Titel: Bericht über eine neue, für den Militärdienst bestimmte Flinte.
Autor: Olivier,
Fundstelle: 1834, Band 54, Nr. IV. (S. 5–15)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj054/ar054004

IV. Bericht des Hrn. Olivier über eine neue, für den Militärdienst bestimmte Flinte, von der Erfindung des Hrn. J. A. Robert in Paris, rue Coq-Héron No. 3 bis.

Aus dem Bulletin de la Société d'encouragement. Mai 1834, S. 177.

Mit Abbildungen auf Tab. I.

Ich habe die Ehre der Gesellschaft hiemit im Namen der Commission der mechanischen Künste Bericht über ein neues Schießgewehr zu erstatten, welches von der Kammer aus geladen wird, und welches dessen Erfinder, der verdiente Hr. J. A. Robert, hauptsächlich für den Militärdienst sehr geeignet hält.

Man braucht zum Laden der gewöhnlichen Flinten mit Steinfeuer bekanntlich einen Ladstok; auch ist der Soldat während der Zeit des Ladens beinahe entwaffnet, indem er zu diesem Behufe sein Gewehr mit dem Kolben auf den Boden stüzen muß. Bei allem dem wird die Kugel nicht ein Mal getrieben, ausgenommen der Lauf |6| ist gezogen, wo man dann einen Ladstok anwenden muß, dessen Kopf so schwer ist, daß man die am Grunde angelangte Kugel damit platt schlagen kann.

Wenn der Soldat ferner seinen Ladstok verliert, so ist er wenigstens in so weit entwaffnet, als er nicht mehr schießen, und sich nur mehr mit dem Bajonette und dem Säbel vertheidigen kann; er ist mithin, wenn er unter solchen Umständen in einer gewissen Entfernung vom Feinde im Gliede steht, unnüz.

Das Schloß dieser Flinten ist zusammengesezt und zu kostspielig; seine Theile lassen sich nicht leicht gegen andere austauschen, ausgenommen sie sind alle nach einem Modelle gearbeitet, und selbst dann sind geübte Arbeiter nöthig, um dieselben gehörig zusammenzusezen. Einige Stüke des Schlosses müssen von sehr genauen Dimensionen gearbeitet seyn; andere können leicht brechen. Das Zündkraut wird bei nassem Wetter leicht feucht, weßhalb bei solcher Witterung ein häufiges Versagen Statt findet.

Der Soldat wird, indem er das Zündkraut mit der Ladung aussäet, nicht selten verführt, etwas davon zu verschütten, um auf diese Weise den Rükstoß, welcher bei den Musketen sehr stark ist, zu vermindern. Hieraus erwächst der Nachtheil, daß die Flinten oft nicht weit genug tragen, und oft nicht in der Entfernung treffen, welche die Anführer beabsichtigten. Das Zündkraut belästigt, indem es sich in der geöffneten Zündpfanne entzündet, sowohl jenen, welcher schießt, als auch seinen Nachbar zur Rechten. Die Patrone kann sich entzünden, wenn die Flinte zu sehr erhizt ist, und wenn im Grunde der Kammer etwas Feuer zurükbleibt; und besonders weil, wenn die Vorladung eingetrieben wird, durch das Zündloch ein Luftzug von Innen nach Außen entsteht, welcher die am Grunde der Kammer befindlichen Funken leicht anfachen kann. Außerdem kann, wenn das Zündloch verschlossen ist, der Druk der Luft durch das Einstoßen des Ladstokes dergestalt vermehrt werden, daß die auf dem Boden der Kammer befindliche Ladung dadurch entzündet wird.

Der Rükstoß der Musketen ist sehr groß, weil der Kolben an denselben zu gerade ist; wäre der Kolben stärker gebrochen, so ließe er sich zwar besser anlegen, allein es würden dadurch auch mehrere beim Kriegsexercitium oder zur Verteidigung des einzelnen Mannes nöthige Bewegungen der Muskete weit schwerer ausführbar werden.

