Titel: Die Wirkungen der Perspective in Bezug auf die Baukunst etc.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. XI. (S. 89–118)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/ar058011

XI. Die Wirkungen der Perspective in Bezug auf die Baukunst, und mit Rüksicht auf die Anfertigung von Baurissen dargestellt durch C. A. Menzel. Greifswald, im August 1835.

Die Kenntniß der Perspective ist für jeden, der sich mit der Baukunst ernstlich beschäftigt, so unerläßlich, daß man sich nur darüber wundern kann, wie es hin und wieder selbst noch Baumeister gibt, welche das Studium derselben für entbehrlich halten; obgleich ohne die Perspective vollkommen inne zu haben, der Architekt nie mit Gewißheit bestimmen kann, welche Wirkung in der Natur der von ihm angefertigte Bauriß hervorbringen wird. Bei nachfolgendem Aufsaze mußte die Bekanntschaft des Lesers wenigstens mit den Elementen der Linearperspective vorausgesezt werden, um nicht durch Weitläuftigkeiten und Vorbereitungen den einfachen Gang des Gegenstandes zu unterbrechen und zu stören. Da erläuternde Zeichnungen ebenfalls aus mancherlei Ursachen wegbleiben mußten, auch gewöhnlich solche Beispiele gewählt wurden, welche vor den Augen eines jeden auf den Straßen sich darbieten, oder in viel verbreiteten architektonischen Kupferwerken vorhanden sind, so glaubt der Verfasser der Deutlichkeit nicht zu schaden, wenn er sich auf hinlänglich erläuterte und durch den Stich bekannt gemachte Gebäude bezieht.

Wie sehr die Baumeister des Alterthums mit den Wirkungen der Perspective vertraut waren, wird der Verfolg dieser Blätter zeigen, eben so wie wenig die Baumeister mit Ausnahme der lezten 30 Jahre, namentlich in unserem Vaterlande, es sich angelegen seyn ließen, diesen wichtigen Zweig der ästhetischen Architektur zu pflegen.

NB. Die Bezeichnung perspektivischer Linien und Punkte ist in diesem Aufsaze so beibehalten, wie sie in dem vom Verfasser herausgegebenen Handbuche der praktischen Linearperspective, Berlin bei W. Logier, angenommen sind.

1. Jede gerade Linie, welche parallel mit der Grundlinie der Tafel liegt, erscheint im Bilde (oder in der Natur, welches hier immer gleichbedeutend gesezt werden wird) als gerade und parallel mit der Grundlinie, nur wird sie um so kleiner, je mehr sie sich dem Horizonte nähert. Hieraus, folgt, daß eine mit der Grundlinie (oder Tafel) parallele vordere Ansicht eines Gebäudes zwar in ihren Verhältnissen |90| beinahe dieselbe bleibt, jedoch immer kleiner erscheint, je mehr sie von der Grundlinie der Tafel absteht, oder je weiter sich der Beschauer davon entfernt.

2. Jede gerade Linie erscheint im perspektivischen Grundrisse um so kürzer, je mehr der Winkel, welchen die senkrechte Ebene, worin ihr Verschwindungspunkt liegt, mit der Bildtafel macht, sich einem rechten Winkel nähert.

Denkt man sich also in der Bildtafel von dem Grundpunkte aus eine gerade Linie nach dem Augenpunkte gezogen, so wird diese Linie, welche zugleich in die Mittellinie der Tafel fällt, die kürzeste von allen Normalen auf die Grundlinie seyn, die zugleich in der horizontalen Ebene liegen.

Von allen Normalen, welche in solchen Ebenen liegen, die mit der horizontalen parallel sind, gilt dasselbe unter ähnlichen Umständen.

Hieraus folgt, daß die Seitenansicht eines Gebäudes um so kürzer erscheint, je näher sie dem Verschwindungspunkte der architektonischen Linie liegt, auch wenn der Verschwindungspunkt ein anderer als der Augenpunkt wäre.

3. Jede gerade und senkrechte Linie erscheint im Bilde um so kürzer, je mehr die Ebene, worin sie steht, sich von der Ebene der Tafel entfernt, und sich dem Horizonte nähert.

NB. Es ist hiebei immer ein solcher Standpunkt angenommen, daß man den jedes Mal gewählten Gegenstand genau und gut übersehen kann, also niemals unter 45 Grad.

