Titel: Vorsichtsmaßregeln beim Reinigen von Brunnen etc.
Autor: Chevallier, Jean Baptiste Alphonse
Fundstelle: 1834, Band 51, Nr. LXXI. (S. 294–310)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj051/ar051071

LXXI. Ueber die Vorsichtsmaßregeln, welche die Behörden zu befolgen haben, damit die Arbeiter beim Reinigen von Brunnen, Cisternen, Ausgüssen, Schwindgruben, beim Graben von Brunnen etc. nicht verunglüken. Von Hrn A. Chevallier, Mitglied der konigl. Akademie der Medicin und Sanitätsrath.52)

Aus dem Journal de connaissances usuelles. December 1833, S. 34.

Die Mittheilung, die uns einer unserer Correspondenten, Hr. Bar, über einen Unglüksfall machte, der sich kürzlich zu Clene-Ba |295| bei Valancy beim Reinigen eines Brunnens ereignete, und die an uns gerichtete Anfrage, was in dergleichen Fällen zu thun sey, veranlaßt uns zur Bekanntmachung des nachfolgenden Aufsazes, der, wie wir hoffen, doch Einiges zur künftigen Verhütung ähnlicher Unfälle beitragen dürfte.

Das traurige Ereigniß, welches am oben angeführten Orte vorfiel, ist folgendes. Es versiegte einer der Brunnen der Gemeinde, und da sich diese Unannehmlichkeit auch nach dem erstmaligen Ausgraben und Räumen wiederholte, so nahm man die Arbeit neuerdings auf. Man arbeitete zwei Tage lang, kam aber nicht weit vorwärts, weil man auf sehr festes Gestein getroffen war. Man wollte nun eine Mine springen lassen, wurde aber daran verhindert, weil das aus den Spalten des Felsens herausdringende Wasser das Pulver und die Wike benezte. Man kam daher auf die Idee brennendes Stroh und glühende Kohlen in den Brunnen zu werfen, um das Wasser dadurch zu verdampfen und das Pulver zu entzünden; allein auch dieß mißlang, und man ließ daher Alles in diesem Zustande. Der erste Arbeiter, der nun den nächsten Morgen darauf in den Brunnen hinabstieg, beklagte sich über den üblen Geruch in demselben; man trug ihm an wieder heraufzusteigen, er wollte aber durchaus arbeiten, und füllte selbst einen Kübel mit Wasser und Unreinigkeiten. Nachdem dieser Kübel herauf gefördert, versuchte der Arbeiter, wahrscheinlich weil er sich unwohl fühlte, gleichfalls heraufzusteigen; er war jedoch kaum bis auf die vierzigste Stufe gekommen, als er herabstürzte und sich die Hirnschale zerschellte. Vier Tage später bot sich ein anderer Arbeiter an, der den Brunnen bloß reinigen wollte; auch dieser beklagte sich über den üblen Geruch; er arbeitete aber doch 3/4 Stunden, worauf er sich neuerdings über den Geruch beklagte. Man rieth ihm heraufzusteigen; allein man vernahm nichts weiter von ihm, und da sich Niemand fand, der es gewagt hätte, zu dessen Beistand und Rettung in den Brunnen hinabzusteigen, so schikte man einen reitenden Noten an die Behörde zu Valençay, welches eine halbe Stunde entfernt war. Die Behörde fand endlich nach langer Zeit Mittel; nach 5 Stunden wurde der unglükliche Arbeiter aus dem Brunnen herausgezogen, allein in entseeltem Zustande!

Dergleichen Unfälle sind schon unzählige vorgefallen, und noch immer, und aller Warnungen und Nachschlage ungeachtet, liest man deren häufig in den Tagesblättern erzählt. Wir halten es daher für dringend |296| nöthig, dieselben neuerdings zu wiederholen, und sie besonders unseren Polizei- und sonstigen Verwaltungsbehörden ans Herz zu legen.

§. 1. Von der Luft und den Veränderungen, die sie erleidet.

Die Luft besizt, wie alle übrigen gasartigen Flüssigkeiten, eine auflösende Eigenschaft, welche sie besonders durch Vermittelung des Wärmestoffes ausübt, weil sie die aufgelösten Körper bei einer Verminderung der Temperatur zum Theil wieder fallen läßt. Sie kann daher von den schädlichen Substanzen, auf denen sie verweilt, eine mehr oder minder große Menge von Theilchen aufnehmen. Eine zweite Quelle des Mephitismus oder der Verderbniß der Luft beruht auf der chemischen Verwandtschaft jenes Theiles der atmosphärischen Luft, der zur Unterhaltung der Verbrennung und der Respiration geeignet ist, d.h. des Sauerstoffes, mit einigen säurefähigen Substanzen, z.B. dem Kohlenstoffe. Eine dritte, sehr reichhaltige Quelle ist die Zersezung, welche die organischen Körper erleiden; und endlich nimmt selbst die reinste atmosphärische Luft, wenn sie längere Zeit an einem und demselben Orte eingeschlossen bleibt oder stagnirt, schädliche Eigenschaften an, die sich nicht selten schon durch Betäubung und wirklichen Tod derjenigen, die sich unvorsichtig an solche Orte verfügten, kundgaben.

Bei einer aufmerksamen Beobachtung der Erscheinungen, welche sich an jenen, die in solcher verdorbener Luft verunglükten, wahrnehmen lassen, ergibt sich, daß das Nervensystem zuerst davon ergriffen wird, und daß dann hierdurch die Thätigkeit einer oder mehrerer Verrichtungen des Körpers aufgehoben wird; so z.B. das Athmen, wodurch die sogenannte Asphyxie (eine tiefe Ohnmacht) erzeugt wird; der Herzschlag, dessen Aufhören eine Syncope (Ohnmacht) veranlaßt; die Gehirnthätigkeit, durch deren Stillstand eine Apoplexie (Schlagfluß) entsteht. Kehrt nach einem solchen Anfalle die Sensibilität wieder zurük, so zeigen sich gewöhnlich Convulsionen, heftiges Kopfweh, und nicht selten bleibt ein oder der andere Theil des Körpers, vorzüglich die unteren Extremitäten oder die Geschlechtsorgane gelähmt. Alles dieß ist ein deutlicher Beweis, daß der Mephitismus der Luft zuerst auf das Nervensystem und vorzüglich auf das Rükenmark wirkt, ein Umstand, der in Hinsicht auf die Behandlung der Verunglükten von höchster Wichtigkeit ist.

