Titel: Einiges über Snowden's Eisenbahn mit Zahnstange.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 53, Nr. XXX. (S. 162–166)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj053/ar053030

XXX. Einiges über Snowden's Eisenbahn mit Zahnstange.

Aus dem Mechanics' Magazine, No. 566, S. 178.

Mit Abbildungen auf Tab. III.

Die Aufmerksamkeit des englischen Publikums wurde in neuester Zeit abermals auf jene Eisenbahn und jene Art von Wagen, auf welche sich der bekannte Mechaniker Wilh. Franz Snowden vor mehreren Jahren ein Patent ertheilen ließ, gelenkt, und zwar durch eine gedrukte Broschüre, in welcher Hr. John Ward Esq. die Verdienste dieser Erfindung aufs Höchste anpreist.31) Hr. Ward versichert nämlich ganz ernstlich, daß Snowden's bewundernswerthe Erfindung ohne Scheu mit dem besten Dampfwagen in Vergleich gebracht werden kann, und sowohl in Hinsicht auf Kraft und Geschwindigkeit, als in Hinsicht auf Anschaffung- und Unterhaltungskosten alle derlei Erfindungen übertreffen wird. Wir wollen daher hienach zuerst in Kürze zeigen, worin denn diese gepriesenen Erfindungen |163| bestehen, und dann zu zeigen suchen, in wiefern ihnen die Vorzüge, die man ihnen zuschreibt, auch wirklich zukommen.

Fig. 12 ist ein Aufriß der Eisenbahn mit dem dazu gehörigen Wagen im Durchschnitte; Fig. 13 ist ein Endaufriß, und Fig. 14 ein Grundriß. Alle diese Zeichnungen wurden theils nach einer kleinen Bahnstreke, welche Hr. Snowden auf seinem eigenen Grund und Boden erbaute, und die wir selbst zu untersuchen Gelegenheit hatten; theils nach der Abbildung eines Wagens entworfen, der nach Hrn. Ward's Ansicht am meisten zur Anwendung von Menschenkräften als Triebkraft geeignet seyn dürfte.

Die Eisenbahn besteht aus zwei Seitenschienen, welche auf zwekmäßigen Unterlagen ruhen und gehörig zusammengehalten werden, während die Flächen Oberflächen L, L derselben 3 Zoll in der Breite messen. An der inneren Seite der einen dieser Schienen, und unmittelbar unter der oberen Platte läuft eine Zahnstange K, in welche ein horizontales Zahnrad B von 4 Fuß 6 Zoll im Durchmesser eingreift. Die Welle A dieses Rades steigt senkrecht durch den Mittelpunkt des arbeitenden Theiles des Wagens empor. Unter diesem Rade ist lose und an derselben Welle ein anderes Rad C angebracht, welches keine Zahne hat, und welches dazu dient, das Zahnrad in gehöriger Höhe zu erhalten. Ein anderes, dem Rade C ähnliches Rad D befindet sich unter dem für die Reisenden bestimmten Theile des Wagens, und verhindert das Abgleiten desselben von den flachen Schienen L, L Die Kurbel G wird von Männern getrieben, welche wie beim Vorspinnen sizen, indem diese Stellung bekanntlich die zur Ausübung der Kraft eines Menschen vortheilhafteste ist. Diese Kurbel sezt die beiden Rollen H, H in Bewegung, und diese treiben ihrerseits durch ein eigenes, mit ihnen in Verbindung stehendes Räderwerk die Welle A, wodurch der Wagen selbst getrieben wird. Zur Ausgleichung der Bewegung ist ein Flugrad F von gewöhnlichem Baue angebracht, und außerdem bemerkt man auch noch zwei Leitungswalzen E, durch welche sich der Wagen allen Ungleichheiten, welche die Eisenbahn allenfalls darbietet, anpaßt. Die Wagenräder können, da die Schienen keine hervorstehenden Ränder haben, irgend eine der gewöhnlichen Formen haben; in der Zeichnung ist ihnen eine kegelförmige Gestalt gegeben, die jedoch gerade die unvortheilhafteste Gestalt, die man ihnen geben kann, seyn dürfte.

Hr. Snowden berechnet das ganze Gewicht seines Wagens mit der Einrichtung für 16 Personen, mit Ausschluß der an der Kurbel beschäftigten Menschenhände, auf nicht mehr als 18 Cntr. Die Vorzüge, welche Hr. Ward nun dieser Erfindung zuschreibt, sind folgende:

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1) Bei der Anwendung der Zahnstange und des Zahnrades ist es ziemlich gleichgültig, ob die Eisenbahn eben oder uneben ist; die Eisenbahn kann ganz der natürlichen Neigung des Bodens folgen, so daß also die ungeheuren Ausgaben für das Abgraben von Hügeln und für das Ausfüllen von Vertiefungen wegfallen. Die Kosten der Eisenbahnen werden sich hienach nicht höher belaufen, als auf die Anschaffungskosten des Eisens, auf den Ankauf des Grundes und Bodens und auf den Arbeitslohn.

