Titel: Ueber den gegenwärtigen Zustand der Schafzucht in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 54, Nr. LII. (S. 293–301)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj054/ar054052

LII. Ueber den gegenwärtigen Zustand der Schafzucht und der Wollenwaaren-Fabrikation in Frankreich, wie er sich bei der lezten Industrieausstellung beurkundete.

Im Auszuge aus dem ersten Capitel des Musée industriel.

Wenn das französische Volk auch nicht gleich dem englischen durch die Wollsäke seines Parliamentes beständig an die hohe Wichtigkeit jenes Industriezweiges, Hessen Basis die Wolle bildet, erinnert wird, so ist es doch nicht weniger von der großen Bedeutung desselben und von seinem unberechenbaren Einflusse auf das Nationalwohl durchdrungen. In Frankreich, wie in England und mehreren anderen Staaten unterhält die Wolle eine unabsehbare Thätigkeit eines weit verbreiteten Geschäftes. Wie viele Hände beschäftigt sie nicht vom Schäfer bis zu jenem Fabrikarbeiter, der dem Wollenzeuge die lezte Appretur gibt? Welche Werthe und Reichthümer erzeugt sie fortwährend und täglich? Welche Bewegung bringt sie in unserem Handel im Binnenlande sowohl, als mit dem Auslande hervor?

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Die einzelnen Zweige der Wollenwaaren-Fabrikation haben sich in Frankreich fortwährend verbessert, und einige lassen nur wenig mehr zu wünschen übrig. Hauptsächlich fehlt es nur mehr an einer ausgebreiteten Erzeugung jener langen, glänzenden, für den Kamm bestimmten Wollen, die das Material einer großen Menge von Artikeln bilden, welche man gewöhnlich mit dem Namen der geschornen oder glatten Zeuge (étoffes rases) bezeichnet. Die Art der Schafe, welche diese Wollen liefern, ist unseren Oekonomen nicht mehr unbekannt; viele derselben suchten sie im Gegentheile bereits auf ihm Gütern zu acclimatisiren. Wenn diese Versuche bisher auch noch nicht gelangen, so ist es deßhalb doch nicht weniger gewiß, daß neue, mit größerer Sorgfalt unternommene Versuche endlich dennoch zu dem gewünschten Resultate führen werden. Die französische Regierung beauftragte daher auch gegen das Ende des vorigen Jahres den Director der Veterinärschule von Alfort, Hrn. Yvart, eine Schafheerde aus der Grafschaft Leicester nach Frankreich überzuführen; und bereits gegenwärtig befindet sich daselbst eine solche Heerde von 122 Stüken, welche nicht nur ein bisher noch nicht erzieltes Gedeihen verspricht, sondern aus deren Pflege, Vermehrung und Kreuzung sich auch praktische Regeln für die Zucht dieser Race und eine Aneiferung für die Schafzüchter Frankreichs ergeben wird.

Mit Ausnahme dieser einzigen Verbesserung, deren Frankreich noch hierin bedarf, kann sich dasselbe bereits in allen anderen Zwei gen mit dem Auslande messen. Das Fließ vieler seiner Schafe, besonders jener der berühmten Heerde von Naz, im Dept. de l'Ain kommt an Feinheit bereits der schönsten sächsischen Electoralwolle gleich; das Sortiren und Waschen der Wolle geschieht gegenwärtig nach den besten Methoden; das Oeffnen, Kardätschen, Mengen Kämmen, Spinnen und Weben der Wolle, so wie die weitere Behandlung der gewebten Zeuge wird mit den vortrefflichsten Maschinen vollbracht; kurz Alles verspricht den glänzendsten Erfolg.

Die ersten Maschinen dieser Art brachte im Jahre 1802 ein Schottländer, Namens James Douglas, der nach seiner Naturalisation bei uns leider zu früh für die Industrie verstarb, nach Frankreich das Glük, welches er in kurzer Zeit machte, bewog später manche gewandte Mechaniker Englands sich bei uns niederzulassen, und uns mit den Talenten und den Entdekungen ihrer Landsleute zu bereichern. Um dieselbe Zeit machte Hr. Cokerill die Fabrikanten von Verviers, Malmedy, Eupen etc., welche Orte damals zu Frankreich gehörten, mit ähnlichen Maschinen bekannt. Beiderlei Maschinen gingen nach und nach auf alle unsere Fabriken über, und erzeugten in den Preisen unserer Tücher eine Verminderung von 8 bis 10 Proc.

