Titel: Vergleichende Untersuchung des Avignoner und des Elsasser Krapps.
Autor: Robiquet,
Fundstelle: 1835, Band 55, Nr. XXVI. (S. 136–145)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj055/ar055026

XXVI. Bemerkungen über die Abhandlung des Hrn. Schlumberger, welche den Titel führt: Vergleichende Untersuchung des Avignoner und des Elsasser Krapps. Von Hrn. Robiquet.38)

Aus den Annales de Chimie et de Physique. September 1834, S. 70.39)

Hr. Heinrich Schlumberger hat in Nr. 32 des Bulletin de la Société industrielle de Muhlhausen (Polytechn. Journ. Bd. LII. S. 193) eine sehr interessante vergleichende Untersuchung des Avignoner und des Elsasser Krapps bekannt gemacht. Seine Abhandlung enthält eine lange Reihe sorgfältig angestellter Versuche, aus denen er folgende Schlüsse ziehen zu dürfen glaubt:

1) Der kohlensaure Kalk, oder eine der Substanzen, welche ihn ersezen können, ist beim Krappfarben unumgänglich nöthig, um mit Alaunerde und Eisenoxyd gebeizte Baumwollenzeuge haltbar Roth und Violett zu färben.

2) Bei dem Avignon-Krapp, welcher ursprünglich kohlensauren Kalk enthält, ist der Zusaz von diesem Salze oder von Alkali zur Erzielung solider Farben unnüz, wenn der Kalkgehalt des Krapps bedeutend ist, wie z.B. bei der Sorte Palud oder einigen anderen; bisweilen kommen aber Sorten von Avignon-Krapp aus wenig kalkreichem Boden vor, welche einen sehr schwachen Zusaz von Kreide erheischen.

3) Mit dem Elsasser-Krapp, welcher ursprünglich nur eine sehr geringe Menge von Kalksalzen enthält, färbt man die Beizmittel eben so schön und eben so dunkel, wie mit Avignon-Krapp, aber die Farbe widersteht den Aviviroperationen nicht, wenn beim Färben reines Wasser angewandt wurde; wurde hingegen beim Färben Kreide zugesezt, so erhält man nach dem Aviviren Nüancen, welche mit den schönsten, mit Avignon-Krapp erzielten, in jeder Hinsicht den Vergleich aushalten.

4) Stüke, die mit concentrirtem essigsaurem Eisen bedrukt wurden, werden durch Elsasser-Krapp schöner und haltbarer schwarz gefärbt, wenn das Färbebad von solcher Art ist, daß es ein Roth und Violett liefert, die den Aviviroperationen nicht widerstehen.

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5) Der gebrannte Kalk, der neutrale phosphorsaure Kalk, die kohlensaure Bittererde, das Bleioxydhydrat, Zinkoxyd, kohlensaure Zink, Manganoxydul, wasserhaltige Mangansuperoxyd, Kobaltoxydhydrat, der essigsaure Kalk und das phosphorsaure Kobalt haben wie der kohlensaure Kalk die Eigenschaft, mit dem Krapp solide Farben zu erzeugen. Das Vermögen dieser Substanzen, den Farbstoff haltbar zu machen, nimmt von der ersten angefangen, immer mehr ab.

6) Der Avignon-Krapp verliert seine Solidität durch Behandlung mit einer Säure, welche auf die in ihm enthaltenen Kalksalze wirkt.

7) Der Unterschied zwischen dem Avignon- und Elsasser-Krapp rührt bloß von dem mehr oder weniger kalkreichen Erdreich her, worin der Krapp angebaut wurde.

