Titel: Bericht über die Ursachen der Explosion des Dampfbootes Neu-England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 53, Nr. LIII. (S. 321–331)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj053/ar053053

LIII. Auszug aus dem Berichte der Commission, welche von der Connecticut-Dampfboot-Compagnie zur Erforschung der Ursachen der Explosion des Dampfbootes Neu-England ernannt wurde.63)

Aus dem Franklin Journal im Mechanics' Magazine, No. 561, S. 82.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

Als wir uns, berichteten die Commissäre, am Bord des verunglükten Dampfbootes begaben, fanden wir, daß jene Theile, auf denen sich die Dampfkessel befanden, so wie das Kesselhaus, die Gitter, und anderes zunächst gelegenes Holzwerk durch die Explosion ganz zerstört worden. Der vordere Theil der Damencajüte auf dem Hinterdeke war gleichfalls nach Einwärts gedrängt und zum Theil zerstört; jener Theil des Promenadeverdekes endlich, der sich von genannter Cajüte bis zum Maschinenraume in der Mitte des Bootes erstrekte, wurde gänzlich weggeschwemmt. Die Maschine war unverlezt geblieben; allein die Dampfröhre, die von einem der Dampfkessel auslief, war an jener Stelle, an der sie sich mit der Dampfröhre des auf der Steuerbordseite gelegenen Dampfkessels zur Bildung der Hauptdampfröhre verband, abgebrochen. Die Sicherheitsklappe, die sich in der Nähe der Verbindung der beiden Seitenröhren an der Hauptdampfröhre befand, blieb unbeschädigt; sie war groß und dem Anscheine nach gut gebaut. An derselben Stelle der Hauptdampfröhre befand sich ein Queksilbermanometer, das auch nach der Explosion noch vollkommen in Ordnung war, und aus welchem das Queksilber nicht hinausgeschleudert wurde. Man zeigte uns auch noch zwei andere ähnliche Manometer, die an den beiden Dampfkesseln, und zwar an jenem Theile derselben, den man den Dampfrauchfang zu nennen pflegt, angebracht waren, indem dieser Theil, da er innen nicht mit Wasser in Berührung stand, höher, als irgend |322| ein anderer Theil des Kessels erhizt wird. Diese beiden Manometer wurden durch die Explosion fortgeschleudert; in einem derselben fand man nach der Explosion noch einen Theil des Queksilbers, womit er beladen worden. Es fand sich, daß diese Manometer so berechnet waren, daß sie einem Druke von beiläufig 32 Pfunden auf den Zoll widerstanden, ohne daß Queksilber herausgeworfen wurde.

Die Ueberreste der Kessel gaben hinreichende Beweise von der großen Heftigkeit der Explosion. Die Kessel bestanden aus ausgewalztem Kupfer von der gewöhnlichen Dike; ihre ursprüngliche Form, die man aus der beigefügten Zeichnung ersieht, war halbkreisrund mit verlängerten, senkrecht stehenden Seiten, die am Grunde mit ähnlichen Ausbreitungen der unteren Bogen, welche die Deken der beiden, der Länge nach durch jeden Kessel laufenden Hauptfeuerzüge bildeten, vereinigt waren. Die innere Ausbreitung dieser Bogen erstrekte sich gleichfalls in zwei parallelen Seitenwänden bis auf den Boden des Kessels herab, und bildete den sogenannten Wassergang (water-leg). Diese parallelen oder flachen Seiten, so wie der mittlere Gang waren in Entfernungen von 9 Zollen von einander durch kupferne Bolzen von 7/8 Zoll im Durchmesser mit einander verbunden. Diese Bolzen gingen nämlich durch die Seitenwände, und befestigten die äußeren Platten der Wassergänge an den inneren, so daß zwischen beiden zur Aufnahme des Wassers ein Raum von 3 bis 4 Zollen blieb. Die Bogen oder Deken der Feuerzüge waren gleichfalls durch Klammern und Bolzen oder andere Befestigungsmittel an den oberen Theilen des Kessels befestigt, um noch größeren Schul gegen den Druk nach Abwärts, dem die Bogen ausgesezt sind, zu gewähren.