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Selbst jene Gewerbsleute, die sich der Anwendung der Maschinen am hartnäkigsten widersezten, waren endlich aus Furcht, ihr Gewerbe zu Grunde gehen sehen zu müssen, zu deren Annahme gezwungen. Wir erinnern in dieser Hinsicht nur an die Kadisfabrikanten im Departement de la Lozére, welche ohne Maschinen unmöglich mehr in Concurrenz treten konnten.

Die meisten der Maschinen, welche Douglas und Cokerill in Frankreich einführten, wurden seither verbessert, oder durch andere bessere mit Vortheil ersezt; diese Verbesserungen sind hauptsächlich im Kardätschen, Kämmen und Spinnen der Wolle, so wie im Weben der Zeuge und im Scheeren derselben rasch auf einander gefolgt. Die Industrieausstellungen der Jahre 1819, 1823 und 1827 zeigten uns die Kardätsch-, Kämm- und Spinnmaschinen Dubo's, John Collier's, Bélanger's und anderer; sie enthüllten die Webestühle Collier's, Cala's, Debergue's etc.; die Scheermaschine mit schnekenförmig wirkender Kraft der HH. Sevenne, Collier und Poupart-Neuflise; die Scheermaschine mit schwingender Bewegung des Hrn. Abraham Poupart von Sedan; die Transversalscheermaschine des Hrn. Collier und andere mehr.

Man glaubt allgemein, daß die Veredlung der französischen Schafzucht sich von einer Merinosheerde her datire, welche Ludwig XVI. nach Rambouillet verpflanzte; wahrscheinlich dürfte dieser Monarch jedoch dieses Verdienst mit dem Oekonomen Heurtaut de Lamerville theilen, der schon im Jahre 1781 für sein Landgut in der Gemeinde Dun, Dept. du Cher, 12 Merinosschafe kaufte. Dem sey nun aber, wie ihm wolle, so wurde die Verbesserung der Schafe bei uns erst einige Jahre nach dem Anno 1795 zu Basel zwischen Frankreich und Spanien abgeschlossenen Frieden bemerkbar, indem sich Spanien in diesem Friedensschlusse anheischig machte, die Ausfuhr von 4000 Merinos nach Frankreich zu gestatten.

Auf diese Einfuhr folgte nothwendig auch die Errichtung von Wollenwäschereien nach spanischer Methode, und die Befolgung einer Sortirmethode, nach welcher die verschiedenen Theile der Fließe je nach den Zweken, zu denen sie bestimmt sind, sortirt werden. Eine der ersten dieser Anstalten gründete der sel. Ternaux in Passy; eine zweite errichtete die Stadt Paris unter der Leitung des gegenwärtig in Odessa befindlichen Hrn. Daralon; eine dritte erstand im Dept. de la Vienne, wo sie den Schafzüchtern dieses Landstriches große Dienste leistet. Die Gesellschaft zu Naz errichtete neuerlich eine solche in Croissy bei Chaton, welche nach Auftrag arbeitet, und in der die Wollen, nachdem sie entweder kalt oder warm gewaschen worden, so sortirt werden, wie sie die Tuchfabriken brauchen. Allmählich haben |296| sich diese Anstalten dermaßen vermehrt, daß sich die Regierung nicht mehr darum zu kümmern braucht.

Auf diese Weise und bei der Sorgfalt, welche die Heerdenbesizer auf die Reinerhaltung der Racen und auf die Veredlung der einheimischen Racen durch gehörige Kreuzung mit edleren verwendeten, sind diese Verbesserungen allmählich so weit gediehen, daß die Regierung, welche anfangs in dieser Absicht mehrere Schäfereien errichtet hatte, sie bis auf zwei sämmtlich als nunmehr überflüssig aufgab. Die besten unserer einheimischen Merinoswollen haben, wer sollte es glauben, bereits die Spanischen an Güte übertreffen, indem sie bei gleicher Festigkeit weniger steif sind, und sich daher vorzugsweise für die superfeinen Tücher eignen; sie wetteifern selbst mit der schönsten sich fischen Electoralwolle, welche die feinste ist, die man kennt, und vereinen das Weiche, Markige, Feine, Elastische und Nervige in hohem Grade in sich.