2) Die Schienen werden, da sie eine flache Oberfläche und keine hervorstehenden Ränder darbieten, dem Fortschreiten des Wagens so wenig Widerstand als möglich entgegensezen.

3) Die Anschaffungskosten der Wagen werden, wenn Menschenhände als Triebkraft benuzt werden, nicht nur nicht 1000 Pfd. St. betragen, wie dieß bei den Dampfwagen der Fall ist, sondern sie würden sich höchstens auf 100 Pfd. belaufen; und dabei würden die Kosten für Reparaturen höchst unbedeutend seyn.

4) Die aus Menschenhänden bestehende Triebkraft kann jederzeit nach dem Gewichte der Lasten und der Reisenden regulirt werden, während die Dampfkraft immer eine und dieselbe bleibt, und dadurch würden die jährlichen Kosten gleichfalls bedeutend vermindert werden.

5) Man kann Reisende nach diesem Plane mit einem hinreichenden Gewinne für einen Penny (3 kr.) per engl. Meile, und Güter für 5 Farthing per Tonne mit einer Geschwindigkeit von 20 engl. Meilen in der Stunde fortschaffen, während der Frachtlohn auf der Liverpool-Manchester-Eisenbahn bei einer nicht größeren Geschwindigkeit für Reisende 2 Pence (6 kr.) und für die Tonne Waare 2 Pence 3 Farthings per engl. Meile beträgt.32)

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Die Berechnung, auf der diese Resultate beruhen, geht davon aus, daß die Kraft von 4 Männern, welche eine Kurbel drehen, 144 Pfd. beträgt, und daß diese Kraft mehr als hinreichend ist, um 3 Tonnen einen Arbeitstag von 8 Stunden hindurch mit einer Geschwindigkeit von 20 engl. Meilen in der Stunde fortzuschaffen.

6) Der Verbrauch an Brennmaterial, das Lästige des Rauches und der Hize fallen weg, so wie auch alle Gefahren von Explosionen.

7) Endlich kann man bei der Anwendung der menschlichen Kräfte gewiß mit geringeren Kosten schnell reisen, als dieß mit den Dampfwagen von irgend einer Art möglich ist; und außerdem wird dadurch der große Zwek erreicht, vielen Individuen, die gegenwärtig vergebens nach Arbeit suchen, eine einträgliche Beschäftigung zu verschaffen. Hrn. Snowden's Erfindung wird daher der Klage über Uebervölkerung wesentlich steuern, und die ganze große Gesellschaft wird dadurch einen neuen Impuls erhalten, der zuverlässig viel zur Verbreitung von allgemeiner Zufriedenheit und Wohlfahrt beitragen wird.

Wir wollen nun sehen, in wiefern diese Behauptungen Stich halten.

Ad 1. Die Anwendung der Zahnstange und des Zahnrades auf Eisenbahnen ist, obwohl sie von Hrn. Ward als Snowden's Erfindung erklärt wird, nichts weniger, als neu; sie bildete im Gegentheile das Wesentliche des Patentes, welches Blenkinsop bereits im Jahre 1811 auf einen Eisenbahnwagen nahm, und wurde von Hrn. Thomas Gray im Jahre 1818 in seinem Werke über eine allgemeine Eisenbahn lebhaft vertheidigt. Wir selbst sagten in einem früheren Bande, daß die Anwendung der Zahnstange beim Transporte von sehr schweren Lasten über alle Arten von flachen Schienen einen großen Vortheil voraus haben müßte, indem die bloße Adhäsion von ebenen Flächen nie so gut wirken könne, als eine gute Verzahnung. Gern gestehen wir jedoch Hrn. Snowden die Erfindung einer besseren und vorteilhafteren Anwendung der Zahnstange und des Zahnrades, als sie Hr. Blenkinsop oder irgend einer seiner Nachfolger erdachte, zu; denn sie ist einfach, und wird, wie wir gar nicht zweifeln, in der Praxis gewiß gute Dienste leisten.33) Wir glauben jedoch, daß sich diese Vortheile bloß auf jene Gegenden beschränken werden, in welchen bedeutende Anhöhen, die sich entweder gar nicht, oder nur mit ungeheuren Kosten ebnen lassen, zu übersteigen sind; denn überall, wo sich eine vollkommen ebene Eisenbahn ohne große Schwierigkeiten und ohne große Kosten herstellen läßt, |166| wird dieselbe um so besser seyn, je ebener und glatter sie ist. Es gibt nämlich keine Geschwindigkeit oder Kraft, die sich auf einer horizontalen Eisenbahn nicht auch durch bloße Adhäsion erzielen ließe.

2) Die Fläche der Snowden'schen Schienen und der Mangel der hervorstehenden Ränder sind zwar offenbare Vortheile; allein diese werden durch die größere Reibung, welche die Zahnstange und die Zähne des Rades erzeugen, wieder reichlich aufgewogen.

3) Die Ersparnisse in den Anschaffungskosten der Wagen und an den Kosten der Reparaturen werden ohne Zweifel sehr groß seyn.