4. Jede vordere Ansicht eines Hauses ohne bedeutende Vor- oder Rüksprünge wird also in der Natur dieselben Verhältnisse behalten, welche sie im geometrischen Baurisse hatte. Die kleinen perspectivischen Ansichten der Fenster und Thürvertiefungen der Gesimse etc. kommen vorläufig hiebei noch nicht in Betracht. Hieraus folgt, daß eine solche Ansicht eines Hauses ohne besondere Rüksicht auf perspektivische Wirkung entworfen werden, und doch in der Natur angenehme Verhältnisse darbieten kann, wie die Façaden unserer Städte jeden Augenblik beweisen, obgleich sie mit wenig Ausnahmen nur von Werkmeistern entworfen sind, die in der Regel ohne alle Kenntniß der Perspective sind, also auch beim Entwerfen der Zeichnung keine Rüksicht darauf nehmen können.

5. Gibt man der Façade aber Vor- und Rüksprünge aus Gründen der Construction oder der schonen Form, so ändert sich die perspectivische Ansicht wesentlich gegen die der geometrischen Zeichnung, wie wir gleich sehen werden.

Angenommen es wäre in der Ansicht eines Gebäudes ein bedeutender Vorsprung in der Mitte desselben, zugleich denke man sich |91| den Beschauer vor die Mitte des Ganzen gestellt, so wird von dem zurükliegenden Theile der Façade um so mehr durch den vorspringenden Theil verdekt werden:

a) je größer der Vorsprung seiner Tiefe nach ist;

b) je breiter der Vorsprung in seiner vorderen Front ist.

Bei der geometrischen Zeichnung aber wird dieß theilweise Verdeken des zurükliegenden Theiles gar nicht sichtbar seyn, weil hiebei nur die Projectionen des Linien erscheinen und nicht ihre perspectivischen Lagen.

Machte man den Vorsprung in der Mitte so weit vorstehend, daß derselbe gleich den übrigbleibenden Theilen der Façade zur Rechten und Linken wäre, so würde man von den Flanken unter einem Sehewinkel von 45 Grad in der Natur gar nichts zu sehen bekommen, obgleich in der geometrischen Zeichnung diese Flanken in ihrer ganzen Breite sichtbar bleiben werden.

Hieraus folgt, daß ein Vorsprung so groß werden kann, daß ein Mißverhältniß zwischen ihm und dem zurükspringenden Theile der Façade entsteht.

Ist der Grundriß des Vorsprunges ein Quadrat, so thut man, wie z.B. bei Kirchtürmen, am besten, 3 Seiten des Quadrats vorzulegen. Entsteht aber der Vorsprung aus anderen inneren Anordnungen, so ist es für die Schönheit des Gebäudes vortheilhaft, dem Vorsprunge eine größere Breite zu geben, als jeder der einzelnen Flanken, weil, wenn der Vorsprung (in seiner vorderen Ansicht) schmäler ist, als eine der Flanken, dieß eine üble und kleinliche Wirkung für das Gebäude macht.

Die Tiefe, welche dem Vorsprunge zu geben ist, richtet sich nach der Länge der Flanken, und seine Tiefe darf nie der Länge einer der Flanken gleich werden, weil man sonst von den Flanken schon bei einem Sehewinkel von 45 Grad nichts mehr sehen würde, welches offenbar wider die Schönheit der Anlage streitet, weil man bei größeren Mitteln weniger Wirkung erreicht, welches in der Baukunst unter allen Umständen ein Fehler ist.

6. Ein Gebäude mit sogenannten Flügeln erscheint in der Natur ebenfalls ganz anders als in der geometrischen Zeichnung.

Stellt man sich vor die Mitte des Hauses, so werden die vorderen Ansichten beider Flügel ihr ursprüngliches Verhältniß im Ganzen behalten. Die Tiefen der Flügel aber werden sich nach dem zurükliegenden Theile der Façade zu immer mehr verkleinern, und der zurükliegende Theil der vorderen Ansicht selbst wird um so niedriger und kleiner gegen die mit ihm parallel stehenden vorderen Ansichten der Flügel erscheinen, je größer die Tiefen der Flügel sind, oder je |92| mehr die vorderen Flächen der Flügel gegen die mit ihnen parallel laufenden mittleren Theile der Façade vorspringen. Auch hievon ist in der geometrischen Ansicht nichts zu bemerken. Hieraus folgt, daß die Flügel so weit vorspringen können, daß sie ein Mißverhältniß gegen den mittleren Theil der Façade hervorbringen; man gebe daher jedem einzelnen Flügel ein Viertheil der ganzen Breite der Façade zur vorderen Ansicht, so also, daß jeder einzelne Flügel 1/2 Mal so breit ist, als der zwischen beiden eingeschlossene Theil der geometrischen Façade.