Die Flinte mit Schlagfeuer oder mit Piston hat große Vortheile vor der Flinte mit Steinfeuer; allein die Schwierigkeit, das Zündkraut mit der Patrone in Verbindung zu bringen, das Zugrundegehen der Röhrchen (cheminées), welche oft brechen und schwer auszuwechseln sind, werden der Einführung dieser Waffe noch |7| so lange im Wege stehen, bis dieselbe durch zahlreichere Versuche bewährt, und bis es gelungen ist, gewissen Unfällen vorzubeugen, und einigen Schwierigkeiten bei der Verfertigung derselben abzuhelfen. Uebrigens kommen der Flinte mit Schlagfeuer mehrere derselben Nachtheile zu, welche die Flinten mit Steinfeuer so unbequem machen. Der Soldat ist auch hier entwaffnet, wenn er den Ladstok verloren, verwechselt oder zerbrochen hat; er kann als Plänkler sein Gewehr nur dann laden, wenn er sich in einer etwas geschüzten Stellung befindet; und endlich können beide Arten von Flinten selbst in der Ruhe losgehen; abgesehen davon, daß sich die Patrone selbst beim Laden entzünden und dadurch großen Schaden bringen kann.

Die Flinten, welche von der Kammer aus geladen werden, gewähren dafür folgende Vortheile. Die Ladung kann nicht nur viel schneller geschehen, sondern es ist auch kein Ladstok dazu nöthig. Die Unglüksfalle, welche durch die Entzündung der Patrone im Augenblike der Einführung derselben in den Pulversak erfolgen können, sind höchst unbedeutend, indem die entzündeten Theile durch die Kugel vorne herausgetrieben werden, so daß, wenn sich die Patrone auch entzünden sollte, die Kugel sich doch nicht von der Stelle bewegen würde. Der Soldat könnte sich also höchstens den Daumen verbrennen, und selbst diese Verbrennung würde nicht so bedeutend seyn, daß sie den Soldaten dienstuntauglich machte.

Der Soldat kann, wenn er in einem Verhaue sizt, oder wenn er als verlorner Posten auf dem Bauche liegt, leicht laden, ohne daß er feine Stellung zu verändern braucht, was bei den Flinten mit Stein- oder Schlagfeuer nur höchst schwer möglich oder ganz unthunlich ist.

Es gibt zweierlei Arten von Flinten, welche von der Kammer aus geladen werden. An den einen ist der Lauf am Pulversake gebrechen, so daß sich der Lauf und der Kolben in keiner geraden Linie befinden; unter diesen Umständen ist der Soldat entwaffnet, denn er kann sich der Bajonette nicht bedienen. An den anderen bleiben der Lauf und der Kolben immer mit einander verbunden; der Pulversak hingegen ist gebrochen, und wird, um die Ladung einführen zu können, erhoben. Mit einer derlei Flinte ist der Soldat, wenn er als Plänkler ausgesendet wird, immer vollkommen bewaffnet; er wählt den zur Ladung günstigsten Augenblik, und kann sich während derselben sehr gut mir dem Bajonette gegen den Angriff eines Cavalleristen vertheidigen. Die Flinte des Hrn. Robert ist nach diesem Principe, welches das einzige auf Flinten zum Kriegsdienste anwendbare ist, eingerichtet.

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Es gibt zweierlei Methoden, die Ladung zu entzünden, d.h. die Entzündung geschieht entweder durch ein Zündkraut, welches außen angebracht wird, und nicht mit der Patrone in Verbindung steht; oder durch ein innen angebrachtes und an der Patrone befestigtes Zündkraut. An allen gewöhnlichen, mit Ladstöken ladbaren Flinten mit Schlagfeuer ist die erstere dieser beiden Methoden angenommen, obschon sie den Nachtheil hat, daß man sowohl mit Patronen, als mit einzelnen Zündkapseln versehen seyn muß; ist das Zündkraut hingegen an die Patrone gebunden, so muß der Soldat die Kapsel auf das Zündröhrchen sezen, und dann diese Kapsel von der Patrone befreien: eine Operation, welche bei der Nacht nicht so gar leicht ist, und welche um so unangenehmer ist, als die kleinen Kapseln leicht zwischen den Fingern rollen und verloren gehen, wodurch dann die ganze Patrone unbrauchbar wird.