Es gibt wohl auch Falle, in welchen der Scheintod nur Folge des Mangels des Athmens zu seyn scheint, wo man den Kranken dann leicht zu sich bringen kann; allein selbst in diesem Falle ist die Nerventhätigkeit unterbrochen, und nur durch Wiederbelebung derselben läßt sich die aufgehobene Verrichtung wieder herstellen.

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§. 2. Von den Gasen, welche die Unglüksfälle erzeugen.

Die vorzüglichsten Gasarten, welche die Unglüksfälle, mit denen wir uns hier beschäftigen, erzeugen, sind folgende:

1. Das Stikgas, welches man in der Atmosphäre faulender Körper und in dem Dampfe der Abtritte findet, wo es in Frankreich unter dem Namen plomb bekannt ist. Nicht selten erzeugt sich dieses Gas auch in Bergwerken oder in Brunnen oder Schachten, in welchen mit Schießpulver gesprengt wird. Der Vorgang hierbei ist gewöhnlich folgender. Wenn das Sprengloch geladen ist, so brennt man die zur Entzündung der Ladung bestimmte Lunte an. Dabei geschieht jedoch die Verbrennung nicht immer schnell und plözlich, sondern der Feuchtigkeit wegen erfolgt sie langsam, und die Folge dieser langsamen Verbrennung ist, daß der zum Athemholen und zur Verbrennung nöthige Bestandtheil der Luft nach und nach aufgesaugt wird, und daß also nur mehr ein Gemenge zurükbleibt, welches aus dem zum Athmen untauglichen Theile der Luft, dem Stikgase, und aus einem anderen eben so untauglichen Gase, der Kohlensäure, besteht.

2. Das kohlensaure Gas, welches sich in den Brauereien, in den Kellern aus den Gährungsbottichen, und aus den mit jungem Weine gefüllten Fässern entwikelt, und welches man in gewissen Mineralwässern, in vielen Brunnen und Höhlen, und auch um die Kalköfen herum in großer Menge antrifft.

3. Das Ammoniakgas, welches sich aus den Schwindgruben entwikelt, und eine Art von Augenentzündung erzeugt, die unter den französischen Abtrittfegern unter dem Namen Mite bekannt ist.

4. Das gekohlte Wasserstoffgas, welches die sogenannten Irrwische oder Irrlichter oder das wilde Feuer bildet, und sich aus dem Schlamme der Sümpfe und aller stehenden Gewässer entwikelt.

5. Das Schwefelwasserstoffgas, welches in mehreren Mineralquellen enthalten ist und sich in den Steinkohlengruben, in den Schwindgruben, und an allen Orten, an welchen thierische Körper verwesen, erzeugt.

6. Das arsenikhaltige Wasserstoffgas, welches sich in den Zinn-, Silber- und allen Bergwerken erzeugen kann, in welchem diese Metalle mit Arsenik vererzt sind.

§. 3. Von den Brunnen.

Aus vielen Brunnen, besonders aber aus jenen in den Hauptstädten, entwikeln sich Gasarten, welche weder zur Unterhaltung der Verbrennung, noch zur Unterhaltung des Lebens geeignet sind. Wenn sich die Brunnen, was leider nur zu oft der Fall ist, in der Nahe von Sümpfen, von Pfüzen mit stehendem Wasser, von Ausgüssen, Düngerhaufen, |298| mit einem Worte in der Nahe von Orten befinden, an welchen eine größere Menge verwesender vegetabilischer oder thierischer Stoffe angehäuft ist, so können diese Stoffe von dem Wasser aufgelöst und fortgeführt werden, und auf diese Weise in die Brunnen gelangen, wo sie dann in Gährung übergehen und zur Entwikelung schädlicher Gasarten Anlaß geben, so daß die Brunnenräumer verunglüken müßten, wenn sie ohne gehörige Vorsichtsmaßregeln in dergleichen Brunnen hinabsteigen würden.

Wir selbst trafen in Paris und in den benachbarten Gemeinden Brunnen, welche durch das aus den Abtritten, Branntweinbrennereien, Fleischereien etc. abfließende Wasser verunreinigt waren, und eben so Brunnen, die mit keiner ähnlichen Substanz verunreinigt waren, und die dennoch Stikgas und kohlensaures Gas entweichen ließen. Bei dem Zweke der Brunnen, d.h. bei dem täglichen Gebrauche des in ihnen enthaltenen Wassers, ist es daher von größter Wichtigkeit, daß die Behörden darauf sehen, daß die Brunnen an keinem Orte angelegt werden, an welchen das Wasser derselben durch die Infiltration schädlicher Substanzen verdorben werden kann.

Um allen den Unfällen, in welche ein Arbeiter beim Reinigen eines Brunnens gerathen kann, vorzubeugen, hat man Folgendes zu beobachten. Man muß sich zuvörderst von der Beschaffenheit der in ihm enthaltenen Luft versichern, und sich überzeugen, daß dieselbe zur Unterhaltung der Verbrennung und des Athemholens geeignet ist.

Man läßt zu diesem Behufe gewöhnlich ein brennendes Licht bis an die Oberfläche des Wassers hinab; löscht dieses nicht aus, so hält man dieß für einen Beweis, daß der Arbeiter ohne Scheu an seine Arbeit gehen kann. Diese Probe ist zwar im Allgemeinen gut, allein doch nicht unfehlbar; denn schon in mehreren Fällen war die Luft in den Brunnen im Stande, die Verbrennung zu unterhalten, und doch war sie zum Athemholen untauglich. Das sicherste Mittel ist, ein lebendes Thier in den Brunnen hinabzulassen; lebt dieses in der Tiefe fort, so kann der Arbeiter ohne alle Furcht gleichfalls hinabsteigen.

