Titel: Gegenwärtiger Zustand des Industriezweiges in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 54, Nr. LXV. (S. 381–393)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj054/ar054065

LXV. Ansichten verschiedener französischer Fabrikanten über den gegenwärtigen Zustand ihres Industriezweiges in Frankreich, und über die Folgen der Aufhebung des Prohibitivsystemes für ihre Fabriken.

Im Auszuge aus dem Temps und Moniteur universel.

II. Glaswaaren-Fabrikation.

1. Aussagen des Hrn. Godart, Verwalters der Krystallglasfabrik zu Baccarat.

In England ruht eine ungeheure Auflage auf dem Glase; man erzeugt daher daselbst auch gar kein gewöhnliches Glas, sondern Jedermann bedient sich des Krystallglases. England hat mehr als 80 Krystallglasöfen; wir in Frankreich haben nur 4 Krystallglasfabriken, und darunter 2 große: nämlich jene zu Baccarat und St. Louis, und 2 kleine: Bercy und Choisy. Außerdem gibt es allerdings noch eine Menge anderer Fabrikanten, die jedoch so wenig erzeugen, daß ihre Anstalten keine Erwähnung verdienen. Von unsern Oefen sind nur 7 in Thätigkeit, so daß also schon hieraus erhellt, wie leicht es den Engländern wäre, unsere wenigen Fabriken niederzulegen. Sie brauchten ihre Fabrikation nur um 1/20 zu erhöhen; der Gestehungspreis dieser erhöhten Fabrikation würde gewiß niedriger ausfallen, als der gegenwärtige allgemeine Gestehungspreis. Ueberdieß stehen die englischen Fabriken so fest, daß sie sehr wohl ein augenblikliches Opfer zu ertragen, und Frankreich zum Ruine seiner Fabriken mit 4 bis 5 Millionen Krystallglas überschwemmen könnten. Wollte man demnach bei uns das Einfuhrverbot aufheben, so müßte man dasselbe wenigstens durch einen sehr hohen Zoll ersezen, den ich jedoch gegenwärtig nicht in Zahlen anzugeben im Stande bin, indem ich hierüber erst mehrere Nachforschungen anstellen müßte. – In Böhmen fabricirt man bei einer sehr mäßigen Auflage; das Holz ist daselbst wohlfeil, und auch der Arbeitslohn ist sehr niedrig. Ich erwähne nur der Angehange der Kronleuchter Nro. 1 mit 16 Facetten, bei deren Poliren dreierlei verschiedene Methoden in Anwendung kommen müssen. Von diesen liefern die böhmischen Fabriken das Hundert für 30 Sous und selbst für 1 Fr., so daß das Stük nur auf 1 Cent. kommt. Es scheint, daß diese Arbeit in Böhmen von Kindern oder von Personen vollbracht wird, die sie als Nebengeschäft betreiben; wir in Frankreich können wenigstens dasselbe Fabrikat kaum um das Drei- und Vierfache liefern.

Das vergangene Jahr, in welchem die Fabrik zu Baccarat, die ihre Brände im Julius schließt, drei Oefen in Thätigkeit hatte, fabricirte dieselbe für 1,300,000 Fr. Glaswaaren im Fabrikpreise, wobei jedoch die Arbeit der Glasschleifereien, welche auf 250 bis 300,000 Fr. angeschlagen werden kann, mit eingerechnet ist. Die Fabrik zu St. Louis fabricirte für 950,000 Fr., und die beiden kleinern Fabriken zu Bercy und Choisy für 450,000 Fr., so daß die Gesammtfabrikation mithin zu 2,700,000 Fr. angeschlagen werden kann. Wir zu Baccarat erzeugen 5–6000 verschiedene Artikel; unser Hauptartikel besteht jedoch aus Kelchgläsern Nro. 4, deren Verkauf sich auf |382| 7–800,000 Fr. beläuft, obschon dieser Artikel sich in der Fabrik eben so schlecht rentirt wie die Teller in den Fayence- und Porcellanfabriken. Wir gaben diese Bläser für 32 Cent. das Stük; davon kommen aber 15% Disconto und der Nachaß, den wir dem Großhändler bewilligen, abzuziehen, so daß wir also das Stük zu 27 Cent. abgeben. – Im Ganzen genommen hat sich der Preis sämmtlicher Artikel vermindert, der Preis der zur Beleuchtung dienenden Apparate verminderte sich z.B. um mehr denn 50 Procent. Das Capital, womit die Fabrik zu Baccarat arbeitet, schäze ich auf 2 Mill. Fr., jenes der Fabrik zu St. Louis auf 1 1/2 Mill. Fr., und jenes der Fabriken von Bercy und Choisy auf je 250,000 Fr., das Capital aller 4 Fabriken zusammengenommen mag demnach 4 Mill. Fr. betragen. Wir schmelzen mit Holz; alle Fabriken sind deßhalb auch in Wäldern gelegen. Nur St. Louis besizt jedoch das Holzungsrecht, welches ihm um einen vor langer Zeit bestimmten Preis auf Ewigkeit verliehen wurde. Dessen ungeachtet hat aber Baccarat ohne Holzungsrecht einen Vortheil vor St. Louis voraus, was davon herrührt, daß die Transportkosten bei ersterem geringer sind, und daß seine Maschinen mit Wasser betrieben werden, während St. Louis mit einer Dampfmaschine arbeitet, deren Unterhaltung kostspieliger ist. Der Preis des Holzes ist ziemlich wandelbar; wir bezahlten die Klafter bis zu 27–28 Fr.; in diesem Jahre werden wir sie zu 22–24 Fr. zahlen. Wenn wir zu Baccarat mit drei Oefen arbeiten, so brauchen wir 16–17,000 Steren Holz; dieß macht 5–6000 Klafter, indem die lothringische Klafter 3 Steren hat. Das Holz kommt uns also jährlich auf 110–120,000 Fr. Wir verbrauchen auch etwas Steinkohlen, allein nicht aus Ersparniß, sondern um das Holz zu schonen, wenn es selten wird. Die Steinkohlen kommen uns nämlich die 1000 Kilogr. auf 42 Fr. zu stehen. Die Kosten des Brennmaterials betragen hienach beiläufig 11 bis 12 Proc. der Gestehungskosten unserer Fabrikate.

Fr. In welchem Verhältnisse stehen die in Model geblasenen Krystallgläser zu der Gesammtmasse der Producte Ihrer Fabrik?

