Titel: Einfluß der Farbe auf die Aussaugung und Ausdünstung von Gerüchen.
Autor: Stark,
Fundstelle: 1834, Band 52, Nr. LXVI. (S. 359–368)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj052/ar052066

LXVI. Versuche über den Einfluß der Farbe auf die Aussaugung und Ausdünstung von Gerüchen. Von Hrn. Dr. Stark.65)

Im Auszuge aus den Philosophical Transactions for 1833, Part. II.; auch im Repertory of Patent-Inventions. Mai 1834, S. 312.

Wenn schon der Einfluß der Farbe auf die Wärme die Aufmerksamkeit jener, die sich mit der Erforschung der Absorptions- und Ausstrahlungskraft verschiedener Substanzen beschäftigten, nur in geringem Grade auf sich zog, so darf man sich wohl nicht wundern, wenn der weit minder augenscheinliche Einfluß der Farbe auf die Gerüche denselben beinahe ganz entging. Ich für meinen Theil weiß nämlich nicht, daß dieser Gegenstand bereits früher untersucht, und daß von irgend Jemandem Beobachtungen oder Versuche darüber angestellt worden. Ich hoffe durch meine Arbeiten wenigstens die Bahn zur weiteren Erforschung dieses Gegenstandes gebrochen zu haben, und daß derselbe um so mehr die Aufmerksamkeit des gelehrten und nicht gelehrten Publikums auf sich ziehen wird, als aus meinen Versuchen hervorgeht, daß der Einfluß der Farbe auf das Einsaugen von Gerüchen mit der Kraft, welche gewissen Farben in Hinsicht auf das Einsaugen und Ausstrahlen der Wärme eigen ist, im Verhältnisse steht.

Meine Aufmerksamkeit wurde zuerst im Winter 1830/31, während welchem ich die anatomischen Säle besuchte, auf diesen Gegenstand geleitet. Ich trug damals gewöhnlich einen olivengrünen Rok; zufällig kam ich aber eines Tages in schwarzen Kleidern in die Säle, |360| und die Folge hievon war zu meinem Erstaunen, daß diese lezteren den Cadavergeruch in hohem Grade annahmen, und selbst nach einigen Tagen nicht ganz verloren, während ihn meine lichter gefärbten Kleider in weit geringerem Grade angenommen hatten, und ihn ganz verloren, wenn man sie nur einige Zeit über an der Luft hängen ließ. Dieß veranlaßte mich zu einer Reihe von Versuchen, von denen ich hier mehrere mittheilen will, und die mich zu dem Schlüsse brachten, daß die Farbe der Körper, abgesehen von der Natur ihrer Substanzen, einen auffallenden Einfluß auf die Fähigkeit ihrer Oberfläche Gerüche einzusaugen und von sich zu geben ausübt.

1) Ich brachte 10 Gran schwarze, und eben so viel weiße Wolle mit einem kleinen Stüke Kampher in ein Gefäß, welches ich sorgfältig vor dem Lichte bewahrte. Nach 6 Stunden zeigte sich offenbar, daß die schwarze Wolle einen weit stärkeren Kamphergeruch angenommen hatte, als die weiße, obschon keine von beiden merklich an Gewicht zugenommen hatte.

2) Ich brachte gleiche Gewichtstheile schwarze und weiße Wolle mit einem Stüke Stinkasand in eine Schublade; nach 24 Stunden roch erstere stark nach Asand, leztere hingegen kaum merklich.

3) Ich nahm gleiche Gewichtstheile, schwarze und weiße Baumwolle, und schloß sie mit Asand ein; ebendieß that ich auch mit Kampher; in beiden Fällen nahm die schwarze Baumwolle am meisten Riechstoff auf.

4) Ich nahm gleiche Quantitäten schwarze, rothe und weiße Wolle, und stellte auf dieselbe Weise einen Versuch mit Kampher und Stinkasand an. Das Resultat war dasselbe; die schwarze Wolle roch bei weitem am stärksten, die rothe weniger, und die weiße am wenigsten.

5) Dieselben Versuche mit Baumwolle angestellt führten zu gleichem Resultate.