Allein selbst wenn das Licht im Brunnen nicht auslöscht, und selbst wenn ein hinabgelassenes Thier in der Tiefe ungestört, wie in freier Luft fortlebt, soll man noch folgende Vorsicht gebrauchen: 1) soll man den Arbeiter mit Riemen versehen, welche um dessen Mitte und unter den Achseln durchgehen, und an deren oberem Theile ein Ring angebracht ist, durch welchen man ein Seil gehen läßt, damit man ihn, im Falle ihn ein Unwohlseyn überrascht, sogleich an die freie Luft Heraufziehen und die gehörige Hülfe leisten |299| kann. Dieses Riemenwerk wird die Arbeiter zwar anfangs etwas geniren, doch werden sie sich leicht daran gewöhnen. Beim Räumen der Kloaken von St. Martin wurden mehrere Arbeiter von Scheintod befallen; wir waren jedoch in Folge dieser einfachen Vorsichtsmaßregel jedes Mal im Stande, sie schnell zu retten, wie heftig auch die Zufalle waren. Ja, diese Maßregel ist um so nothwendiger, als ein Brunnen oder ein Schacht, in welchem sich durchaus keine Gefahr kund gibt, plözlich mit schlechter Luft erfüllt werden kann, wenn der Arbeiter zufällig Höhlen öffnet, in denen sich die schädlichen Gase angesammelt hatten, oder wenn sich in Folge des Aufrührens des Schlammes in den Brunnen eine größere Menge solcher Gase aus demselben entwikeln. So kamen z.B. in den Jahren 1810 und 1811 in den Steinkohlenwerken zu Anzin Arbeiter in einem Gase um, in welchem das Licht nicht verlöschte, und welches wahrscheinlich aus einem Gemenge von atmosphärischer Luft und Schwefelwasserstoffgas bestand. 2) soll sich oben über dem Brunnen immer ein zweiter Arbeiter befinden, der lediglich dazu bestimmt ist, dem im Brunnen beschäftigten Arbeiter Hülfe zu leisten, wenn dieser durch ein Zeichen zu erkennen gibt, daß er ihrer bedarf. 3) endlich soll man längs der Mauer des Brunnens Lampen anbringen, aus deren dunklerer Flamme oder aus deren Erlöschen man sogleich erkennt, daß das Gas, welches sich entwikelt, zum Athemholen nicht geeignet ist, und daß sich der Arbeiter also zurükziehen muß.

§. 4. Von den Mitteln die schädlichen Gasarten zu erkennen.

Wenn das Licht, welches man in den Brunnen hinabgelassen, nur schwach brennt, oder ganz verlischt, so muß man sich, um die Natur der darin befindlichen Luft ermitteln zu können, etwas von dieser Luft verschaffen. Man bedient sich zu diesem Behufe eines kleinen Eimers aus Eisenblech, welcher von drei eisernen Armen getragen wird, die durch ein Stük Holz, durch welches sie gehen, zusammengehalten werden. Dieses Stük Holz muß in seiner Mitte ein Loch haben, durch welches eine Eisenstange geht, deren Länge je nach der Tiefe des Brunnens verschieden ist, die sich in dem Holze reibt, und die sich in eine Art eines umgestürzten Gehäuses endigt. Dieses Gehäuse befestigt man dann an einer Flasche, die mit dem Halse nach Abwärts gekehrt ist.

Will man nun mit diesem Apparate Gas aus dem Brunnen heraufschaffen, so füllt man den kleinen Eimer 3 bis 4 Zoll hoch mit Wasser oder Queksilber. Wir wendeten hierzu auch eine gesättigte Auflösung von schwefelsaurer Bittererde an, indem diese nichts |300| von dem Gase aufnimmt, wie dieß das gewöhnliche Wasser thut, und indem dieselbe in den meisten Fällen leichter zu haben ist, als eine hinreichende Menge Queksilber. Mit derselben Flüssigkeit füllt man dann auch die Flasche, und wenn dieß geschehen, so taucht man deren Hals in den Eimer unter. Den auf diese Weise zugerichteten Apparat läßt man hierauf so tief in den Brunnen hinab, als man will, und ist er daselbst angelangt, so zieht man den Eisenstab, der durch die Mitte des Holzes geht, gegen sich an, und hebt dadurch die Flasche so empor, daß sich deren Mündung über der in dem Eimer enthaltenen Flüssigkeit befindet. In diesem Zustande fließt nun die in der Flasche enthaltene Flüssigkeit aus, und statt ihr dringt die Luft, in der sich die Flasche befindet, in dieselbe. Ist die Flasche auf diese Weise gefüllt, so schiebt man den Eisenstab wieder zurük, damit der Hals der Flasche wieder in die Flüssigkeit untergetaucht wird; dann zieht man den Apparat sogleich zurük, und verschließt die Flasche, um das Gas zur Untersuchung aufzubewahren.

Das Verfahren, welches man zu befolgen hat, um zu erkennen, welche von den oben verzeichneten Gasarten vorhanden ist, ist folgendes.

Das Stikgas ist, wenn es rein ist, farb- und geruchlos; mit Wasser geschüttelt verliert es nicht an Umfang, und Kalkwasser wird von ihm nicht getrübt. Brennende Körper löschen darin aus, ohne daß es sich selbst hierbei entzündet. Erzeugt es, wenn man es mit Kalkwasser schüttelt, eine Trübung, so ist dieß ein Beweis, daß es mit kohlensaurem Gase vermengt ist; sezt man dieses Schütteln jedoch einige Zeit über fort, so wird alle Kohlensäure absorbirt, das Gas nimmt an Umfang ab, und der Rükstand verhalt sich dann auf die eben angegebene Weise.

Die Kohlensäure ist sehr leicht zu erkennen; sie löst sich nämlich in einem gleichen Volumen Wasser auf; wird durch Schütteln mit Kalkwasser absorbirt, und macht dasselbe dabei milchig. Brennende Körper löschen darin aus; es läßt sich selbst nicht entzünden, und hat einen schwachen, aber stechenden Geruch.