Innerhalb dieser Bogen, im Inneren des Kessels, befanden sich 5 runde Feuerzüge, die mit Wasser umgeben waren, und welche sich in horizontaler Richtung der Länge nach durch den Kessel erstrekten. Das Feuer kehrte, nachdem es unter den Bogen beinahe durch die ganze Länge des Kessels gezogen, durch diese Feuerzüge an den vorderen Theil des Kessels zurük, wo sich diese Feuerzüge in einen gemeinschaftlichen Rauchfang vereinigten. Der untere Theil des Rauchfanges wurde eine Streke von einigen Fußen entlang durch eine cylindrische Ausbreitung des inneren und äußeren Gehäuses des Kessels gebildet, und der dadurch entstehende innere und äußere Cylinder wurde durch Klammern und Bolzen an einander befestigt. In diesem Theile des Kessels wurde der Dampf durch den Durchzug des Feuers oder der Hize durch den inneren Cylinder erhizt und verdünnt; er wird daher auch der Dampfschlot (steam-chimney) genannt, und an ihm befinden sich auch die Röhren, die den Dampf |323| in die Maschine leiten. Alle diese Theile hatten durch die Explosion nicht Schaden gelitten; sondern man fand sie theils an den Feuerzügen des einen Kessels, theils an den Ueberresten des äußeren Gehäuses des Kessels unversehrt. Die cylindrischen Feuerzüge, die im Falle eines Mangels des Kessels an Wasser zuerst der Einwirkung der Hize ausgesezt werden mußten, waren vollkommen in Ordnung geblieben; auch konnte man keine Spur einer solchen Einwirkung der Hize an ihnen entdeken. Jene des Kessels der Bakbordseite wurden mit dem einen Ende gegen die Umschließung des Wasserrades geschleudert; jene des Kessels an der Steuerbordseite hingegen wurden in einer Stellung gefunden, aus welcher hervorgeht, daß sie über den Hintertheil des Bootes hinaus über Bord geschleudert wurden, und in einiger Entfernung von dem Bakbord-Hinterdeke in den Fluß fielen. Das Gehäuse eben dieses Kessels ward nach Auswärts in den Fluß geschleudert, jenes des Kessels an der Bakbordseite hingegen wurde gleichfalls von den Feuerzügen getrennt, und gegen das Ufer geschleudert, wo es an dem Rande der Werfte, von welcher das Boot im Augenblike der Explosion beiläufig 30 Yards weit entfernt war, gefunden wurde. Sowohl das äußere Gehäuse, als die inneren Bogen der Kessel hatten ihre ursprüngliche Form gänzlich verloren, und großen Theils war das Innere derselben nach Außen gekehrt worden; das Ganze war auf eine schwer zu beschreibende Weise verändert. Die Kessel waren nicht, wie dieß bei einigen Explosionen von Dampfkesseln der Fall war, bloß in den Hauptfeuerzug geborsten, ebensowenig war ein Theil abgerissen und zerrissen, mit Beibehaltung der äußeren Form, und ohne daß die Kessel von ihrem Lager entfernt worden wären, wie dieß bei anderen Explosionen der Fall war; sondern die Kessel des Neu-England waren ganz zerrissen, und wie ein Kleid in eine Masse zusammengefaltet, so daß es für jeden Ungeübten schwer gewesen wäre zu entdeken, wie die verstümmelten Theile je auf eine symmetrische und feste Welse mit einander verbunden seyn konnten.

Die Kessel sahen aus, als wären sie fest und stark gebaut gewesen; das Kupfer war an allen zerrissenen Stellen zäh und fehlerfrei; auch zeigte es nirgendwo jene Färbung, die es annimmt, wenn es ohne mit Wasser überdekt gewesen zu seyn, einer großen Hize ausgesezt wurde. Die Dike des Metalles war an verschiedenen Theilen verschieden; die Wassergänge waren aus Nr. 3, die Gehäuse aus Nr. 4 und die zurüklaufenden Feuerzüge aus Nr. 5 verfertigt; und diese Stärke war in allen diesen Fällen dem zu leistenden Widerstande angemessen. Außerdem waren alle Theile des Kessels auch noch durch zahlreiche Bolzen und Klammern verstärkt.