6) Ich brachte gleiche Quantitäten schwarze, blaue, grüne, rothe, gelbe und weiße Wolle mit Stinkasand in eine Büchse, und zwar so, daß die Wollen in einem Kreise um den Asand lagen, und weder diesen, noch einander gegenseitig berührten. Die Büchse wurde an einen finsteren Ort gestellt, und nach 24 Stunden untersucht; die schwarze Wolle roch am stärksten; hierauf kam die blaue, dann die rothe, dann die grüne, die gelbe roch nur sehr wenig, und die weiße beinahe gar nicht.

7) Derselbe Versuch mit Kampher angestellt gab ein gleiches Resultat.

8) Baumwolle von verschiedener Farbe verhielt sich auf vollkommen ähnliche Weise; eben so auch Seide.

9) Ich versuchte nun das Verhältniß zu ermitteln, in welchem |361| dieser Einfluß der Farbe bei vegetabilischen und thierischen Substanzen zu einander steht. Dieß war schwerer mit Genauigkeit und Gewißheit zu erforschen, indem es außerordentlich schwer war, Wolle und Baumwolle, die ich für die zu diesen Versuchen tauglichsten Substanzen hielt, von gleicher Feinheit zu erhalten. Ich schloß zuerst gleiche Gewichtstheile schwarze und weiße Wolle und eben solche Baumwolle mit Kampher ein. Nach 24 Stunden hatte die schwarze Wolle einen stärkeren Geruch angenommen, als die schwarze Baumwolle; auch die weiße Wolle besaß mehr Geruch, als die weiße Baumwolle; obwohl der Geruch an beiden lezteren nur höchst unbedeutend war.

10) Bei der Wiederholung dieses Versuches mit Stinkasand zeigte sich's noch auffallender, daß beide Wollen weit mehr Geruch angenommen hatten, als die Baumwollen. Ich stellte noch mehrere Versuche hierüber an, und es schien mir aus denselben hervorzugehen, daß die Wolle eine besondere Anziehungskraft für üble Gerüche besize. Wenn ich z.B. Wolle, die einige Zeit mit Kampher in Berührung lag und die stark nach Kampher roch, nur einige Stunden lang in die Nähe einer geringen Quantität Schwefelbarium brachte, so verlor sie den Kamphergeruch sehr schnell, und nahm dafür den Schwefellebergeruch in hohem Grade an. Ich muß bemerken, daß ich mich bei allen diesen Versuchen nicht auf mein eigenes Geruchorgan allein verließ, sondern daß ich sämmtliche Glieder meiner Familie, und mehrere meiner Freunde mit ihren Nasen zu Rache zog. Ich erwähnte hier nur einiger weniger Versuche, obwohl ich deren noch eine große Anzahl und zwar mit verschiedenen riechenden Stoffen anstellte; alle führten sie zu dem allgemeinen Schlüsse, daß die Farbe einen großen und eigenthümlichen Einfluß auf die Einsaugung von Gerüchen übe.

Da sich alle meine Versuche bisher nur auf die unsicheren Wahrnehmungen durch den Geruchsinn stüzten, so lag mir sehr daran, wenigstens durch einen Versuch zu beweisen, daß in den angegebenen Fällen auch wirklich eine verhältnißmäßige Vermehrung des Gewichtes der Substanzen Statt finde, und daß die eine Farbe unwandelbar eine größere Quantität Geruch annehme, als die andere. Als ich nun zu diesem Behufe die riechenden Substanzen, die sich leicht verflüchtigen lassen, ohne bei der Verflüchtigung eine Veränderung zu erleiden, durchmusterte, blieb ich beim Kampher als der zu meinen Versuchen tauglichsten Substanz stehen. Um die verschieden gefärbten Körper dem Kampherdampfe aussezen zu können, und zugleich zu verhindert, daß in dem Gefäße, dessen ich mich hiezu bediente, keine Luftströmungen entstehen, bediente ich mich eines trichterförmigen, |362| oben und unten offenen Gefäßes aus Weißblech. Dieses Gefäß ruhte auf einer eisernen Platte, auf deren Mitte der zu verflüchtigende Kampher gelegt wurde. Die gefärbten Substanzen wurden, nachdem sie genau gewogen worden, an einem gebogenen Drahte aufgehängt, und durch die obere Oeffnung des Trichters, die hierauf mit einer Glasplatte geschlossen wurde, eingeführt. Nach diesen Vorbereitungen wurde der Kampher bei gelinder Hize verflüchtigt; nach dem Abkühlen des Apparates wurden dann die gefärbten Substanzen wieder gewogen, und die Gewichtsvermehrung aufgezeichnet.

