Titel: Ueber die Anwendung des zu einer Flüssigkeit comprimirten kohlensauren Gases als Triebkraft und über einige Eigenschaften der flüssigen Kohlensäure.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1834, Band 54, Nr. XLII./Miszelle 1 (S. 222–223)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj054/mi054042_1

Ueber die Anwendung des zu einer Flüssigkeit comprimirten kohlensauren Gases als Triebkraft und über einige Eigenschaften der flüssigen Kohlensäure.

Ueber diesen Gegenstand hat Hr. Thilorier an die französische Akademie der Wissenschaften einen Brief gerichtet, welchen wir aus dem Messager, No. 179 unseren Lesern mittheilen wollen. Er lautet wörtlich:

„Ich habe die Ehre der Akademie einen Apparat vorzulegen, vermittelst dessen ich auf chemischem Wege und in wenigen Augenbliken einen Liter flüssig gemachter Kohlensäure erhalte. Um ihn hinsichtlich seiner Capacität und seines Widerstandes am zwekmäßigsten einrichten zu können, mußte ich zuvor die Haupteigenschaften eines Körpers kennen zu lernen suchen, welcher bisher nicht studirt worden war; obgleich dieses zur Flüssigkeit comprimirte Gas eine chemische Untersuchung unmöglich zu machen scheint, weil es nur in luftdicht verschlossenen Gefäßen, welche einen hohen Druk auszuhalten vermögen, bestehen kann, so gelang es mir doch, eben so genau als es bei dem Aether und Alkohol geschehen konnte, das specifische Gewicht dieser Flüssigkeit, ihre thermometrische Ausdehnung, den Druk und die Dichtigkeit ihres Dampfes zu bestimmen, wenn man anders ein Gas, welches sich zu einer wahren Flüssigkeit verdichtet, und sich durch die Verdampfung derselben Flüssigkeit wieder erzeugt, Dampf nennen kann.“

„Ich habe bei meinen Versuchen gefunden, daß die Gasarten bei den Gränzen, wo sie flüssig werden, nicht mehr dem Mariotti'schen Geseze gehorchen und daß der Druk bei den verschiedenen Temperaturgraden der Dichtigkeit bei weitem nicht entspricht: so ist bei dem dritten Centesimalgrade über Null, der wirkliche Druk, wie ihn das Manometer anzeigt, 79 Atmosphären, während der theoretische Druk, wie er sich aus der Anzahl der Volume, nämlich der Dichtigkeit, ergibt, 130 Atmosphären wäre. Gegen den fünften Grad über Null stimmt der Druk, welchen das Manometer angibt, mit dem berechneten vollkommen über: ein; unter diesem Grade aber (ich habe meine Versuche bis zum 20sten Grad unter Null fortgesezt) wechseln die Rollen, und die Anzahl der nach der Dichtigkeit des Gases berechneten Atmosphären ist geringer, als sie das Manometer anzeigt.“

„So sonderbar diese Thatsache scheinen mag, so scheint sie mir doch in einem analogen Falle ihre Rechtfertigung zu finden. Bekanntlich nehmen die Flüssigkeiten in dem Augenblike, wo sie fest werden, an Volumen zu; könnte dasselbe nicht auch bei den Gasarten der Fall seyn, wenn sie sich der Gränze nähern, bei welcher sie in den flüssigen Zustand übergehen?“

„Eine andere Eigenthümlichkeit der flüssig gemachten Kohlensäure ist, daß sie unter allen bekannten Körpern, die Gasarten selbst nicht ausgenommen, sich durch Temperaturveränderungen am meisten ausdehnt und zusammenzieht. Obgleich die geringste Wärme hinreicht, um diese Flüssigkeit zum Sieden zu bringen, so findet dieses Sieden doch, man mag die Temperatur beliebig erhöhen, keineswegs Statt, wenn man in dem Maße, als man sie erwärmt, den Druk in einem entsprechenden Verhältnisse verstärkt. Mittelst dieses Verfahrens konnte ich ihre Ausdehnung von 20 Grad der Centesimalscale unter Null bis zu 30 Grad über Null ausmitteln; ich brauche nur zu bemerken, daß von Null bis 30 Grad über Null der Verlängerungsüberschuß, welchen ein Abschnitt der Flüssigkeit erleidet, gleich der Hälfte dieses Abschnittes ist, und daß also eine Flüssigkeitssäule, welche bei Null einen Raum von 40 Millimeter einnimmt, bei 30 Grad 60 Millimeter einnimmt.“

|223|

„Ich glaube, daß man diese ungeheure Ausdehnung in der Folge wird benuzen können, um viel mächtigere und wohlfeilere Triebwerke herzustellen, als diejenigen sind, welche sich auf die Verdampfung der permanenten Flüssigkeiten gründen.“

„Ich habe mich überzeugt, daß die flüssige Kohlensäure, welche durch Temperaturerhöhung so ausdehnbar ist, durch mechanische Kräfte nicht comprimirt wird, welche Eigenschaft ihr also mit anderen bekannten Flüssigkeiten gemein ist: man begreift nun leicht, daß ein Kolben, welcher durch die Ausdehnung dieser Flüssigkeit in Bewegung gesezt würde, einen unüberwindlichen Widerstand darbieten müßte; man denke sich die Anzahl von Pferden, welcher ein Metallkolben von 1 Decimeter im Gevierte, der sich um 1 Meter in der Secunde heben würde, entspräche! Diesen dynamischen Effect würde man durch 30 Liter flüssig gemachten Gases erzielen, und zwar mit einem Aufwand von Wärmestoff32), der vierzig Mal weniger beträgt. als der zum Verdampfen eines Liters Wasser erforderliche.“

Der Apparat, vermittelst dessen ich in wenigen Augenbliken einen Liter flüssige Kohlensäure erhalte, wird mir bei Versuchen über diesen Gegenstand gute Dienste leisten. Ich habe mich vermittelst desselben von einer wichtigen Thatsache überzeugt, welche sich übrigens durch die Theorie voraussehen läßt, daß nämlich die flüssige Kohlensäure unter allen Flüssigkeiten derselben Art diejenige ist, welche durch ihre augenblikliche Verdampfung die größte Temperaturerniedrigung hervorbringt. Ich richtete nämlich auf die Kugel eines Weingeistthermometers einen Strahl flüssiger Kohlensäure, und obgleich derselbe nur einen Punkt der Kugel berührte, und das Thermometer vorher 20° über Null zeigte, so fiel die Temperatur doch in wenigen Augenbliken auf 75° unter Null, bisher hat man aber nur eine Kälte von 68° erzeugen können, und ich zweifle nicht, daß man die Temperatur noch unter – 150° wird treiben können, wenn man das Thermometer in die Mitte der Flüssigkeit taucht, und den ganzen Apparat in ein erkältendes Gemisch bei 30° unter Null bringt.“

Die französische Akademie hat die HH. Dulong, Becquerel und Dumas mit einem Berichte über den Apparat und die Beobachtungen des Hrn. Thilorier beauftragt, welchen wir seiner Zeit nachliefern werden.

|223|

Hiebei ist vorausgesezt, daß die Wärmecapacität der flüssig gemachten Säure um die Hälfte geringer ist, als die des Wassers, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie noch geringer. A. d. O.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: