Titel: Ueber die Fabrik elastischer Zeuge der HH. Rattier und Guibal in Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 54, Nr. XXIV./Miszelle 12 (S. 143–144)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj054/mi054024_12

Ueber die Fabrik elastischer Zeuge der HH. Rattier und Guibal in Paris.

Wir entnehmen aus dem interessanten Berichte, welchen Hr. Francoeur der Société d'encouragement über die Fabrik elastischer Zeuge der HH. Rattier und Guibal in Paris, rue des Fossés-Montmartre No. 4, erstattete, folgende Notiz, welche bei unseren Lesern gewiß auch Anklang finden dürfte. Die Kunst den Kautschuk zu spinnbaren Faden zu verarbeiten und elastische Zeuge daraus zu verfertigen, ist, wie Hr. Francoeur sagt, französischen Ursprunges und die Erfindung der HH. Rattier und Guibal. Die Versuche Reithoffer's zu Wien beschränkten sich auf die Fabrikation von Schnürchen zu Schnürriemen, welche durchaus nicht verwebt werden konnten. Sein Verfahren blieb geheim, und hatte noch durchaus keinen Erfolg, als die HH. Rattier und Guibal ihre schöne Fabrik zu St. Denis gründeten, aus welcher Fabrikate hervorgehen, die mit jenen Reithoffer's durchaus keine Ähnlichkeit haben.19) In |144| dieser Fabrik werden die Kautschukflaschen ausgedehnt und in zwei Halbkugeln zerschnitten, diese Halbkugeln werden flach gemacht, und spiralförmig in Bänder und hierauf in Schnürchen geschnitten, was mit Hülfe sehr sinnreicher, von Hrn. Calla erfundener Maschinen geschieht. Diese Schnürchen werden, nachdem sie beinahe auf das Zehnfache ihrer Länge ausgezogen und beinahe haarförmig geworden, in parallelen Linien auf große Haspel aufgewunden, und getroknet, um ihnen die Elasticität, welche die nächstfolgenden Operationen unmöglich machen würde, zu nehmen. Diese Fäden werden dann nach Art der Peitschenstiele mit Baumwolle, Wolle oder Seide übersponnen, indem sich um jeden Faden 12 Spulen bewegen. Dieses Geschäft vollbringen in einer großen Werkstätte nicht weniger als 1000 Stühle. Die übersponnenen Fäden kommen in einen Webestuhl, in welchem sie zu Hosenträgern, Strumpfbändern, Gürteln, Gurten, Corsetten etc. verarbeitet werden. Diesen Gegenständen gibt man dann zum Theil ihre Elasticität wieder, indem man sie einem gewissen Grade von Wärme aussezt, wodurch sie die Fähigkeit erlangen sich auszudehnen und wieder zusammenzuziehen. Eine nach dem Woolf'schen Systeme in der Fabrik Edward's erbaute Dampfmaschine von 12 Pferdekräften treibt die Welle, welche 12,000 Spulen, die Messer, mit denen der Kautschuk zerschnitten wird, die Haspel, kurz sämmtliche Mechanismen in Bewegung sezt. Die neue Fabrik beschäftigt täglich 300 Personen; man erzeugt in derselben täglich 1200 Ellen elastischen Zeuges, 600 Hosenträger, 600 Strumpfbänder, was zusammen jährlich einen Werth von 700,000 Franken gibt, wovon für 450,000 Franken ausgeführt werden. Die Fabrik verbraucht jährlich für 42,000 Franken Kautschuk, für 80,000 Franken Baumwolle, für 25,000 Franken Seide, und der Arbeitslohn beläuft sich jährlich auf 80,000 Franken; sie hat zwischen 1000 und 1100 Stühle zum Ueberspinnen der Kautschukfäden, 5 Maschinen zum Schneiden des Kautschuk, 6 zum Zertheilen und 1 zum Spinnen desselben. – Man hat bereits mehrfache Versuche gemacht die Fabrikate der HH. Rattier und Guibal nachzumachen, und ihnen auf diese Weise den Gewinn, den sie nun aus ihren Anstrengungen und Bemühungen ziehen, zu entreißen gesucht; allein die Gerichte haben in dieser Hinsicht nicht nur bereits 8 auf Patentverlezung gegründete Verurtheilungen ausgesprochen, sondern das Publikum selbst hat ihren Fabrikaten den Vorzug vor allen übrigen französischen und englischen Produkten eingeräumt. – Die Société d'encouragement ertheilte den HH. Rattier und Guibal in ihrer Generalversammlung vom 9. Julius ihre goldene Medaille zweiter Classe.

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Wir bedauern sehr, daß wir uns aus Mangel hinreichender Daten hier nicht um unsern deutschen Landsmann annehmen können, und würden mit großem Vergnügen allenfallsige Reklamationen desselben in unserem Journale veröffentlichen. Uebrigens wäre dieß nicht die erste Erfindung, deren Idee obwohl auf deutschem Boden entsprossen, doch auf diesem weder genug Anklang fand, noch die gehörige Ausbildung erlangte. Den HH. Rattier und Guibal dürfte wahrscheinlich auch von Seite mancher englischer Fabrikanten die Priorität angestritten werden; wenigstens |144| hatte die Fabrikation elastischer Zeuge schon im Jahre 1833 in England einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht, wie das Polyt. Journ. Bd. XLIX. S. 235 zeigte. Das Patent der HH. Rattier und Guibal ist vom 13. März 1830 datirt; die zum Schneiden des Kautschuk erfundene Maschine des Hrn. Calla ist im Dictionnaire de Technologie T. XXI. S, 49 beschrieben. A. d. R.

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