Hr. Robert wendet ein Zündkraut an, welches an die Patrone befestigt ist, und welches beim Laden nicht von derselben getrennt zu werden braucht; der Soldat hat nichts weiter zu thun, als die Patrone in den Pulversak zu steken, und die Kammer zu schließen. Sein Zündkraut besteht aus einem kleinen Cylinder von beiläufig 2 Millimeter im Durchmesser und 10 bis 15 Millimeter Länge, welcher mit Knallpulver gefüllt ist. Dieser Cylinder ist in die Patrone gestekt, und so darin befestigt, daß er nicht los werden kann. Ein im Innern angebrachter Hammer schlägt diesen Cylinder auf einen Amboß, so daß die Ladung durch einen inneren und nicht durch einen äußeren Mechanismus entzündet wird.

Dieses Verfahren gewährt große Vortheile, und hätte man auch gewöhnliche Patronen, so wäre es doch leichter die Cylinderzündhütchen, als die Zündkapseln zu handhaben. Die Cylinder erfordern nicht so große Gewandtheit, als die Kapseln; man könnte sie überdieß auch länger machen, wo sie dann leichter in die Patronen gestekt werden könnten. Ich bestehe daher auf dieser Art von Zündkraut, und bin überzeugt, daß sich dieselbe sowohl auf der Jagd, als auf dem Schlachtfelde sehr vortheilhaft bewähren wird.

Versuche. Hr. Robert schoß in unserer Gegenwart hinter einander 60 Schüsse aus seiner Flinte, wodurch deren Lauf so heiß wurde, daß man die Hand nicht mehr darauf erleiden konnte. Hr. Robert machte dessen ungeachtet, und obschon zulezt einige Funken in dem Pulversake zurükblieben, noch einige Schüsse, ohne daß die Patrone beim Einführen Feuer gefangen hätte. Wir machten in dieser Hinsicht einen Versuch, aus welchem offenbar hervorging, daß der Soldat selbst dann, wann sich die Patrone entzünden würde, nur eine Verlezung des Daumens zu befürchten hätte, und daß diese |9| Verlezung überdieß nur unbedeutend seyn würde, indem er höchst wahrscheinlich die Hand sogleich zurükziehen würde, wenn er die Patrone in Brand gerathen sähe. Wenn er die Flinte so hält, daß der Pulversak nur 8 Zoll von seinem Körper entfernt ist, so hat er nichts zu befürchten; denn die Patrone wirkt hier gleich einer Rakete, welche, indem sie sich entzündet, die Kugel nach Vorne auszutreiben sucht, während sie nach Rükwärts und in der Richtung des Laufes Feuer ausspeit. Da übrigens das Pulver keine Vorladung hat, so ist der hiedurch entstehende Feuerstrom sehr kurz, und da der Pulversak erhoben ist, so geschieht es, daß die Patrone wie in einem kleinen, oben und unten offenen Behälter abbrennt.

Es wurde bei offenem Pulversake Erde in die Batterie geworfen, dann auf den Kolben geschlagen, und der Schuß nach der Ladung nicht im Geringsten gestört. Die Flinte wurde, um den Lauf abzukühlen, in Wasser getaucht, und konnte unmittelbar darauf wieder geladen und abgefeuert werden. Wir überzeugten uns, daß ein einiger Maßen geübter Mann mit dieser Flinte in jeder Minute 12 bis 15 Schüsse machen kann.

Man hatte die Einwendung gemacht, daß die Patrone nothwendig in einer bestimmten Stellung in diese Flinte gebracht werden müßte; und daß, wenn man sie in der Bohrung drehen würde, das Zündröhrchen nicht mehr auf den Amboß käme. Wir haben daher die Patronen nach allen Richtungen gedreht, so daß sich das Zündkraut am ersten oder zweiten Drittel des Umfanges befand, und dessen ungeachtet gelangte dasselbe beim Senken des Pulversakes immer wieder in die gewünschte Stellung. Nur wenn es sich im Augenblike des Senkens des Pulversakes nach Oben gerichtet befand, wurde es gebogen; in diesem Falle müßte das Zündkraut länger gemacht werden, weil es hier nicht in die gewünschte Stellung zurükgeführt, sondern auf den Amboß gebogen wird, so daß es geschehen könnte, daß der Hammer leer aufschlüge.

Da wir die zur Bestimmung der Schießweite der Robert'schen Flinte nöthigen Instrumente nicht zur Hand hatten, so können wir uns in dieser Hinsicht nur auf jene Versuche beziehen, welche Hr. Baron Séguier mit einer nach demselben Principe gebauten Jagdflinte mit einem Laufe von 28 Zoll anstellte.