Man darf sich nicht wundern, daß der Krapp die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von Personen in Anspruch nimmt, da er gegenwärtig eine der wichtigsten Finanzquellen Frankreichs und die Basis eines unserer schönsten Industriezweige ist. Man muß daher allen denen Dank wissen, die ihn zum Gegenstand ihrer Forschungen machen, und sorgfältig alle Thatsachen sammeln, welche sich auf diese schäzbare Wurzel beziehen. Dagegen müssen wir uns aber auch vor Theorien hüten, die zu irrigen Folgerungen führen könnten. Es handelt sich hier nicht um rein wissenschaftliche Ansichten, die ohne allen Nachtheil heute eine gewisse Erklärung erhalten können, und morgen eine andere, sondern um eine wichtige Frage, welche in hohem Grade die Färbekunst interessirt, und der Industrie der Departements, die hauptsächlich vom Anbau des Krapps leben, einen großen Schlag versezen könnte. Frankreich bezog bekanntlich früher seinen Krapp aus dem Auslande, während es heut zu Tage davon für beträchtliche Summen ausführt, und zwar nur wegen der vorzüglichen Güte des Avignon-Krapps; man begreift daher, wie die von Hrn. Schlumberger angegebenen Resultate einerseits Furcht und andererseits Hoffnungen erregen müssen. Werden unsere südlichen Departements das Monopol, welches ihnen durch die besondere Natur des Bodens und durch die Temperatur ihres Klima's garantirt zu seyn schien, behalten, und sollte es wahr seyn, daß der Vorzug, den die meisten Consumenten dem Krapp aus der alten Grafschaft Burgund geben, nur darin begründet ist, daß er ein wenig Kreide enthält? Dieses sind die wichtigen Fragen, zu welchen die Bemerkungen des Hrn. Schlumberger Anlaß geben, und die gewiß die sorgfältigste Untersuchung verdienen.

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Da ich mich lange Zeit theils allein, theils mit den HH. Colin und Lagier mit dem Studium des Krapps beschäftigt habe, und unsere Untersuchungen uns auf andere Schlüsse, als die von Hrn. Schlumberger angenommenen führten, so sey es mir erlaubt, einen Theil dessen, was ich schon bei anderen Gelegenheiten sagte, zu wiederholen, und ihm einige neue Thatsachen (für die ich persönlich verantwortlich bin) beizufügen, welche dazu beitragen werden, die Frage aufzuklären. Ich muß jedoch vorher nochmals darauf aufmerksam machen, wie schwer es ist, andere in unsere eigene Ueberzeugung eindringen zu machen.

Hr. Kuhlmann sagt in einer kürzlich erschienenen Abhandlung (Polytechn. Journ. Bd. LII. S. 438): „Man sieht mit Bedauern, daß die über die Färbematerialien angestellten chemischen Untersuchungen zwar schäzbare analytische Daten über einige dieser Substanzen lieferten, aber bis jezt nur wenige Abänderungen in den Färbeoperationen herbeigeführt haben, und daß die Resultate dieser Untersuchungen nur als merkwürdige Thatsachen in den chemischen Lehrbüchern aufgeführt sind, während ihr Einfluß auf die praktischen Verfahrungsarten bis jezt nur sehr gering war.“ Dieser geschikte Chemiker weiß aber doch, daß das Loos dieser Verbesserungen ganz und gar von dem guten Willen der Fabrikanten abhängt, und daß man mit Grund oder Ungrund gewöhnlich ein außerordentliches Mißtrauen gegen Alles hat, was aus den Laboratorien hervorgeht. Ich bin weit entfernt, hiemit irgend Jemand beleidigen zu wollen, aber ich muß doch bemerken, daß man sich sehr dagegen sträubte, in dem Krapp das Vorkommen der Farbstoffe anzunehmen, die ich mit Hrn. Colin im Jahre 1826 entdekte.40) Und doch waren diese Substanzen im Zustande der Reinheit ausgezogen worden; die Commissäre der Akademie überzeugten sich, daß sie die färbenden Eigenschaften des Krapps besizen, und zwar in so hohem Grade, daß man nicht zweifeln kann, daß sie das färbende Princip selbst ausmachen. Dessen ungeachtet wollten die einen in diesem flüchtigen und krystallisirbaren näheren Bestandtheil des Krapps nur ein Harz sehen, welches an und für sich farblos ist, aber durch den wahren Farbstoff, den sie immer suchen, mehr oder weniger gefärbt ist; andere behaupteten, daß das Alizarin, obgleich es nicht 250° C. zu seiner Verflüchtigung erheischt, doch nur ein Product der Erhizung des Krapps sey, welches in der Wurzel selbst nicht vorkomme. Dieß veranlaßte zu neuen Untersuchungen, wobei man eher Rükschritte machte, als von dem Bekannten ausging. Ich will nun zum Hauptzwek dieser |139| Abhandlung übergehen, und meine Bemerkungen über die Angaben des Hrn. Schlumberger mittheilen.