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Zu größerer Deutlichkeit fügen wir in Fig. 48 noch einen Längen- und in Fig. 49 einen Querdurchschnitt der Kessel des Neu-England bei. a ist hier das äußere Gehäuse oder der Mantel des Kessels; b, b sind die Bogen oder die Scheitel der Hauptfeuerzüge; d, d, d die Wassergänge; e, e, e, e die oberen oder zurüklaufenden Feuerzüge; f, f, f ist das in den Kesseln befindliche Wasser; g, g, g, g sind die Durchgänge für das Feuer; h ist der eiserne Schlot, der über seiner Verbindung mit dem Dampfschlote abgeschnitten ist; j ist das Ofenthürchen; i endlich sind die Wasserhähne.

Die verschiedenen Theorien und Vermuthungen über die Veranlassung der Explosion lassen sich unter folgende Abschnitte bringen.

1) Glaubte man, sie sey die Folge einer großen plözlich entwikelten Quantität Gas, und zwar wahrscheinlich von Wasserstoffgas.

2) Hielt man dafür, daß die Wassergänge d, d, d und die unteren Theile des Kessels zu stark erhizt worden seyen, indem das Wasser durch den Dampf in den oberen Theil des Kessels getrieben wurde, und daß dann beim Zurükkehren des Wassers in dieselben eine zu rasche Dampfentwikelung Statt gefunden habe.

3) Suchte man die Ursache in einem Mangel der gehörigen Wassermenge zur Zeit der Explosion, welcher Mangel entweder durch Nachlässigkeit der Aufseher oder dadurch entstand, daß diese Lezteren bei der Beobachtung der Wasserhähne getäuscht wurden. Man nahm an, daß das Metall der Kessel durch die Hize erweicht wurde, oder daß das plözliche Ueberströmen der erhizten Metallfläche mit Wasser, welches durch das plözliche Entweichen von Dampf an der Sicherheitsklappe hervorgebracht wurde, augenbliklich eine so große Menge Dampf erzeugte, daß der Kessel bersten mußte.

4) Glaubte man die Ursache in einer höheren Spannung des Dampfes, als sie der Kessel auszuhalten im Stande war, suchen zu müssen.

Wir wollen Einiges über diese verschiedenen Ansichten bemerken.

Ad 1. Als wir am Orte der Zerstörung ankamen, fanden wir, daß die Ansicht, nach der die Explosion durch irgend ein Gas erzeugt worden wäre, bei einer großen Anzahl verständiger und denkender Männer am meisten in Gunst stand: die außerordentliche Kraft, welche zur Erzeugung einer so gewaltigen Explosion erforderlich war, macht das Forschen nach einer außerordentlichen Veranlassung sehr erklärlich. Wir können jedoch keinen Grund abnehmen, der uns zur Annahme einer solchen Ansicht bewegen könnte. Wir glauben, daß es selbst bei der Anwendung von eisernen Kesseln noch |325| nie factisch erwiesen worden, daß durch die Erhizung derselben bis zum Rothglühen eine solche Quantität Wasserstoffgas entwikelt werden könne, welche eine Explosion hervorzubringen im Stande wäre, obschon es bekannt und unbestreitbar ist, daß das Eisen, wenn es in diesem Grade erhizt worden, die Eigenschaft besizt, das Wasser zu zersezen und Wasserstoffgas zu entbinden, und daß dieses frei gewordene Gas wirklich die Kraft des Dampfes noch erhöht. Allein es ist wohl zu bedenken, daß die Zersezung des Wassers und die daraus folgende Entbindung von Wasserstoffgas durch die Oxydation und das Abkühlen des Eisens beschrankt wird. Der Dampf wurde noch nie durch die Hize allein zersezt. Die Verbindung der Elemente des Wassers, nämlich des Sauerstoffes und Wasserstoffes, weicht wohl der Elektricität, und besonders der galvanischen, keineswegs aber der Hize allein, wie hoch dieselbe auch seyn mag. Die Hize muß, wenn dieß geschehen soll, immer noch durch die Attractionskraft, die gewisse Substanzen auf den Sauerstoff ausüben, und die denselben dem Wasserstoffe entziehen, unterstüzt werden; das Kupfer kann dieß selbst bei der Weißglühhize nicht; es würde in diesem Zustande immer nur eine große Menge Dampf, allein kein brennbares Gas erzeugen.64)