A. Ich kann dieß nicht genau angeben; allein ich werde mich nicht irren, wenn ich sage, daß sie 2/5 oder einen Werth von beiläufig 400,000 Fr. unserer Gesammtproduction betragen.

Fr. Welchen Gründen schreiben Sie es zu, daß unsere Fabriken noch immer gegen die ausländischen zurük sind?

A. Was Böhmen betrifft, so zahlt es nicht bloß einen weit geringern Arbeitslohn, sondern der Preis des Holzes ist daselbst auch viel wohlfeiler, und eben so der Preis der Potasche, welche das Resultat der Verbrennung des Holzes ist. Die böhmischen Glasfabriken beziehen ferner ihr Blei aus ihren vaterländischen Bleibergwerken, während wir uns sowohl die Potasche als das Blei für schweres Geld aus dem Auslande verschaffen müssen. Dazu kommt überdieß noch der Umstand, daß diese beiden Artikel einen Einsuhlzoll Zahlen, der beim metrischen Centner Krystallglas auf mehr denn 7 Fr. anläuft. – Auch England hat reiche Bleibergwerke und einen unerschöpflichen Vorrat!) an Steinkohlen; der Transport ist daselbst auf jede mögliche Welse erleichtert, und auch der Arbeitslohn ist weit geringer, indem die Glasfabrikation bei unsern Nachbarn über dem Canale eine zehn Mal größere Ausdehnung erreicht hat, als bei uns. Der Arbeitslohn an den Oefen beträgt bei uns 42 bis 15%, abgesehen von jenem an den Schleifereien; wir zahlen in unserer Fabrik nicht weniger als jährlich 500,000 Fr. Lohn. Wir verbrauchen, |383| wenn wir mit 3 Oefen arbeiten, nicht weniger als 300,000 Kilog. Blei, dessen Preis sehr verschieden ist, und welches wir, da in Frankreich beinahe kein Blei ausgebracht wird, und da wir wenigstens kein Atom französisches Blei verarbeiten, aus Spanien, Deutschland und über Havre aus England beziehen. Da 100 Kilogr. gegenwärtig im Minimum auf 65 Fr. zu stehen kommen, so verbrauchen wir jährlich für 195,000 Fr. Blei. Unter den rohen Materialien darf überdieß auch die Potasche nicht vergessen werden, wovon wir jährlich 1500 metrische Centner verbrauchen, von denen die 100 Kilogr. im Mittelpreise 110 Fr. kosten. Von den 4500 metrischen Centnern Sand, die wir jährlich verarbeiten, kommen uns die 100 Kilogr. auf 8–9 Fr. zu stehen.

Fr. Führen Sie Glaswaaren aus?

A. Wir führen eine sehr geringe Menge nach Deutschland aus, nach Belgien beinahe nichts, und nach England mit Ausnahme von Einsezdillen für Leuchter gleichfalls nichts. Etwas Weniges führen wir nach Spanien, Italien, der Schweiz und nach Constantinopel aus. Die Ausfuhr in die Vereinigten Staaten ist gering, weil die englischen Fabrikate daselbst den Vorzug haben, und weil Nordamerica selbst Krystallglas fabricirt wird, wie dieß schon daraus erhellt, daß wir den Amerikanern die erste Idee der zierlichen in Model mit guillochirtem Grunde geblasenen Artikel verdanken. Nach New-Orleans, wo man die französischen Sitten und Gebrauche beibehalten, ist die Ausfuhr größer; eben so ist jene in die französischen Colonien und nach dem spanischen Amerika bedeutender. Doch mag die ganze Ausfuhr nicht über 1/7 oder 1/8 der ganzen Production betragen.

Fr. Es gibt einige Glasarbeiten, welche gegen einen Zoll in Frankreich eingeführt werden dürfen, wie z.B. Spiegelgläser und Spiegel, und deren Einfuhr den französischen Fabriken doch keinen Schaden zu bringen scheint. Wie läßt sich demnach erklären, daß die Einfuhr anderer Glaswaaren, wenn dieselben einem Zolle unterworfen wären, unsern Fabriken nachtheilig werden würden?

A. Die Nürnberger Spiegel dürfen nur gegen einen hohen Zoll bei uns eingeführt werden, und man verfertigte in unsern Fabriken früher gar keine derlei Spiegel. Gegenwärtig schikt sich, wie ich glaube, die Gesellschaft von Saint-Quirin, welche bisher etwas Weniges in diesem Producte erzeugte, an, diesen Industriezweig in einer ihrer dermalen unthätigen Fabriken im Großen auszubeuten. Was die großen Spiegel betrifft, so verfertigt man sie in Frankreich besser, als in irgend einem andern Lande, und in dieser Hinsicht fürchten die französischen Fabriken allerdings von keiner Seite eine Concurrenz. Dieß gilt aber keineswegs von dem Krystallglase, welches in England gleichfalls sehr schön erzeugt wird. Unser Krystallglas ist zwar weißer und besizt mehr Glanz, als das englische; allein lezteres bietet dem Auge etwas Milderes, etwas Fettiges dar. Wahrscheinlich rührt dieß von der englischen Schmelzmethode her; die Engländer schmelzen nämlich wöchentlich nur ein Mal, während wir je nach der Einrichtung der Arbeit 4 bis 6 Mal schmelzen. Sie brauchen nicht mit dem Brennmateriale zu geizen, indem ihre Steinkohlen wohlfeil sind; wollten wir hingegen nach ihrem Verfahren arbeiten, so würden wir unser Geschäft unter sehr ungünstigen Verhältnissen betreiben. Belgien fabricirt wohlfeiler, als wir, weil es in Bezug auf die Steinkohlen eben so günstig gelegen ist, als England, weil es mehr und leichtere Transportmittel besizt, und weil es auf Blei und Potasche keinen Zoll zahlt. Belgien könnte sogar noch bei einem |384| hohen Einfuhrzolle auf Glaswaaren unseren Fabriken großen Nachtheil zufügen.

Fr. Wie kommt es aber dann, daß Belgien alle unsere Glaswaaren einzuführen verbietet?