Herr Schlumberger geht von der Ansicht aus, die Herr Hausmann schon vor langer Zeit aufstellte, daß nämlich an gewissen Orten ein Zusaz von Kreide nöthig ist, um mit Krapp gute Farben zu erhalten, und stellt es als eine strenge Folgerung aus seinen eigenen Erfahrungen auf, daß man ohne Kreide mit Elsasser-Krapp keine solide Farbe erhalten kann, und daß der Avignon-Krapp seinen Vorzug nur seinem Gehalt einer gewissen Menge dieses Salzes verdankt, welches von dem kalkhaltigen Erdreich herrührt, worin man diese Wurzel anbaut, und daß man dem Elsasser-Krapp nur ein wenig kohlensauren Kalk zuzusezen braucht, um ihn dem besten Avignon-Krapp gleichwirkend zu machen.

Man kann ohne Zweifel gegen den Ausdruk einer Thatsache nichts einwenden, und es gebührt nur den Färbern diese zu prüfen. Ich beschränke mich also in dieser Hinsicht auf die Bemerkung, daß die Menge der Kreide, die man nach Hrn. Schlumberger dem Elsasser-Krapp zusezen soll, viel mehr beträgt, als der Kreidegehalt guten Avignon-Krapps nach weinen eigenen Analysen ausmacht. Wenn aber auch die Hauptthatsache, womit wir uns hier beschäftigen, erwiesen wäre, würde daraus dann folgen, daß die Kreide beim Krappfärben wirklich die ihr von Hrn. Schlumberger zugeschriebene Rolle spielt? Ich gestehe, daß ich dieses nicht glauben kann, indem die Eigenschaften des Krapps mir mit einer solchen Erklärung im Widerspruche zu stehen scheinen. Wer sich damit beschäftigt hat, den Krapp zu reinigen, d.h. seinen Farbstoff durch bloßes Auswaschen mit Wasser zu concentriren, wird gefunden haben, daß es um so schwieriger ist, mit gewöhnlichem Wasser zu färben, je mehr sich der Krapp der Reinheit nähert, und daß man, weit entfernt, Kreide zum Färben anwenden zu müssen, im Gegentheil kalkhaltiges Wasser immer wehr vermeiden muß, so zwar, daß das Alizarin selbst vollkommen reines Wasser zum Färben erheischt; gerade dieß macht auch, im Vorbeigehen gesagt, jedes Reinigungsmittel so schwierig.