An den Kesseln des Neu-England befand sich kein Eisen; alle Bolzen und Nieten bestanden, wie die Kessel selbst, aus Kupfer. Nur in den Rauchfängen befanden sich einige Quadratfuß Eisenblech, zu denen der Dampf Zutritt hatte, und die gewiß nicht selten zur Rothglühhize kamen. Diese dem Dampfe ausgesezte Eisenfläche wurde jedoch bald oxydirt, und dadurch unfähig, das Wasser zu zersezen. Angenommen jedoch, daß bei der fraglichen Explosion diese Zersezung in einem gewissen Grade Statt fand, so würde das frei gewordene Wasserstoffgas, als der leichteste bekannte Körper, doch nicht in den Kessel herabgestiegen, sondern vielmehr in die Dampfröhre und von hier in den Cylinder übergegangen seyn. Hier würde |326| dasselbe zwar, indem es sich nicht condensiren läßt, die Kolbenhube beeinträchtigen, allein am Ende würde es doch in den Verdichter übergehen, und dann durch die Luftpumpe in die atmosphärische Luft entweichen. Diese Erzeugung von Wasserstoffgas würde, wenn sie je Statt findet, nur auf ein Paar Tage, so lange der Rauchfang noch neu ist, beschränkt seyn; auch würde die Quantität zu gering seyn, als daß sie auch nur einige Wichtigkeit erlangen könnte. Da jedoch das Wasserstoffgas, wenn es mit einer gewissen Menge Luft vermengt wird, ein mit Heftigkeit explodirendes Gas gibt, so dachte man, daß das Wasserstoffgas bei den Explosionen der Dampfboote auch auf gleiche Weise wirke. Allein um das Gasgemenge explodirbar zu machen, würde eine Quantität Luft erforderlich seyn, von der wir nicht einsehen, wie sie in die Maschine käme. Wir sind daher der Ueberzeugung, daß unter den gegebenen Umständen weder Wasserstoffgas, noch irgend ein anderes Gas zur Explosion eines Dampfbootes anders beitragen kann, als daß es die Spannkraft gerade um so viel erhöht, als sie durch ein gleiches Volumen Dampf bei derselben Temperatur erhöht werden würde.

Ad 2. Was die Meinung, als sey die Explosion durch eine Ueberhizung der Wassergänge des Kessels veranlaßt worden, betrifft, so haben wir bis jezt noch keinen Beweis, daß das Metall, während es sich unter dem Druke einer darüber stehenden Wassermasse befindet, durch ein Fichtenholzfeuer überhizt werden kann. Auch ist zu bemerken, daß sich die Wassergänge größten Theils in der Nähe des Bodens der Feuerzüge befanden, und daher der Einwirkung des Feuers weniger ausgesezt waren, als dieß bei den Bogen und den höher gelegenen Theilen des Kessels der Fall ist. Noch nie kam an anderen nach gleichem Plane gebauten Kesseln ein Umstand dieser Art vor. In den Kesseln der Dampfwagen wird ein stark erhizter Luftstrom durch kupferne Feuerzüge getrieben, die mit einer weit geringeren Menge Wasser in Berührung stehen, und doch bedient man sich dieser Kessel mit aller Sicherheit. Wir können daher hierin unmöglich den Grund der Explosion entdeken.