Das Ammöniakgas gibt sich leicht durch seinen stechenden Geruch und durch das Beißen in den Äugen, welches es erzeugt, zu erkennen. Es löst sich leicht in Wasser auf, und theilt demselben seinen Geruch mit; das sogenannte flüchtige Alkali ist nichts weiter, als ein mit diesem Gase gesättigtes Wasser.

Das Schwefelwasserstoffgas erkennt man sehr leicht an seinem Geruche nach faulen Eiern. Es löst sich leicht in Wasser auf, und theilt demselben seinen üblen Geruch mit, wie man dieß am besten |301| an den Schwefelquellen, die eine große Quantität davon enthalten, sieht. Brennende Körper löschen in diesem Gase aus; es entzündet sich aber selbst, wenn man der Mündung des Gefäßes, aus welchem es entweicht, ein brennendes Hölzchen nähert.

Das gekohlte Wasserstoffgas gibt sich durch seinen Geruch zu erkennen. Es ist in Wasser unauflöslich; brennende Körper verlöschen darin; es brennt aber selbst, und entzündet sich in Berührung mit der Luft beim Annähern eines brennenden Körpers mit einer schwachen Detonation, wie man dieß beim Anzünden der gewöhnlichen Gaslampen bemerkt. Diese Detonation wird äußerst lebhaft, wenn man das Gas mit einer gewissen Menge atmosphärischer Luft vermengt, und dann entzündet. Auf diese Weise entstehen die Explosionen in den Steinkohlenbergwerken, die oft so großes Unheil anrichten.

Die Untersuchung dieses Gases ist also nicht ganz gefahrlos, da nicht leicht ein Gefäß der Explosion zu widerstehen vermag; man soll daher, wenn man die Gegenwart desselben vermuthet, die Gefäße, in welchen man die Untersuchung vornimmt, jedes Mal mit einem mehrfach zusammengelegten starken Lappen umwikeln.

§. 5. Von den Mitteln zur Neutralisation dieser schädlichen Gasarten oder ihrer Wirkungen.

Hat man die Natur des schädlichen Gases nach der eben angegebenen Methode erkannt, so handelt es sich um die Anwendung jener Mittel, durch welche ihre Natur verändert und ihre schädlichen Wirkungen entfernt werden können.

Von der Kohlensäure. Ist die Luft eines Brunnens mit Kohlensäure verdorben, so rührt man ungelöschten Kalk mit Wasser zu Kalkmilch an, besprengt damit die unteren Theile der Wände des Brunnens, und schleudert selbst auf den Boden des Brunnens mit Gewalt eine Portion davon. Nach einiger Zeit untersucht man dann mit einer Lampe, ob die Luft im Brunnen zur Unterhaltung der Verbrennung tauglich ist, und ist dieß der Fall, so läßt man den Arbeiter in den Brunnen hinabsteigen.

Von dem Stikgase. Gegen diese Gasart läßt sich nur durch gehörige Ventilation, die man durch Feuer, durch eine Puzmühle oder durch einen Ventilator hervorbringt, wirken, indem man auf diese Weise die am Grunde des Brunnens befindliche schlechte Luft aus der Stelle zu treiben, und durch frische Luft zu ersezen sucht. Der selige Cadet de Veau, dem die Menschheit so viel verdankt, schlug dieses Mittel im Jahre 1784 vor, und legte auf |302| dem Hôtel-de-Ville einen sehr einfachen Apparat vor, dessen sich die Brunnenräumer zu Paris bedienen sollten.53)

Von dem Schwefelwasserstoffgase. Enthält der Brunnen Schwefelwasserstoffgas oder gekohltes Wasserstoffgas, so rührt man 4 bis 5 Pfd. trokenen Chlorkalk mit 20 Pfd. Wasser an, besprizt damit die Wände des Brunnens in einer Höhe von 1 oder 2 Fuß über der Wasserfläche, und wartet hierauf einen Tag, bevor man den Arbeiter in den Brunnen hinabsteigen läßt. Noch besser und sicherer ist aber auch hier die Anwendung eines Ventilators, weil der Arbeiter auf diese Weise immer frische Luft von Außen erhält. Sehr gut dient hierzu auch der Krumm- oder Aermelofen des Hrn. Cadet de Veau; nur muß hier das Feuer in dem Ofen immer gehörig unterhalten werden, weil sonst mit dem Erlöschen des Feuers auch die Ventilation zu Ende wäre. Ein lebhaftes mit Holz unterhaltenes Feuer taugt zu diesem Behufe besser, als ein Kohlenfeuer.

§. 6. Von den aufgelassenen Brunnen, Schachten und Bergwerken etc.

Nie soll man nach Gewittern in alte Brunnen, Keller und unterirdische Gewölbe hinabsteigen; denn man hat bemerkt, daß die Luft an diesen Orten hauptsächlich nach Gewittern sehr verdorben ist, weil der durch eine große Menge Wassers verdünnte Koth und Unrath dann leichter in das Innere der Erde eindringt, und sich überall ansammelt, wo er leere Räume trifft. Uebrigens ist es auch bekannt, daß die Pfüzen und Kloaken nie einen übleren Geruch verbreiten, als zur Zeit von Gewittern.

Die allergefährlichsten Schachte oder Brunnen sind jene, in welchen sich Salzwasser befindet, wenn dasselbe lange Zeit über nicht wehr ausgeschöpft worden. Es entwikelt sich nämlich aus demselben ein so erstikendes und so fürchterlich stinkendes Gas, daß es Jeden, der hinabzusteigen wagt, beinahe augenbliklich tödtet. Auch wenn ein Gemenge von süßem und gesalzenem Wasser längere Zeit ruhig stehen bleibt, entwikeln sich Dämpfe von unerträglichem Gestanke, welche großen Theils aus Schwefelwasserstoffgas bestehen.54)

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So ist dieß z.B. in dem Kielraume oder in dem Schiffsgrunde der Fall, wo sich Seewasser und verschiedene Unreinigkeiten ansammeln, die durch die Wärme schnell in Verwesung übergehen.

Soll sich nun ein Arbeiter an solche verdächtige Orte begeben, so hat man dieselben Vorsichtsmaßregeln, die eben angegeben wurden, zu beobachten.