Wie lassen sich nun scheinbar so widersprechende Resultate mit einander in Uebereinstimmung bringen? Folgende Erklärung ist meiner Meinung nach die wahrscheinlichste. Ich nehme im Krapp zwei Farbstoffe an: das Alizarin und das Purpurin. Ihr Verhältniß ist nach der Natur des Bodens, der Art des Anbaues, dem Klima, dem Alter der Wurzel etc. verschieden. Nur das Alizarin liefert mit Alaunerde eine solide Farbe; ich habe jedoch sogleich im Anfange meiner Untersuchungen gezeigt, daß die meisten Säuren sich |140| der Auflöslichkeit des Alizarins widersezen. Es ist folglich unmöglich mit Krapp in einem entschieden sauren Bade zu färben; das Bad muß daher nahe neutral seyn, damit sich das Altzarin darin auflösen kann, oder damit wenigstens seine Verwandtschaft zu den Mordans nicht durch die vorhandene Säure aufgewogen wird, welche den Mordant selbst angreift und sich desselben bemächtigt, so daß dieser Mordant von dem Zeug abgezogen wird, und in die Flotte übergeht, worin er mit dem Farbstoff eine Art Lak bildet, welcher darin suspendirt bleibt. Nun ist guter Avignon-Krapp nicht merklich sauer, wohl aber Elsasser-Krapp, den man an seiner gelben Farbe leicht von jenem unterscheidet. Lezterer enthält außerdem verhältnißmäßig mehr Purpurin, und eignet sich deßhalb besser als der Avignon-Krapp zur Fabrikation schöner rosenrother Lake, deren Farbstoff das Purpurin ist. Hr. Colin und ich haben nämlich gezeigt, daß eine heiße Alaunlösung das Purpurin gut auflöst, das Alizarin hingegen nicht merklich angreift; dieses Resultat ist um so merkwürdiger, weil lezteres, wenn es ein Mal mit Alaunerde verbunden ist, dieselbe mit der stärksten Verwandtschaft zurükhält. Hieraus geht hervor, daß sich beim Färben mit Elsasser-Krapp das Alizarin in geringerer Menge als das Purpurin auflöst, und zwar deßhalb, weil er freie Säure enthält. Das Purpurin wird ganz oder theilweise aus dem Krapp ausgezogen werden; die bedrukten Stellen werden sich zwar färben, aber die scheinbar schöne Farbe wird auf dem Bleichplan abnehmen, kochender Seife schlecht widerstehen, und durch das Chlor und die anderen kräftigen Agentien zerstört werden, kurz die Farbe wird nicht solid seyn, weil dieser Farbstoff seiner Natur nach flüchtig ist; und wenn man mit ihm solide Lake für die Malerei erhält, so rührt dieses meiner Meinung nach nur von dem zugesezten Oehle her. Meiner Ansicht nach enthält also der Krapp nicht immer einen und denselben Farbstoff, welcher wechselweise haltbar oder flüchtig wird, je nachdem Kreide vorhanden oder abwesend ist, sondern vielmehr zwei ganz verschiedene Farbstoffe, wovon der eine, das Purpurin, sich in einer sauren Flüssigkeit auflösen und auf den Mordant werfen kann; der andere aber, das Alizarin. eine beinahe vollkommene Neutralität erfordert, damit er sich in der Flotte auflöst, und in derselben nicht durch den von der Säure abgezogenen Mordant zurükgehalten wird. Deßhalb ist meiner Meinung nach ein Zusaz von Kreide unter gewissen Umständen nöthig, nämlich jedes Mal, wenn eine Säure zu sättigen ist, wie bei dem Elsasser-Krapp. Die beiden Farbstoffe färben alsdann gemeinschaftlich; das Alizarin verbindet sich aber in größerer Menge mit dem Beizmittel, und das Purpurin, welches sich mit demselben vereinigte, |141| wird beim Aviviren zum Theil wieder beseitigt. Lezteres bleibt also im Rükstand der Flotte. Man kann es auch aus demselben ausziehen; es liefert aber nie eine solide Farbe.

Ich muß hier ausdrüklich bemerken, daß ich hier nicht bloß eine Theorie an die Stelle einer anderen seze; meine Angaben sind das Resultat genauer Versuche, welche in Gegenwart mehrerer Mitglieder der Akademie angestellt wurden. Im Jahre 1832 stellte ich in Gegenwart der HH. Chevreul und Dumas Versuche an, wobei sich dieselben überzeugten, daß reines, in destillirtem Wasser aufgelöstes Alizarin, mit essigsaurem Eisen und essigsaurer Alaunerde sehr schöne und sehr solide Farben gibt.41)