Ad 3. Mangel an Wasser im Inneren des Kessels ist die gewöhnliche Ursache, der man die Explosionen zuzuschreiben pflegt. Daß bei dem Gebrauche der Dampfkessel und besonders bei jenen von der gewöhnlichen Stärke von dieser Seite immer einige Gefahr zu befürchten ist, ist unbestreitbar; in Ermangelung von anderen triftigen Gründen ist es daher auch am besten zu diesem, als dem wahrscheinlichsten, seine Zuflucht zu nehmen. Allein närrisch wäre es, wenn man diesen Grund gegen alle Erscheinungen annehmen, und wenn man selbst dann zu dieser Hypothese greifen wollte, wenn |327| die Erklärung auf andere Weise natürlicher geschehen kann. Wir fürchten, daß dieses beständige Festhalten an einem einzigen Grunde gerade dazu gemacht ist, die Explosionen zu vervielfältigen, und ewig wieder zu erneuern; denn so lange man bloß dieser Ansicht huldigen wird, wird man es immer vernachlässigen durch vermehrte Stärke der Kessel größere Sicherheit zu schaffen. Die fürchterliche Gewalt, die bei der Explosion, die hier untersucht werden soll, ausgeübt wurde, wurde, wie uns scheint, ohne allen hinreichenden Grund als ein Beweis dafür angeführt, daß die Explosion diesen Charakter an sich trug. Die gesammte Expansivkraft, welche auf die ganze innere Oberfläche eines jeden der beiden Dampfkessel wirkte, konnte nicht unter 3,000,000 Pfd. betragen, und daß eine solche Kraft der erfolgten Wirkung nicht unangemessen sey, wird man doch zugestehen müssen. Ueberdieß bemerkten wir, daß der große äußere Bogen und das äußere Gehäuse der beiden Kessel nicht zerrissen, sondern bloß von den Enden und dem inneren Gehäuse abgetrennt war; auch waren die oberen Feuerzüge zugleich mit den sie verbindenden Theilen, so wie auch der Dampfschlor unbeschädigt geblieben: lauter Erscheinungen, die im Falle der angenommenen außerordentlichen Explosivkraft unerklärlich waren: der Umstand, daß beide Kessel beinahe in einem und demselben Augenblike zersprangen, wurde gleichfalls zur Unterstüzung der fraglichen Hypothese angeführt; allein wir sehen nicht ein, wie daraus irgend ein Beweis für dieselbe abgenommen werden kann. Es ist nämlich bekannt, daß beide Kessel von verschiedenen Pumpen gespeist wurden, und daß beide der Aufsicht verschiedener Individuen übertragen waren, so daß sie also in jeder Hinsicht vollkommen von einander unabhängig waren. Es beruht daher auf keiner Wahrscheinlichkeit, wenn man sagt, daß die Speisung beider Kessel in einem und demselben Augenblike fehlerhaft wurde. Es scheint ferner, daß weder durch ein Heben der Sicherheitsklappe, noch durch das Abfahren der Maschine eine solche plözliche Befreiung der Kessel eingetreten sey, daß, im Falle eines Wassermangels, das Wasser plözlich wieder auf das erhizte Metall strömen konnte. Aus allen diesen Umständen zusammengenommen, aus dem gegenwärtigen Zustande des Metalles, aus welchem die Kessel bestanden, und endlich aus den Zeugenaussagen, aus denen hervorgeht, daß die Kessel zur Zeit der Explosion gehörig mit Wasser versehen waren, müssen wir daher auch diese dritte Ansicht als gänzlich unhaltbar verwerfen.

Ad 4. Wir sind daher nach allem Vorausgegangenen gezwungen uns der vierten der aufgestellten Ansichten anzuschließen, und behaupten auch einstimmig, daß die Explosion des Dampfbootes Neu-England |328| durch den Druk des Dampfes bewirkt wurde, der zwar auf gewöhnliche Weise erzeugt wurde, allein sich zu einem solchen Grade von Spannung ansammelte, daß die Kessel demselben nicht länger mehr Widerstand zu leisten im Stande waren.