Zur Verhütung der Explosionen, welche das Kohlenwasserstoffgas in den Bergwerken, und besonders in den Steinkohlenbergwerken nur zu häufig veranlaßt, soll man sich der bekannten Davy'schen Sicherheitslampen bedienen. Da sich das verderbliche Gas übrigens oft plözlich entwikeln und ansammeln kann, so soll man die Arbeiter, wenn einen oder mehrere Tage lang in der Grube gefeiert worden, nie in dieselbe hinabsteigen lassen, ausgenommen man schikt einen derselben, mit nassen Kleidern angethan, und mit einer langen Stange, an deren Ende sich ein brennendes Licht befindet, voraus, und zwar mit dem Auftrage, langsam und auf dem Bauche liegend vorwärts zu kriechen. Ist ein explodirendes Gas vorhanden, so wird dasselbe eine lebhafte Detonation verursachen, nach welcher die Luft so gereinigt ist, daß man sich ohne Gefahr in die Grube begeben kann. Am sichersten läßt sich jedoch allen diesen Unfällen vorbeugen, wenn man zur Erneuerung der Luft in gehörigen Entfernungen von einander Schachte anbringt.

§. 7. Von den Schwindgruben, Cisternen und Kloaken.

Das Räumen der Schwindgruben und der Cisternen soll auf dieselbe Weise geschehen. Man kann zuerst die Beschaffenheit der Luft an diesen Orten untersuchen, und soll die Arbeiter erst dann an denselben arbeiten lassen, wenn man die gehörigen Vorsichtsmaßregeln getroffen hat.

Was das Räumen der Kloaken betrifft, so soll man auf folgende Weise dabei verfahren.

1) Soll man sich einen Plan der Kloake mit ihren Verzweigungen und mit Angabe der Räumstuben verschaffen.

2) Wenn der Zwischenraum von einer Raumstube zur anderen 150 bis 200 Meter beträgt, so soll man das Gewölbe der Kloake in der Mitte zwischen beiden durchbrechen, und eine Oeffnung bilden, welche sowohl zur Ventilation, als zur Herausschaffung des Unrathes dient.

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3) Soll man die Beschaffenheit des Kothes, der sich in der zu räumenden Kloake befindet, des Wassers, welches darin läuft, und der Gase, die sich aus diesen Dingen entwikeln oder entwikeln können, untersuchen.

4) Wenn die Analyse der aus der Kloake genommenen Luft, entweder vor oder nach der Entfernung des Unrathes, diese Luft als mephitisch erweist, so soll man nur mit größter Vorsicht in die Kloake eindringen, und sich mit allen Apparaten versehen, die die Gase entweder neutralisiren, oder deren Eindringen in die Respirationswerkzeuge verhindern können. Diese Apparate bestehen in Masken oder Helmen, in denen sich Schwämme mit Kalkmilch getränkt, oder auch Röhren befinden, die mit der äußeren atmosphärischen Luft in Verbindung stehen. Diese lezteren müssen vorzüglich dann angewendet werden, wenn die Luft in der Kloake keinen Sauerstoff enthält; denn wenn man auch die nachtheiligen Einwirkungen der Kohlensäure und des Schwefelwasserstoffes durch Kalk oder Chlorkalk verhindern kann, so ist dieß doch bei dem Stikgase, und bei einer Luft, welcher die zur Unterhaltung des Athmens nöthige Menge Sauerstoffgas fehlt, nicht der Fall: denn die Anwendung von Kalk oder Chlor würde hier nichts nüzen.

5) Wenn die Luft verdorben ist, so muß sie gereinigt werden, indem man seine Zuflucht zum Feuer oder zu einer anderen Art von Ventilation nimmt. Man läßt zu diesem Behufe einen an einem Seile befestigten Arbeiter in die erste Räumstube der Kloake Hinabsteigen, und läßt von diesem mittelst eines mit Oehl getränkten Zeuges von gehöriger Größe eine Scheidewand anbringen, indem er diesen Zeug so an das Gemäuer der Kloake annagelt, daß dadurch aller Zutritt der Luft gehindert ist. Diese Scheidewand muß beiläufig 1 1/2 Fuß weit von der Oeffnung der Räumstube, und zwar abwärts angebracht werden. Ist sie gehörig festgemacht, so sendet man in die zweite Räumstube einen Arbeiter mit dem Auftrage, daselbst eine zweite solche Scheidewand zu errichten, die jedoch 1 1/2 Fuß weit von der Mündung der Räumstube aufwärts angebracht werden muß. Sollten die Arbeiter hierbei durch die verdorbene Luft belästigt werden, so schafft man eine Bütte mit nassem Heu, auf welches man trokenen Chlorkalk gestreut hat, hinab.

6) Nach Errichtung dieser Scheidewände sezt man über die zweite Räumstube einen blechernen Rauchfang von mehreren Metern Höhe und einem Meter Weite. Dieser Rauchfang ist 1) in seiner Mitte mit einer durch dessen Durchmesser gehenden Stange versehen, welche als Träger für einen Kessel dient, in welchen man, wenn es die Umstände erfordern, ein zu Chlorräucherungen geeignetes Gemenge |305| bringen kann; 2) sind an dem unteren Theile desselben auch noch zwei Eisenstangen angebracht, die als Träger eines cylindrischen Ofens, in welchem man mit Holz ein lebhaftes Helles Feuer unterhält, dienen. Außerdem befinden sich in dem Rauchfange auch noch zwei Thüren, von denen die eine zum Eintragen des Holzes in den Ofen, die zweite hingegen zur Anbringung des Gefäßes bestimmt ist, in welchem man die Räucherungen erzeugt, die man zur Desinficirung des durch den Zug des Feuers nach Außen getriebenen Gases anwendet, damit die Vorübergehenden dadurch nicht belästigt werden. Außen an dem Rauchfange sind zwei Henkel oder. Handhaben befestigt, mit denen man denselben wegtragen kann.