Erster Versuch. Die Flinte wurde aus einer Entfernung von 50 Schritten mit Blei Nr. 4 geladen auf zwei Buch graues Papier, sogenanntes Kerzenpapier, welche auf einer Platte Gußeisen ruhten, abgefeuert. Das Blei drang durch 41 Blätter.

Zweiter Versuch. Zwei Buch desselben Papieres mit einer hölzernen Unterlage; das Blei drang durch 50 Blätter.

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Dritter Versuch. Bei gleicher Entfernung und unter ganz gleichen Umständen war das Blei durch 47 Blätter gegangen.

Vierter und fünfter Versuch. Das Blei ging durch eine geringere Anzahl von Blättern. (Der Unterschied rührte offenbar davon her, daß, indem die Blätter Papier gezählt wurden, dieselben nicht mehr so innig an einander lagen.)

Dieselben Versuche wurden mit einer Flinte mit Percussionsfeuer, welche mit dem Ladstoke geladen wurde, wiederholt, wobei jedoch das Blei nur durch 37 Blätter Papier drang. Aus einer einfachen Flinte mit einem spanischen Laufe von großem Caliber und mit einer Ladung von 85 Gran Pulver abgefeuert, drang das Blei nur durch 30 Blätter; der Rükstoß war bedeutend.

Hieraus ergibt sich also, daß unter übrigens gleichen Umständen und bei einer Pulverladung, welche bekanntlich das Maximum der Wirkung hervorbringt: mit der Flinte des Hrn. Robert 49, 50 und 47, mir einer englischen Flinte 33, mit einer Flinte mit beweglicher und angeschraubter Kammer 37, und mit einem einfachen spanischen Laufe nur 30 Blätter Papier durchschossen wurden, wonach also erstere vor allen übrigen einen bedeutenden Vorzug voraus hat.

Die Versuche, welche mit der Robert'schen Flinte im Vergleiche mit jener des Hrn. Lefaucheux angestellt wurden, gaben folgende Resultate:

Erster Versuch. In drei Viertelstunden wurden aus der Robert'schen Flinte, welche nur auf einer Seite geladen wurde, indem eine große Feder gebrochen war, 292 Schüsse gethan, worunter 3 versagten. Mit der Flinte des Hrn. Lefaucheux hingegen, welche auf beiden Laufen geladen wurde, versagten unter 168 Schüssen 9.

Zweiter Versuch. Die Flinte Lefaucheux's wurde von einem jungen, flinken, und an deren Gebrauch gewohnten Manne 154 Mal abgefeuert; darunter versagte das Gewehr 12 Mal, und es erfolgten mehrere Doppelschüsse. Dagegen schoß ein 60jähriger, an die Robert'sche Flinte durchaus nicht gewohnter Mann diese leztere innerhalb derselben Zeit 160 Mal los, wobei sie nur 2 oder 3 Mal versagte, und wobei auch nur höchst wenige Doppelschüsse vorkamen.

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Man hat der Flinte des Hrn. Robert vorgeworfen, daß sie, wie man zu sagen pflegt, stark auswirft, und daß sie stark ausläßt. Die Büchsenmacher sind der Meinung, daß eine Flinte, welche von der Schwanzschraube oder von der Kammer her geladen wird, um so besser ist, je weniger sie ausläßt, und daß jene Flinte, welche gar |11| nicht ausließe, die beste seyn würde. Wir wollen daher die Wirkung dieses Auslassens auf die Schüsse einer Flinte etwas näher betrachten.

Die Entzündung des Schießpulvers erfolgt nicht in einem und demselben Augenblike. In dem Augenblike, in welchem die Ladung entzündet wird, bildet sich eine gewisse Quantität Gas, welche auf die Kugel wirkt, und dieselbe in Bewegung zu sezen trachtet, und die Kugel geräth auch wirklich in Bewegung, sobald die Expansivkraft des Gases groß genug geworden, um den Widerstand des Geschosses zu überwinden. Würde augenbliklich eine sehr große Menge Gas, und folglich eine außerordentliche Kraft erzeugt werden, so würde die Kugel nicht durch den Lauf ausgetrieben, sondern der Lauf an dem Pulversake zersprengt werden. Denn die auf das Geschoß wirkende Kraft muß so viel Zeit haben, daß sie ihre Wirkung auf die verschiedenen Molecule, aus denen das Geschoß von dem dem Einwirkungspunkte der Kraft zunächst gelegenen, bis zu dem am weitesten davon entfernten Punkte besteht, fortzupflanzen vermag.

