Titel: Balard, über die Zusammensezung der bleichenden Verbindungen des Chlors.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 55, Nr. LXVII. (S. 358–366)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj055/ar055067

LXVII. Ueber die Zusammensezung der bleichenden Verbindungen des Chlors; von Hrn. Balard in Montpellier.

Aus dem Journal de Pharmacie. Decbr. 1834, S. 661.

Hr. Balard hat kürzlich eine Schrift von ziemlichem Umfange über die bleichenden Verbindungen des Chlors herausgegeben. Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes und der ausgezeichneten Behandlungsweise desselben bedauern wir sehr, unseren Lesern nur einen Auszug aus derselben mittheilen zu können, werden jedoch keine der bemerkenswertheren Thatsachen, die sie enthält, mit Stillschweigen übergehen.

Im Eingange führt Hr. Balard kurz die zahlreichen Anwendungen des Chlors und seiner entfärbenden Verbindungen in der Technik und Medicin an. Im ersten Paragraph werden die verschiedenen Ansichten, welche bis jezt über die noch Ungewisse Zusammensezung dieser Verbindungen aufgestellt wurden, gewissenhaft erörtert. Wir werden aus diesem Theile der Schrift, der nur Bekanntes enthält, nichts mittheilen, sondern sogleich zur Beschreibung der Verfahrungsarten übergehen, wodurch sich nach Hrn. Balard die chlorige Säure erhalten läßt.

Erst nach vielen fruchtlosen Versuchen gelang es ihm, diese Säure zu erhalten, welche man vor ihm, ohne Erfolg aufgesucht hatte. Wenn man annimmt, sagt er, daß die sogenannten Oxydchlorüre nur Gemenge von Chloriden mit chlorigsauren Salzen sind, so fällt es in die Augen, daß ihre Zusammensezung leicht auszumitteln wäre, wenn es gelänge, diese beiden Salze von einander zu trennen, und daß diese Trennung nur dann möglich ist, wenn man ein Metall ausfindig macht, welches mit dem Chlor ein unauflösliches, mit der chlorigen Säure hingegen ein auflösliches Salz bildet. Da nur das Blei, Queksilber und Silber unauflösliche Chloride bilden, so stellte Hr. Balard mit diesen Versuche an.

Als die Blei- und Queksilbersalze mit Chlorkalk oder Chlornatron behandelt wurden, entstanden Niederschläge von Chlormetallen, und die überstehenden Flüssigkeiten zeigten sich stark entfärbend; die in ihnen enthaltenen Verbindungen zersezten sich aber so schnell, daß Hr. Balard ihre Untersuchung aufgeben und sich zu den Silbersalzen wenden mußte, womit er jedoch nicht viel genügendere Resultate erhielt.

Versezt man nämlich salpetersaures Silber mit alkalischem Chlorkalk, so fällt Chlorsilber und Silberoxyd nieder, und in der Flüssigkeit |359| bleibt chlorigsaures Silber aufgelöst; da dieses chlorigsaure Salz aber in Berührung mit Silberoxyd nicht bestehen kann, so bildet sich sogleich wieder eine Quantität Chlorsilber, und es entwikelt sich Sauerstoffgas.

Ist der Chlorkalk hingegen mit Salpetersäure übersättigt, wenn er mit dem Silbersalze in Berührung kommt, so entwikelt sich Chlor und das chlorigsaure Salz verschwindet.

Bei Anwendung von neutralem Chlorkalk endlich erhält man zwar einen Niederschlag von Chlorsilber, und die überstehende Flüssigkeit ist in hohem Grade entfärbend; aber das in dieser Flüssigkeit enthaltene chlorigsaure Salz ist auch noch so zersezbar und unbeständig, und verwandelt sich so schnell in chlorsaures Salz und Chlorid, daß Hr. Balard es zu schwierig fand, die chlorige Säure daraus auszuziehen.

Glüklicher Weise erhielt er durch die directe Einwirkung von Chlor auf in Wasser zertheiltes Silberoxyd eine stark entfärbende Auflösung von chlorigsaurem Silber, die weniger zersezbar war, als die vorhergehenden: er schlug die Basis aus diesem chlorigsauren Salze durch einen schwachen Ueberschuß von Chlor nieder und erhielt so wieder Chlorsilber und eine Auflösung von chloriger Säure. Die so bereitete Auflösung ist jedoch noch keine reine chlorige Säure; sie enthält im Gegentheile eine sehr große Menge Chlorsäure, die durch die unvermeidliche Veränderung eines Theiles der chlorigen Säure selbst entsteht. Allein leztere Säure besizt eine so große Flüchtigkeit, daß man sie von den verschiedenen Verbindungen, womit sie vermischt ist, leicht trennen kann.