7) Wenn der Rauchfang auf die zweite Räumstube gesezt worden, hat man sich zu versichern, ob der Zug gehörig Statt findet. Man zündet zu diesem Behufe an dem ersten Raumloche eine Handvoll Stroh oder eine Prise Pulver an; zieht der dadurch entstehende Rauch gegen den Rauchfang, so ist dieß ein Beweis, daß der Apparat gehörig arbeitet, und daß die Arbeiter in die erste Raumstube hinabsteigen können, um daselbst ihre Arbeit zu beginnen.

8) Die Entfernung der Unreinigkeiten aus den Kloaken soll immer stromaufwärts geschehen, besonders, wenn man gezwungen ist, den natürlichen Abfluß des Wassers nicht zu unterbrechen. Man arbeitet dabei auf folgende Weise. Ein oder mehrere Arbeiter schaffen den Koth in Bütten oder Tröge, welche unter das Räumloch der Kloake getragen, daselbst aufgezogen oder emporgehoben, und alsogleich ausgeleert werden, und zwar nicht auf den Erdboden, sondern in einen Mistkarren, welcher gut verschlossen ist, und der nichts durchlaufen läßt, und der sogleich, wie er gefüllt und mittelst eines Kübels Chlorwasser desinficirt worden, fortgefahren wird.55)

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9) Die Arbeiter sollen nie den Koth weiter oberhalb angreifen, sondern immer allmählich vorwärts schreiten und das aufladen, was ihnen zunächst ist, ohne in den weiter oberhalb befindlichen Koth zu treten. Sie sollen eine leinene Kleidung haben, welche bloß zur Arbeit in den Kloaken bestimmt ist, und mit wasserdichten Stiefeln, welche täglich geschmiert werden müssen, versehen seyn. Sie sollen sich reinlich halten, gehörig nähren, und vor dem Hinabsteigen in die Kloaken ihre Hände jedes Mal mit einer Auflösung von Chlorkalk versehen; auch sollen sie immer ein Fläschchen mit Chlorkalk bei sich führen.

Die Aufseher haben darauf zu achten, daß der Rauchfang während der Arbeit immer in gehöriger Thätigkeit ist, was sie leicht daran erkennen können, wenn die Flamme der Lampen nicht gerade emporsteigt, sondern sich gegen die zweite Raumstube, über welcher der Rauchfang angebracht ist, wendet. Obschon der Rauchfang vor dem Ventilator im Allgemeinen den Vorzug verdient, so läßt sich derselbe doch in einigen Fällen, wie z.B. bei Kohlenniederlagen, wegen Feuersgefahr nicht anwenden.

Man kann auf den Unrath in den Kloaken auch trokenen oder flüssigen Chlorkalk streuen oder schütten, oder die Kloaken mit fließendem Wasser auswaschen; doch muß das Wasser in diesem Falle rein seyn, und keine Säuren etc. enthalten, wie dieß bei dem aus den Fabriken, Werkstätten etc. abfließenden Wasser sehr oft der Fall ist.

Man hat endlich bei dem Baue der Kloaken hauptsächlich auch noch darauf zu sehen, daß sie einen gehörigen Fall haben, und daß sie keine Krümmungen machen; auch soll man eine gehörige Menge von Luftlöchern an denselben anbringen, damit hinreichende Luft in dieselben eindringen kann, und damit dem Gase, welches sich entwikelt, Austritt verschafft wird.56)

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§. 8. Von verlassenen Kellern, unterirdischen Gewölben etc.

Es geschieht nicht selten, daß sich in schlecht gelüfteten, schlecht gehaltenen Kellern, deren Mauern feucht sind, so viel Kohlensäure anhäuft, daß man mit keinem Lichte eintreten kann, ohne daß dasselbe erlischt, und daß man folglich beim Eintreten Gefahr läuft zu erstiken.

Kohlensaures Gas entwikelt sich aus allen in Gährung befindlichen vegetabilischen Stoffen, und bildet eine Luftschichte, die sich durch ihre Dike sehr leicht zu erkennen gibt. Nicht bloß gährender Most, sondern auch junger Wein (besonders wenn die Trauben nicht sehr reif waren), Weintrester, die in Fässern, Kufen oder in einem Winkel des Kellers aufbewahrt sind, junges Bier etc., entbinden Kohlensäure. Nicht selten geschieht es, daß die Gährung die Boden der Fässer hinausschleudert; nach einem solchen Ereignisse in einen Keller zu treten ist äußerst gefährlich. Das erste Gefühl, welches sich des Körpers bemächtigt, wenn man ihn in solche Dämpfe bringt, ist ein Einschlafen der Arme und Beine, eine Beengung der Brust und der Kehle, worauf bald eine Betäubung und ein Erlöschen der Besinnung, des Athmens, der Blukcirculation, und in kurzer Zeit der Tod erfolgt.

In den Kellern läßt sich diesem gefährlichen Zustande der Dinge am besten durch gehörige Ventilation, oder auch dadurch abhelfen, daß man den Boden und die Wände des Kellers mit Kalkmilch oder verdünntem flüchtigen Ammonium besprizt. Sind die Keller auf diese Weise zugänglich gemacht, so soll man die Luftlöcher vergrößern, und immer offen lassen, und die Wände mit einer doppelten Schichte Aezkalk überziehen. Mit diesen Mitteln reichte man in einem der ungesundesten Keller der Halle zu Paris vollkommen aus.

Bei den Gewölben finden dieselben Mittel ihre Anwendung. Hat das Gewölbe zwei Thüren, oder eine Thüre und ein Fenster, welche |308| einander gegenüber liegen, so geschieht die Ventilation von selbst am besten, wenn man Thüren und Fenster öffnet.