Die Kreide ist nach mir nicht nöthig, um mit Krapp solide Farben zu erhalten; ja ihre Gegenwart macht sogar das Färben bei Anwendung reiner Materialien unmöglich, und sie wird nur dann nüzlich, wenn Substanzen vorhanden sind, welche beim Färben nachtheilig wirken, indem sie dann deren schädlichen Einfluß ausgleicht. So kann man mit Avignon-Krapp, welcher mit kaltem Wasser gut ausgewaschen wurde, in hartem (kalkhaltigem) Wasser nicht mehr färben, und man braucht von demselben mehr als das Doppelte der gewöhnlichen Quantität, um in reinem Wasser gut zu färben. Der so ausgewaschene Krapp besizt jedoch seinen Kreidegehalt und seine färbenden Bestandtheile noch vollständig; denn er verliert davon nur außerordentlich wenig, wenn man ihn nicht zu schnell filtrirt. Das Wasser entzieht folglich gewisse Substanzen, die eine Verwandtschaft auf den Farbstoff ausüben, seine Auflösung befördern, und die ihn ohne Zweifel an sich ziehen würden, wenn die Kreide nicht dazwischen träte. Wirken diese Substanzen wie eine Säure? Ich weiß es nicht; so viel ist aber gewiß, daß man mit diesem ausgewaschenen Krapp bei Anwendung der gewöhnlichen Quantität und sogar in kalkhaltigem Wasser färben kann, wenn man einige Tropfen Säure zusezt. Die Säure wirkt hier ohne Zweifel auf die Art, daß sie sich mit der Kreide verbindet, und den Einfluß verhindert, welchen leztere ausübt, wenn sie in Ueberschuß ist. Hr. Schlumberger hat immer gefunden, daß ein Ueberschuß von Kreide einen beträchtlichen Verlust an Farbstoff verursacht.

Ich sollte mich jezt mit der Frage beschäftigen, ob der Avignon-Krapp wirklich, wie Hr. Schlumberger behauptet, seine Solidität durch Behandlung mit einer Säure verliert, weil diese auf |142| die in ihm enthaltenen Kalksalze wirkt. Besondere Beweggründe veranlassen mich jedoch, erst später auf dieselbe zurükzukommen.

Meiner Meinung nach hat also die Kreide beim Krappfärben nicht bloß zum Zwek, dem Farbstoff Haltbarkeit zu ertheilen, sondern besonders die freie Säure zu sättigen, sowohl die ursprünglich im Krapp enthaltene, als auch diejenige, welche im Verlaufe des Färbens durch Veränderung einiger Bestandtheile desselben entsteht. Ich habe mich nämlich überzeugt, daß wenn man Krapp mit reinem Wasser kocht, sich Kohlensäure entbindet, welche nicht durch Einwirkung einer freien Säure auf die Kreide entstehen kann, weil dieses sowohl bei dem Avignon- als bei dem Elsasser-Krapp der Fall ist.

Wenn man an Statt den Krapp mit kochendem Wasser zu behandeln, ihn troken in verschlossenen Gefäßen erhizt, ohne eine Temperatur von 140–150° C. zu überschreiten, so entbindet sich ebenfalls Kohlensäure, und es entsteht außerdem Essigsaure ohne brennzeliges Oehl. Wahrscheinlich rührt diese Reaction also von der Veränderung irgend eines Bestandtheiles her, den wir nicht kennen. Vielleicht ist es eine Art Gallerte, welche im Elsasser-Krapp in viel größerer Menge vorkommt, weßwegen das erste Aussüßwasser desselben zu eine sehr consistenten Gallerte erstarrt, wenn man es einige Stunden an einem kühlen Orte stehen läßt. Auch hierin zeigt sich eine auffallende Verschiedenheit zwischen dem Elsasser- und dem Avignon-Krapp.