Ferner lasse man die Flügel nicht mehr vor der Hauptfront vorspringen, als sie selbst breit sind. Wachsen die Flügel durch die Bedingungen, wie z.B. bei Einschließung großer Höfe, so sind die Flügel als Façaden für sich zu betrachten, und werden demnach behandelt.

7. Die Höhe eines Gebäudes steht mit dessen Länge in genauem Wechselverhältniß, und die Erfahrung lehrt, daß wenn eine Façade drei Mal so lang als ihre Höhe ist und ohne Vor- oder Rüklage angeordnet wird, dieß das längste, anzunehmende Verhältniß ist. Wird also die Façade länger als ihre dreimalige Höhe, so müssen Unterbrechungen angeordnet werden, entweder der Höhe nach durch Aufbauten in der Fläche der Façade, oder durch Vorlagen oder Rüksprünge in der Façade.

8. Wird ein Gebäude länger als hoch, so muß der Baumeister wo möglich dafür sorgen, daß der Hauptstandpunkt, von wo aus man das Ganze am vortheilhaftesten übersieht, so liege, daß der Sehewinkel für dessen Länge eingerichtet wird, oder daß man das Ganze von einem Punkte am vortheilhaftesten übersieht, wo man mindestens um die Hälfte der Länge des Gebäudes davon absteht, also unter einem Sehewinkel von mindestens 45 Grad, aber niemals näher.

Ist im umgekehrten Falle das Gebäude höher als breit, wie Thürme etc., so ist der Punkt, von wo aus man es übersehen soll, so zu wählen, daß mindestens die halbe Höhe des Gebäudes für die Entfernung des Auges davon genommen werden muß, niemals näher. Hieraus folgt, daß Pläze um große Gebäude herum übermäßig groß angelegt werden müßten, wenn man von demselben Plaze aus, worauf ein sehr großes Gebäude steht, das leztere zugleich bequem übersehen wollte.

Wächst aber ein das Gebäude umgebender Plaz zu sehr, so verschwindet das Gebäude selbst, seine Massen noch immer mehr, und erscheint kleiner, weil das Auge den Maaßstab derjenigen Gebäude nach und nach verliert, welche das größere Gebäude umgeben. Deßhalb |93| ist es vortheilhaft, große Gebäude nicht isolirt auf große Pläze zu stellen, sondern entweder kleinere Gebäude dagegen zu stellen, oder den Plaz selbst nicht zu groß zu halten, und lieber die Hauptansichten gegen breite, den Plaz kreuzende Straßen zu richten, aus welchen man schon auf große Entfernung vermöge der Erweiterung des Sehewinkels das große Gebäude selbst wird übersehen können.

Die großen Palläste in Petersburg scheinen vermöge übermäßig großer Pläze kleiner als sie wirklich sind. Die altdeutschen Kirchen und Thürme dagegen wegen der meistens engen Pläze, worauf sie stehen, gewöhnlich kolossaler, als sie sind, da die sie nahe umgebenden Gebäude der beste, für das Auge leicht zu vergleichende Maaßstab ihrer Größe werden.

Am auffallendsten ist das Verschwinden architektonischer Masse bei solchen Bauwerken, welche in weiten Flächen frei ohne alle Umgebung gegen die Luft stehen.

Das Monument auf dem Kreuzberge bei Berlin steht auf einem Hügel außerhalb der Stadt, erscheint aber eben wegen seiner freien Lage, wenn man sich gegen die weniger entfernten Gebäude so stellt, daß man sie nicht sieht, noch aus mäßiger Entfernung gesehen kaum halb so hoch als es im Maaße ist. Dieser lezte Fall, die Bauwerke isolirt gegen die Luft ohne vergleichbare Gegenstände zu stellen, ist also besonders zu vermeiden. Die Ursache, warum dergleichen Maaße so sehr verschwinden, ist einfach diese: daß die sichtbare Fläche des Gebäudes im Verhältniß zur Fläche des Himmels, welche man übersieht, viel zu klein ist, um einen Vergleich von Größe auszuhalten, besonders wenn andere vergleichbare Gegenstände, als Bäume, Gebäude, deren Größe wir aus der Erfahrung abschäzen gelernt haben, nicht in der Nähe sind.

Aus demselben Grunde macht der Anblik der Pyramiden in den gleichförmigen Sandwüsten nur erst dann einen Eindruk, wenn man so nahe gekommen ist, daß man die Maaße von Menschen und Thieren damit vergleichen kann.