A. Ich glaubte, Belgien lasse dieselben gegen einen Einfuhrzoll zu; verbietet es aber die Einfuhr wirklich, so ist dieß wahrscheinlich nur eine Reciprocitätsmaßregel, aus der sich weder für noch gegen die Frage etwas ergibt. In einer unter Hrn. Flachats Leitung erschienenen Abhandlung ist gesagt, daß das geschliffene Krystallglas im Preise gestiegen sey. Dieß ist eine oberflächliche Behauptung, indem die Glasschleiferei wesentlich verbessert und folglich wohlfeiler geworden. Die Erfindung des Pistons, womit sich in vielen Fällen das Blasen ersezen läßt, hat der Glasarbeit in Modeln einen großen Aufschwung gegeben und sie auch auf große Gegenstände anwendbar gemacht. Auch unsere mechanischen Vorrichtungen, unsere Drehbänke etc. haben wesentliche Verbesserungen erlitten.

Fr. Hr. Flachat behauptet, daß sich die Directoren der vier großen Krystallglasfabriken in Frankreich in Eine Gesellschaft vereinigt hätten? Ist dieß richtig?

A. Folgendes ist das Wahre hieran. Ehemals bestanden zu Paris fünf bis sechs Handlungshäuser, die uns unsere Krystallgläser abnahmen, um sie dann weiter zu verkaufen. Diese haben sich nun seit einigen Jahren zu einem einzigen Hause vereinigt, welches eine allgemeine Niederlage errichtete, so daß wir es gegenwärtig nur mehr mit einem einzigen Vermittler zu thun haben. Dadurch entstand jedoch durchaus kein Steigen des Preises, sondern eher das Gegentheil.

2. Aussagen des Hrn. Georges Bontemps, Glasfabrikanten zu Choisy-le-Roi.

Fr. Sie haben bei Gelegenheit der lezten Industrieausstellung eine Brochure geschrieben, in der die die Glasfabrikation betreffende Frage sehr gut behandelt ist. Beharren Sie auf Ihrer daselbst geäußerten Behauptung, daß die französischen Glasfabriken bei dem Schuze eines Zolles sehr gut mit den ausländischen Fabriken Concurrenz halten könnten?

A. Ich bin noch immer dieser Ansicht; allein ich gehe dabei von der Voraussezung aus, daß die ausländischen Fabrikate in Frankreich nicht unter günstigern Bedingungen zugelassen werden, als die französischen im Auslande. Unsere Krystallgläser zahlen z.B. in England einen Zoll, der über 50% beträgt; ohne Zweifel könnte man die englischen Fabrikate gegen einen gleichen Zoll auch in Frankreich zulassen, wobei man sich jedoch einen Schuzzoll für den Fall vorbehalten müßte, daß die englische Regierung den Einfuhrzoll der Krystallgläser bedeutend herabsezen oder ganz aufheben würde.

Fr. Wie hoch belauft sich jährlich Ihre Fabrikation?

A. Ich erzeuge für 200,000 Fr. Krystallglas, für 500,000 Fr. gewöhnliche Glaswaaren und für 50,000 Fr. an gemalten Gläsern.

Fr. Was für ein Brennmaterial verwenden Sie?

A. Hauptsächlich Steinkohlen, wovon mich die 1250 Kilogr. auf 40–45 Fr. zu stehen kommen, und auch Holz. Das Brennmaterial bildet ein Drittheil, der Arbeitslohn das zweite, und die rohen Materialien das dritte Drittheil der Gestehungskosten meiner Fabrikate.

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Fr. Woher beziehen Sie Ihre Steinkohlen, und mit was für rohen Materialien arbeiten Sie?

A. Die Steinkohlen beziehe ich gegenwärtig von Anzin und Denain; früher bezog ich sie von St. Etienne; allein wegen der Unsicherheit der Schifffahrt auf der Loire habe ich mich nun an die nördlichen Steinkohlengruben gewendet. Der Sand bildet die Basis aller Arten von Glas. Zu den Fenstergläsern und anderen gewöhnlichen Glassorten nehme ich Kreide und schwefelsaures, so wie basisch-kohlensaures Natrum. Ich würde diese Salze gern durch Kochsalz ersezen; allein dazu müßte das Kochsalz frei gegeben werden, was sich schwer mit den Verwaltungsmaßregeln vereinbaren läßt. Zum Krystallglase verwende ich Masche und Blei, die jedoch wegen des hohen Einfuhrzolles sehr theuer zu stehen kommen. Eine Herabsezung dieser Zölle wäre durchaus nöthig, um uns in Stand zu sezen, auf den fremden Märkten mit England concurriren zu können. Wollte man uns keine solche Herabsezung bewilligen, so sollte man uns wenigstens bei der Ausfuhr einen Rükzoll vergüten, welcher dem daran gewendeten Zolle entspräche.

Fr. Wie hoch schäzen Sie den in Folge des Zolles auf Potasche und Blei sich ergebenden Mehrbetrag des Preises der Gläser, und in welcher Quantität werden diese Substanzen zum Krystallglase genommen?

A. Der Zoll beträgt beiläufig 15% des Werthes der Rohstoffe, und beiläufig 4% des Werthes der verkäuflichen Waaren. Das Krystallglas enthält 1/3 Blei und 1/6 Potasche. Das Blei zahlt 6 und die Potasche 18 Fr. pr. Kilogr. Der Kilogr. Krystallglas kommt etwa auf 1 Fr. 80 Cent.

Fr. Welche Artikel erzeugen Sie in größter Menge?

A. Kelchgläser, die jedoch sehr wohlfeil sind. Der glatte Becher, der ein halbes Pfund wiegt, wird nur zu 32 Cent, verkauft, und folglich unter dem mittleren Verkaufspreise des Krystallglases. Auf diesen Artikel läßt sich daher leine Berechnung gründen.

Fr. Wissen Sie, wie theuer dergleichen Kelche in England verkauft werden?

A. Der Kelch oder das Glas ohne Fuß ist in England bei weitem nicht so gebräuchlich, als in Frankreich. Der Gestehungspreis ist in England im Allgemeinen niedriger, als bei uns, weil die Rohstoffe daselbst wohlfeiler sind. Allein in England lastet dafür eine bedeutende Auflage auf dem Glase, welche diesen Industriezweig in Fesseln hält, so daß wir auf diese Weise einen Theil der Nachtheile, die wir durch den höhern Preis der Rohstoffe erleiden, wieder hereinbringen.

Fr. Wie können Sie in England bei dem hohen darauf lastenden Zolle Krystallglas verkaufen, und wie hoch schäzen Sie den englischen Zoll, mit Einschluß der Accise, die auch auf uns anwendbar wäre?