Man wird mir ohne Zweifel einwenden, daß wenn die Kreide hauptsächlich nur als sättigender Körper wirkt, man an Statt derselben jede andere Basis anwenden könnte, während es doch nach den Versuchen des Hrn. Schlumberger sehr schwer ist, sie durch Kalk oder halbkohlensaures Kali oder Natron zu ersezen. wobei man sich vielmehr in sehr engen Gränzen halten muß, die man ohne Nachtheil für die Farbeoperation nicht überschreiten darf. Bei einigem Nachdenken sieht man aber leicht ein, daß dieses nur eine natürliche Folge unserer Behauptungen ist; die Kreide kann nämlich durch ihren Ueberschuß nicht schaden, weil sie unauflöslich ist. Es ist sogar ein kleiner Ueberschuß davon nöthig, weil, sobald ein wenig Säure frei wird, dieselbe augenbliklich neutralisirt werden muß. Wenn man aber an Statt der Kreide eine auflösliche Basis anwendet, so hängt der Erfolg einzig und allein von der zur Sättigung erforderlichen Menge ab; ist von derselben nicht genug vorhanden, so verfällt man wieder in alle Nachtheile eines sauren Bades; ist sie hingegen in Ueberschuß, so wird sie entweder die Beizmittel oder den Farbstoff selbst angreifen, und so auf andere Art beim Färben nachtheilig werden. Um unsere Leser hievon zu überzeugen, wollen |143| wir wörtlich anführen, was Hr. Schlumberger über die Anwendung dieser Basis sagt.

„Der reine Kalk, sagt dieser Chemiker, ist sehr schwer zum Färben mit Elsasser-Krapp anzuwenden, weil er nur in einer kleinen Quantität, die nach der Menge des Krapps abgeändert werden muß, zugesezt werden darf. 1/70 reicht hin, um das Färben des Beizmittels zu verhindern, indem er die mit dem Zeuge verbundene Alaunerde ganz auflöst. 1/140 verursacht einen Verlust an Farbstoff, macht aber die Farben solid. 1/280 gibt nach dem Aviviren nur mehr ein Ziegelroth; und nur mit 1/175 Kalk liefert der Krapp schöne solide Farben.“

Man kann meiner Ansicht nach auf keine bündigere Weise zeigen, daß der Kalk beim Färben einzig und allein als sättigender Körper wirkt.

Nun bleibt aber noch eine große Frage zu untersuchen. Ist es wirklich wahr, wie Hr. Schlumberger behauptet, daß ein guter Elsasser-Krapp bei einem geeigneten Zusaz von Kreide sich ganz so wie der beste Avignon-Krapp verhält? Darüber müssen die Praktiker entscheiden; wenn sich aber dieses Resultat bestätigen sollte, so mußten die Kattunfabrikanten bis jezt in einem großen Irrthum befangen gewesen seyn; jeder von ihnen kennt die Nüzlichkeit der Kreide beim Krappfärben, und doch geben fast alle dem Avignon-Krapp den Vorzug; ein einziges Haus im Elsaß zahlt, wenn ich recht berichtet bin, jährlich über 50,000 Fr. Transportkosten für Avignon-Krapp.42) Nun muß man doch annehmen, daß eine solche Erhöhung der Unkosten in einem Industriezweige, wobei die Concurrenz des Auslandes die strengste Oekonomie erheischt, auf die positiven Resultate der Erfahrung gegründet ist. Ich gestehe, daß ich in dieser Sache kein entscheidendes Urtheil fällen kann, aber ich bin vollkommen überzeugt, daß sich diese beiden Krappsorten nicht bloß durch einen Gehalt an freier Säure von einander unterscheiden. Ich hatte bereits Gelegenheit, viele Abweichungen derselben, die theils dem Boden, theils dem Klima zugeschrieben werden können, anzuführen, und ohne Zweifel wird man bei einer genaueren Analyse derselben sowohl im Verhältnisse ihrer Bestandtheile, als in der Natur derselben Verschiedenheiten entdeken; dieß war wenigstens noch bei allen Pflanzen der Fall, welche unter diesen verschiedenen Gesichtspunkten sorgfältig untersucht wurden.