Um sie zu reinigen, destillirt man sie bei einer niedrigen Temperatur im luftleeren Raume; die ersten Dämpfe bestehen aus chloriger Säure, welche mit vielem Wasser verdünnt ist; um sie mehr zu concentriren, unterzieht man sie einer zweiten Destillation, wobei man nur die ersten Producte aufsammelt.

Auf diese Art erhielt Hr. Balard zuerst die chlorige Säure; später wandte er mit besserem Erfolge das rothe Queksilberoxyd statt des Silberoxyds an. Er blieb am Ende bei folgendem Verfahren stehen:

Rothes Queksilberoxyd wird fein gepulvert und mit seinem zwölffachen Gewicht Wasser angerührt, in Glasflaschen, die mit Chlorgas gefüllt sind, gegossen; die Absorption erfolgt so schnell und so vollständig, daß die Flaschen bisweilen in Folge des entstandenen luftleeren Raumes zerbrechen. Nachdem sie beendigt ist, filtrirt man die Flüssigkeit; das Queksilberoxyd-Chlorür bleibt auf dem Filter, |360| und man erhält eine Auflösung von chloriger Säure, die man dann durch Destillation reinigt und concentrirt.

Eigenschaften der in Wasser aufgelösten chlorigen Säure.

Die Auflösung der chlorigen Säure bildet eine durchsichtige Flüssigkeit; im concentrirten Zustande ist sie schwach gelb gefärbt. Ihr starker und durchdringender Geruch nähert sich dem von Davy's Chlordeutoxyd.

Sie greift die Oberhaut stärker als die Salpetersäure an und ertheilt ihr eine röthlichbraune Farbe.

In concentrirtem Zustande zersezt sie sich selbst bei der gewöhnlichen Temperatur zum Theil, und zwar in Chlor, das sich entbindet, und in Chlorsäure; wenn sie aber verdünnt und gegen das Licht verwahrt ist, kann man sie einige Zeit lang aufbewahren. Die chlorige Säure zersezt sich um so schneller von selbst, je höher die Temperatur ist; indessen erfolgt die Zersezung auch bei 100° nur zum Theil, und man kann sie bei dem gewöhnlichen Druke destilliren.

Durch die Einwirkung der Sonnenstrahlen zersezt sie sich in Chlor und in chlorige Säure.

Bringt man sie in den Kreis der Volta'schen Säule, so entbindet sich bloß Sauerstoff am positiven Pole, und, was merkwürdig ist, die unzersezte Säure geht nicht in Chlorsäure über; nach Verlauf einer gewissen Zeit findet man mit Sauerstoff vermischtes Chlor. Wahrscheinlich, sagt Hr. Balard, werden unter diesen Umständen die chlorige Säure und das Wasser gleichzeitlich zersezt, so daß sich Chlorwasserstoffsäure bildet, die dann auf die chlorige Säure wirkt und Chlor liefert.

Das Brom und Iod säuern sich auf Kosten der chlorigen Säure, so daß entweder bloß Brom- und Iodsäure oder ein Gemenge derselben mit Chlorbrom und Chlorjod entsteht, je nach den angewandten Verhältnissen.

Stikgas und Wasserstoffgas haben keine Wirkung auf die chlorige Säure; der Schwefel, das Selen, der Phosphor und Arsenik verwandeln sich aber in Berührung mit derselben in Schwefelsäure, Phosphorsäure, Selensäure und Arseniksäure, wobei sich eine reichliche Menge Chlor entbindet.

Der Kohlenstoff hat keine Wirkung auf die chlorige Säure: wirft man Kalium in diese Säure, so verbrennt es augenbliklich und die Flüssigkeit enthält Chlorkalium und chlorsaures Kali.

Eisenfeile zersezt die chlorige Säure augenbliklich unter starker Erhizung und lebhafter Chlorentbindung; es entsteht dabei Eisenoxyd und Chlorid; das Eisen ist merkwürdiger Weise beinahe das einzige |361| Metall, welches die chlorige Säure zersezt; die übrigen thun es nur mit Hülfe einer anderen Säure, welche noch dazu von der Art seyn muß, daß sie mit dem Metalloxyd ein auflösliches Salz bilden kann.