A. Wir verkaufen nur sehr wenig, und lediglich Modeartikel nach England. Der englische Zoll beträgt 20 Fr. per 100 Kilogr., mehr als 25% des Werthes, was zusammen ungefähr 40% für unser Krystallglas gibt. Da jedoch die Accise beiläufig 10% des Werthes beträgt, so folgt hieraus, daß unser Krystallglas in England gegen eine Auflage von 50% zu kämpfen hat.

Fr. Wie hoch steht das Fensterglas im Preise, und wie hoch ist der Preis desselben im Auslande?

A. Das Fensterglas gilt bei uns 70 Cent. per Kilogr., in England ist es theurer. Die Engländer fabriciren jedoch für die Ausfuhr ein noch schlechteres |386| Glas, welches wohlfeiler ist. In Frankreich verkauft man die gemeine Qualität besser, als die schönere; in England verhält sich dieß umgekehrt; die Engländer versenden die schlechteste Qualität, den Ausschuß, den sie im Inlande nicht unterbringen können, auf fremde Märkte, und geben sie daselbst niedriger, als der Gestehungspreis im Allgemeinen ist. Der Gewinn, den sie an den bessern Sorten machen, sezt sie in Stand, auf den fremden Märkten überall zu concurriren. Wir führen nur sehr wenig Fensterglas aus.

Fr. Wonach würden Sie den Zoll festsezen?

A. Ich würde als Basis einen Zoll nach dem Gewichte und hierauf auch noch einen Zoll nach dem Werthe einführen. Ein bloß nach dem Werthe berechnetet Zoll würde uns nicht gegen Betrug schüzen; denn man könnte, indem man die Krystallgläsersortimente trennt, niedrigere Werthe ansezen, als die Gläser sortirt haben. Das Fensterglas bedürfte, wie ich glaube, bloß eines nach dem Gewichte berechneten Zolles. Ich habe diese Frage in Bezug aus England auf mehreren nach England gemachten Reisen studirt; was aber Deutschland betrifft, wo man sehr wohlfeiles Glas fabricirt, so bin ich nicht im Stande, den Zoll anzugeben, den wir von dieser Seite bedürften. Bei den laufenden Artikeln wurde uns gegen England ein Schuzzoll von 20 bis 25% genügen; allein bei den Fenstergläsern brauchten wir einen sehr hohen Zoll, der übrigens bloß nach dem Gewichte berechnet seyn könnte. Uebrigens darf bei den Fenstergläsern hauptsächlich Deutschland und Belgien, in Betreff derer es mir jedoch, wie gesagt, an hinreichenden Daten fehlt, nicht aus dem Auge gelassen werden; denn die Glasfabriken Belgiens und Deutschlands sind, was das Brennmaterial betrifft, eben so gut gelegen als die englischen.

Fr. Läßt sich denn nicht annehmen, daß die französischen Fabriken gegenwärtig schon durch die ungeheure Fracht, welche Belgien und Deutschland zahlen müssen, gegen diese beiden Staaten hinreichend geschüzt sind?

A. Die Fracht ist nur eine leichte Entschädigung für die übrigen Nachtheile, unter denen wir arbeiten; wir zahlen z.B. 40 Sous Arbeitslohn für Arbeiten, die in Böhmen für 3 bis 4 Sous vollbracht werden.

Fr. Haben sich die vier Krystallglasfabriken zu Baccarat, St. Louis, Choisy-le-Roi und Bercy gegenwärtig nicht zu einer einzigen Compagnie verbunden?

A. Sie versehen seit drei Jahren gemeinschaftlich eine und dieselbe Niederlage; die Preise sind nach einem gemeinschaftlichen Tarife regulirt. Diese in Folge einer Handelsconjectur gegründete Niederlage repräsentirt so zu sagen den Handel und den Consumenten; sie ist jeder Erhöhung des Preises, die der Fabrikant allenfalls verlangen könnte, entgegen. Uebrigens liegt es im wahren Interesse, der Fabrikanten, so gut als möglich zu verkaufen, damit er um so mehr erzeugen könne. Die Verbindung der Kaufleute zu Einer Gesellschaft erhöhte den Preis des Krystallglases durchaus nicht; er ist vielmehr seither gesunken.

3. Aussagen des Hrn. Paris, Directors der Krystallglasfabrik zu Bercy.

Fr. Wie hoch schäzen Sie das Erzeugniß Ihrer Fabrik und jenes der vier Krystallglasfabriken zusammengenommen?

A. Meine Fabrik erzeugt jährlich, nach dem Fabrikpreise gerechnet, für 250,000 Fr., die Production aller 4 Fabriken schlage ich zu 2 Mill. 7 bis 800,000 Fr. an.

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Fr. Diese Fabriken dürfen ihre Fabrikate nur an eine und dieselbe Niederklage und um einen gemeinschaftlichen Tarif abgeben?

A. Allerdings, und zwar nach einem Tarife, der von den Fabriken festgesezt und den Gründern der Niederlage auferlegt wurde; wir geben er Niederlage einen Nachlaß, um sie zu zwingen, nach dem Tarife zu verkaufen.

Fr. Kam man nicht dahin überein, daß jede der vier Fabriken die Niederlage in einem gewissen Verhältnisse versehen müsse, und sind die Preise seit dem Bestehen der Niederlage gesunken?

A. Als ich dem Contracte beitrat, wies man mich an, daß ich der Niederlage den dreizehnten Theil ihres Bedarfes Zu liefern hatte. Was die Preise betrifft, so sind viele seither wirklich gesunken, andere sind gleich geblieben, während sich die Qualität der Artikel um gar Vieles verbesserte. Die Dimensionen mancher Gläser und Flaschen sind viel größer geworden, während andere Artikel kleiner wurden.

Fr. Was für Artikel fabriciren Sie hauptsächlich?

A. Ich erzeuge hauptsächlich glatte Artikel. Da meine Fabrik nämlich der Niederlage am nächsten liegt, und da man gerade von den glatten Artikeln das größte Sortiment braucht, so verlangt man von mir weit mehr glatte als Modelte Waare.

Fr. Was benuzen Sie für Brennmaterial?