Die ersten Quantitäten Gas müssen sich daher zwar innerhalb einer sehr kurzen Zeit, aber nicht augenbliklich entwikeln, und daher sollte jene Quantität Pulver, welche zuerst entzündet wird, ein sogenanntes langsam aufbrennendes Pulver seyn. So wie das Geschoß aber ein Mal in Bewegung gebracht ist, so befindet sich dasselbe unter Umständen, welche der Aufnahme eines jeden neuen Impulses, wie groß derselbe auch seyn mag, am günstigsten ist, wobei jedoch jederzeit der Widerstand der Luft und die Reibung in dem Laufe zu berüksichtigen sind: zwei Umstände, welche es durchaus nicht gestatten, auf das in Bewegung befindliche Geschoß eine gewisse Gränzen übersteigende beschleunigende Kraft wirken zu lassen.

Die Ladung sollte also hienach aus zwei verschiedenen Arten von Pulver bestehen; jener Theil, welcher zuerst und unmittelbar entzündet wird, sollte langsam aufbrennen; der übrige Theil hingegen lebhaft. Um diesen Zwek zu erreichen, wäre noch eine große Reihe von Versuchen erforderlich; auch wäre es im Kriege viel zu unbequem und zeitraubend, wenn man die Patronen aus zweierlei Arten von Pulver bereiten wollte. Wenn nun auch die Ladung, wenn sie nur aus einer einzigen Art von Pulver besteht, nicht zu langsam aufbrennen darf, so darf dieß doch auch nicht zu rasch geschehen, ausgenommen man macht es durch eine eigenthümliche Einrichtung möglich, daß das lebhaft aufbrennende Pulver im Augenblike der Entzündung der Ladung nur als ein langsam aufbrennendes wirkt. Dieß geschieht nun gerade dadurch, daß man einen Theil des Gases entweichen läßt; und hieraus erhellt, daß das Auslassen gut und nüzlich |12| ist, wenn die Ladung ganz aus lebhaft aufbrennendem Pulver besteht.

Wenn ein Gas bei einer Mündung entweicht, so entwikelt es eine Kraft, welche auf jene Wand wirkt, die der Wand, in welcher die Mündung angebracht ist, gegenüberliegt. Die Auslassungen müssen in der Richtung des Laufes wirken: wenigstens wäre diese Richtung einer jeden anderen vorzuziehen. Dieß ist nun gerade an der Flinte Robert's der Fall, und dabei kommt noch zu bemerken, daß die auf solche Weise gerichteten Auslassungen den Rükstoß der Flinte vermindern.

Der Vorwurf, den man der Robert'schen Flinte in Hinsicht auf ihr angebliches starkes Auswerfen (crachement) macht, ist ganz ungegründet. Der Feuerstrahl, welcher nach der Längenrichtung des Laufes entweicht, und jener, welcher bei der an dem Bügel angebrachten Oeffnung austritt, hat in Betracht der Kleinheit der Oeffnungen, durch welche das Gas entweichen muß, eine sehr große Geschwindigkeit. Diese Feuerstrahle bringen daher auch gar keine Gefahr; und wenn man auch ein Stükchen Papier oder Zeug ganz in die Nähe derselben bringt, so bemerkt man an diesen Körpern, selbst nachdem sie einige Zeit über diesen Feuerstrahlen ausgesezt gewesen, doch noch nicht die geringste Wirkung auf dieselben.

Die Geschwindigkeit des durch den Bügel entweichenden Gasstromes ist so groß, daß die allenfalls im Innern der Batterie zurükgebliebenen Stükchen Papier, Zündkraut, Sand, Unrath etc. dadurch ausgetrieben werden, und daß also hiedurch das Innere der Batterie bei jedem Schusse von solchen Stüken und Substanzen, die sich mit der Länge der Zeit darin anhäufen, und das Spiel der Schnellfeder beeinträchtigen könnten, gereinigt wird.

