Titel: Anwendung der färbigen Ochsenzunge etc.
Autor: Kurrer, Wilhelm Heinrich
Fundstelle: 1834, Band 53, Nr. XX. (S. 111–123)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj053/ar053020

XX. Anwendung der färbigen Ochsenzunge (Anchusa tinctoria) in der Baumwollen-, Leinen-, Seiden- und Schafwollfärberei. Von Hrn. Dr. W. H. v. Kurrer.23)

Die färbende Ochsenzunge, rothe Ochsenzunge, Anchusa tinctoria L., unächte Alcanna, falsche Schminkwurzel, von den Franzosen Orcannetwurzel, und in den Apotheken unter dem Namen Alcanna spuria bekannt, darf nicht mit der ächten orientalischen Alcanna verwechselt werden, da leztere aus den zubereiteten Blättern der Lawsonia inermis L. besteht.

Die färbende oder rothe Ochsenzunge wächst in Spanien, Frankreich, Deutschland und Ungarn wild. Sie hat eine perennirende Wurzel, braunrothe Blumen, die nach dem Aufblühen blau werden, und stumpfe Blätter, welche leztere sowohl als der Stängel dicht mit weißem Filz bekleidet sind.

Die Stängel liegen öfters auf dem Boden, und sind einfach. Die Wurzeln, welche in der äußeren Rinde allein das Pigment enthalten, sind lang, dünn, purpurfarben oder röthlich. Der Kern ist weiß und kraftlos, so daß man in der Färberei nur die äußere Rinde als brauchbar anerkennen kann.

Auch die Wurzeln der virginischen Ochsenzunge (Anchusa virginica), welche in Nordamerika unter dem Namen Puccon bekannt ist, und womit sich vormals die Wilden zu bemalen pflegten, besizen ein der europäischen Anchusa tinctoria analoges Pigment.

Das Pigment der Anchusa ist rein harziger Natur, daher es sich auch im Wasser nur durch Vermittelung anderer Bestandtheile, in Weingeist, Aether und den Oehlen hingegen leicht auflöst.

Wir verdanken Dr. John die chemische Zergliederung der farbestoffhaltigen Rinde der Anchusawurzel, und mehrere andere wissenswerthe Beobachtungen in Beziehung des Pigments dieser äußeren Schale.

100 Theile der Anchusawurzel enthalten nach demselben:

Färbenden Stoff dem Harz verwandt, vielleicht
mit Harz verbunden

5,50
Schleimtheile 6,25
Extractivstoff 1,00
– unauflöslichen 65,10
– mit holzigen Theilen verbunden 18,00
Salze und Erden 5,00

Leztere bestehen aus pflanzensaurem Kali und Kalk, phosphorsaurem Kalk, Talk, Eisen, salz- und schwefelsaurem Kali und Kieselerde.

Das harzige Roth der Anchusa, welches John im ausgeschiedenen concreten Zustande Pseudo-alcannin nennt, bereitet er folgender Gestalt: die zuvor mit Wasser ausgekochte Wurzelrinde wird wiederholt durch Digestion mit Weingeist ausgezogen und abgedampft, wo der Farbestoff als Rükstand bleibt.

Pelletier zieht hingegen die Wurzel zwei Mal mit kochendem absolutem Alkohol aus, dampft die Flüssigkeit ab, löst den Rükstand in Aether auf, der eine braungelbe bittersalzige Materie unaufgelöst läßt, und dampft wieder ab, oder, was für die Bereitung noch zwekfördernder ist, man zieht die Wurzel sogleich mit Aether aus, und dampft die Infusion ab. Der gewonnene trokene Farbestoff ist dunkelroth ins Braune übergehend, von harzigem Bruch und specifisch schwerer als Wasser; er unterscheidet sich nach John dadurch von den Harzen, daß er bei 30 bis 80° R. nicht schmelzen soll, wogegen Pelletier gefunden hat, daß er sich in der Wärme erweicht, und schon unter 60° R. schmelzbar wird, und in der Luft sich die Farbe nicht verändert.

Die weingeistige Anchusa-Infusion ist dunkelcarmesinroth. Salzsaures Zinn färbt das Pigment daraus carminroth, essigsaures Blei, besonders basisches, schön blau, Eisensalze dunkelviolett, salzsaures Queksilber fleischfarbig; salzsaurer Baryt, salpetersaures und salzsaures Silber, salpetersaures Queksilber u.s.w. bewirken gar keine Veränderung; die übrigen schweren Metallsalze, so wie der Alaun, fällen die weingeistige Auflösung bloß durch ihren Wassergehalt, und der Niederschlag ist daher dann gänzlich wieder in Weingeist löslich. Der weingeistige Auszug wird durch die Einwirkung des Lichts zersezt, und die Carmesinfarbe ändert sich nach und nach in eine gelbe um. Eingedunstet bildet sich eine indigfarbige Masse, welche sich in Weingeist nur mit trüber carminrother Farbe auflöst, daher durch den Proceß der Verdunstung verändert (oxydirt) worden ist. Ein Zusaz von Wasser macht die Farbe grünlich blau; durch Zusaz von essigsaurem Eisen präcipitiren sich einige schwarze Floken, die aber weder von Gallussäure noch von Gerbestoff herrühren. Essigsaures Blei bewirkt eine violette Färbung. Dieselbe Veränderung |113| erleidet nach Pelletier der in Aether gelöste Farbestoff beim Kochen im Wasser, und selbst der in Masse dem Wasser dargebotene Färbestoff, nur daß hier stundenlanges Kochen erforderlich ist. Die alkalische Auflösung wird nach Pelletier nur in dem Falle durch Wasser gefallt, wenn sie durch Sättigung des absoluten Alkohols mit Färbestoff erhalten wurde, wo sie ein wenig Pigment mit rosenrother Farbe aufgelöst behält, dagegen eine schwache Tinctur durch Wasser nicht getrübt wird.

Alkalien, so wie Kalk-, Strontian- und Barytwasser färben die weingeistige Auflösung Himmel- oder lasurblau, wirken aber auf den durch Abdampfung derselben erhaltenen (veränderten) Farbestoff nur schwach, indem sie höchstens eine schmuzige Farbe damit annehmen. Die weingeistige Auflösung färbt Terpenthinöhl blau, während die Wurzel demselben eine carmesinrothe Farbe ertheilt. Sauren erhöhen die Farbe.

Wenn die weingeistige Auflösung mit Wasser gekocht wird, so färbt sie sich bald blau, ins Grünliche, und liefert beim Abdampfen eine dunkelblaue oder schwarze Masse, welche als veränderter Färbestoff zu betrachten ist. Dieser ist leichter im Wasser, weniger in Weingeist, und nur sehr wenig in Alkalien löslich, weniger schmelzbar, wird durch Chlor roth, durch Alkalien blau, durch Wasser grünlich blau, ohne einen Niederschlag zu bilden, verhält sich jedoch nach Pelletier gegen Metallsalze, wie das unveränderte Pigment. Ohne zu kochen wird der in Weingeist aufgelöste Färbestoff durch das Wasser nicht gefällt.

Aether löst den Färbestoff der Wurzel noch leichter als Alkohol auf. Terpenthinöhl löst den Färbestoff aus derselben mit schöner carmesinrother Farbe auf. Fette Oehle lösen denselben mit rother Farbe auf.

Wässeriges Kali, Natron und Ammonium lösen den Farbestoff mit blauer Farbe auf, bilden jedoch auch eine unauflösliche Verbindung, wenn sie in zu geringer Menge angewandt werden. Aus dem mit alkalischem Wasser bereiteten Anchusa-Absud fällt Alaun einen purpurfarbigen Lak, der zum Malen gebraucht werden kann. Wenn Chlorgas durch die alkoholische Lösung des Pigments geleitet wird, so verwandelt sich nach Pelletier das Roth in schmuziggelb, unter Fällung einer in Alkohol mit gelber Farbe löslichen Substanz. Nach John stellt Chlor die rothe Farbe der durch Abdampfen geblauten weingeistigen Lösung wieder her, und bildet nach längerer Zeit einen wolkigen flokenartigen Niederschlag. Die Blumen der Anchusa geben mit Alaun saftgrün.

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Das Pigment der Anchusawurzel wurde schon von den Alten zum Färben der Schafwolle verwendet, wie uns Plinius im 22sten Buche 30stes Capitel zeigt. Haußmann legte in dem 60sten Bande der Annales de chemie ein Verfahren nieder, der Seide und Baumwolle, welche zuvor mit Alaunbasis imprägnirt worden, vermittelst weingeistiger Anchusa-Infusion eine dauerhafte Purpurveilchenfarbe (purpurviolett) mitzutheilen. Das Pigment der Anchusa dient auch zum Färben der Oehle, der Mundpomade, der Salben, des Käses u.s.w.

Anwendung der Anchusa in der Baumwollen- und Leinenfärberei.

Das Pigment der Anchusa durch Weingeist ausgezogen stellt eine gefärbte Flüssigkeit dar, welche mit der Baumwollen- und Leinenfaser, wenn dieselbe zuvor mit thonerdehaltiger Basis imprägnirt worden, schöne veilchenviolette Abstufungen, in Purpur übergehend, von bewunderungswürdiger Dauerhaftigkeit hervorbringt. Es eignet sich für die fabrikmäßige Darstellung dieser verschiedenen Farbenschattirungen hauptsächlich die essigsaure Thonerde, welche auf nachstehende Weise bereitet wird.

Essigsaure Thonerde: 20 Pfd. eisenfreier Alaun werden in 80 Pfd. heißem Wasser aufgelöst, der Auflösung unter beständigem Umrühren 20 Loth gereinigte Soda (einfachkohlensaures Natron) nach und nach zugegeben, und zulezt 15 Pfd. Bleizuker ein, gerührt. Diesen Mordant läßt man einige Stunden unausgesezt rühren, und wendet die helle obenstehende Flüssigkeit in einigen Tagen für den Gebrauch an. Ich kann hier die Bemerkung nicht unberüksichtigt lassen, daß, je mehr freie unzersezte schwefelsaure Thonerde sich in der essigsauren Basis befindet, die Anchusafarbe mehr einen Lilaston, und je neutraler die essigsaure Thonerde ist, dieselbe sich mehr in purpurvioletter Abstufung zeigt.

Vorbereitung der Waare für das Färben.

Die baumwollenen und leinenen Gewebe werden vermittelst der Grundirmaschine mit der essigsauren Thonerde ganz ohne Verdikungsmittel zwei Mal nach einander grundirt, und zwar das erste Mal mit geringer, das andere Mal hingegen mit starker Gewichtspression. Nach dem Grundiren wird die Waare sorgfältig aufgehangen, abgetroknet, und nach Verlauf von drei Tagen eine Stunde lang in laufendes Wasser eingehängt, von da ins Waschrad oder unter die Pretschmaschine gebracht, gut gespült, gewunden und vollkommen abgetroknet.

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Bereitung der weingeistigen Anchusa-Infusion.

In 80 Pfd. Weingeist von 34 bis 36° werden 18 Pfd. zerkleinerte Anchusawurzel 10 bis 12 Stunden lang wohl zugedekt stehen gelassen, damit sich kein Weingeist verflüchtigen kann. Nach Verlauf dieser Zeit wird der Weingeist das harzige Pigment ausgezogen haben. Man gießt nun die gefärbte Infusion sorgfältig ab, bringt den Rükstand mit den Wurzeln unter eine gute Presse, um das ausgezogene Pigment von den Wurzeln zu trennen, wofür sich für die gänzliche Gewinnung des an Weingeist gebundenen Pigments in ökonomischer Beziehung eine hydraulische Presse vorzüglich eignet.

Die weingeistige Infusion wird in hermetisch geschlossenen Gefäßen für den Gebrauch aufbewahrt, jedoch ist es besser, dieselbe sobald als möglich zu verarbeiten, weil das Pigment, in Weingeist aufgelöst, die Eigenschaft besizt, durch Einwirkung des Lichts sich nach und nach in stufenweiser Progression zu entfärben, wodurch zusehends die färbende Kraft vermindert wird. Aus dieser Ursache lasse ich die gefärbte Anchusa-Auflösung auch jedes Mal kurz vor ihrer Anwendung bereiten. Die Farbe derselben ist im frisch bereiteten Zustande intensiv dunkelroth, fast wie diker Burgunder- oder Roussillonwein.

Darstellung der dunkelvioletten purpurfarbenen Abstufungen auf baumwollene und leinene Gewebe für unigefärbte Gründe.

Die mit der essigsauren Thonerde nach der früher angegebenen Vorschrift imprägnirten Gewebe werden auf der Grundirmaschine bei sehr starker Gewichtspression mit der Infusion grundirt, zum Abtroknen aufgehangen, und in einem geheizten Zimmer bei 30° R. hoher Temperatur durch erwärmte Luft abgetroknet, nachgehends eine halbe Stunde lang in fließendes Wasser eingehangen, und durch heißes Wasser bei 70° R. genommen, wodurch die ins Röthliche schillernde Farbe erst den eigentlichen violetten Ton annimmt, welcher durch nachheriges Auswaschen in reinem Wasser sich inniger fixirt erhält. Bei dem Durchnehmen in siedendem Wasser werden jederzeit zwei Stüke Waare (5/4 Calicos oder 7/4 Cambriks) an einander geknüpft, über den Haspel in das heiße Wasserbad gebracht, darinnen 8 bis 10 Touren hin und wieder gegeben, herausgenommen, am Flusse oder Bache gespült, ausgewunden und abgetroknet.

Bei dieser Methode zu coloriren, hat man es ganz in seiner Gewalt, von der hellsten violetten Farbe bis in das tiefste Purpurviolett zu schattiren, wenn man in ersterem Falle die essigsaure Thonerde |116| verschwächt, oder in dem angegebenen Verhältnisse anwendet, im zweiten hingegen das Imprägniren in der starken essigsauren Thonerde und Durchnehmen in der Anchusa-Infusion noch ein oder zwei Mal nach vorangegangener Weise wiederholt.

Zur Hervorbringung gleicher und dunkler Farbe ist es jedoch nöthig, die Waare jedes Mal nach dem Grundiren und Abtroknen 1/3 bis 3/4 Stunden lang im Wasser einzuhängen und wieder abzutroknen, bevor das Coloriren mit dem Anchusa-Pigment vorgenommen wird.

Nach jedem Farben wird die Waare ebenfalls wieder in den Fluß eingehangen, jedoch ohne die heiße Wasserpassage zu geben, welche nur nach dem lezten Färben erfordert wird, um den veilchenvioletten Lüstre hervorzurufen.

Bei allen, sowohl vegetabilisch-animalischen, als rein animalischen Stoffen, welche mit der weingeistigen Anchusa-Infusion gefärbt werden, ist nicht zu versäumen, daß die Waare, bevor man sie in die weingeistige Auflösung bringt, recht scharf abgetroknet werde, um derselben alle Feuchtigkeit zu entziehen.

Wir haben in der Calicodrukerei (Kattundrukerei) bei dieser brillanten und dauerhaften purpurvioletten Farbe nur zu bedauern, daß sich weder durch Oxydation, Desoxydation noch Hydrogenationsmittel weiß darauf äzen läßt, wenigstens boten bis zur Zeit alle damit vorgenommenen Versuche kein ersprießliches Resultat dar. Durch diesen Uebelstand ist man außer Stand gesezt, Dessins mit gefärbten Figuren anzubringen, wie dieß so leicht bei türkisch roth gefärbter Waare der Fall ist, wo weiß, chromgelb und chromgrün, ohne der anderen Illuminationsfarben zu gedenken, zur Bildung und Ausschattirung mannigfaltiger Muster angebracht werden können.

Die purpurviolette Farbe bildet, mit der Faser der Baumwolle, Leinen, der Seide und Wolle verbunden, ihrer Natur nach ein gefärbtes Harz, welches im aufgehäuften Zustande nur durch öftere Behandlung mit Weingeist wieder abgezogen und in demselben als gefärbtes Fluidum lösbar erscheint.

Nach gegebener Vorschrift erhielt ich nachstehende purpurviolette Abstufungen für gleichförmige (Uni) Gründe:

Farbenabstufung Nr. 1.

Dieselbe wird gewonnen, wenn die Waare zwei Mal mit der essigsauren Thonerde grundirt, und zwei Mal in der weingeistigen Anchusa-Infusion gefärbt wird.

Farbenabstufung Nr. 2.

Die Operationen des Grundirens und Färbens wechselsweise drei Mal wiederholt.

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Farbenabstufung Nr. 3.

Bei dieser mehr in einem röthlichen Schimmer sich zeigenden purpurvioletten Farbe werden zum Grundiren zwei Theile essigsaure Thonerde und ein Theil Alaunauflösung verwendet, das wechselsweise Grundiren und Coloriren hingegen drei Mal verrichtet. Es läßt sich diese Farbenabstufung auch dadurch erzielen, wenn man nach dem dritten Durchnehmen in der Anchusa-Infusion die Waare nur im kalten Wasser behandelt, gleich nach demselben durch ein schwach gesäuertes, salzsaures oder schwefelsaures Bad zieht, wieder gut auswäscht und abtroknet.

Bei hellen Grundfarben kann man sich mit größerem Vortheile zum Coloriren der Walzendrukmaschine bedienen, wogegen ich bei ganz dunkeln Farben die Grundirmaschine mit starker Gewichtspression vorziehe, weil durch das Berühren der Waare mit der gefärbten Flüssigkeit im Troge mehr Pigment sich mit der Basis verbinden kann, wodurch die Abstufung um einen Grad intensiver erscheint, und die Farbe dadurch voller und satter zum Vorschein kommt. Wenn man dieselben Abstufungen vermittelst der Walzendrukmaschine erzielen will, so werden immer einige Touren mehr erforderlich, um gleiche Resultate zu erhalten.

Bei der Darstellung im Großen sezt die Farbe stets eine zwekmäßig eingerichtete Grundirmaschine mit starker Gewichtspression voraus. Sogenannte Handfärberei reicht hier nicht hin, weil eines Theils zu viel Pigment consumirt, anderen Theils die Farbe durch das Durchnehmen mit den Händen, Auswinden etc. sehr ungleich und stetig zum Vorschein kommen würde.

Helle anchusaviolette Farbenabstufungen auf baumwollene Gewebe mit illuminirter Ausarbeitung.

Dieses für den Calicodruk in mehrfacher Beziehung höchst interessante Fabrikat stelle ich auf nachstehende Weise dar.

Vorbereitung der Waare.

Die Waare lasse ich mit der essigsauren Thonerde mittelst der Grundirmaschine zwei Mal imprägniren, das erste Mal mit geringer, das zweite Mal mit vermehrter Pression. So wie eine Tour von 5 Stüken Calico durch die Walzen gelaufen, lasse ich sie unmittelbar zum zweiten Male wieder durch die Basis mit starker Pression der Drukwalzen gehen, von da in das Trokenzimmer aufhängen, und nach dem Abtroknen 3 Tags lang in einem temperirten Zimmer liegen. Nach Verlauf dieser Zeit wird die Waare eine Stande lang im Fluß oder Bach eingehangen, herausgenommen, ins Waschrad gebracht, von da am Flusse gespült, durch die Auspreß- |118| oder Quetschmaschine genommen, aufgehangen, und scharf abgetroknet.

Färben derselben.

Die so vorbereiteten Gewebe werden auf der Walzendrukmaschine mit einem etwas tief gravirten Milles rayes oder Milles points Dessein vermittelst der weingeistigen Anchusa-Infusion ohne alle Verdikung gedrukt, damit die Farbe auf dem Gewebe zusammenfließen kann, und dadurch ein gleichförmiger (Uni) Grund erzielt wird. Ich ziehe hier die Walzendrukmaschine der Grundirmaschine zum Coloriren aus zwei wesentlich wichtigen Gründen vor; ein Mal, weil dadurch viel weingeistige Infusion gespart wird, das andere Mal, um weiße Figuren, die zuvor vermittelst einer Reservage auf die vorbereitete Waare gedrukt werden, welche beim nachherigen Farben und Auswaschen vollkommen weiß erscheinen, zu conserviren. Das Erhaltene der weiß abgedrukten Stellen bleibt selbst unangetastet, wenn das Coloriren mit dem ausgezogenen Anchusa-Pigment noch ein oder zwei Mal wiederholt wird, welches in der Calicodrukerei für die Darstellung colorirter Desseins in violetter Grundfarbe von der größten Wichtigkeit ist.

Durch diesen Weg lassen sich sehr schöne und mannigfaltige Erzeugnisse darstellen, wenn von der hellsten bis in Mittelpurpurviolett variirt wird. Bei dem öfteren Coloriren mit dem Anchusa-Pigment ist es nicht nöthig, mit frischer Vorbereitungsbasis zu unterstüzen, weil die thonerdige Grundlage Anziehung genug besizt, so viel Pigment aufzunehmen und zu binden, als zur Bildung einer satten Farbe erforderlich wird.

Nachdem die erste Colorirung gegeben, und die Waare ganz abgetroknet ist, lasse ich sie ohne alle Vorbereitung noch ein Mal auf der Walzendrukmaschine, wie das erste Mal, mit dem Anchusa-Pigment bedruken, und wiederhole dasselbe noch ein bis zwei Mal, je nachdem die Grundfarbe dunkel ausfallen soll.

Wenn die verschiedenen Farbenabstufungen ganz nach Wunsch erreicht sind, wird die Waare eine halbe Stunde lang in den Fluß oder Bach eingehangen, gut gewaschen, durch ein heißes Wasserbad bei einer Temperatur von 60 bis 65° genommen, gespült, ausgepreßt und abgetroknet.

Nach dieser Methode bieten sich stufenweise nachstehende Farbenabstufungen dar:

Nr. 1. Grundirte Waare vermittelst der Walzendrukmaschine, ein Mal colorirt.

Nr. 2. Deßgleichen, zwei Mal colorirt.

Nr. 3. Deßgleichen, drei Mal colorirt.

Nr. 4. Deßgleichen, vier Mal colorirt.

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Für ein einmaliges Coloriren brauche ich zu einem Stük 5/4 Ellen breiten und 52 Ellen langen Calico nicht ganz eine halbe Maaß, beiläufig 27 bis 28 Loth weingeistige Anchusa-Infusion, für ein zweimaliges das doppelte, für ein dreimaliges das dreifache, und für ein viermaliges das vierfache Quantum Farbematerial.

Bei dem gegenwärtigen geringen Preise des Weingeistes und dem wohlfeilen Preise der Anchusa erscheint selbst die dunkelste Grundfarbe auf diesem Wege nicht zu kostspielig, zumal wenn man in Betracht zieht, daß nur feine Gewebe dafür verwendet werden, und die erzeugte Farbe durch eine bewunderungswürdige Dauerhaftigkeit sich auszeichnet.

Auch in der Baumwollensammt- (velvets) Drukerei, wo zum Theil die Farben durch Wasserdämpfe befestigt werden, lassen sich die anchusavioletten Grundfarben mit Vortheil anwenden.

Ich gehe jezt zu den Drukfarben über, deren man sich auf anchusagefärbte Gründe in der Calicodrukerei zur Bildung geeigneter Desseins bedienen kann.

Weiße Paste (weiße Reservage).

In 4 Maaß Wasser werden 10 Loth gereinigte Soda gelöst, 8 Loth feingestoßenes arseniksaures Kali, und 5 Loth Pfeifenerde hinzugebracht, das Ganze mit 2 Pfd. 16 Loth feingestoßenem und gesiebten Gummi verdikt, und vor dem Druke durch Beuteltuch getrieben.

Diese Paste kann man auch, anstatt mit Gummi, mit Gummi und hellgebrannter Starke verdiken, wo auf die angegebene Zusammensezung 10 Loth gebrannte Stärke, und 18 bis 20 Loth Gummi genommen wird.

Man drukt die Paste auf die mit essigsaurer Thonerde vorbereitete Waare, troknet sie nach dem Druke, und colorirt mit dem Anchusa-Pigment. Diejenigen Stellen, wo die Paste aufgedrukt ist, erscheinen nach dem Coloriren oraniengelb gefärbt, welche Farbe im Wasser verschwindet, und an deren Stelle reine weiße Objecte zum Vorschein kommen.

Gelbe Applicationsfarbe.

3 Pfd. starke essigsaure Thonerde und 3 Pfd. Wasser werden mit 16 Loth Stärke verkocht. Die Hälfte der Portion über 1 Pfd. 16 Loth fein gepulvertes salpetersaures Blei, die andere Hälfte über 14 Loth saures chromsaures Kali gegossen. Nach dem Erkalten werden beide Portionen wieder zusammengemischt, und 28 Loth fein pulverisirte Weinsteinsäure eingerührt.

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Grüne Applicationsfarbe.

Unter obiges Gelb so viel fein abgeriebenes Berlinerblau eingerührt, als man die grüne Farbe Heller oder dunkler zu haben wünscht.

Beide Farben werden auf die hellen Anchusagründe gedrukt und nach 24 Stunden die Waare im Fluß oder Bach ausgewaschen.

Helles Anchusaviolett in Silberfarb sich neigend auf Alaunbasis.

Für helle Anchusa-Abstufungen habe ich auch Versuche mit der schwefelsauren Thonerde (Alaun) statt der essigsauren unternommen, wobei ich folgendergestalt verfuhr. Zum Imprägniren auf der Grundirmaschine bediente ich mich einer Alaunauflösung, die aus 16 Pfd. Alaun in 80 Pfd. Wasser bereitet worden. Nachdem die grundirte Waare 3 Tage hindurch in einem warmen Zimmer aufgehangen, wurde sie, ohne zuvor ausgewaschen zu werden, mit der Anchusa-Infusion auf der Walzendrukmaschine wie oben colorirt, eine halbe Stunde lang in den Fluß eingehangen, und durch ein heißes Wasserbad bei 60° R. genommen.

Wird die mit Alaun gebeizte Waare mehrere Mal mit der weingeistigen Anchusa-Infusion grundirt, so werden dunkler gefärbte Schattirungen hervorgebracht, welche sich rüksichtlich ihres Farbentons von jenen obigen mit essigsaurer Thonerde gebeizten unterscheiden.

Verfahren, Baumwollen- und Leinengarn mit dem Pigmente der Anchusa purpurviolett zu färben.

Von großer Wichtigkeit ist die Anwendung des Anchusa-Pigments zum Farben der baumwollenen und leinenen Gespinnste, wegen der ausgezeichnet schönen und höchst dauerhaften purpurvioletten Schattirungen, welche damit erzeugt werden. Es ist mir bis jezt kein anderes Pigment vorgekommen, das die Anchusa in dieser Beziehung ersezen kann. Hinsichtlich der Aechtheit rivalisirt die dunkelpurpurviolette Farbe mit dem türkischroth gefärbten Garn, weil dieselbe weder durch Alkalien noch Sauren wesentlich modificirt, die Farbe durch die Einwirkung der Luft und des Lichts auf die Dauer nur schwach alterirt wird, und daher als eine der dauerhaftesten betrachtet werden kann.

Die Priorität der Anwendung dieses Pigments auf baumwollene, leinene, seidene und schafwollene Gespinnste glaube ich ebenfalls in Anspruch nehmen zu können, weil vor mir kein Garnfärber |121| auf den Gedanken gekommen ist, das Pigment der Anchusa mit Vortheil zu verwenden.

In dieser Beziehung habe ich mich im Frühjahre 1830 mit den Häusern Marchall und Comp. und Stives Atkinson und Comp. zu Leeds in England in Relation gesezt, und von den HH. Marchall und Comp. ein höchst schmeichelhaftes Schreiben, die Anerkennung meiner Erfindung betreffend, erhalten. Mein Verfahren, Baumwollen- und Leinengarn in verschiedenen Farbenschattirungen darzustellen, besteht in Folgendem:

Die gebleichten Garne lasse ich in der essigsauren Thonerde kalt beizen, auf den Ringpfahl schlagen, auswinden, noch ein Mal beizen, wieder ausschlagen, auswinden, breit auseinander gefacht auf Stangen abtroknen, und 2 bis 3 Tage warm erhalten, wonach sie durch Wasser genommen, gut gereinigt und stark abgetroknet werden, um alle Feuchtigkeit zu entfernen. Die Garne werden jezt in der weingeistigen Anchusa-Infusion gefärbt, recht tüchtig ausgewunden, ausgepreßt, ausgebreitet, auf Stangen gebracht, und bei 30° Luftheizungswärme getroknet, eine halbe Stunde im Flusse oder Bache eingehangen, zulezt durch ein heißes Wasserbad von 70° R. genommen, gewaschen, gewunden und abgetroknet. In solchem Zustande zeigen sie eine schöne, aber etwas helle purpurviolette Farbe, welche in ganz tiefes Purpurviolett umgewandelt wird, wenn die Operation mit der essigsauren Thonerde und dem Anchusa-Pigment noch ein oder mehrere Male auf dieselbe Weise wiederholt wird.

Für ein Pfund baumwollen oder leinen Garnwaaren ist für ein zweimaliges Beizen eine Maaß essigsaure Thonerde, und für ein zweimaliges Coloriren eine Maaß weingeistige Anchusa-Infusion erforderlich.

Anwendung des Anchusa-Pigments in der Seidenzeug- und Seidengarnfärberei.

In der Seidenzeug- und Seidensammtdrukerei, wo die Farben durch Wasserdämpfe theils entwikelt, theils mehr befestigt werden, nachdem denselben zuvor eine alaunhaltige Basis dargeboten worden, lassen sich durch die weingeistige Anchusa-Infusion vermittelst einer guten Grundirmaschine, oder auch der Walzendrukmaschine glänzend violette Grundfarben von der hellsten bis in die dunkelste Abstufung darstellen, wenn bei der lezten das Coloriren mittelst des Pigments mehrere Male wiederholt wird, wie ich bei der Baumwollenzeugfärberei gezeigt habe.

In der Seidenzeugdrukerei können auch die weiße Passe so wie die chromgelben und chromgrünen Applicationsfarben auf dieselbe |122| Art, wie oben erwähnt, zur Bildung verschiedener colorirten Ausarbeitungen angewendet werden.

Ich habe das Pigment der Anchusa auch in der Seiden- und Seidengarnfärberei verwendet, und ausgezeichnet günstige Resultate erhalten. In diesem Gebiete der Färberei nimmt die Anchusa eine vorteilhafte Stelle ein, indem man dadurch alle Schattirungen von der hellsten bis in die tiefste purpurviolette Farbe in möglichst größter Dauerhaftigkeit darstellen kann. Es zeichnen sich die verschiedenen Abstufungen nicht allein durch ihren eigenthümlichen Farbenglanz aus, sondern auch insbesondere noch dadurch, daß die Farben eine große Aechtheit besizen, welche man durch kein anderes Pigment solider darstellen kann. Nebenbei ist die Farbe wohlfeil, und die Bereitung nicht umständlich. Als Vorbereitungsmittel eignet sich die essigsaure Thonerde, und für abweichende Farbenschattirungen die schwefelsaure Thonerde (Alaun) am besten.