A. Ich arbeite mit Steinkohle von erster Qualität, die ich von Anzin, und zwar die Fuhr zu 45 Fr. beziehe; ich könnte die Fuhr wohl auch zu 42 Fr. haben, allein von schlechterer Qualität. Das Brennmaterial beträgt beinahe 25% des Gestehungspreises.

Fr. Führt Frankreich Glas aus, und wissen Sie Einiges über die Fabrikation im Auslande anzugeben?

A. Die Niedertage führt jährlich für 5–600,000 Fr. aus, und davon bilden meine Fabrikate gleichfalls den dreizehnten Theil. Ueber die Fabriken im Auslande kann ich nichts Positives angeben; doch weiß ich, daß die Belgier wegen der Nahe der Steinkohlenbergwerke und wegen des niedrigem Arbeitslohnes wohlfeiler zu fabriciren im Stande sind, als wir. Meine Fabrik befindet sich vor den Thoren von Paris, wo der Arbeitslohn sehr hoch steht, und die Glasarbeiter selten sind. Den Arbeitern erster Classe, welche den Artikeln die leite Zurichtung geben, zahle ich monatlich 250 Fr., die Arbeiter zweiter Classe, welche die Gläser und andere derlei Artikel verfertigen, verdienen monatlich 180 Fr., die Arbeiter dritter Classe endlich erhalten 150 Fr.

Fr. Wenn die Belgier auch wegen der Nähe der Steinkohlen und der Wohlfeilheit des Arbeitslohnes wohlfeiler fabriciren können, so sind Sie ja doch durch die hohe Fracht, welche den Belgiern zur Last fällt, hinreichend geschüzt.

A. Man sollte dieß meinen; allein auch wir haben für manche Rohstoffe, die wir bedürfen, wie z. B. für das Blei, die Potasche und die Steinkohlen große Fracht zu bezahlen.

Fr. Glauben Sie, daß man statt des gegenwärtig bestehenden Einfuhrverbotes einen Schuzzoll einführen könne?

A. Ja, wenn dieser Zoll hoch genug ist, und beinahe einem Verbote gleichkommt. Nicht bloß die Krystallglasfabriken, sondern auch die Fabriken von gewöhnlichem weißen Glase haben die Concurrenz des Auslandes zu fürchten. Unser Gewinn ist so gering, als er nur immer seyn kann.

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Fr. Wodurch wurden die Fabriken zur Gründung der gemeinschaftlichen Niederlage veranlaßt?

A. Durch eine Art von Wettstreit, der zwischen Baccarat und St. Louis entstand, der vielleicht zum Untergange beider Fabriken geführt haben würde, wenn man sich nicht zur Errichtung einer gemeinschaftlichen Niederlage, in der um gleichen Preis verkauft wird, verstanden hatte.

Fr. Es muß also auch Gleichheit der Producte oder Fabrikate bestehen?

A. Allerdings, und daher werden keine Fabrikate von zweiter Auswahl angenommen.

Fr. Wie erkennt man, daß die in der Niederlage verkauften Artikel von dieser oder jener Fabrik herrühren?

A. Niemand weiß dieß, da sämmtliche Fabrikate unter einander gemengt werden. Es wäre gar nicht möglich, für die Fabrikate jeder einzelnen Fabrik eigene Locale herzustellen.

Fr. Sie haben also eine einzige gemeinschaftliche Niederlage, die Sie in einem gewissen Verhältnisse mit Waaren versehen, in der diese Waaren ohne Unterschied der Fabrik, in welcher sie erzeugt werden, verkauft werden, und die den Ertrag des Totalverkaufes nach dem Betrage der gelieferten Waaren vertheilt?

A. Ja.

Fr. Wenn aber der Bedarf oder der Verbrauch das angenommene Verhältniß übersteigt; wenn z. B. die Artikel, die Sie insbesondere fabriciren, mehr Absaz finden sollten, was geschieht dann?

A. Dann liefere ich eine größere Menge, und gebe dafür den andern Fabriken im Verhältnisse dieses Mehrerzeugnisses eine entsprechende Entschädigung. Wir sind zwar an ein bestimmtes Verhältniß gebunden, allein wir können in eben diesem Verhältnisse auch sämmtlich zur Befriedigung des Mehrbedarfes beitragen.

Fr. Sie haben gesagt, daß in der Niederlage nur Artikel von der ersten Auswahl zugelassen würden; was thun Sie mit den Artikeln zweiter und dritter Auswahl?

A. Diese Artikel werden nicht in den Handel gebracht, um den Ruf unserer Fabriken nicht zu beeinträchtigen.

Fr. Bei diesem Systeme ist aber keine Vervollkommnung möglich?

A. Im Gegentheile, wir sind dadurch gezwungen, so gut als möglich zu arbeiten.

Fr. Ist nicht zu befürchten, daß Sie, wenn Sie einmal einen gewissen Grad von Vollkommenheit erreicht hatten, auf demselben stehen blieben, und sich keine Mühe mehr gäben, den Verbrauch durch Erniedrigung des Preist zu vermehren?

A. Es liegt immer in unserem Interesse, unsere Fabrikation zu erhöhen, und folglich unsere Preise so niedrig als möglich zu stellen, damit dadurch der Verbrauch im Innern und die Ausfuhr zunehmen könnten.

Fr. Es scheint aber doch, daß die vier Fabriken in der Lage, in die sie sich versezten, kein besonderes Interesse haben, ihr Geschäft zu verbessern; denn solche Verbesserungen würden ihnen dennoch keinen größern Gewinn bringen. Die Vervollkommnung und Verbesserung der Fabrikate entspringt hauptsächlich aus der Concurrenz mehrerer Fabriken einer und derselben Art. Gesezt eine Ihrer vier Fabriken erfände z.B. ein neues Verfahren, nach welchem sie |389| bessere Artikel zu liefern im Stande wäre, würde dieselbe dann nicht bei der Vermengung ihrer Fabrikate mit jenen der übrigen Fabriken gehindert seyn, von ihrer Erfindung gehörigen Nuzen zu ziehen?

A. Bei dem gegenwärtigen Zustande der Glasfabrikation wäre ein solches Geheimniß nicht lange zu bewahren; das neue Verfahren würde bald auch in den übrigen Fabriken eingeführt werden, und würde dadurch die Fabrikation begünstigt werden, so würden wir die Preise herabsezen, um den Absaz zu erhöhen.