Gold und Platin scheinen durch die chlorige Säure gar nicht angegriffen zu werden, dieselbe mag rein oder mit einer anderen Säure vermischt seyn; das Kupfer, Queksilber und Silber hingegen zersezen sie, jedes auf eigenthümliche Art. Das Kupfer entbindet Chlor, mit Sauerstoff vermengt, wobei Chlorkupfer und Kupferoxydchlorür entstehen. Bei dem Queksilber zeigt sich keine Gasentbindung und es entsteht Queksilberoxydchlorür. In Berührung mit fein zertheiltem Silber entwikelt die chlorige Säure schnell ihren Sauerstoff und es bildet sich Chlorsilber.

Die chlorige Säure scheint also eines der kräftigsten Oxydationsmittel zu seyn; das Selen verwandelt sie, wie wir gesehen haben, geradezu in Selensäure, was weder Salpetersäure noch Königswasser thun. Es verdient noch bemerkt zu werden, daß die chlorige Säure durch ihren Sauerstoff und nicht durch das Chlor auf die einfachen und zusammengesezten brennbaren Körper wirkt.

Bringt man in eine mit Cyan gefüllte Glasflasche einige Tropfen chlorige Säure, so entsteht ein lebhaftes Aufbrausen, und die Flasche füllt sich mit Chlor. Die Producte bestehen aus einem Gemenge von Chlorcyan und Chlorstikstoff, welches eine öhlartige Flüssigkeit bildet, ferner aus Salzsäure, Cyansäure, und einem Gemenge von Chlor mit Stikstoff und Kohlensäure, worin Chlorcyan in Dampfform aufgelöst ist.

Hr. Balard untersuchte das Verhalten der chlorigen Säure zu den verschiedenen Bromiden, Sulfuriden und Hydraten der einfachen nichtmetallischen Körper, so wie zur Blausäure, und überzeugte sich dadurch immer mehr, daß diese Säure eines der kräftigsten Oxydationsmittel ist und im Gegentheile nicht leicht durch das in ihr enthaltene Chlor wirkt.

Die chlorige Säure bringt fast immer die Sauerstoffverbindungen auf ihre höchste Oxydationsstufe; das Kohlenoxydgas wird durch sie gar nicht verändert; wirft man aber ein Stük Kleesäure in mäßig concentrirte chlorige Säure, so entsteht eine starke Erhizung und ein lebhaftes Aufbrausen von Kohlensäure und Chlor.

Die chlorige Säure verwandelt die meisten nicht mit Sauerstoff gesättigten Metalloxyde in Peroxyde und hat keine Wirkung auf diejenigen, welche nicht höher oxydirbar sind. Das Bariumdeutoxyd führt sie aber auf das Protoxyd zurük und bildet mit ihm ein chlorigsaures Salz.

Läßt man chlorige Säure auf ein bromsaures oder ein essigsaures |362| Salz wirken, so werden diese Säuren zum Theil ausgetrieben; es entwikelt sich Chlor, mit ein wenig Sauerstoff vermengt, und es entsteht chlorsaures Kali.

Zu den Salzen verhält sich die chlorige Säure im Allgemeinen so, als wenn ihre Säuren und ihre Basen frei wären.

Hr. Balard brachte eine große Menge vegetabilischer und animalischer Verbindungen in Berührung mit chloriger Säure und fand, daß fast in allen Fällen eine sehr lebhafte Einwirkung mit Entbindung von Chlor und Kohlensäure Statt fand. Wenn die Substanz Stikstoff enthält, wird derselbe frei, wobei sich zugleich ein Geruch nach Chlorstikstoff verbreitet.

Vermischt man Alkohol mit chloriger Säure, so verwandelt er sich in Essigsäure und man erhält zugleich eine gewisse Menge von der öhligen Flüssigkeit, welche durch Einwirkung von Chlor auf Alkohol entsteht.

Könnte man nicht, sagt Hr. Balard, mit einem so kräftigen Oxydationsmittel, wie es die chlorige Säure ist, welche sogar die Salpetersäure weit übertrifft, durch seine Einwirkung auf die unorganischen Verbindungen einige neue Produkte erhalten? Dieses behalte ich mir vor später zu untersuchen.

Ueber das chlorigsaure Gas.