Nach diesem Plane arbeitend gelangte ich nun zu den genügendsten und schlagendsten Resultaten; ich habe nach diesem Verfahren alle meine früheren Versuche wiederholt; es mag jedoch genügen, wenn ich hier nur einige derselben anführe.

1) Ich nahm 10 Gran weiße und ein gleiches Gewicht schwarze Wolle, hing sie auf die beschriebene Weise auf, und verflüchtigte dann den Kampher. Nach dem Abkühlen des Apparates zeigte sich, daß die weiße Wolle um 1,5, die schwarze hingegen um 1,8 Gran an Gewicht zugenommen hatte.

2) Bei einem ähnlichen Versuche, bei welchem jedoch schwarze, rothe und weiße Wolle genommen wurde, ergab sich, daß die weiße Wolle um 0,3, die rothe um 0,8, und die schwarze um 1,4 Gran schwerer geworden.

3) Bei einem anderen Versuche, bei welchem die Hize beiläufig nur 10 Secunden lang auf den Kampher einwirkte, hatte die weiße Wolle kaum merklich an Gewicht zugenommen und nur einen schwachen Geruch angenommen; die rothe war um 0,05, die schwarze hingegen um 0,2 Gran schwerer geworden war.

4) Bei einem anderen Versuche wurde schwarze Wolle um 0,3, rothe um 0,2, grüne um 0,25 und weiße um 0,1 Gran schwerer.

5) Bei einem weiteren Versuche, bei welchem die verschieden gefärbten Wollen beinahe von gleicher Feinheit waren, nahm das Gewicht der schwarzen um 1,2, jenes der dunkelblauen um 1,2, jenes der scharlachrothen um 1, jenes der dunkelgrünen um 1, und jenes der weißen um 0,7 Gran zu. Bei der Wiederholung dieses Versuches betrug die Zunahme des Gewichtes bei der dunkelgrünen 0,7, bei der rothen hingegen nur 0,6 Gran; alle die übrigen Resultate hingegen blieben sich gleich.

Um zu ermitteln, ob glatte Oberflächen von gleicher Dichtheit, welche mit Substanzen gefärbt waren, die ihrer Natur nach einander so nahe als möglich kamen, die Riechstoffe eben so leicht aufnehmen, als dieß bei der Wolle der Fall ist, nahm ich zu meinen weiteren Versuchen vierekige und gleichgroße Stüke Kartenblätter, die |363| mit verschiedenen Bleifarben angestrichen wurden. Die Farben wurden mit einer Auflösung von arabischem Gummi angemacht, und mit einem Haarpinsel so gleichmäßig als möglich aufgetragen. Der Apparat, dessen ich mich hiebei zur Verflüchtigung des Kamphers bediente, war derselbe.

6) Von mehreren Kartenblattern von gleicher Größe hatte, nachdem sie einige Zeit über dem Kampherdampfe ausgesezt gewesen, das rothe um 1, das braune um 0,9, das gelbe um 0,5 Gran, das weiße hingegen kaum merklich an Gewicht zugenommen. Die Oberfläche der rothen und der braunen Karte war mit einem feinen, leichten, wolligen Kampheranfluge bedekt; die weiße Karte hatte einen äußerst zarten Anflug erhalten, der jedoch auf meiner Waage, die bis an 0,02 Gran empfindlich ist, keinen Ausschlag gab.

7) Bei einem anderen Versuche hatte sich das Gewicht des schwarzen Kartenblattes um 1 Gran, jenes des rothen um 0,9, jenes des braunen um 0,7, jenes des gelben um 0,5 und jenes des weißen um 0,4 vermehrt.

8) Bei einem weiteren Versuche zeigte sich an dem schwarzen Kartenblatte eine Gewichtszunahme von 0,9, an dem dunkelblauen eine von 0,8, an dem dunkelbraunen eine von 0,4, an dem orangefarbenen eine von 0,3, und an dem weißen eine von 0,1 Gran.

Bei allen diesen Versuchen zeigte sich, daß die schwarze Farbe am meisten Kampher anzog, und daß die übrigen Farben in folgender Ordnung auf einander folgten: blau, roth, grün, gelb, weiß. Die Hize wurde bei den Versuchen nie bis zur Erhizung des ganzen Apparates getrieben, weil sonst aller Kampher verflüchtigt worden wäre; auch bediente ich mich nie einer solchen Quantität Kampher, daß dadurch ein diker Kampheranflug hätte entstehen können, indem durch diesen Anflug sonst die Anziehungskraft der gefärbten Oberfläche beeinträchtigt worden wäre.