Es scheint nach allen Umständen und nach den Aussagen zu schließen, daß das Dampfboot sehr schnell und unter der Einwirkung des Dampfes, der sich während der Landung zu Lyme angesammelt hatte, von diesem Orte abfuhr; daß es der Steuermann zur Erleichterung der Steuerung des Bootes für nöthig fand zu befehlen, daß der Dampf von der Maschine abgeschlossen werde, daß der Dampf während des größeren Theiles der Fahrt von Lyme bis Essex, eine Streke von 3–4 engl. Meilen, abgeschlossen blieb, indem die Drosselklappe ganz oder zum Theil geschlossen war; daß, als das Boot zu Essex anlangte, an den Manometern oder Eichmaaßen der Heizer ein Druk von beiläufig 26 Zoll bemerklich war, welcher einer Queksilbersäule von 52 Zoll oder einem Druke von beinahe 26 Pfd. auf den Quadratzoll gleich ist; daß die Sicherheitsklappe während des Anhaltens des Bootes zu Essex nicht gehoben wurde, um den Dampf auszulassen; daß vor der Explosion die Schwimmerstange des einen der Manometer bis zur Höhe des Kesseldekels, eine Höhe von 28 Zoll emporgestiegen war; und daß dieser Druk endlich rasch zunahm, während er bei keiner früheren Gelegenheit über 28 Zoll betrug. Da in zweien der Manometer das Queksilber geblieben war, so muß der größte Druk unter 32 Zoll betragen haben; wir glauben daher, daß sich der Dampf unter einem Druke von beiläufig 30 Zoll angesammelt hatte, und daß unter diesen Verhältnissen der schwächste Theil des einen oder beider Kessel nachgab, wodurch die benachbarten Theile aus einander gerissen, die zunächst gelegenen Bolzen und Klammern abgesprengt, und kurz die plözliche Zerstörung, so wie sie oben beschrieben ward, hervorgebracht wurde. Das Dampfgeräusch, welches Hr. Hayden, der sich am Ufer befand, vor der Explosion vernahm, scheint uns durch die natürliche Entladung des überschüssigen Dampfes durch die Sicherheitsklappe, welche bei einem Druke von mehr als 24 Zoll Statt finden mußte, hervorgebracht worden zu seyn. Dieses theilweise Entweichen von Dampf, welches einen großen Druk andeutete, scheint damals weder von den Maschinisten, noch von den übrigen mit der Maschine beschäftigten Personen besonders beachtet worden zu seyn. Es ist zwar wahr, daß die Maschinisten den hohen Grad von Druk, den die Heizer angaben, nicht beobachteten; allein der eine derselben gab auch an, daß er zu Essex das Manometer oder das Eichmaaß nicht beobachtete, und daß ex es später, als er sich an seinem Posten befand, |329| nicht sehen konnte; während der andere in der Dunkelheit der Nacht, und da er gleichfalls anderweitig beschäftigt war, die Bewegungen eines so kleinen Objectes, wie die Manometerstange leicht übersehen oder falsch beobachten konnte.

Daß beide Kessel beinahe gleichzeitig explodirten, dürfte wahrscheinlich dadurch Erklärung finden, daß beide so viel als möglich von gleicher Stärke, und nothwendig auch gleichem Druke ausgesezt waren. Auch läßt sich sehr wohl annehmen, daß dem zweiten Kessel von dem ersten eine plözliche und heftige Erschütterung mitgetheilt wurde, als ersterer den höchsten Grad seiner Spannung erlitt.