Nachdem Hr. Balard die Beobachtung gemacht hatte, daß eine Auflösung von chloriger Säure in Wasser, an der Luft bald ihre Farbe und ihren Geruch verliert, ohne Sauerstoff oder Feuchtigkeit daraus aufzunehmen, glaubte er, diese Säure auch im gasförmigen Zustande erhalten zu können. Er erhizte also eine solche Auflösung gelinde und sammelte das sich entbindende Gas über Queksilber auf; er erhielt aber auf diese Art nur einige Blasen und die Flüssigkeit hatte, nachdem sie einige Zeit beinahe bis zum Sieden erhizt worden war, von ihren Eigenschaften nicht merklich verloren. Nach diesem mißlungenen Versuche suchte er der chlorigen Säure ihr Wasser durch Schwefelsäure zu entziehen, erhielt aber auf diese Art nur ein Gemenge von Chlordeutoxyd mit Chlor und Sauerstoff, welche durch die Wirkung der Schwefelsäure auf die chlorige Säure selbst entstehen.

Mit trokenem, salpetersaurem Kalke erreichte er seinen Zwek besser; er vermischte eine concentrirte Auflösung von chloriger Säure mit einem gleichen Gewichte dieses Salzes, wobei sich mit Aufbrausen ein Gas entwikelte, welches in Wasser aufgelöst wieder alle Eigenschaften der flüssigen chlorigen Säure darbot.

Versucht man dieses Gas über Queksilber aufzufangen, so wird das Metall angegriffen, und man erhält dann nur noch Sauerstoffgas |363| bisweilen ist die Absorption sogar vollständig. Um das Gas unverändert sammeln zu können, muß man folgender Maßen verfahren:

Man bringt in den oberen Theil einer mit Queksilber gefüllten Gloke ungefähr 1/50 ihres Volumens concentrirte chlorige Säure und führt dann allmählich Stüke von trokenem salpetersaurem Kalk hinein; das Gas entwikelt sich mit Aufbrausen und die Auflösung des salpetersauren Kalkes verhindert es, das Queksilber zu berühren. Man kann es übrigens, wenn man rasch verfährt, von einer Gloke in eine andere überführen, ohne daß es durch das Queksilber merklich verändert wird.

Das chlorigsaure Gas hat eine etwas dunklere gelbe Farbe als das Chlor; das Queksilber verschlukt es vollständig und verwandelt sich in Oxydchlorür. Wasser löst davon schnell wenigstens sein hundertfaches Volumen auf. Bei einer erhöhten Temperatur zersezt es sich mit Explosion und sehr lebhaftem Lichte.

Es scheint durch die Wärme schwieriger zersezbar zu seyn, als die Chloroxyde; doch detonirt es bisweilen, wenn man es in ein anderes Gefäß überführt. Daher muß man auch bei seiner Bereitung den salpetersauren Kalk nur in kleinen Quantitäten zusezen, damit sich die Temperatur durch seine Auflösung nicht zu sehr erhöht.

Das Sonnenlicht zersezt es in einigen Minuten ohne Detonation; wenn es aber mit Wasserstoffgas gemengt ist, zersezt es sich bei Annäherung einer Kerzenstamme mit einer starken Detonation, wobei reichliche salzsaure Dämpfe entstehen.

Durch Kohle detonirt es augenbliklich, und man erhält ein Gemenge von Chlor mit Sauerstoff, welches nur sehr wenig Kohlensäure enthält, wodurch es wahrscheinlich wird, daß diese Zersezung nur durch die Wärme entsteht, welche bei dem Eindringen des Gases in die Poren der Kohle frei wird.

Bringt man es in einem engen Standglase mit Stüken von verschiedenen Metallen in Berührung, so wird es langsam verschlukt und es entsteht ein Oxyd und ein Chlorür; wenn die Menge der angewandten Säure aber einige Kubikzolle beträgt, so folgt auf die anfangs langsame Absorption bald eine Verpuffung, in Folge der durch die chemische Einwirkung entbundenen Wärme.

Das Verhalten der chlorigen Säure zu den zusammengesezten brennbaren Körpern läßt sich aus ihren im Vorhergehenden angegebenen Eigenschaften leicht voraussehen, und wir bemerken hier bloß noch, daß wenn man sie mit ungeleimtem (weißem) Papiere einschließt, sie detonirt und sich in Chlor und Sauerstoff zersezt, welche mit etwas Kohlensäure gemengt sind.

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Zusammensezung der chlorigen Säure.