Alle diese Eigenschaften zeichneten mit einigen Schattirungen die Merinoswollen aus, welche bei der dießjährigen Industrieausstellung vorgelegt wurden, und welche nun in Kürze erwähnt werden sollen, und zwar in alphabetischer Ordnung der Concurrenten.

1) Association rurale de Naz. Die Heerde von Naz gehört zwar nicht der Zahl, wohl aber der Schönheit der Wollen nach zu den ersten im Königreiche; an diese Gesellschaft wenden sich die Schafzüchter hauptsächlich, wenn sie ihre Merinosrace veredeln wollen. Sie besteht nun 35 Jahre, und hat sich diese Zeit in sich selbst erhalten; sie ist das Eigenthum der HH. Girod de l'Ain und Perrault de Jotemps. Sie wurde zu Chevry, Bezirk von Gex, in der Nachbarschaft von Genéve gegründet, wo sie 2500 Stük zahlt; später bildete sie jedoch ein Depot zu Créteil bei Paris. Die Gesellschaft erhielt schon im Jahre 1823 und im Jahre 1827 die goldene Medaille, und zeigte sich seither dieser Auszeichnung immer würdiger.

2) Hr. Baudouin der Vater von Poitiers, der im Jahre 1827 von der Société d'encouragement für eine seiner Erfindungen die goldene Medaille erhielt, legte in diesem Jahre zum ersten Male Wollen seiner kleinen Heerde im Haut-Poitou vor, welche viel versprechen.

3) Hr. Bourgeois, Eigenthümer zu Rambouillet, und Director der königl. Schäferei daselbst, erhielt im Jahre 1823 eine bronzene und im Jahre 1827 eine silberne Medaille. Seine Heerde ist von reiner Rambouilletrace, und ihre Wolle wird von den Fabrikanten feiner Tücher sehr gesucht. Er suchte durch die Wollen und die Documente, welche er einsandte, hauptsächlich zu beweisen, daß |297| große und starke Merinos eine eben so feine Wolle geben können, als die kleine Merinosrace, was von großer Wichtigkeit ist. Zugleich legte er auch die Instrumente vor, mit denen er auf den Ohren der Schafe die Zeichen anbringt, mit deren Hülfe man leicht eine Heerde, welche bis an 10,000 Stük stark ist, bezeichnen und zählen kann, und deren er sich schon seit vielen Jahren bedient. Unter den 50 Lotten von Wolle, welche Hr. Bourgeois außerdem vorlegte, zeichnete sich eine neue Art von Merinoswolle aus, welche sich zur Fabrikation der Rheimser Waaren eignet, und den englischen Wollen aus Flandern und dem Artois ähnlich ist; sie besizt jedoch die Feinheit der Merinoswollen, während leztere grob sind.

4) Hr. Caille von Varastre, Seine und Marne, legte schöne Merinoswolle vor, und erhielt dafür eine bronzene Medaille.

5) Hr. Clausel von Mirepoix, Ariége, sandte sehr feine Wolle ein.

6) Hr. Du Preuil von Pouy, Aube, besizt eine Heerde von 3400 Merinosschafen, welche zu den zahlreichsten und schönsten in Frankreich gehört. Hr. Fortier, Schwiegervater des Hrn. Du Preuil, gründete diese Heerde vor 30 Jahren mir Schafen, die er aus Spanien, Rambouillet, Perpignan, Malmaison etc. bezog. Durch Kreuzung mit sächsischen und Nazer Widdern brachte Hr. Du Preuil seine Wolle in den lezten 12 Jahren auf den höchsten Grad von Vollkommenheit. Er erhielt eine silberne Medaille.

7) Hr. Godain der altere zu Chatillon-sur-Seine begründete eine Heerde aus reiner Elektoralrace, welche er durch Kreuzung mit französischen Merinos auf 550 Stük brachte. Er erhielt eine silberne Medaille.