Man könnte vielleicht nach Hrn. Hall's Ansicht gegen den Schluß, zu welchem wir kamen, bemerken, daß die Kessel einen Druk von 50 Pfunden auf den Zoll ausgehalten haben würden, wenn jeder Theil derselben in vollkommen gutem Zustande gewesen wäre, und den ihn treffenden Antheil der einwirkenden Gewalt ausgehalten hätte. Allein bei aller Achtung vor der Autorität dieses Mannes scheint es uns doch, daß seine Schäzung etwas zu hoch ist, und daß bisher noch nie ein Kessel von der beschriebenen Art einer solchen Probe unterworfen worden. Aus den Versuchen Guyton Morveau's wissen wir, daß sich die Zähigkeit des Eisens im Vergleiche zu jener des Kupfers wie 549 zu 302 verhält, woraus sich zu Gunsten des Eisens ein Unterschied von mehr dann 80 Procent ergibt. Berechnet man nun hienach den Druk, bei welchem die beschriebenen Kessel nachgegeben haben sollen, so würden dieselben, wenn sie aus Eisen von gleicher Dike verfertigt gewesen wären, einen Druk von mehr dann 54 Pfund auf den Quadratzoll ausgehalten haben, – ein Druk, der unserer Ansicht nach zwei Mal so groß ist, als ein verständiger Mechaniker auf den Kessel einwirken lassen wird. Wir glauben übrigens auch, daß die wirkliche Stärke dieser Kessel im Vergleiche mit jenen, die man gewöhnlich für Hochdruk-Dampfmaschinen zu erbauen pflegt, den von uns gefaßten Beschluß vollkommen rechtfertigen wird.

Es hatte sich zwar das Gerücht verbreitet, daß die Explosion des Neu-England hauptsächlich durch ein Wettrennen veranlaßt wurde; allein wir konnten selbst bei genauer Nachforschung in der Concurrenz dieses Dampfbootes mit anderen nicht den geringsten Grund zur Explosion entdeken. Wir glauben auch nicht, daß jene Individuen, die zur Zeit der Explosion mit der Aufsicht auf die Maschine und auf das Boot beauftragt waren, einen schweren Tadel verdienen, und daß sie von aller absichtlichen Schuld frei zu sprechen seyen. Ihr Hauptfehler scheint nämlich darin gelegen zu seyn, daß sie auf die Festigkeit ihrer Kessel ein zu großes Vertrauen sezen, ein |330| Vertrauen, welches vielleicht von einer zu geringen Kenntniß der Behandlung von Maschinen von so großer Kraft herrührte, und welches sie die rasche Dampfentwikelung, die bei Maschinen dieser Art nöthig ist, übersehen machte. Es scheint nämlich bei der Behandlung solcher Dampfboote der Sicherheit halber nöthig, unmittelbar nach jedesmaligem Anhalten der Maschine den Dämpfer des Rauchfanges zu schließen und die Sicherheitsklappe zu öffnen, und diese Vorsichtsmaßregeln so lange fortzusezen, als der Aufenthalt dauert.

Wir sind vollkommen überzeugt, daß die Compagnie bei der Ausrüstung des Bootes Alles that, was sie zur Sicherheit und Bequemlichkeit der Reisenden thun konnte; die Eigenthümer scheuten in dieser Hinsicht keine Ausgaben, und wir zweifeln daher auch nicht, daß der ganze traurige Unglüksfall von diesen tiefer und schmerzlicher gefühlt wird, als von dem ganzen übrigen Publikum. Eine entfernte Veranlassung zu dem Unfalle mag vielleicht sogar gerade in dem Streben der Compagnie dem Publikum zu entsprechen liegen; denn aus diesem Grunde schaffte sie sowohl für den Neu-England als den Olwer Elsworth nach dem Mißlingen eines eisernen Kessels, dessen man sich früher auf lezterem Dampfboote bediente, kupferne Kessel an. Wahrscheinlich dürfte durch dieses Ereigniß die Vorliebe für die kupfernen Kessel sehr abnehmen, und zwar besonders bei jenen Dampfbooten, an welchen die zulezt erfundene ausdehnungsweise Benuzung des Dampfes eingeführt worden. Es ist nicht genug, daß die Zahl der Unfälle dieser Art im Vergleiche mit der Zunahme der Zahl der Dampfboote abnehme; oder daß die Dampfschifffahrt selbst gegenwärtig schon im Durchschnitte sicherer ist, als irgend eine andere Reisemethode, sondern es ist zur Bewirkung einer größeren Sicherheit noch immer Vieles zu thun übrig.