1) Eine andere Reihe von Versuchen stellte ich an, um zu erfahren, in welchem Verhältnisse die Anziehungskraft der thierischen Substanzen zu jener der vegetabilischen Stoffe stehe. Ich seze daher zuerst gleiche Gewichtstheile schwarzer Wolle und schwarzer Seide (von jeder 10 Gran) in dem beschriebenen Apparate den Kampherdämpfen aus. Das Gewicht der Wolle vermehrte sich hiebei um 1,5, jenes der Seide hingegen um 1,7 Gran, so daß es hiernach scheint, die Seide besize die größte Anziehungskraft für Gerüche.

2) Von gleichen Gewichtstheilen weißer Wolle und weißer Baumwolle nahm leztere um 0,3, leztere hingegen um 0,4 an Gewicht zu.

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3) Bei einem anderen Versuche hatte die weiße Seide 1,4, die Wolle 0,5, die Baumwolle 0,4 Gran an Gewicht gewonnen.

4) Bei einem anderen ähnlichen Versuche vermehrte sich das Gewicht der weißen Seide um 3,5, jenes der Wolle um 2,4, und jenes der Baumwolle um 2,2 Gran.

5) Ich nahm nun gefärbte Seide, Wolle und Baumwolle, und hiebei zeigte sich, daß die schwarze Seide 0,2, die schwarze Wolle 0,1, die schwarze Baumwolle 0,05 an Gewicht zugenommen.

6) Bei einem Versuche mit 10 Gran weißer Seide, eben so viel weißer Wolle, weißer Baumwolle und weißem Kartenpapiere ergaben sich folgende Resultate: die weiße Seide nahm um 1,9, die weiße Wolle um 1,1, die weiße Baumwolle um 1, und das weiße Kartenpapier um 0,4 an Gewicht zu.

Aus diesen Versuchen geht hervor, daß verschiedene Substanzen die Gerüche in verschiedenem Grade anziehen, und daß dieß mit der Textur oder dem Grade der Feinheit der Fasern dieser Substanzen nicht im Verhältnisse stehe. Denn, obwohl die Wollenfasern im Durchschnitte gröber sind, als die Baumwollenfasern, so besizen erstere doch eine größere Anziehungskraft für die Gerüche, als leztere, und die Seide ihrerseits wieder eine größere, als die Wolle. Im Allgemeinen läßt sich der Schluß ziehen, daß den thierischen Substanzen eine größere derlei Anziehungskraft zukomme, als den vegetabilischen, und daß diese Kraft an allen Substanzen, sie mögen thierischen oder vegetabilischen Ursprunges seyn, durch die Dunkelheit und Intensität der Farbe erhöht wird. Es scheint ferner aus den angegebenen Versuchen hervorzugehen, daß die Absorption der Gerüche durch gefärbte Substanzen sich nach demselben Geseze richtet, nach welchem sich die Absorption des Lichtes und der Wärme richtet. Die Analogie geht sogar noch weiter; denn bei Versuchen, die ich in dieser Hinsicht anstellte, fand ich jedes Mal, daß die Kraft der Farben Gerüche auszustrahlen in genauem Verhältnisse mit deren Kraft Wärme auszustrahlen stand. Bei meinen ersten Versuchen hierüber sezte ich verschieden gefärbte Wollen, die eine bestimmte Zeit hindurch mit Asand und Kampher in einer Schublade gelegen, eine gewisse Periode über dem Einflüsse der Luft aus. Obschon man durch den Geruchsinn allein die Intensität des Geruches, den die verschiedenen Wollen angenommen hatten, unmittelbar nach dem Herausnehmen derselben aus der Schublade wohl so ziemlich zu beurtheilen im Stande war, so ließ sich, nachdem die Wolle einige Zeit über der Luft ausgesezt gewesen, der Unterschied in dieser Intensität doch weit schwerer ermessen. Im Allgemeinen schien es mir, daß sämmtliche Substanzen ihren Geruch innerhalb eines und desselben |365| Zeitraumes verloren, und daß die schwarzen Körper folglich eine verhältnißmäßig weit größere Menge Riechstoff ausstrahlen mußten.