8) Hr. Ganeron der Sohn zu Bussy-St.-Georges, Seine und Marne besizt gegenwärtig gegen 1600 reine Merinos. Er erhielt schon im Jahre 1827 die silberne Medaille und die Jury ertheilte ihm auch dieß Mal großes Lob.

9) Hr. Houdeville zu St. Denis d'Aclon, untere Seine, hat seine Merinosheerde, welche Hr. Delessert durch Einfuhr spanischer Schafe vor 32 Jahren begründete, auf 700 Stük vermehrt. Die Jury kannte ihm die silberne Medaille zu.

10) Hr. Vicomte de Jessaint besizt zu Beaulieu, Marne, zwei getrennte Heerden, von denen die eine von der Rambouilleter, die andere von der Nazer Race abstammt. Seine Wollen sind ausgezeichnet; er erhielt schon im Jahre 1827 die Auszeichnung erster Classe.

11) Hr. Lacroix Sohn zu Roquetaillade, Haute-Garonne, |298| sandte schöne Wollenmuster von seiner Heerde, welche er aufmerksam zu veredeln und zu vermehren sucht.

12) Hr. Lépine von Montaulin, Aube sandte zu kleine Muster, als daß sie gehörig beurtheilt werden konnten.

13) Hr. Joseph Maître von Villotte, Côte d'or besizt eine Heerde von 1500 Stüken von ganz reiner sächsischer Race, welch durch keine Kreuzung vermischt ist. Er sendet seine Wolle jährlich nach Sedan; sie ist schwach gekräuselt, sanft anzufühlen und seidenartig. Die Loken oder Meschen dieser Art von Wolle sind selten regelmäßig sondern spizig; auch ist das Fließ nicht so fest. Um den Loken das regelmäßige, vierekige Aussehen zu geben, und um die Käufer da durch zu verführen, schneidet man deren Enden zuweilen ab. Die List wurde auch hier angewandt; der Jury, welche Hrn. Maître eine silberne Medaille zuerkannte, wird dieß wohl nicht entgangen seyn.

14) Hr. Massin in Paris gründete vor 15 Jahren zu Baudepart, Aube, eine Merinosheerde, welche er seither durch Widder und Schafe von Naz noch mehr veredelte. Die Jury erkannte ihm eine silberne Medaille zu.

15) Hr. Moët de Romont in Epernay, Besizer einer aus spanischen und Nazer Schafen erzogenen Heerde, legte gekämmte Wolle von merkwürdiger Feinheit und Weiße vor. Er erhielt eine silberne Medaille dafür.

16) Hr. Monnot Leroy in Pontru, Aisne, besizt eine Herde, deren Stok im Jahre 1809 von dem Herzoge von Vicenza aus Spanien eingeführt wurde, und welche seither durch Kreuzung mit Widdern von Naz und aus Sachsen noch veredelt ward.

17) Hr. Graf Heracle de Polignac besizt auf seinem Schlosse zu Outrelaize, Calendas, die größte Merinosheerde, welche in Frankreich existirt; sie zählt nicht weniger als 7000 Stük. Der Graf erhielt schon zwei Mal die goldene Medaille, und machte sich auch jezt wieder dieser Auszeichnung würdig.

Wir erlauben uns, nachdem wir die einzelnen, in diesem Jahre aufgetretenen Concurrenten aufgeführt, noch einige Bemerkungen beizufügen.

Man befolgt seit einer Reihe von Jahren bei der Merinoszucht zwei ganz entgegengesezte Systeme. Die meisten Heerdenbesizer, und besonders die Oekonomen, haben jenes System angenommen, welches seit der Einfuhr der feinwolligen spanischen Schafe in Frankreich in Rambouillet befolgt wird. Dieses System beruht darauf, daß man sämmtliche Producte der Merinos auf die größte Menge und zugleich auch auf die größte Vollkommenheit bringen will. Man will hienach |299| allerdings die möglich feinste Wolle, allein man will zugleich auch nicht jene Eigenschaften vernachlässigen, welche dem Tuche das Markige, den Körper und die Festigkeit geben, und welche mit dem Gewebe des Fließes in Zusammenhang stehen. Man will ferner, daß die Schafe, abgesehen von der Güte der Wolle, auch viel Fleisch geben. Jeder Oekonom befolgt hiebei jene Methode, welche seiner Wirthschaft und seinen Localverhältnissen am besten entspricht. Durch Beobachtung dieses Systemes, welches von Rambouillet und der daselbst befindlichen Musterheerde ausging, brachte man es endlich dahin, daß die französische Wolle selbst vor der spanischen den Vorzug verdient, und zur Fabrikation der feinsten und besten Tücher geeignet ist; daß der Ertrag an Wolle dabei um den vierten und selbst um den dritten Theil erhöht wurde, und daß auch die Größe und Schwere der Thiere in demselben Verhältnisse zunahm.