Die Erfindung des Hrn. Robert ist nach der Ansicht der Commission von höchster Wichtigkeit; seine Flinte ist noch keineswegs vollkommen, sondern noch großer Verbesserungen fähig, die ihr auch zu Theil werden dürften, gleichwie nach und nach auch die Flinte mit Steinfeuer verbessert wurde. Das neue von Hrn. Robert erfundene System wird nach unserer Ueberzeugung gewiß die Oberhand über alle übrigen erringen, gleichwie die Flinten mit Steinfeuer die alten Flinten mir Rädern verdrängten; hat nur ein Mal eine europäische Kriegsmacht dasselbe angenommen, so werden zuverlässig alle übrigen gleichfalls zu dessen Annahme gezwungen seyn. Ich bemerke am Schlusse dieses Berichtes im Namen der Commission nur noch, daß, wenn auch die mit der Bewaffnung der Truppen und der Wahl der Waffen für dieselben beauftragten Officiere sowohl dem Geseze, als der öffentlichen Meinung nach allein die competenten Richter sind, |13| welche darüber zu entscheiden haben, ob gewisse neue Arten von Waffen vor den bisher gebräuchlichen den Vorzug verdienen; daß, wenn auch die Veränderung der Waffen eine Frage von äußerst großem financiellem Interesse ist, deren Entscheidung mithin der bestehenden Verwaltung obliegt; daß, sage ich, dieß die Gesellschaft doch nicht hindern kann, ihr Urtheil über die ihr vorgelegten Gegenstände auszusprechen, und daß keine Rüksicht sie aufhalten darf zu erklären, daß etwas Gutes und Nüzliches auch wirklich gut und nüzlich ist, und daß etwas, was früher nur durch zusammengesezte Mittel erreicht werden konnte, nun durch weit einfachere erzielt werden kann. Die Commission schlägt daher vor, die Flinte des Hrn. Robert durch ihren Bulletin bekannt zu machen, und dem Erfinder ihre Medaille zu ertheilen.

Beschreibung der für den Militärdienst bestimmten Flinte des Hrn. Robert.

Fig. 1 gibt eine vollständige Ansicht der neuen Flinte mit sammt ihrer Bajonette.

Fig. 2 zeigt den Hinteren Theil der Flinte, wovon jedoch das Holz und der Kolben weggenommen sind; dieser Theil ist hier geladen und geschlossen.

Fig. 3 zeigt denselben Theil geöffnet und geladen.

Fig. 4 ist der große Hebel einzeln für sich und von Unten her dargestellt; man sieht hier auch die Pfanne, in welche der Hammer schlägt.

Fig. 5 gibt einen Durchschnitt und eine äußere Ansicht des Gehäuses der Patrone.

Fig. 6 zeigt die Patrone mit dem Zündcylinder ausgestattet, und diesen lezteren einzeln für sich.

Gleiche Buchstaben beziehen sich in allen Figuren auf gleiche Gegenstände.

Die Flinte besteht aus einem an seinem Hinteren Ende offenen Laufe A, und aus einer Schwanzschraube oder Kammer B, welche mit dem Hebel C, der mittelst des Ringes D emporgehoben oder herabgesenkt werden kann, in Verbindung steht. Diese Kammer paßt genau auf die hintere Mündung des Laufes, und macht mit den beiden Wangen E, E, die man in Fig. 4 deutlicher sieht, welche gleichsam eine Verlängerung derselben bilden und sich um eine starke Schraube F drehen, nur einen Körper aus. G ist die Schulter der Flinte, durch welche die Schrauben der Kammer H gehen, und welche ausgekerbt ist, so daß sie ein Absehen bildet.

An dem vorderen und verlängerten Theile der Kammer ist ein |14| Stük J angebracht, welches der Erfinder den Spanner (bandeur) nennt, und dessen Ende mit einer kleinen Rolle a auf der großen Feder L ruht, welche mittelst einer Schraube T an dem Bügel R angebracht ist. Diese Feder endigt sich in einem Hammer M, dessen oberer und schneidender Theil N, vom Erfinder Halbmond (croissant) genannt, von Unten nach Oben auf die kleine, in der Patrone angebrachte Röhre h schlägt, indem diese Röhre zwischen der Fortsezung des Laufes i und dem von der beweglichen Kammer gebildeten Amboße festgehalten wird. Man sieht diese Stellung am besten aus Fig. 2. Ein Zeiger O, welcher einen Theil der großen Feder L bildet, deutet, indem er an dem Handbügel einen Vorsprung bildet, an, daß die Flinte geladen und gespannt ist, siehe Fig. 3.

Der Hammer M ist mit einem kleinen Vorsprung b versehen, welcher unter das Kinnstükchen P einer dreiekigen Feder Q, die mittelst der Schraube V an dem Handbügel X befestigt ist, paßt. So wie man auf den Drüker Y drükt, weicht mithin das Kinnstükchen zurük, und der Hammer schlägt los.

Wird der Hebel C herabgesenkt, so wird dessen Ring von einer kleinen Feder d festgehalten, indem sich an dieser Feder ein Zahn befindet, welcher in eine an dem vorderen Theile c des Ringes befindliche Auskerbung eingreift.

Die Bajonette Z ist unter dem Laufe und nicht an der Seite desselben, wie dieß an den gewöhnlichen Flinten der Fall ist, angebracht; sie ist mit einer Halbdülle versehen, welche in das Stük e eingreift und durch die Feder f zurükgehalten wird.

In die Patrone A', welche die Kugel und die Ladung enthält, ist eine kleine kupferne Röhre gestekt, in welcher das aus Knallpulver bestehende Zündkraut enthalten ist. Diese kleine Röhre, welche wenn die Patrone in den Lauf gebracht wird, auf den Fortsaz i zu liegen kommt, wird durch den Schlag des Hammers zerbrochen. Die Patrone ist im Gehäuse B' eingeschlossen, welches man abzieht, wenn man sich ihrer bedienen will.

Die Behandlung der Robert'schen Flinte ist sehr einfach. Will man sie nämlich laden, so hebt man den Hebel C bei seinem Ringe D empor, wodurch die Hintere Mündung des Laufes frei wird, indem sich die Kammer B mit ihren Wangen um die Schraube F dreht. Zu gleicher Zeit drükt der Spanner J, indem er mit der Rolle a auf der großen Feder L aufruht, dieselbe zusammen, bis der Zahn b des Hammers M unter das Kinnstükchen P gelangt. Ist die Flinte auf diese Weise gespannt, wie man sie aus Fig. 3 ersieht, so bringt man die Patrone in den Lauf, das Zündröhrchen nach Unten gerichtet. Ist dieß geschehen, so senkt man den Hebel wieder herab, |15| wo dann die Feder L bloß durch das Kinnstükchen P zurükgehalten wird. Um abzufeuern braucht man daher nur mit dem Finger auf den Drüker P zu drüken, wodurch das Kinnstükchen befreit wird, und den Hammer mit Gewalt losläßt. Durch den Schlag des Hammers von Unten nach Oben auf das Zündröhrchen, welches auf dem Fortsaze i in der Pfanne g ruht, erfolgt dann die Entzündung der Ladung.

Die Kammer oder Schwanzschraube der Robert'schen Flinte hat ihren Widerstandspunkt beständig in der Richtung ihrer Achse; und hieraus folgt, daß sie ungeachtet der Expansivkraft des aus dem Pulver entwikelten Gases doch nicht aus ihrer Stelle getrieben wird, indem die ganze Kraft des Widerstandes auf die Zapfen des Laufes wirkt. Die Kammer ist mit einem kupfernen Nagel versehen, dessen Kopf gegen den Pulversak des Laufes gerichtet ist; es leidet daher durch das Schießen nur dieser Nagel, welcher nach 20,000 Schüssen für einen neuen ausgetauscht werden muß.

Gegen den Mittelpunkt des Bügels hin ist eine Oeffnung angebracht, durch welche 1) das Gas, welches sich aus jenem Theile des Zündkrautes, das nicht in der Patrone enthalten ist, entwikelt; 2) der Schmuz und der Rükstand des Zündkrautes und der Patrone, und 3) der Zeiger oder die Verlängerung O austritt, durch dessen Hervorstehen angedeutet ist, daß die Flinte gespannt ist.

So wie die Flinte abgefeuert ist, soll man die Kammer alsogleich und mit einem Zuge öffnen, damit ein Luftstrom durch den Lauf ziehen, und denselben abkühlen kann. Die Patrone braucht bloß eine Linie weit in den Lauf eingeschoben zu werden, jedoch immer so weit, daß sie beim Schließen der Kammer nicht dadurch zerrissen wird. Auch soll man das Zündröhrchen auf den Fortsaz i legen; doch ist dieß nicht durchaus nöthig, indem die Kammer beim Herabsenken das Zündkraut selbst auf diesen Fortsaz treibt.

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