Um dieß zu beweisen, nahm ich Stüke Kartenpapier, die auf die früher beschriebene Weise schwarz, dunkelblau, braun, orange und weiß gefärbt waren, und ließ sie, nachdem sie nach der angegebenen Methode dem Kampherdampfe ausgesezt gewesen, und nachdem sie gewogen worden, in einem Zimmer 24 Stunden lang an der Luft liegen. Nach Ablauf dieser Zeit wurden die Kartenblätter abermals sorgfältig gewogen, wobei sich zeigte, daß das schwarze einen ganzen, das blaue beinahe eben so viel, das braune 0,9, das rothe 0,8 und das weiße 0,5 Gran am Gewichte verloren hatten. Sechs Stunden später hatten das schwarze und das blaue Kartenblatt allen Kampher verloren; das braune und das rothe enthielten nur eine schwache, selbst mit Hülfe einer zarten Waage nicht schäzbare Menge, während dem weißen immer noch 0,03 anhingen.

Bei einem anderen Versuche vermehrte sich das Gewicht des dunkelblauen Kartenblattes um 0,9, jenes des dunkelbraunen um 0,8, jenes des orangefarbenen um 0,6, jenes des gelben um 0,5 und jenes des weißen um 0,4 Gran. Nachdem diese Kartenblätter aber 24 Stunden an der Luft gelegen, hing dem dunkelblauen nur mehr 0,03, dem dunkelbraunen 0,1, dem orangefarbenen 0,2, dem gelben 0,1, dem weißen hingegen 0,3 Gran Kampher an, so daß das dunkelblaue folglich innerhalb dieser Zeit 26/30, das dunkelbraune 21/30, das orangefarbene 12/30, das gelbe 12/30 und das weiße 3/30 Gran an Gewicht verloren hatte.

Nachdem ich nun auf diese Weise den Einfluß der Farben auf die Einsaugung und Aushauchung der Gerüche hinlänglich erwiesen zu haben glaube, erlaube ich mir nur noch einige der praktischen Folgerungen, die sich aus diesen Versuchen ziehen lassen dürften, beizufügen.

Wenn es gewiß ist, daß riechende Ausdünstungen nicht bloß eine besondere Verwandtschaft zu verschiedenen Substanzen haben, sondern daß die Farbe dieser Substanzen auch auf die Einsaugungs- oder Aushauchungsthätigkeit derselben einen wesentlichen Einfluß hat, so dürfte man vielleicht hieraus einige nüzliche Winke über das Verhalten und Verfahren bei contagiösen oder epidemischen Krankheiten entnehmen können. Es können zwar solche schädliche, und durch die Waage nicht nachweisbare Ausdünstungen in einer großen Menge in der Luft enthalten seyn, ohne daß sie durch den Geruch bemerkbar werden; allein in den meisten Fällen wird man finden, daß wenn contagiöse Krankheiten in hohem Grade herrschen, die Ausdünstung des Kranken das sicherste Zeichen der Verunreinigung der ihn umgebenden |366| Luft abgibt. Es ist durch die Erfahrung erwiesen, daß solche Ausdünstungen oder Ausflüsse von einem Individuum auf das andere, und durch Kleider und Waaren selbst von einem Orte zum anderen fortgepflanzt werden können; die Pest, die Poken sind Beweise dafür, und in neuerer Zeit wollten Einige auch die Cholera als solches Beispiel geltend machen. Auf diesen Erfahrungen beruhen auch die Quarantaineanstalten.

Ich will mich hier nicht über die Reinigungsmittel verpesteter Waaren und Kleider, über das Rauchern jener Wohnungen, in denen Personen an anstekenden Krankheiten krank lagen, auslassen; es mag genügen, wenn ich anführe, daß eine hohe Temperatur, der man die Gegenstände aussezt, Räucherungen mit Chlor und Schwefel, freies Aussezen an die Luft, in ersterem Falle als vollkommen hinreichend befunden wurden, und daß man zum Desinficiren von Zimmern Räucherungen mit Chlor und Waschungen mit Aezkalk empfiehlt. Was die Räucherungen mit Chlor betrifft, so läßt sich nicht läugnen, daß das Chlor die in der Luft schwebenden, animalischen Stoffe zerstört; allein wenn das Räuchern nicht oft wiederholt wird, so kann es nur wenig nüzen, weil die Wände und die Wäsche, die vorher die Ausdünstungen einsogen, die Luft immer neuerdings wieder verpesten. Man hat allgemein geglaubt, daß das Waschen mit Kalk auf dieselbe Weise, wie die Räucherungen wirke, und die contagiösen Stoffe oder Miasmen zerstöre; allein aus den Versuchen Guyton Morveau's geht hervor, daß der Kalk weder als Aezkalk, noch in irgend einem anderen Zustande diese Wirkung habe. Der Kalk saugt die Gase bloß ein; allein er verändert sie weder in ihren schädlichen Eigenschaften, noch ändert er deren wirklichen Geruch, und deßhalb schreibt Guyton Morveau dem Waschen der Wände mit Kalkwasser keine andere wohlthätige Wirkung, als die zu, daß die Reinlichkeit dadurch befördert wird.