4) Daß die Menschenkraft je nach der fortzuschaffenden Last, und je nach der zu erzielenden Geschwindigkeit, auf angemessene Weise vermehrt oder vermindert werden kann, als dieß bei der Dampfkraft möglich ist, ist gleichfalls richtig. Die Maschine eines Dampfwagens bleibt, was das darauf ruhende Capital betrifft, immer eine und dieselbe, obschon die Quantität der Arbeit, die sie liefert, oft sehr verschieden seyn kann. An Hrn. Snowden's Wagen hingegen wird die Zahl der verwendeten Menschenhände bei jeder Fahrt und bei jeder Veränderung der Last wechseln.

5) Die Berechnungen des Fuhrlohnes, bei welchem Hrn. Ward zu Folge die Snowden'schen Wagen noch mit Vortheil fahren können, beruhen auf sehr unvollkommenen und sehr ungenügenden Thatsachen. Glaubt er die 20 engl. Meilen per Stunde auf einer ebenen oder auf einer geneigten Bahn zu erreichen? Welchen Grad von Neigung rechnet er in lezterem Falle, oder glaubt er, daß für alle Neigungen eine und dieselbe Kraft erforderlich ist? Wir können nicht einsehen, woher er die Materialien zu seiner Berechnung nahm, und glauben daher, dieselben seyen aus der Luft gegriffen.

6) Die Abwesenheit von Hize, Rauch und Explosionsgefahr sind unbestreitbare Vortheile.

7) Was aber endlich die glänzenden Erwartungen betrifft, mit denen Hr. Ward schließt, und nach welchen in Zukunft alle unbeschäftigten Menschen sehr nüzliche und einträgliche Beschäftigung finden sollen, nach denen alle Furcht vor Uebervölkerung verschwinden würde, so scheinen uns dieselben ganz unbegründet. Daß man mit Hülfe der Menschenkraft eben so schnell und wohlfeiler als mit Dampfkraft reisen könne, ist eine bisher nur von Hrn. Ward aufgestellte, und alles Beweises ermangelnde Behauptung, welche gegen alle Erfahrung und sogar gegen alle Wahrscheinlichkeit streitet. Wäre sein Princip richtig, so müßten sich die Vortheile der Menschenkraft nicht bloß auf den Eisenbahnen mit Zahnstangen, sondern eben so auch auf den glatten Schienen erweisen.

|162|

Die Broschüre erschien im laufenden Jahre bei E. Wilson zu London unter folgendem Titel: A new Discovery, whereby Manual Labour can be most advantageously substituted for Steam-Power on Railways. Being an Exposition on the Merits and National-Importance of Mr. Snowden 's Patent Improvements on Railway's and Carriages.“ Wir haben zwar schon im Polytechn. Journale Bd. XX. S. 326 und S. 404 die im Jahre 1824 patentirte Erfindung des Hrn. Snowden bekannt gemacht, sehen uns aber bei dem großen Aufsehen, das sie in neuerer Zeit wieder machte, veranläßt, noch ein Mal auf dieselbe zurükzukommen, und zwar um so mehr, da gegenwärtige Zeichnung einige Modificationen der früheren darbietet, und da hier in diesem Aufsaze die angeblichen Verdienste dieser Erfindung näher beleuchtet werden.

A. d. R.

|164|

Der gegenwärtige Frachtlohn auf dieser Eisenbahn ist etwas höher; denn er beträgt dem lezten halbjährigen Berichte der Direktoren dieser Bank gemäß für Reisende für die ganze Streke 5 Schill. 1 1/4 Den., für Waaren hingegen 9 Schill. 8 1/2 Den., per Tonne. Anm. d. Mech. Mag., Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß Hr. Thom. Gray, Verfasser der Bemerkungen über Eisenbahnen, in demselben Blatte des Mech. Magazine, S. 482 einen Aufsaz bekannt machte, in welchem er den Directoren der fraglichen Eisenbahn Vorwürfe über hohen Fuhr- und Frachtlohn auf derselben machte. Er ist der Ueberzeugung, daß die Compagnie bei einem um die Hälfte herabgesezten Fuhrlohne sehr gute Geschäfte machen, und daß hiedurch der Verkehr auf der Eisenbahn erst wahres Leben bekommen würde. Ja er hält die hohen Preise, wie uns scheint, ganz richtig für so sehr mit dem Interesse Her Compagnie im Widerspruche stehend, daß er frägt, wie viele Actienbesizer der Eisenbahn denn auch zu den Eigenthümern des Canales zwischen beiden Städten gehören, welche Eigenthümer bekanntlich die größten Feinde der Eisenbahn sind? Hr. Gray erinnert hiebei am Schlusse wieder an sein National-Eisenbahnsystem, welches er seit dem Jahre 1820 jährlich der englischen Regierung vorlegt, und welches seiner Ansicht nach so viel abwerfen müßte, daß es nicht nur zur Bestreitung der jährlichen Kosten des Staatshaushaltes, sondern nach und nach sogar zur Tilgung der enormen englischen Staatsschuld hinreichen müßte)!

A. d. R.

|165|

Wir verweisen in Betreff der verzahnten Eisenbahnen unsere Leser auch noch auf das Polyt. Journal Bd. XLIV. S. 167.

A. d. R.

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