Um die Zusammensezung der chlorigen Säure direct zu bestimmen, füllte Hr. Balard eine luftdicht verschließbare Flasche mit ganz trokenem salzsaurem Gase und brachte dann eine mit chloriger Säure gefüllte kleine Glaskugel in dieselbe, die er durch Schütteln zerbrach. Sobald die beiden Säuren zusammentreffen, findet die Zersezung unter Freiwerden von Wärme Statt und das Innere der Flasche erhält eine gelbe Farbe. Wenn man sie nun erkalten läßt und über Queksilber öffnet, so wird man finden, daß in die Flasche kein Tropfen Queksilber eintritt und auch keine Gasblase aus derselben austritt, daß sie folglich ein der angewandten Salzsäure gleiches Volumen Chlor enthält. Da nun das salzsaure Gas ein halbes Volumen Chlor und ein halbes Volumen Wasserstoffgas enthält, so sieht man leicht ein, daß bei der gegenseitigen Einwirkung der beiden Säuren aller Sauerstoff der chlorigen Säure durch das halbe Volumen Wasserstoff der Salzsäure in Wasser verwandelt wird, während das Chlor von beiden zu gleichen Volumen in Freiheit gesezt wird. Die chlorige Säure enthält also zwei Maaßtheile Chlor auf einen Maaßtheil Sauerstoff.

Später, nachdem es Hrn. Balard gelungen war, die chlorige Säure in reinem Zustande zu erhalten, analysirte er sie geradezu durch Detonation. Mit 46 Theilen Gas erhielt er so 69 Theile eines Gemisches, welches sich durch Schütteln mit einer Salzauflösung auf 23 Sauerstoff reducirte. Man ersieht hieraus, daß das chlorigsaure Gas genau aus zwei Volumen Chlor und einem Volumen Sauerstoff besteht, und daß die Verdichtung ein Drittel des Gesammtvolumens beträgt, oder dem Volumen des in ihm enthaltenen Sauerstoffes gleich ist.

Die chlorige Säure hat also dieselbe Zusammensezung, welche man dem vermeintlichen Chlorprotoxyde bisher zugeschrieben hat, welches nach den Versuchen des Hrn. Soubeiran nur ein Gemenge von Chlor mit Chlordeutoxyd zu seyn scheint.

Nachdem Hr. Balard die Zusammensezung der chlorigen Säure auf diese Art direct ausgemittelt hat, verbreitet er sich über die verschiedenen Verfahrungsarten, durch welche Hr. Liebig und nach ihm Hr. Soubeiran auf indirectem Wege die Zusammensezung derselben zu entdeken versuchten und zeigt, daß ihre Beobachtungen sich mit seinem Resultate sehr leicht in Uebereinstimmung bringen lassen, obgleich sie dieser Säure eine andere Zusammensezung zuschrieben als er.

Er bemerkt dann, daß sich die chlorige Säure nicht wohl mit der salpetrigen und phosphorigen vergleichen läßt, wie es die Chemiker bisher thaten, sondern viel natürlicher mit der unterschwefligen. Die |365| Umstände, unter denen sich die chlorige Säure bildet, stehen nämlich in keiner Beziehung zu denjenigen, unter welchen die salpetrige und phosphorige Säure entstehen, während sie identisch mit denen sind, welche die unterschweflige Säure erzeugen. Bekanntlich geben nämlich die alkalischen Oxyde, mit Schwefel und Wasser behandelt, Gemenge von Einem Atome unterschwefligsauren Salzes mit Einem Atome Polysulfurid. Sezt man bei dieser Reaction das Chlor an die Stelle des Schwefels, so erhält man ein Atom chlorigsauren Salzes und ein Atom Chlorid, und die Formel der chlorigen Säure wird seyn, wie die der schwefligen Säure . Die Verbindung, welcher wir bisher die Benennung chlorige Säure beilegten, muß also in der Folge unterchlorige Säure heißen; der Name chlorige Säure für die noch unbekannte Verbindung von zwei Vol. Chlor mit drei Vol. Sauerstoff belassen und die Verbindung, welche wir jezt Chlordeutoxyd nennen, Unterchlorsäure genannt werden.

Von den chlorigsauren oder besser unterchlorigsauren Salzen.

Hr. Balard beschäftigt sich nun mit den unterchlorigsauren Salzen, um bei ihnen die Eigenschaften der entfärbenden Chlorverbindungen nachzuweisen und so ihre Analyse durch die Synthese zu bestätigen.