Die Resultate meiner Versuche hingegen brachten mich zu einer ganz anderen Ansicht. Nach meiner Meinung trägt das Ausweißen wesentlich zu den guten Wirkungen der übrigen Reinigungsmittel bei; ja ich halte sogar auf das Ueberweißen der Wände, auf Reinlichkeit in allem Uebrigen und auf gute Ventilation mehr, als auf die übrigen Maßregeln. Säure und andere Räucherungen, mit Ausnahme des Chlors, machen eigentlich die krankhaften thierischen Ausdünstungen nur unkenntlich, ohne ihre schädlichen Eigenschaften zu zerstören.

Nur ein Beispiel für den Nuzen des Ausweißens. Die Cholera brach in Schottland bekanntlich zuerst, und im heftigsten Grade in dem nordwestlich von Edinburgh, an beiden Ufern des Leith gelegenen |367| Fleken Water-of-Leith aus. Wenn feuchte und tiefe Lage, Anhäufung von Schmuz aller Art eine Krankheit verderblicher zu machen im Stande sind, so mußte dieß hier eintreten, wie es sich dann auch wirklich zeigte. Das Sanitäts-Comité schaffte jedoch auch hier mit seiner gewohnten Schnelligkeit Abhülfe; es ließ den Unrath so schnell und so vollkommen als möglich entfernen, die Häuser sämmtlich ausräuchern, und die Wände sowohl von Innen als von Außen überweißen, und die Folge davon war, daß die Heftigkeit der Krankheit schnell abnahm. Die Räucherungen konnten hier bloß die bereits von der Luft aufgenommenen, schädlichen Dünste zerstören, und um so weniger auf die sich fortwährend entwikelnden Ausdünstungen wirken, als das Chlor in Folge der gleichfalls nothwendigen lebhaften Ventilation schnell fortgerissen wurde.

Das Ausweißen hingegen trug, obschon es keine specifische Wirkung auf die contagiösen Ausdünstungen hatte, wesentlich zur Reinigung der Luft in den Zimmern bei, indem die weißen Wände diese Ausdünstungen beständig zurükwarfen, so daß dieselben selbst bei einer mäßigen Ventilation leicht fortgerissen werden konnten. Schmuzige oder dunkel angestrichene Wände würden die schädlichen Gerüche im Gegentheile eingesaugt, und sie, nachdem die Räucherung vorüber, allmählich wieder von sich gegeben haben. Ich für meine Person bin wenigstens überzeugt, daß das allgemeine Ueberweißen der Mauern in Edinburgh mehr zu der Milde des Cholerasturmes beitrug, als das theilweise Räuchern und das Ausstreuen von Chlorkalk; die weißen Wände nahmen die Krankheitsstoffe nicht so leicht auf, und die Luftströmungen konnten sie daher fortreißen, ehe sie sich noch in einem solchen Grade angehäuft hatten, daß sie eine reichhaltige Quelle von Krankheitsausbrüchen werden konnten.

Ich schließe daher mit dem aus meinen zahlreichen Versuchen abstrahlten Rache, daß nicht nur die Wände der Spitäler, Gefängnisse und aller Gebäude, in denen eine größere Anzahl von Menschen beisammen lebt, weiß übertüncht seyn, sondern daß auch die Bettstellen, Tische, Stühle, Bänke etc. weiß angestrichen werden sollen. Die Wärterinnen und Dienstboten in den Spitälern etc. sollen lediglich nur weiß gekleidet seyn; denn auf diese Weise werden ihre Kleider am wenigsten von den Krankheitsstoffen aufnehmen, abgesehen davon, daß nur hiedurch die gehörige Reinlichkeit dieser Individuen zu erzielen ist. Ich kann nicht umhin, endlich auch noch zu bemerken, daß die Aerzte nicht leicht eine unglüklichere Farbe zu ihren Kleidern wählen konnten und wählen können, als die schwarze, da diese die schädlichen Gerüche und Dünste am meisten einsaugt. |368| und folglich sowohl ihnen selbst, als ihren Kranken am gefährlichsten werden muß.66)