Fr. Gesezt, es entstünde eine neue Krystallglasfabrik, welche alle Bedingungen zur Erzeugniß wohlfeiler Waare in sich vereinte, so müßte sich diese wohl auch mit den vier älteren Fabriken verbinden?

A. Es stünde ihr frei zu thun, was ihr beliebt.

Fr. Allerdings; allein die vier vereinigten Fabriken würden ihre Preise für den Augenblik so herabsezen, daß die neu erstandene Fabrik fallen müßte; sie würden wahrscheinlich dasselbe Verfahren befolgen, welches unsere großen Messagerien einschlagen, um die neuen mit ihnen in Concurrenz tretenden Unternehmungen zu unterdrüken.

A. Das Opfer, welches hiezu nöthig wäre, wäre zu groß. Da sich die Preiserniedrigung auf alle Gegenstände erstreken müßte, so läßt sich wohl nicht annehmen, daß vier Fabriken, deren Gewinn ohnedieß nicht sehr groß ist, einen Verlust von 3–400,000 Fr. daran sezen würden, um eine neue Fabrik zu unterdrüken, deren Verschleiß sich vielleicht im Jahre nicht einmal auf 300,000 Fr. beliefe.

4. Aussagen des Hrn. Stephan Flachat.

Die Fabrikation von gewöhnlichem Glase sowohl, als von Krystallglas scheint mir ganz vorzüglich zu denjenigen Industriezweigen zu gehören, für welche unsere Fabrikanten am allerwenigsten die Argumente anrufen können, deren man sich gewöhnlich bedient, um die Notwendigkeit des Prohibitivsystemes oder hoher Schuzzölle darzuthun. Wen haben unsere Fabriken zu befürchten? Etwa Belgien, dessen Hauptglasfabriken schon bestanden, als Belgien noch zu Frankreich gehörte, und welches damals unsere französischen Fabriken dennoch nicht beeinträchtigte? Oder Böhmen? Dieß ist ganz unmöglich, denn wenn unsere Fabriken nicht einmal mit einem so fernen Lande Concurrenz halten könnten, mit einem Lande, welches für seine Fabrikate eine so ungeheure Landfracht befreiten muß, so verdienten sie wahrhaftig nichts weniger als den Schuz der Regierung. Oder England? Allein die Preise der Glaswaaren stehen in England höher als bei uns; Es ist zwar wahr, daß in England eine starke Auflage auf dem Glase lastet; allein zieht man diese Auflage ab, so ergibt sich, daß die englischen Gläser mit den französischen beinahe im gleichen Preise stehen. Ich habe mich auf mehreren nach England unternommenen Reisen hievon überzeugt, und will hier einen Beweis geben.

Die Spiegelfabrikation gibt ein gutes Vergleichsmittel für den Zustand der Glas- und der Krystallglasfabrikation in beiden Ländern, indem sie von den Fortschritten beider Industriezweige abhängt. Wir wollen daher die Spiegelpreise in Frankreich und England mit einander vergleichen.

Die British Plate glass Company verkauft in ihrer Niederlage zu London nach folgendem Tarife:

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Höhe. Breite. Preis nach dem Belegen.
3,30 Meter. 2,12 Meter. 5149 Fr.
3,65 – 5,02 – 5552 –
3,72 – 2,10 – 5924 –
3,77 – 2,07 – 6035 –
4,00 – 2,00 – 6327 –

Leztere Größe beträgt 10,952 Quadratzoll; mithin kommt der Zoll auf 58 Centime.

Bei unserer lezten Industrieausstellung lieferte die Fabrik zu Saint-Quirin einen Spiegel von 150 Zoll Höhe auf 98 Zoll Breite, der also eine Oberfläche von 44,700 Quadratzoll darbot. Der Spiegel kostete unbelegt 7700 Fr., und rechnet man hiezu das Belegen zu 10% mit 777 Fr., so kam er auf 8470 Fr. zu stehen, was 57 Centime auf den Quadratzoll gibt.

Die Fabrik von Saint-Gobin lieferte einen Spiegel von 153 Zoll Höhe auf 93 Zoll Breite, der also 14,229 Quadratzoll hatte; er kostete unbelegt 7400 Fr.; rechnet man hiezu das Belegen zu 40%, mit 740 Fr., so kam er im Ganzen auf 8140 Fr., was für den Quadratzoll gleichfalls 57 Centimen ausmacht.

Erwägt man demnach, daß die französischen Spiegel, deren Preis per Zoll ich eben berechnete, um 4000 Zoll größer sind, als die englischen, und daß ihr Preis per Quadratzoll dennoch nicht großer ist, als jener der englischen, so gibt dieß einen sicheren Beweis, daß die französischen Spiegel wohlfeiler sind, als die englischen. Selbst wenn man von lezteren die auf ihnen lastende Auflage, die bei Gegenständen von solcher Wichtigkeit nicht von Belang ist, abzieht, bleibt immer noch ein Unterschied zu Gunsten des französischen Fabrikates.

Das Einfuhrverbot läßt sich daher, wie mir scheint, auf keine Weise rechtfertigen oder erklären; es ist vielmehr offenbar, daß die Freigebung der Einfuhr nicht nur keinen Nachtheil bringen, sondern ein ganz sicheres Aneiferungsmittel für unsere Fabriken seyn würde. Die Fortschritte derselben ließen sich übrigens auch noch durch ein anderes Mittel anregen; und dieses bestünde in der Aufhebung des Zolles auf die Rohstoffe, auf die Kohle, die Soda, die Potasche und das Blei. Man sagt zwar, daß das Interesse der französischen Steinkohlengruben der Freigebung der fremden Steinkohlen entgegen sey. Ich will diese Frage nicht erörtern; allein was für französische Fabrikanten werden durch den auf die Potasche gelegten Einfuhrzoll begünstigt? Offenbar Niemand; denn wir erzeugen selbst keine Potasche. Was das Blei betrifft, so verbraucht Frankreich davon jährlich 13 bis 14 Mill. Kilogr., während es doch höchstens nur 400,000 Kilogr., also den 35sten Theil des Verbrauches erzeugt.

Man beschäftigt sich gegenwärtig sehr viel mit der Frage, ob die Handelsreform nicht für's erste lediglich mit einer Herabsezung des Zolles der Rohstoffe beginnen soll. Mir scheint dieses System nicht für alle Industriezweige ausführbar, ganz wohl aber z. B. für die Fabrikation von Krystallglas, wo dann das Einfuhrverbot zugleich aufgehoben oder wenigstens gegen einen sehr mäßigen Zoll vertauscht werden könnte.

