Titel: Ueber das in Göttingen errichtete magnetische Observatorium und die Anwendung des Galvanismus zu einer neuen Art von Telegraphen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 55, Nr. LXIX./Miszelle 1 (S. 392–394)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj055/mi055069_1

Ueber das in Göttingen errichtete magnetische Observatorium und die Anwendung des Galvanismus zu einer neuen Art von Telegraphen.

Die Universität Göttingen verdankt der hannover'schen Regierung ein neues, einem wichtigen Theile der Naturwissenschaften gewidmetes Institut, ein eigenes, für die magnetischen Beobachtungen und Messungen errichtetes Observatorium. Die nach neuen Principien construirten magnetischen Apparate, welche im Jahr 1832 in der Göttinger Sternwarte aufgestellt wurden, wurden bereits in den Göttingischen gelehrten Anzeigen 1832, Stük 206 ausführlich beschrieben und die damit erreichbare Schärfe ist aus dem dort Angeführten hinreichend ersichtlich: allein um diese Schärfe ganz zu erreichen, war eine Ausführung in größerem Maßstabe, und um den Resultaten eine vollkommene Reinheit von fremden Einflüssen zu verschaffen, war ein besonderes eisenfreies Gebäude unumgänglich nöthig.

Das magnetische Observatorium, auf einem freien Plaze, etwa hundert Schritt westlich von der Sternwarte errichtet, ist ein genau orientirtes längliches Vierek von 32 Pariser Fuß Länge und 15 Fuß Breite, mit zwei Vorsprüngen an den längeren Seiten; der westliche Vorsprung bildet den Eingang, und dient zugleich bei gewissen Beobachtungen zur Erweiterung des Hauptsaals; der östliche Vorsprung, vom Hauptsaal ganz geschieden, dient zum Aufenthalt des Nachtwächters der Sternwarte. Im ganzen Gebäude ist ohne Ausnahme Alles, wozu sonst Eisen verwandt wird, Schlösser, Thürangeln, Fensterbeschläge, Nägel u.s.w. von Kupfer. Für Abhaltung alles Luftzuges ist nach Möglichkeit gesorgt. Die Höhe des Saales ist etwas über 10 Fuß.

Der magnetische Apparat stimmt im Wesentlichen mit dem oben erwähnten überein, daher wir uns darauf einschränken, nur die Verschiedenheiten anzugeben. Der Magnetstab ist aus Uslarschem Gußstahl, welcher sich zu magnetischen Versuchen vortrefflich qualificirt, es wird von Zeit zu Zeit mit verschiedenen Stäben gewechselt, die alle nahe gleiche Größe haben, nämlich eine Länge von 610, Breite von 37, Dike von 20 Millimetern, das Gewicht gegen vier Pfund. Der Spiegel ist 75 Millimeter breit und 50 hoch. Aufgehängt ist der Stab von der |393| Mitte der Deke des Saals an einem 200fachen 7 Fuß langen umgedrehten Seidenfaden; der Torsionskreis ist aber nicht wie früher am obern Ende des Fadens, sondern am untern, und mit dem Schiffchen, welches den Stab trägt, drehbar verbunden. Seidene Aufhängungsfäden haben vor metallenen, wie bereits in der Abhandlung des Hrn. Hofr. Gauß (Intensitas vis magneticae terrestris p. 19) bemerkt ist, den großen Vorzug, daß ihre Torsionskraft sehr klein ist; bei dem gegenwärtigen Tragfaden ist diese nur der neunhundertste Theil der horizontalen Directionskraft des Magnetstabes, während die Torsionskraft eines Metallfadens von gleichem Tragvermögen etwa zehn Mal stärker seyn würde. Dagegen haben Seidenfäden, besonders wenn ihr Tragvermögen das an ihnen hängende Gewicht nicht weit übersteigt, die Inconvenienz, sich in den ersten Wochen, oder bei bedeutend verstärkter Belastung, beträchtlich zu verlängern; inzwischen wird dieser Inconvenienz hier durch den sinnreichen von Herrn Prof. Weber angegebenen an der Deke befindlichen Aufhängungsapparat abgeholfen, womit der Faden leicht, so viel nöthig, wieder aufgewunden werden kann, ohne seinen Plaz zu verändern; zugleich aber kann dieser Apparat eben so leicht an der Deke verschoben werden, wenn im Lauf der Zeit die Veränderung der magnetischen Declination dieß nöthig machen wird. Der Theodolith steht bisher auf einem sehr solid gearbeiteten hölzernen Stativ über einem besondern steinernen Fundament, und von dem Plaze desselben ist durch das nördliche Fenster einer der Stadtthürme sichtbar, dessen Azimuth auf das genaueste bestimmt ist. Als Berichtigungsmarke für die unverrükte Stellung des Theodolithen dient bloß ein zarter verticaler Strich an der gegenüberstehenden nördlichen Wand. Zum gewöhnlichen Gebrauch dient eine in Millimeter getheilte Scale von 4 Fuß Länge; für einige Beobachtungen wird dieselbe mit einer zwei Meter langen vertauscht. Der Werth eines Scalentheils ist 21''3. Für nächtliche Beobachtungen wurde bisher die Scale mit starken Wachskerzen beleuchtet; in Zukunft werden dazu Argand'sche Lampen gebraucht werden.