Wir haben bereits im Polyt. Journale Bd. LI. S. 157 eine kurze Notiz über die Arbeiten des Hrn. Dr. Stark mitgetheilt, finden uns jedoch wegen der Neuheit des Gegenstandes und wegen der Wichtigkeit, die derselbe in mancher Hinsicht erlangen dürfte, veranlaßt, einen etwas ausführlichen Auszug seiner Abhandlung bekannt zu machen. Wir umgehen hiebei den ersten Theil derselben, der von dem Einflusse der Farben auf die Absorption und Ausstrahlung der Wärme handelt, indem die Resultate der Versuche des Verfassers in dieser Hinsicht beinahe durchaus mit jenen Franklin's und Davy's übereinstimmen. Wer Interesse daran findet, kann auch hierüber in dem Repertory of Patent-Inventions, April 1834, S. 257 einen Auszug nachlesen.

|368|

Ohne mit dem Verfasser dieses in mannigfachen Hinsichten höchst schäzbaren Aufsazes in den alten Streit über die Contagien und Miasmen eingehen zu wollen, ohne ihm zeigen zu wollen, daß die Quarantaineanstalten, so wie gewöhnlich in denselben verfahren wird, nicht nur nichts nüzen, sondern auf eine lächerliche Weise den Verkehr stören, erlauben wir ihm zu bemerken, daß er uns den Beweis schuldig geblieben ist, daß sich die Krankheitsstoffe und Miasmen auf ähnliche Weise verhalten, wie die Gerüche. Der Analogie nach hat dieß allerdings große Wahrscheinlichkeit für sich; allein die Analogie trügt auch sehr oft, und nach Analogie zu schließen, ist weit leichter, als unbefangen und mit Umsicht und Ruhe zu beobachten. Wir bemerken ferner, daß uns der Verfasser der Wirksamkeit des Chlors viel zu nahe getreten zu seyn scheint. Daß das Chlor thierische und vegetabilische Ausdünstungen nicht bloß versteke, sondern zerstöre oder chemisch zerseze, ist erwiesen, der Verf. gibt dieß selbst zu, indem er sagt, daß Chlorräucherungen zum Desinficiren von Kleidern etc. vollkommen hinreichen. Warum sollen nun also Chlorräucherungen nicht auch zum Desinficiren von Zimmern und ganzen Gebäuden hinreichen? Dieß hieße voraussezen, daß nur die dunstförmigen Krankheitsstoffe von den Wanden aufgesaugt werden, das Chlor aber nicht: eine Annahme, die auf gar keinem Grunde beruht, und die, wie uns scheint, ganz einfach schon dadurch widerlegt ist, daß der Chlorgeruch sehr lange nicht aus den Zimmern gebracht werden kann. Dieß abgerechnet, scheint uns aber der Rath des Hrn. Dr. Stark, die Wände weiß zu erhalten, und sie fleißig zu übertünchen, in allen den oben angedeuteten Fällen nicht genug zu empfehlen; denn es wird dadurch größere Reinlichkeit bezwekt, und die Wände werden, wie es sich nach seinen Versuchen gar nicht bezweifeln läßt, auch weit weniger von den Gerüchen einsaugen. Eben so stimmen wir auch darin. mit ihm überein, daß Krankenwärter und Warterinnen nur weiß gekleidet seyn sollen, wäre es auch nur deßhalb, weil sich nur auf diese Weise die bei diesen Individuen so höchst nothwendige Reinlichkeit erzielen und controliren läßt. Wir sehen daher schon aus diesem Grunde allein das Einführen von grauen oder schwarzen Schwestern in unseren Krankenhäusern mit wahrem Bedauern; leider wird dieses Bedauern aber auch noch dadurch erhöht, daß dieses halbklösterliche Institut bisher nicht nur die Vortheile nicht gewahrte, die man sich thörichter Weise davon träumte, andern Nachtheile mit sich brachte, die man nach herkömmlicher kurzsichtiger Weise nicht voraussah. A. d. R.

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