Die Bereitung dieser Salze erfordert besondere Vorsichtsmaßregeln, denn wenn sich die Temperatur auch nur wenig erhöht, so verwandelt sich das unterchlorigsaure Salz in ein chlorsaures; man muß daher die Säure über die alkalische Substanz in kleinen Portionen und nur in solcher Menge, daß leztere nicht ganz gesättigt wird, gießen, dabei beständig umrühren und überdieß das Glas in kaltes Wasser tauchen.

So erhält man leicht die Verbindungen der unterchlorigen Säure mit Baryt, Kalk, Kali, Natron, Lithion, Strontian und Bittererde.

Hr. Balard versuchte vergebens unterchlorigsaures Eisen darzustellen; als er aber die Versuche Grouvelle's wiederholte, nach welchen das Kupfer-, Zink- und Eisenoxyd das Chlor sehr rasch absorbiren und damit entfärbende Verbindungen bilden, überzeugte er sich, daß, wenn unter diesen Umständen auch unterchlorigsaures Kupfer und Zink entstehen, sie jedenfalls nur kurze Zeit bestehen, daß sich aber in keinem Falle unterchlorigsaures Eisen bildet, sondern nur Eisenchlorür und chlorige Säure, so daß beim Erhizen Chlor und unterchlorige Säure frei werden und Eisenoxyd sich absezt.

Die unterchlorigsauren Salze der starken Basen haben denselben Geruch und dieselbe Farbe wie die ihnen entsprechenden bleichenden Chlorverbindungen. Durch eine etwas höhere Temperatur und den |366| Einfluß des Sonnenlichtes, oft auch schon durch das zerstreute Licht, werden sie in chlorsaure Salze und in Chloride verwandelt. Diese Umänderung erfolgt meistens mit Entbindung von Sauerstoff, doch findet beim Zusammentreffen gewisser Umstände, welche Hr. Balard noch nicht ganz ausgemittelt hat, die Sauerstoffentbindung nicht Statt. Er hat sich vorgenommen, diese Beobachtung, welche für die Fabrikation von chlorsaurem Kali sehr wichtig ist, noch weiter zu verfolgen.

Durch einen Ueberschuß von Alkali kann man die Zersezung der unterchlorigsauren Salze verhindern und dadurch sogar die Verbindungen dieser Säure mit Natron, Kalk, Baryt und Strontian in trokenem Zustande darstellen, indem man sie im luftleeren Raume bei einer wenig erhöhten Temperatur abdampft.

Obgleich die Kohlensäure die unterchlorige Säure aus ihren Verbindungen austreibt, so wird sie doch ihrerseits aus ihren eigenen Verbindungen durch einen Strom dieses Gases frei.

Die Metalle verhalten sich zu den unterchlorigsauren Salzen wie zu den bleichenden Verbindungen selbst.

Die Schwefelmetalle werden in frisch gefälltem Zustande durch die unterchlorigsauren Salze augenbliklich in schwefelsaure Salze verwandelt und man wird daher die unterchlorigsauren Salze ohne Zweifel eben so gut wie das oxydirte Wasser zur Wiederherstellung der Gemälde benuzen können.

Sie verwandeln das Stikstoffdeutoxyd in Salpetersäure und die Protoxyde in Peroxyde. Auf die organischen Substanzen wirken sie eben so wie die sogenannten Oxydchlorüre und wie diese lezteren verwandeln sie auch den Alkohol in ein eigenthümliches Kohlenstoffchlorid.

Nach dem Vorhergehenden kann man sich leicht die bleichende und desinficirende Eigenschaft der unterchlorigsauren Salze erklären. Behandelt man sie mit einer Säure, so entbinden sie Chlor, und es ist das Chlor, welches entfärbt und desinficirt, durch eine eigenthümliche Wirkung, die höchst wahrscheinlich als eine indirecte, auf Kosten der Bestandtheile des Wassers hervorgebrachte Oxydation zu betrachten ist. Wirken sie hingegen ohne Beihülfe der Säuren, so verändern sie die Substanz einzig und allein durch den Sauerstoff ihrer Säure und ihrer Basis, indem sie in Chloride übergehen.

Hr. Balard bemerkt am Schlusse seiner Abhandlung, daß er nach ähnlichen Verfahrungsarten, wie diejenigen, wodurch er die unterchlorige Säure erhielt, auch die unterbromige Säure darstellte, und daß er sich gegenwärtig mit der Untersuchung dieser lezteren beschäftigt.

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