Das Krystallglas besteht in 200 Theilen aus 100 Theilen Sand, 66,66 Mennig und 33,33 Potasche. Die 66,66 Theile Mennig enthalten beiläufig 58 Theile Blei. Der mittlere Preis von 100 Kilogr. Blei beträgt 50; jener der Potasche 80 Franken. Der Zoll auf das Blei beträgt im Durchschnitte 15, jener auf die Potasche 25%. Der mittlere Preis des metrischen Centners |391| Sand beläuft sich in unseren verschiedenen Fabriken auf 3 Fr. Hienach ist das Krystallglas durch folgende Werthe repräsentirt: Sand 3 Fr., Blei 2 Fr., Potasche 27 Fr., zusammen 57 Fr. Davon betragen die Zölle 9 Fr. 99 Cent.; nämlich auf das Blei 4 Fr. 5 Cent, und auf die Potasche 5 Fr. 54 Cent.; so daß also für das Krystallglas eigentlich nur 47 Fr. übrig bleiben. Die Zölle betragen demnach mehr als 21% der Kosten der Rohstoffe.

Für die Beibehaltung des Zolles auf Potasche läßt sich gar kein anderer Grund als ein fiskalischer aufbringen, und was das Blei betrifft, so würde durch die Aufhebung des Zolles, womit dasselbe belastet ist, gewiß unseren Hüttenwerken kein Nachtheil erwachsen, indem deren Gewinn lediglich durch die Ausbringung des in dem Bleie enthaltenen Silbers bedingt ist.

Ich erlaube mir nun die Aufmerksamkeit der Regierung noch auf einen Umstand zu lenken, der derselben würdig zu seyn scheint. Die Krystallglasfabrikation ist bekanntlich auf vier große Fabriken beschränkt; die kleine zu Villette bestehende Anstatt ist von gar keinem Belange. Diese vier Fabriken nun haben sich durch eine Acte mit einander verbunden; sie haben gegenwärtig das Verhältnis in welchem jede derselben zu arbeiten und zu fabriciren hat, fixirt. Zu gleicher Zeit wurde zu Paris eine große Verkaufsniederlage errichtet: ein einziger Wille bestimmt also sowohl die Quantität des in Frankreich zu erzeugenden Krystallglases, als den Preis desselben. Ich will dergleichen Verbindungen nicht im Allgemeinen und dem Principe nach verdammen; denn sie können oft sehr vortheilhaft wirken, den Aufwallungen der Concurrenz ein Ziel sezen, und sowohl den Preisen als dem Arbeitslohne Stätigkeit geben; allein wenn diese Verbindungen zu solchen Resultaten führen sollen, so muß auch ein Gegengewicht gegen dieselben bestehen. An einem solchen Gegengewichte fehlt es jedoch gänzlich, wenn die Verbindungen die ganze Production im Inlande umfassen, und wenn die Einfuhr vom Auslande her gänzlich untersagt ist. Welcher Unterschied besteht in diesem Falle noch zwischen einer solchen Verbindung und einer gegen die Abnehmer und Arbeiter gerichteten Verbindung? Gegen die Abnehmer; denn der Preis der Waaren hängt lediglich von dem Willen und den Gesinnungen der Fabrikanten gegen die Arbeiter ab; die Arbeiter sind nämlich ganz dem Willen der Fabrikanten Preis gegeben; diese werden, wenn sie mit einander verbunden sind, keinen Arbeiter aufnehmen, der an einer der vier Fabriken entlassen wurde; und sie können nach gemeinschaftlicher Uebereinkunft den Arbeitslohn beliebig herabsezen, ohne daß die Arbeiter auch nur den geringsten Widerstand dagegen zu leisten im Stande wären. Auf solche Weise können die Verbindungen der Fabrikanten unter einander ausarten, und dagegen steht der Regierung keine andere Waffe zu Gebote, als die Freigebung der Concurrenz des Auslandes, indem die Gerichte notorisch in solchen Verbindungen keine durch das Gesez verbotenen Coalitionen erkannten.

Alles dieß beweist, daß die Eröffnung der fremden Concurrenz in der Glas- und Krystallfabrikation nothwendig ist. Mit dieser Concurrenz brächte die erwähnte Verbindung nur Vortheile ohne Nachtheile; und es wäre zu wünsche daß sie dann fortbestünde, indem sie nach Entfernung des Mißbrauches auch noch ihre nüzliche Seite hat. Eine solche Verbindung gäbe den Fabrikanten auch das einzige Mittel an die Hand, nach und nach über einen Mißbrauch zu siegen, welcher fortwährend noch in der Glasfabrikation besteht, und der für deren Fortschreiten von großem Nachtheile ist. Wir meinen nämlich die Erblichkeit, welche die mit der Leitung der Schmelzofen beauftragten Arbeiter unter sich |392| eingeführt haben, und welche in einen solchen Grad von Aristokratie ausgeartet ist, daß diese Leute in Frankreich unter dem Namen Gentilshommes verriers bekannt sind; sie tragen ihre Stellen immer auf ihre Kinder über, und dulden in dieser Hinsicht keine Concurrenz. Dieser grobe Mißbrauch kann nur durch eine Verbindung der Fabrikanten unter einander abgestellt werden.

Fr. Wie lange besteht die Verbindung der Fabriken bereits, und ist der Preis der Kristallgläser seither gestiegen?

A. Die Verbindung besteht seit zwei Jahren, und seither ist der Preis der geschliffenen Krystallgläser gestiegen, während die in Model geblasenen Artikel bedeutend im Preise sanken, was jedoch lediglich von den Fortschritten dieser Art von Fabrikation herrührt. Ich muß bemerken, daß seit diesem Sinken der Preise der Verbrauch zugenommen hat, und daß diese Zunahme beiläufig aus ein Drittheil geschäzt werden kann.

Fr. Wenn kein Steigen der Preise Statt fand, hinderte die Gesellschaft nicht allenfalls ein Sinken, welches nothwendig aus der Concurrenz erfolgt seyn würde?