Die Luft in den großen Gährungsbottichen wird am füglichsten erneuert, wenn man an deren oberem Theile einen Ofen anbringt, oder wenn man eine geringe Menge verdünnten Ammoniaks in dieselben gießt. Dieses leztere Mittel ist sehr leicht anwendbar, und bringt dem Producte, welches man aus den Weintrestern gewinnt, leinen Nachtheil. Uebrigens sollten die Behörden wegen der häufigen Unglüksfälle, die sich jährlich ereignen, durchaus auf folgenden Maßregeln bestehen. 1) Soll es nicht erlaubt seyn, eine zu große Menge von Bottichen in den Gewölben unterzubringen, und diese Bottiche so hoch zu machen, daß sie beinahe bis oben an die Ballen reichen, wie man dieß auf dem Lande öfter trifft. 2) Sollen Fenster und Thüren immer auf einander gehen, damit auf diese Weise in den Wein-, Cider- und Bierkellern immer ein gehöriger Luftzug unterhalten wird. 3) Sollen die Arbeiter darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie immer aufrecht stehen bleiben, und nie den Kopf gegen den Boden senken. 4) Soll man die Arbeiter nie einzeln und ohne Aufsicht in schlecht gelüsteten oder solchen Kellern lassen, in welchen vegetabilische Substanzen gähren.

§. 9. Von den Schwindgruben.

Die Abtrittfeger werden beim Oeffnen der Schwindgruben wegen der mephitischen Gase, die sich daraus entwikeln, häufig ohnmächtig und scheintodt; man nennt dieß die sogenannte Dunstkrankheit (plomb). Diesem Unfalle läßt sich auf folgende Weise vorbeugen. 1) Man soll sämmtliche Abtritte in allen Stokwerken eines Hauses verschließen, ausgenommen jenen im höchsten Stokwerke, auf welchen lezteren man einen Ofen sezt, dessen Boden offen ist, und der mit brennenden Kohlen angefüllt ist. Dieser Ofen, den man den Ventilirofen nennt, zieht die äußere, durch die Eröffnung der Schwindgrube eintretende Luft an sich. Oefter ist man genöthigt auch noch einen zweiten Ofen auf einem Dreifuße, den man in die Schwindgrube selbst stellt und der durch eine Röhre mit freier Luft gespeist wird, anzubringen. 2) Nachdem diese Oefen angebracht sind, soll man die Kruste nur mit Vorsicht und von Weitem her, und mit abgewendetem Gesichte durchbrechen. 3) Soll man beim Hinabsteigen in die Gruben weder den Mund öffnen, noch sprechen, noch husten. 4) Soll während des Räumens außen am Rande der Schwindgrube ein Ofen, in welchem ein lebhaftes Feuer brennt, angebracht werden. 5) Endlich soll man die Schwindgrube wenigstens schon 24 Stunden vor dem Räumen öffnen.

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Die mephitischen Gase werden zerstört, indem sie mit zur Verbrennung der Kohlen beitragen, die dadurch nicht nur nicht verhindert, sondern noch lebhafter wird. Der Dampf entzündet sich selbst nicht, wenigstens geschieht dieß nur sehr selten; allein er umgibt die Gluth glich einer beweglichen Wolke. Die Abtrittfeger nennen dieß das Verbrennen des Stikdampfes (plomb), welcher nichts weiter, als ein mit einer fetten Substanz beladenes Stikgas, und keineswegs schwefelwasserstoffsaures Ammoniak ist, wie einige Chemiker behaupteten. Es kommt übrigens in den Schwindgruben allerdings auch Schwefelwasserstoffgas und Ammoniakgas vor, wogegen die oben angegebenen Mittel zu gebrauchen sind.

§. 10. Von den bei dem Baue der Abtritte zu befolgenden Vorsichtsmaßregeln.

Man soll bei dem Baue der Abtritte vorzüglich folgende Punkte beobachten. 1) Sollen sie sich immer so weit als möglich von den Brunnen, Cisternen und Kellern entfernt befinden. 2) Sollen sie immer rund und nie vierekig seyn, weil sich die schädlichen Dünste vorzüglich in den Winkeln ansezen, und den Arbeitern daher bei allenfallsigen Ausbesserungen etc. gefährlich werden können. 3) Muß das Mauerwerk sehr fest und der Boden mit Steinplatten belegt seyn, damit der flüssige Theil des Koches nicht in die Erde und in die benachbarten Mauern eindringe, und nach dem Räumen der Schwindgrübe wieder in die Grube zurükfließe. 4) Müssen die Röhren oder Schlauche immer senkrecht seyn und keine Winkel bilden; gußeiserne sind besser als bleierne. Zu bemerken ist auch wohl, daß die Abtritte um so ungesunder werden, je mehr andere Dinge, als Koch, noch in dieselben geworfen oder gegossen werden; z.B. Seifenwasser, Küchenabfälle, vegetabilische Ueberreste, Dünger, ja selbst Stroh und Papier. Um diese Körper häuft sich nämlich gleichsam wie um einen Kern eine sehr ungesunde und übelriechende Substanz an, welche die Abtrittfeger gewöhnlich Pyramiden (heurtes ou pyramides) zu nennen pflegen. Ein Gemenge von vegetabilischen und thierischen Substanzen erzeugt weit schädlichere und unerträglichere Dämpfe, als sich bei der Zersezung jeder dieser Substanzen einzeln entwikeln; denn jede dieser Substanzen erleidet ihre eigene Art von Zersezung und gibt dabei auch eigene Gase von sich.

§. 11. Von den Vorsichtsmaßregeln, die man beim Graben eines Brunnens, einer Cisterne, einer tiefen Grube etc. zu nehmen hat.

Es ereignet sich beim Graben von Brunnen, Stollen etc. nicht selten, daß das Erdreich, welches anfangs ziemlich fest zu seyn schien, |310| sandig wird, und keinen Widerstand mehr leistet, wo dann oft plözliche Einstürze erfolgen, deren Opfer die Arbeiter nicht selten werden. Die Behörden sollten daher immer, so oft in ihrem Bereiche dergleichen Arbeiten unternommen werden, darauf bestehen, daß die Wände mit Dielen und gehörigen Stüzen ausgekleidet werden. Man befolgte dieses Verfahren bei dem Baue der Kloaken zu Paris wo viele unterirdische Gange gegraben werden mußten, und wo dessen ungeachtet auch nicht ein einziger Arbeiter durch Einstürze verunglükte. Was in Bergwerken zu geschehen hat, wissen die Vorstände und Bergbeamten am besten.

Wenn durch einen ungesunden Morast Abzugscanäle gezogen werden sollen, um denselben troken zu legen, so soll man die Arbeiter vor dem Beginne der Arbeit immer unter den Wind stellen, und oben auf die Oberfläche der Erde eine ansehnliche Menge Aezkaltstreuen.