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Man kennt gewiß bei weitem noch nicht alle zwischen diesen beiden Krappsorten vorhandenen Verschiedenheiten; um dieses zu beweisen, brauche ich nur eine einzige anzuführen, die ich schon vor langer Zeit entdekt, aber noch nicht bekannt gemacht habe; vielleicht wird diese Thatsache in der Folge eine Anwendung finden können. Bartholdi hatte behauptet, daß die Kreide besonders deßwegen. beim Krappfärben nüzlich ist, weil sie die in dieser Wurzel enthaltene schwefelsaure Bittererde zersezt, welches Salz beim Färben besonders nachtheilig sey. Auch Hausmann hatte diese Ansicht am genommen; später wurde sie aber von mehreren Schriftstellern, besonders von den HH. Dingler und Kurrer 43) bestritten; Herr Schlumberger erklärt sich ebenfalls dagegen, und stüzt sich hauptsächlich auf die außerordentlich geringe Menge von Bittererde, welche der Krapp zu enthalten scheint, weil weder Kuhlmann, noch John, noch er selbst solche bei der Analyse der Krappasche fanden. Man braucht jedoch das destillirte Wasser, womit man den Elsasser-Krapp in der Kälte ausgewaschen hat, nur mit einigen Tropfen Ammoniak zu versezen, damit sogleich ein körniger, blaß rosenrother Niederschlag erfolgt, welcher nichts als phosphorsaure Ammoniak-Bittererde ist. Dieses Verhalten zeigten alle meine Krappmuster. Das Wasser, womit der Avignon-Krapp ausgewaschen wurde, sezt diesen Niederschlag erst nach längerer Zeit und in viel geringerer Menge ab. Ich bin weit entfernt, dieser Thatsache eine größere Wichtigkeit beizulegen, als sie verdient, und darin die Ursache der geringen Haltbarkeit des bloß mit Elsasser-Krapp gefärbten Roth zu sehen, will aber doch bemerken, daß durch den Zusaz von Kreide dieses phosphorsaure Salz, welches sich in freier Säure auflöst, niedergeschlagen werden muß, so daß sein Einfluß, wenn es anders einen haben kann, beseitigt wird.

Ich habe gesagt, daß das mit Purpurin gefärbte Roth, obgleich es sehr schön aus der Flotte kommt, gar nicht solid ist; daraus darf man aber nicht schließen, daß ein gutes Roth gar kein Purpurin enthält; jedenfalls muß jedoch das Alizarin darin vorherrschen, damit es dem Aviviren widersteht. Man erhält so mehr rosenrothe Nüancen; und dieses rechtfertigt ohne Zweifel die Methode mehrerer Färber, welche unter vielen Umständen ein Gemenge von Elsasser- oder seeländischem mit Avignon-Krapp anwenden.

Bei dieser Gelegenheit will ich auch noch bemerken, daß meiner Meinung nach beide Farbstoffe zu einem schönen Türkischroth |145| beitragen, und daß das Oehl hauptsächlich dabei das Purpurin befestigt. Gewiß ist auch, daß bei dem Türkischrothfärben, besonders bei Anwendung von Baumwollengarn, der Krapp weit mehr an Farbstoff erschöpft wird, als beim Färben der auf der Walzendrukmaschine gedrukten Stüke. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit neuen Untersuchungen über die Türkischrothfärberei, und zwar in Gesellschaft des Hrn. Richard Duncklenberg, eines Färbers von Elberfeld. Dieser junge Fabrikant widmet sich eifrig dem Studium der Chemie, und wenn wir so glüklich sind, dieses Chaos ein wenig zu entwirren, werden wir uns beeilen, unsere Resultate der Akademie mitzutheilen, weil wir wissen, welches Interesse sie an den Fortschritten der Industrie nimmt.

Diese Abhandlung wurde der Akademie der Wissenschaften zu Paris schon den 12. Mai 1834 vorgelesen, und seitdem nichts daran geändert.

A. d. O.

Wir erhielten dieses Journal durch directe Post den 10. Januar 1835.

|138|

Polytechn. Journal Bd. XXIV. S. 530.

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Man vergleiche über das mit reinem Alizarin gefärbte Roth, Rosenroth und Violett auch die Angaben von Chevreul im Polytechn. Journ. Bd. LIV. S. 359. A. d. R.

|143|

Nach neueren Berichten der HH. Koechlin, Schwartz und Schlumberger muß man diese Angabe um zwei Drittel reduciren. A. d. O.

|144|

Bancroft's neues englisches Färbebuch, herausgegeben von Dingler und Kurrer. (Nürnberg, 1817. Bei J. L. Schrag.) Bd. II. S. 328.

A. d. R.

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