Andere Besizer feinwolliger Schafe hingegen haben in Frankreich das sächsische System eingeführt, nach welchem bei der Merinoszucht lediglich der höchste Grad von Feinheit der Wolle berüksichtigt wird, während man von der Quantität Wolle, die jedes Stük gibt, von dem Nervigen der Wolle und von dem guten Baue, der Größe und der Kraft der Thiere ganz Umgang nimmt. Um diesen höchsten Grad von Feinheit zu erreichen, behauptete man nach diesem Systeme sogar, daß man die Heerden so ziehen müsse, daß die Thiere nie einen gewissen Grad von Beleibtheit erreichen, indem die Wolle bei einem gewissen kränklichen Zustande feiner wird. Mit einer solchen Wolle läßt sich jedoch nur ein lokeres Tuch ohne Körper verfertigen, wenn man als Kette nicht eine nervigere Wolle anwendet.

Beide Systeme können unter gewissen Verhältnissen vorteilhaft seyn; und obschon wir unsererseits dem von Rambouillet ausgegangenen, welches alle Vortheile, die man von den Schafen erwarten kann, in sich vereint, den Vorzug vor dem sächsischen geben möchten, welches gewisser Maßen nur ein ausnahmsweiser Industriezweig mit beschrankten Absazwegen werden kann, so sind wir doch weit entfernt lezteres zu verdammen. Wir geben sogar zu, daß sich die kleinen Schafracen sehr gut für gebirgige und für trokene unfruchtbare Gegenden, in denen es nur kurzes spärliches Gras gibt, und in welchen man nicht so viel Winterfutter ziehen kann, als für starke große Schafe erforderlich ist, eignen dürften.48)

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Bei den Industrieausstellungen von den Jahren 1823 und 1827 wollte es der Zufall, daß die Heerden von kleiner Race begünstigt wurden, indem sich in der Jury immer Eigenthümer solcher Heerden oder Fabrikanten befanden, die die Wollen der mageren Schafe von ziehen, weil sie wegen ihres geringeren Fettgehaltes beim Waschen weniger Verlust erleiden. Die Jury vom Jahre 1823 schien sogar die Heerden von großen Schafen ganz zu verdammen, und das, was eine gute Eigenschaft ist, vielmehr für einen Fehler erklären zu wollen. Man liest nämlich S. 11 des Berichtes von jenem Jahre: „Hr. B* legte ein Fließ eines Merinosschafes vor, dessen Wolle lang und seidenartig ist, welches jedoch von einem Schafe von zu großer Statur herzukommen scheint. Bei der aufgeklarten Praxis, welche dieser Oekonom befolgt, darf man nicht zweifeln, daß derselbe seine Heerden auf jede mögliche Weise verbessern werde.“ An einer anderen Stelle liest man: „Die HH. M* haben sehr schöne Merinosfließe vorgelegt; doch scheinen ihre Schafe zu groß zu seyn.“

Diese Bemerkungen sind den Wollenzüchtern nicht entgangen, und wir hörten sie mehrere Male ihr Bedauern darüber ausbrüten, daß auch in der Jury vom Jahre 1834 nicht beide Systeme gehörig vertreten waren, obschon sie übrigens den Einsichten jener Glieder, die ausschließlich dem einen Systeme huldigen, Gerechtigkeit wiederfahren ließen.

Alle die feinen Merinoswollen, so wie die gewöhnlichen Wollen unserer Bastarde und unserer unveredelten Schafe, filzen sich gut, und eignen sich daher sehr wohl zu den tuchartigen Stoffen. Sie müssen jedoch kardätscht werden, bevor sie gesponnen werden können. Solche in den Kardatschmaschinen behandelte Wolle wurde keine zur Ausstellung gebracht.