Anwendung in der Schafwollenfärberei.

Die Resultate, welche sich mir beim Färben der schafwollenen Gespinnste und Gewebe dargeboten, entsprachen zwar meiner früher davon gehegten Erwartung; ich bin jedoch geneigt zu glauben, daß die Anchusa gerade in diesem Zweige der Farbekunst den geringsten Eingang finden wird, weil die Farbe überaus schwer, ganz gleichförmig durch alle Theile der Faser, und auf der Oberfläche derselben darzustellen ist. Meine darin angestellten Versuche bestehen in Folgendem:

Ein Pfund weißgebleichtes schafwollenes Strikgarn wurde mit 7 Loth Alaun und 3 Loth Weinstein in einer angemessenen Portion Wasser angesotten, nach dem Ansieden und einigem Erkalten das Garn ausgedrükt und gut abgetroknet. Die eine Hälfte ließ ich auswaschen, und wieder gut abtroknen. Ich brachte nun beide halbe Pfunde in die weingeistige Pigmentauflösung, drükte sie mehrere Male darin aus, um eine gleichförmige Farbenaufnahme zu bezweken, und troknete sie ab. In diesem Zustande erschienen beide in einer Art Lachsfarbe, die sich einer matten ziegelrothen Farbe näherte. Nach dem Auswässern und Durchnehmen im heißen Wasserbade änderte sich die Schattirung in Lilasfarbe um. Wurde die Operation des Ansiedens und Färbens noch ein bis zwei Mal wiederholt, so erhielt ich statt purpurvioletten Nuancen, Farbenabstufungen, welche mehr ins Kirschbraune übergingen.

Gebleichte schafwollene Stoffe mit der essigsauren Thonerde kalt imprägnirt, getroknet, nachgehends gut ausgewaschen, wieder getroknet, und mit weingeistigem Anchusa-Pigment colorit, erscheinen nach |123| dem Abtroknen röthlichviolett. Durch Auswaschen im Wasser und Durchnehmen im heißen Wasserbade ändert sich die Farbe in ein bleibendes Purpurviolett um, welches um so satter und dunkler in der Abstufung gewonnen werden kann, als das Beizen und Coloriren noch ein oder zwei Mal wiederholt wird.

Aus diesen Versuchen geht für die Schafwollenfärberei hervor:

1) Daß die mit der essigsauren Thonerde kalt gebeizten schafwollenen Stoffe in der weingeistigen Anchusa-Infusion eine bessere violette Farbe annehmen, als die mit Alaun und Weinstein angesottenen.

2) Daß, wenn die Stoffe eine schöne dunkelviolette Farbe erhalten sollen, das Imprägniren und Farben zwei bis drei Mal wechselsweise wiederholt werden muß.

3) In der Schafwollenfärberei hat man insbesondere darauf Acht zu geben, daß die Stoffe sowohl beim Grundiren als Färben sehr sorgfältig manipulirt werden, wodurch einzig und allein eine sittenlose ganz gleichförmige Farbe erzielt werden kann.

Ungarn und einige andere Provinzen des östreichischen Kaiserstaates bieten durch den Handel die Anchusa tinctoria in solcher Menge dar, daß selbst ein großer Theil des Auslandes damit versehen wird. Es ist daher in staatsökonomischer Beziehung um so wünschenswerther, jenem einheimischen Landesproducte eine möglichst ausgedehntere Verwendung in unseren eigenen Färbereien zu verschaffen, wodurch die Erzeugung vermehrt, und der Absaz um so dauernder gesichert wird.

Wir entnehmen diese Abhandlung aus den Mittheilungen für Gewerbe und Handel, herausgegeben vom Vereine zur Ermunterung des Gewerbsgeistes in Böhmen 1834. Erste Lieferung, S. 13. Ueber den Zwek und Inhalt dieser Zeitschrift, deren Redacteur Herr K. J. Kreutzberg, Geschäftsführer der Vereinskanzlei, ist, enthält der diesem Hefte beiliegende Anzeiger die ausführlichen Nachweisungen.

A. d. R.

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