Eine der Hauptanwendungen des Apparats besteht nun in der scharfen Bestimmung der magnetischen Declination und ihrer Veränderung in verschiedenen Tagesstunden, Monaten und Jahren. Alle Tage wird die Aufzeichnung zwei Mal zu bestimmten Stunden gemacht: man hat dazu die Vormittagsstunde 8 Uhr, und die Nachmittagsstunde 1 Uhr gewählt, mit welchen Zeiten bei regelmäßigem Verlauf der täglichen Variationen die kleinste und die größte Declination, wenigstens in den ersten Monaten des Jahrs, ungefähr zusammenfallen. Die erhaltenen Mittelwerthe für die westliche Declination der Magnetnadel sind folgende gewesen:

8 Uhr Vormittags. 1 Uhr Nachmittags.
März, zweite Hälfte 18° 38' 16'' 0 18° 46' 40'' 4
April 36 6, 9 47 3, 8
Mai 36 28, 2 47 15, 4
Junius 37 40, 7 47 59, 5
Julius 37 57, 5 48 19, 0

Ferner werden an gewissen Tagen im Jahre 44 Stunden hindurch ununterbrochen in kurzen Zeitfristen die Veränderungen der Declination beobachtet. Der Zwek dieser Beobachtungen ist, theils den regelmäßigen Verlauf nach und nach immer vollständiger kennen zu lernen, theils die Bewandtniß, welche es mit den so häufig dazwischen kommenden, zuweilen, besonders bei Nordlichtern, ungemein beträchtlichen außerordentlichen Anomalien hat, durch Vergleichung der gleichzeitigen Beobachtungen an verschiedenen Orten zu erforschen. Die in dieser Hinsicht bisher erhaltenen Resultate zeigen auf das klarste, daß kleinere und größere Anomalien der Magnetnadel, die zuweilen in ziemlich kurzen Fristen wechseln, nicht locale, sondern kräftige, weithin wirkende Ursachen haben müssen, was man in Beziehung auf sehr große mit Nordlichtern in Verbindung stehende Unregelmäßigkeiten auch schon früher bemerkt hatte.

Von Zeit zu Zeit wird in dem magnetischen Observatorium auch die Bestimmung der absoluten Intensität des Erdmagnetismus wiederholt werden. Drei Bestimmungen mit verschiedenen Stäben gaben

17 Julius 1,7743
20 – 1,7740
24 – 1,7761

als Werth der horizontalen Kraft, wobei, wie bei den früheren Bestimmungen |394| mit kleineren Stäben, die Zeitsecunde, das Millimeter und das Milligramm als Einheiten zum Grunde liegen.

Eben so, wie mit dem früheren in der Sternwarte aufgestellten Apparate, hat man auch mit dem gegenwärtigen im M. O. Vorrichtungen zu elektro-magnetischen Versuchen und Messungen verbunden. Der ausgehängte Magnetstab ist von einem aus 200 Umwindungen bestehenden Multiplicator umgeben, dessen Construction die Anwendung von nicht besponnenem Draht erlaubte: die Drahtlänge beträgt 1100 Fuß. Mit Hülfe eines sehr einfach construirten Commutators kann der Beobachter, ohne sein Auge vom Fernrohr zu entfernen, jeden Augenblik die Richtung des galvanischen Stroms umkehren, oder den Strom ganz unterbrechen.

Mit diesen Einrichtungen steht eine großartige und bisher in ihrer Art einzige Anlage in Verbindung, die man Hrn. Prof. Weber verdankt. Dieser hat bereits im vorigen Jahre von dem physicalischen Cabinet aus über die Häuser der Stadt hin bis zur Sternwarte eine doppelte Drahtverbindung geführt, welche gegenwärtig von der Sternwarte bis zum magnetischen Observatorium fortgesezt ist. Dadurch bildet sich eine große galvanische Kette, worin der galvanische Strom, die an beiden Endpunkten befindlichen Multiplicatoren mitgerechnet, eine Drahtlänge von fast neuntausend Fuß zu durchlaufen hat. Der Draht der Kette ist größten Theils Kupferdraht von der im Handel mit 3 bezeichneten Nummer, wovon eine Länge von einem Meter acht Gramm wiegt; der Draht des Multiplicators im M. O. ist übersilberter Kupferdraht N°. 14, wovon auf ein Gramm 2,6 Meter kommen. Diese Anlage ist ganz dazu geeignet, zu einer Menge der interessantesten Versuche Gelegenheit zu geben. Man bemerkt nicht ohne Bewunderung, wie ein einziges Plattenpaar am andern Ende hineingebracht, augenbliklich dem Magnetstabe eine Bewegung ertheilt, die zu einem Ausschlage von weit über tausend Scalentheilen ansteigt; noch auffallender aber findet man wenigstens anfangs, daß ein Plattenpaar von sehr geringer Größe, z.B. einem Zoll im Durchmesser, und unter Anwendung von bloßem Brunnen- oder selbst destillirtem Wasser eine nicht viel kleinere Wirkung hervorbringt, als ein sehr großes Plattenpaar mit starker Säure. Und doch ist dieser Umstand bei näherer Ueberlegung ganz in der Ordnung und dient nur zu neuer Bestätigung der schönen zuerst von Ohm aufgestellten Theorie. Bei Vermehrung der Anzahl der Plattenpaare wächst hingegen die Wirkung, und zwar dieser beinahe proportional. Die Leichtigkeit und Sicherheit, womit man durch den Commutator die Richtung des Stroms und die davon abhängige Bewegung der Nadel beherrscht, hatte schon im vorigen Jahre Versuche einer Anwendung zu telegraphischen Signalisirungen veranlaßt, die auch mit ganzen Wörtern und kleinen Phrasen auf das vollkommenste gelangen. Es leidet keinen Zweifel, daß es möglich seyn würde, auf ähnliche Weise eine unmittelbare telegraphische Verbindung zwischen zweien eine beträchtliche Anzahl von Meilen von einander entfernten Oertern einzurichten. (Aus den Göttingischen gelehrten Anzeigen. 1834. 128stes Stük.)

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