Die Vortheile der ausdehnungsweisen Anwendung des Dampfes sind so groß, daß es gar nicht denkbar ist, daß dieselbe je wieder aufgegeben werden wird, um so mehr, da sie gegenwärtig auch in England eingeführt zu werden beginnt. Allein wir glauben, daß man streng darauf dringen soll, daß unsere Dampfbooteigenthümer für Maschinen dieser Art Dampfkessel von größerer Stärke oder von stärkerer Form anwenden sollen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß, wenn der Kessel in allen seinen Haupttheilen vollkommen cylindrisch ist, und einen geringen Durchmesser hat, selbst ein Bersten oder ein Riß in demselben oder ein absoluter Mangel an Wasser selten von bedeutend nachtheiligen Folgen ist; während der große Grad von Stärke, den dergleichen Kessel über den gewöhnlichen Druk des Dampfes hinaus besizen, die Anhäufung des Dampfes bis zu einem gefährlichen Grade verhindert. Es ist bekannt, daß man kreisrunde |331| Feuerzüge von sehr geringer Größe mit immer größerer Sicherheit bauen kann, und wir sind überzeugt, daß man nach den hier aufgestellten Principien bald auch eine Verbindung der Theile ausfindig machen wird, bei welcher so viel Dampf erzeugt werden kann, als zur Speisung der größten Dampfmaschine erforderlich ist. Wir hoffen daher, daß, während die Gefahren der Dampfschifffahrt bald gänzlich verschwinden, und während alle unsere Flüsse und Seen mit Dampfschiffen, die zu den schönsten Geschenken der Kunst und Civilisation gehören, und unsere Straßen mit Dampfwagen werden befahren werden, sich nie mehr ein Unglüksfall wie der ereignen wird, der die Veranlassung zu gegenwärtigem Berichte gab. Unterzeichnet: B. Silliman, Prof. der Chemie; W. C. Redfield, Mechaniker und Agent der Dampfbootcompagnie zu Neu-York; Denison Olmstrad, Prof. der Naturgeschichte; Daniel Copeland, Mechaniker und Fabrikant von Dampfmaschinen; John F. Lawson, Mechaniker.

Die Explosion, die den Gegenstand dieses Berichtes bildet, ereignete sich am 9. Oktober 1833 zu Essex auf dem Hudson; es wurden dabei 6 Personen über Bord geschleudert, von denen 2 ertranken, 9 andere wurden so beschädigt, daß sie bald darauf verschieden. Die Commission untersuchte zuerst das Boot und die Ueberbleibsel der Kessel, und vernahm hierauf den Capitän, die Maschinisten, die Heizer und die übrigen Zeugen des Unfalles. Wir übergehen in diesem Auszuge diese Aussagen, und beschränken uns auf die wesentlicheren Resultate der Commission.

A. d. Mech. Mag.

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Das Kupfer geht in flüssigem Zustande und weißglühend durch eine hohe Wassersäule, und bleibt längere Zeit am Boden des Gefäßes glühend. Nach Adam Hall's Angaben verwandeln 10 Pfd. Kupfer, welche so weit erhizt sind, daß sie im Dunkeln kaum rothglühen, ein Pfund Wasser in Dampf, der bei dem gewöhnlichen atmosphärischen Druke über 27 Kubikfuß beträgt. Hieraus folgt also, daß kupferne Feuerzüge, die eine große Oberfläche und ein großes Gewicht darbieten, selbst bei einer weit unter der Rothglühhize stehenden Temperatur eine sehr große Menge Dampf erzeugen können. Diese Thatsache gibt, wenn es ja noch nöthig wäre, einen neuen Beweis, daß man sich ja hüten soll, das Wasser unter den Scheitel der Feuerzüge sinken zu lassen. Man sehe hierüber die Versuche Johnston's über die vergleichsweisen Quantitäten Dampf, die von verschiedenen erhizten Metallen erzeugt werden. A. d. O. – Die Resultate dieser Versuche sind auch im Polytechnischen Journale Bd. XLIV. S. 439 angegeben.

A. d. R.

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