erkannt zu haben; allein das Mehl dieser Samen kommt nicht nur für grüben Zeuge zu hoch zu stehen, sondern es läßt sich auch bei den feinsten Zeugen, die eine vollkommene Weiße erhalten sollen, nicht anwenden, weil es denselben eine grauliche Farbe mittheilt, die sich durch das Bleichen nur sehr schwer entfernen läßt. Außerdem ist es beinahe unmöglich dieses Mehl gänzlich von einer geringen Menge der Schale der Samen zu befreien, und diese Schalentheilchen, die sich in Wasser nicht auflösen, verursachen öfter ein Brechen der Faden. Hr. Dubuc fand, daß die Eigenschaften dieses Mehles von dessen größerem Gehalte an salzsaurem Kalke herrühren. Er schlug daher, die Nachtheile der Schlichte aus Canariensamen einsehend, eine Schlichte vor, die gegenwärtig in einigen Fabriken gebräuchlich ist, und die man sich bereiten kann, indem man 1 Pfd. Erdäpfelsazmehl und 10 Quentchen arabischen Gummi unter beständigem Umrühren bei gelindem Feuer mit 4 Pinten Wasser kocht, und nach 8 bis 10 Minuten anhaltendem Sieden, je nach der Jahreszeit, 6 Quentchen bis zu 1 Unze salzsauren Kalk zusezt.

Ich dachte mir nach diesen Beobachtungen des Hrn. Dubuc, daß das Sazmehl, welches aus den an Alkali so reichen Roßkastanien gewonnen wurde, vielleicht zur Bereitung einer Schlichte geeignet seyn dürfte, wenn man demselben wieder einen Theil jenes Alkali zusezen würde, welches ihm bei seiner Ausziehung benommen wurde. Ich vermengte daher 1/2 Pfd. Roßkastaniensazmehl mit 2 Unzen Weizenmehl und 1 Unze senegalischem Gummi, den man jedoch |293| auch weglassen kann, rührte das Gemenge mit einer hinreichenden Menge von dem vierten Abwaschwasser an, und ließ es mit gehöriger Vorsicht kochen. Die Schlichte, die ich dadurch erhielt, war fettig, ließ sich leicht auf den Zeugen ausbreiten, ließ beim Troknen keine Rauhheit zurük, behielt selbst an einem gut gelüfteten Orte lange Zeit die gehörige Geschmeidigkeit, und beeinträchtigte später das Bleichen nicht im Geringsten. Ich wünsche daher sehnlich, daß die Fabrikanten und Weher diese Versuche wiederholen mochten.

Das günstige Resultat meiner ersten Versuche über die Anwendung des mit seinem eigenen, Naschwasser zubereiteten Roßkastaniensazmehles veranlaßte mich zu einem weiteren Versuche, welcher gleichfalls vollkommen gelang. Ich meine die Anwendung dieses Präparates in der Lithographie, welche in Frankreich die reißendsten Fortschritte macht.

Zu den vortheilhaftesten Erfindungen in der Lithographie gehört bekanntlich das Schreiben auf sogenanntem autographischem Papiere, von welchem die mit lithographischer Tinte darauf geschriebenen Schriftzüge durch gehörigen Druk und durch Befeuchtung der Kehrseite des Papieres auf den Stein übergetragen werden können. Dieses Papier wird nun dadurch bereitet, daß man auf demselben einen keim anbringt, der durch die Feuchtigkeit so flüssig gemacht wird, daß die auf das Papier gemachten Schriftzüge fest an dem Steine kleben bleiben. Man bediente sich zur Bereitung dieses Leimes bereits verschiedener Vorschriften, von denen mehrere noch geheim gehalten werden. Ich verschaffte mir von beinahe allen lithographischen Anstalten autographisches Papier, und fand, Haß dessen Ueberzug oder Leim beinahe durchaus aus einem Gemenge von Leim, Starkmehl, arabischem Gummi, und Gummigutt, oder auch nur aus einzelnen dieser Substanzen bestand.

Jedes dieser Papiere läßt noch etwas zu wünschen übrig, besonders was die Sicherheit des Gelingens einer vollkommenen Uebertragung betrifft. Das Papier, welches mir Starkmehl allein bereitet worden, läßt die Tinte nicht leicht genug an den Stein ankleben, ausgenommen man nimmt laues Wasser, um das Papier von dem Steine abzunehmen, wo sich dann die Schriftzüge gern verwischen. Das arabische Gummi wird zu leicht flüssig, und das Papier glitscht leicht unter die Rakel oder unter die Walze. Der Leim eignet sich besser; allein et hat zum Theil den Nachtheil des arabischen Gummis und hängt sich außerdem stark an den Stein an, so daß es schwer ist denselben von dem Steine wegzuschaffen, ohne der Reinheit der Schriftzüge zu schaden, und ihn zum Druke zuzurichten. Das Gummigutt endlich ist für sich allein unbrauchbar, und dient bloß zum Färben des Leimes.

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Ich bereitete also einen Leim, der hauptsächlich aus Roßkastanien Sazmehl und seinem Waschwasser besteht, und verfertigte damit ein autographisches Abdrukpapier, welches eben so durchsichtig ist, als das schönste Papier dieser Art. Dieses Papier übertragt vollkommen gut die Tinte löst sich leicht und gänzlich davon ab, und hängt sich so fest an den Stein, daß man diesen unmittelbar nach der Uebertragung ab waschen kann. Das Papier rutscht nie auf dem Steine, wie groß auch der Grad des Drukes seyn mag; es läßt sich sehr lange aufbewahren, und Verdikt nur dann, wenn der Aufbewahrungsort sehr feucht ist Sollte man dieser Methode autographisches Papier zu verfertigen, wie ich nicht zweifle, Beifall schenken, so werde ich später eine ausführliche Abhandlung übel die Dosen, in welchen man die einzelnen Substanzen dabei anzuwenden hat, so wie über die ganze Bereitungsart bekannt machen. Hier mag es genügen diesen Gegenstand in Anregung gebracht zu haben.

Ich bemerke am Schlüsse dieses Aufsazes nur noch, daß Vauquelin, der die Knospen der Roßkastanien analysirte, eine grünlich gelbe, harzartige, und in ihren Eigenschaften den fetten Oehlen nahe kommende Substanz aus denselben auszog. Ich verschaffte nur eine ziemlich große Menge dieser Knospen, und überzeugte mich, daß sich deren Ueberzug ziemlich leicht in heißem Alkohol auflöst, und daß sich diese Substanz wahrscheinlich zur Bereitung eines Firnisses benuzen ließe, der sehr wenig Neigung hätte, Sprunge zu bekommen.

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Meine Abhandlung veranlaßte auch noch andere Versuche, deren Urheber ich jedoch nicht nennen darf. Man wendete nämlich Aezkali statt Schwefelsäure an, und erhielt auf diese Weise zwar weißeres und leichteres Stärkmehl, allein auch in geringerer Quantität, als mit Schwefelsäure. Ebendieß war auch bei der Behandlung mit Ammoniak der Fall. Wahrscheinlich dürften sich die Alkalien mit Vortheil zur Reinigung des zur See verdorbenen Mehles eignen. A. d. O.

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