Ganz anders verhalten sich dagegen die langen, glatten, seidenartigen und glänzenden Kammwollen, die sich nur sehr schwer filzen. Obschon wir oben unser Bedauern geäußert haben, daß in Frankreich gegenwärtig nur sehr wenig solche Wolle gezogen wird, so müssen wir doch auf die Muster, die bei der Ausstellung zu sehen waren, aufmerksam machen.

Die ersten dieser Muster kamen von der königl. Veterinärschule zu Alfort, wo die von der Regierung aus England übersiedelte Heerde unterhalten und vermehrt wird. Diese Wollen sind sehr lang und äußerst glänzend. Die anderen Muster, 56 an der Zahl, sind von Hrn. Graux, Oekonomen zu Mauchamp, im Bezirke von Laon. Sie kommen von einer neuen Art von Schafen, welche von einem männlichen Schafe abstammen, welches im Jahre 1828 zufällig in seiner Heerde geworfen wurde. Die neue Race zählt nun 70 Stük, |301| abgesehen von 300 Bastarden, deren Wolle einen Uebergang zu derselben Sorte zeigt. Die Wolle dieser Race ist glatt, sie spinnt sich außerordentlich fein, und gleicht wegen ihrer Weichheit, ihrer seidenartigen Beschaffenheit und ihres Glanzes mehr Haaren oder den Cachemirfloken, als einer Wolle.

Gekämmte Wolle wurde von folgenden Fabrikanten zur Ausstellung gebracht.

1) Die HH. Beglet und Mogin zu Rheims stellten höchst feine und vollkommen gute Kammwolle aus, welche sich hauptsächlich dadurch auszeichnete, daß auch keine Spur von Seifenschaum daran zu bemerken war; ein Fehler, den man an jenen Wollen, die erst nach dem Entfetten gekämmt werden, nur zu häufig findet.

2) Hr. John Collier von Paris, der schon im Jahre 1809 eine goldene Medaille erhielt, welche in den Jahren 1823 und 1827 wiederholt wurde, stellte dieses Mal eine zum Kämmen der Wolle bestimmte Maschine, und mehrere mit derselben erzielte Muster aus. Liese ganz aus Gußeisen gebaute und leicht zu unterhaltende Maschine erfordert vier Menschen, um sie in Bewegung zu sezen; zu ihrer Bedienung reichen jedoch ein junger Mensch, zwei Mädchen und drei Kinder hin. Die Wolle wird wie gewöhnlich heiß gekämmt; allein die Kämme werden mit Dampf geheizt, wodurch die Erhizung gleichförmiger wird, als durch die Erwärmung mit Kohlen, die überdieß die Wolle weit trokener macht. Die Maschine vermag täglich 230 bis 240 Pfd. lange Wolle zu kämmen; und sie gewährt nicht nur die Vortheile der älteren Kämmmethode, sondern hat auch noch das voraus, daß die langen Fasern, wenn es verlangt werden sollte, von den kürzeren geschieden werden können. Die damit gekämmte Volle ist auch vollkommener geöffnet, und wird daher von den Fabrikanten sehr gesucht. Die Maschine befindet sich seit zwei Jahren in den Fabriken von Manchester, Leeds und Bradfort in Thätigkeit.

3) Die HH. C. Gamand und Armand von Amiens legten zwei Muster von englischer Wolle vor; das eine war fett gekämmte Wolle für die Spinnerei mit ununterbrochen arbeitenden Maschinen; das andere bestand aus Wolle, die erst nach dem Entfetten gekämmt worden, und welche zum Spinnen in Mulejennys bestimmt ist.

Von den zur Ausstellung gekommenen Wollengespinnsten und Geweben soll ein weiterer Artikel handeln. [Fortsetzung]

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Zur Nachlese hierüber empfehlen wir hauptsächlich eine Schrift, welche Hr. Bourgeois unter folgendem Titel herausgab: Examen des différens systémes d'éducation des Mérinos.“ Paris, chez Gueffier . A. d. O.

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