Von der Hülfe, die man jenen zu leisten hat, die in einem der angegebenen Gase verunglükten, werden wir in einem anderen Artikel handeln.

Gegenwärtiger Aufsaz des Hrn. Chevallier enthält zwar weitere neue Beobachtungen, noch auch neue Rathschlage, allein in Fällen, wo das Alte und Bekannte zum Nachtheile Aller und zum Verderben Einzelner gerade von denjenigen ganz vergessen oder gar nicht gekannt zu seyn scheint, in deren Beruf und Pflicht es liegt dem Uebel zu steuern, scheint es uns Pflicht das Alte wieder ins Gedächtniß zu bringen. Wir legen daher jenen Behörden, die mit der Aufrechthaltung der Sanitätspolizei beauftragt sind, dringend ans Herz, den Aufsaz des Hrn. Chevallier aufmerksam zu studiren, damit sie wenigstens so viel daraus lernen, daß man da, wo man selbst nichts weiß, wenigstens doch Sachverständige zu Rathe ziehen und nicht glauben soll: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. A. d. R.

|302|

Einen äußerst einfachen und sehr zwekmäßigen Ventilirapparat gab neuerlich der Brunnengräber Pottiar zu Paris an. Wir haben denselben im Polytechnischen Journal Bd. XLIX. S. 132 beschrieben und abgebildet. A. d. R.

|302|

Die an manchen Seeküsten herrschende höchst ungesunde Luft, die berüchtigte Malaria der Romagna, ist gleichfalls das Resultat der Vermischung von salzigem Wasser mit süßem Wasser an Orten, an welchen das Gemisch mehr oder weniger still steht. Die aus dieser Vermischung entstehende Zersezung und Fäulniß |303| des Wassers rührt hauptsächlich davon her, daß eine große Menge thierischer und vegetabilischer Substanzen absterben, wenn sie aus süßem. Wasser in salziges Wasser kommen und umgekehrt. A. d. Red.

|305|

Man sollte nicht glauben, daß es nöthig seyn könnte, auch auf das schnelle Wegschaffen des aus den Kloaken heraufgeschafften Unrathes aufmerksam zu machen, und doch scheint man dieses nicht aller Orten zu fühlen oder zu wissen. Wir kennen z.B. eine benachbarte Hauptstadt, in welcher jeden Herbst die Kloaken und Canäle geräumt werden, und wobei man volle 3 Wochen lang nach folgendem Verfahren arbeitet. Man schikt die Arbeiter ohne irgend eine Vorsichtsmaßregel beobachtet zu haben in die Canäle hinab, läßt sie daselbst im Unrathe wühlen, und denselben, so gut es geht, in hölzerne Schaffet, Tröge oder dergl. füllen. Diese gefüllten Gefäße werden von Männern oder Weibern auf die Straße heraufgeschafft, und daselbst nichts weniger, als sogleich in wasserdichte Karren geleert, sondern auf dem Boden oder Straßenpflaster ausgeleert. Wenn der Unrath hier halbe und ganze Tage und Nachts an der Luft gelegen, wenn der flüssigere Theil desselben zur Verewigung des Gestankes bei jedem Regenwetter in den Boden eingedrungen, wenn die Luft weit und breit mit den schädlichsten Ausdünstungen verpestet, und manche Straße Tage lang ganz ungangbar gemacht worden, so wird der Koth endlich neuerdings aufgerührt, und mit Schaufeln auf Wagen geladen, die nicht nur offen, sondern auch so schlecht zusammengefügt sind, daß man meinen sollte, sie seyen darauf berechnet, die |306| Straßen, durch welche sie fahren müssen, gehörig zu düngen; wenigstens kann man deren Spuren mit dem Auge sowohl, als mit der Nase lange Zeit über verfolgen. Dieser schändliche Unfug wird unter den Augen und Nasen der Behörden bereits seit Jahren getrieben, und selbst die Choleraangst, die doch in Hinsicht auf Straßen- und Sanitätspolizei an vielen Orten manches Gute bewirkte, war nicht im Stande, demselben ein Ende zu machen! Man kommt wahrlich in Versuchung, zu glauben, es herrsche hierbei mehr böser Wille, als Unverstand. A. d. R.

|306|

Die Art von Luftlöchern, wie man sie zu Paris an den Kloaken und Canälen anbringt, haben das Unangenehme, daß sie oft eine große Menge schädlicher Ausdünstungen entweichen lassen, wodurch nicht nur die Luft im Allgemeinen sehr verdorben, sondern auch den benachbarten Laden oder Werkstätten, in denen sich silberne oder sonstige metallene Gegenstände befinden, durch das Anlaufen großer Schaden zugefügt wird. Da nun diese Luftlöcher doch nicht hinreichend sind, um die Luft in den Kloaken zu reinigen, so hat man neuerlich im Journal des |307| connaissances usuelles vorgeschlagen, die Oeffnungen, durch welche das Wasser und die Unreinigkeiten von den Straßen in die Canale abfließen, nach demselben Principe einzurichten, nach welchem sie zu London erbaut sind, und bei welchem sie durchaus keine schädlichen Gasarten entweichen lassen. In London fließen die Unreinigkeiten und das Wasser nämlich an bestimmten Stellen durch eine große gußeiserne Röhre in die Kloake, in welcher diese senkrecht herabsteigende Röhre bis auf 6 Zolle vom Boden eines steinernen, über einen Fuß tiefen Troges untertaucht. Wenn nun der Trog voll ist, so entleert sich die Flüssigkeit in den Canal der Kloake, und die Mündung der Röhre ist auf diese Weise durch eine Art von hydraulischer Klappe geschlossen. Der Trog selbst wird durch das fortwährend nachfließende Wasser immer so gereinigt, daß die in ihm enthaltene Flüssigkeit wenigstens nie so sehr verderben und in Fäulniß gerathen kann, wie jene in der Kloake selbst. Man hat diese einfache Vorrichtung bisher in England noch immer bewahrt gefunden. A. d. R.

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