A. Bei dem großen Aufschwünge, der seit zwei Jahren in allen Geschäften Statt fand, läßt sich nicht behaupten, daß innerhalb dieser kurzen Zeit auf anderem Wege, als durch Fortschritte der Fabrikation ein Sinken der Preise hätte eintreten können; allein gegenwärtig, wo die Fabrikation den Bedarf dekt, unterliegt es keinem Zweifel, daß der Mangel an Concurrenz dem Sinken der Preise entgegen ist. Ich glaube daher, daß dieser Gegenstand in hohem Grade die Aufmerksamkeit der Verwaltung verdient, und ich wiederhole, daß ich lediglich in der fremden Concurrenz eine Garantie gegen die Anmaßungen unseres Fabrikenvereines erblike.81)

(Fortsezung im nächsten Heft.)

|392|

Wir haben die Aussagen in Bezug auf die Krystallglasfabrikation in Frankreich etwas ausführlich gegeben, weil sie nicht bloß in statistischer, sondern auch in staatswirtschaftlicher Hinsicht von höchstem Interesse sind. Sie zeigen nur zu deutlich, welche schädliche Einflüsse Fabrikantenverbindungen, wenn sie in die alten Zünfte ausarten und wenn sie gewisser Maßen zum Monopol werden, selbst in jenen Ländern hervorbringen, in denen Gewerbsfreiheit besteht; und um wieviel fühlbarer diese die große Anzahl der Consumenten bedrückenden Uebel erst da werden müssen, wo man sich noch in den lahmenden Fesseln des Zunftzwanges befindet. Hr. Flachat hat in seinen obigen Aussagen sehr richtig entwickelt, daß gegen diese Ausgeburten eines künstlich erzeugten Monopolienwesens nur in der Handelsfreiheit das einzige Mittel zu suchen sey. Wir stimmen hierin ganz mit ihm überein, erlauben uns aber bei dieser Gelegenheit zu fragen, welche Folgen wohl in jenen Staaten eintreten müssen, wo man, im Großen groß denkend, im Kleinen hingegen von dem tödtenden Zunft- und Kastengeiste befangen, und unfähig sich über die Beschränktheit einer selbstsüchtigen, in ihrer Erziehung vernachlässigten und vor weiterer Ausbildung und eigentlichem Gewerbsfleiße zurückschreckenden Classe zu erheben, einerseits den alten Gewerbszwang wieder einführt, während man sich mit Staaten, in denen eine rasche, innere, von der Verwaltung angeregte und weise geleitete Entwikelung vorgeht, in denen die Gewerbsfreiheit bereits ihre vollen und segenreichen Früchte trägt, und in denen man unter diesen Verhältnissen ersteren Staaten in jedem Jahre um ein Jahrzehent vorauseilt, eine Art von Handelsfreiheit eingeht? Die unheilschwangeren Folgen eines solchen Systemes sind leicht vorherzusehen; möge man dieselben wenigstens dann nicht verkennen, wenn sie sich zu offenbaren beginnen; denn fürwahr, das Heilmittel ist dann kein so leichtes mehr; und wenn auch die verlorenen Kapitalien zu ersezen wären, so wird doch die Zeit, die man unbesonnen vergeudete, nie wieder: kehren. Ohne jedoch in eine weitere Betrachtung dieser traurigen Verhältnisse eingehen |393| gehen zu wollen, fügen wir nur noch aus dem Temps und aus einigen anderen französischen Blättern folgende Bemerkungen bei, die die Aussagen des Hrn. Flachat zu unterstüzen scheinen. Die Verbindung der Fabriken von Baccarat und St. Louis erfolgte nicht, wie Hr. Päris irrig angab, in Folge einer zwischen ihnen eingetretenen Rivalität, welche beide zu Grunde zu richten drohte, sondern aus ganz anderen selbstsüchtigen Gründen. Die Geschäfte der früheren Krystallglashändler singen an etwas lau zu gehen, und dieß veranlaßte mehrere derselben, zu einer Gesellschaft zusammenzutreten, welche die Hauptfabrikanten einlud, bei ihr allein ihre Fabrikate niederzulegen, wogegen sie ihnen versprach, ihnen alle ihre Fabrikate abzunehmen. Die Gesellschaft, welche unter der Firma Launay, Hautin und Comp. besteht, und 6 oder 7 Theilnehmer zählt, von denen mehrere keine Glashändler, dafür aber so vermöglich sind, daß sie leicht dem Handel Geseze dictiren können, trug wesentlich zum Untergange der früher berühmten Fabrik der HHrn. Brüder Chagot an Mont-Cenis bei, deren Eigenthümer unglücklicher Weise auch bei den Hüttenwerken von Creuzot interessirt waren. Die Fabriken zu Choisy-le-Roi und Bercy mußten sich jenen zu Baccarat und St. Louis anschließen, wenn sie nicht gleiches Schiksal mit Mont-Cenis theilen wollten; denn schon machte man den Angriff gegen sie dadurch, daß man den Fabrikpreis momentan unter den Gestehungspreis herabsetzte; und wenn die Gesellschaft die kleine Fabrik zu Villette noch bestehen läßt, so geschieht dieß bloß unter der Bedingung, daß sie ihre Geschäfte nicht weiter ausdehnt. Eben so nachteilig wie für die kleineren Fabriken und für die kleineren Glashändler war das angemaßte Monopol der Gesellschaft auch für die Glasschleifer, indem sie dieselben zwang, nach einem bestimmten Tarife zu arbeiten, und hievon der Gesellschaft noch 10% nachzulassen! – Wie sehr endlich die oben erwähnten Monopolisten in ihren Aussagen Alles zu ihren Gunsten auslegten, erhellt auch schon daraus, daß Hr. Päris behauptete, ein Geheimniß könne bei dem gegenwärtigen Zustande der Glasfabrikation nicht lange mehr bestehen. Allerdings ist die Chemie im Stande, die Bestandtheile eines jeden Glases sehr schnell und mit größter Genauigkeit zu ermitteln; allein damit ist noch nicht Alles gethan, indem es oft auf einen scheinbar höchst unbedeutenden Umstand, auf einen Handgriff ankommt, um manche Schmelze gelingen oder mißlingen zu machen. – Schließlich bemerken wir nur noch, daß die kleineren Glasfabrikanten und Glashändler, welche von der Compagnie unterdrükt werden, sich an Hrn. Say gewendet und demselben Documente geliefert haben, womit derselbe ihre Sache vertheidigen und die Argumente der Monopolisten widerlegen soll, wenn die Frage vor der Kammer zur Sprache kommen wird. A. d. R.

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