Aus demselben Grunde sehen alle Gebäude, welche an Berglehnen oder in engen Thälern liegen, so lange klein aus, so groß sie immer seyn mögen, weil die Masse des Gebäudes im Verhältnisse zur Masse des Gebirges verschwindet.

Große Gebäude auf mäßigen Hügeln errichtet und mit vergleichbaren nahen Gegenständen umgeben, machen daher immer eine großartigere Wirkung als unter oben angeführten Bedingungen.

9. Ist ein Gebäude so angeordnet, daß ein Aufbau sich aus der Mitte desselben erhebt, daß also rings um den Aufbau ein mehr oder minder großer Vorsprung durch den niedrigeren Theil des Gebäudes |94| gebildet wird, so wird dieser vorspringende untere Theil den oberen höheren Aufbau in der Natur um ein bestimmtes Maaß verdeken, also scheinbar niedriger machen; hievon ist in der geometrischen Zeichnung nichts zu sehen.

Angenommen der Vorsprung des niedrigeren Theiles gegen den Aufbau betrüge 10 Fuß, der Sehewinkel 45 Grad, so wird von dem Aufbaue 10 Fuß Höhe in der Natur verdekt werden, und wenn der Aufbau 20 Fuß hoch war, wieder unter dem gewählten Sehewinkel nur 10 Fuß hoch erscheinen; man würde also in der geometrischen Zeichnung, wenn man des guten Verhältnisses wegen den Aufbau 20 Fuß hoch, bei einem guten Sehewinkel von 45 Grad, wollte erscheinen lassen, in der geometrischen Zeichnung den Aufbau 30 Fuß hoch zeichnen müssen, welches in der geometrischen Zeichnung sehr schlecht, in der Natur aber sehr gut aussehen würde.

Dieser einfache Fall ist einer der wichtigsten, um zu zeigen, wie unrecht diejenigen haben, welche da meinen, daß die Perspektive dem Baumeister entbehrlich sey. Auch erstrekt sich dieselbe Erscheinung unter unendlichen Modificationen bis in die kleinsten Theile architektonischer Werke, daß wir uns hier mehr damit begnügen müssen, nur darauf aufmerksam zu machen, als wir im Stande wären eine vollständige Erläuterung davon zu geben.

Wir wollen nur als in die Augen springend die Anordnung von Kuppeln in der Mitte großer Kirchen erwähnen. Je mehr der untere Theil der Kirche vorspringt, desto mehr wird er von der darüberstehenden Kuppel verdekt werden. Als Michael Angelo den Grundriß der Peterskirche entwarf, wählte er die Hauptform eines griechischen Kreuzes mit gleichen Armen, die Kuppel der Kirche wäre also von allen Seiten gleich gut sichtbar gewesen. Allein die spätere Verlängerung der vorderen Kirchenschiffe verursachte, daß man jezt, wenn man vor den Colonnaden auf dem Petersplaze steht, von der Kuppel sehr wenig zu sehen bekommt, und dieser kolossale Bau fast verschwindet; hiezu tragen die Colonnaden vor der Kirche und der große dadurch eingeschlossene Plaz noch mehr bei, weil sie als dem Auge nahe, groß erscheinen, die ungeheuere Kuppel aber wegen ihrer Entfernung und Verdekung durch den vorderen Theil der Kirche klein aussieht. Man hat also gegen den Willen des ursprünglichen Baumeisters mir großen Mitteln eine geringe Wirkung hervorgebracht, welches doch gerade umgekehrt seyn sollte.

Namentlich bei Thürmen ist darauf aus obigen Gründen sehr zu achten, daß man bei dem sogenannten Einziehen der Mauern nach Oben nur wenig bedeutende Rüksprünge anordne, denn je größer dieselben sind, um so mehr wird vom Thurme von Unten herauf verdekt |95| werden, und er wird viel kürzer erscheinen als er wirklich ist, welches alles aber aus einer bloß geometrischen Zeichnung nicht zu ersehen ist, im Gegentheil wird er hier immer in keinem guten Verhältnisse erscheinen, wenn er in der Natur gut aussieht, und umgekehrt.

Vorzügliche Beispiele einer zwekmäßigen Anordnung in dieser Hinsicht liefern die altdeutschen Kirchen und Thürme. Bei freistehenden Wohngebäuden, welche in ihrer Mitte dergleichen erhöhte Aufbaue haben, die von den übrigen niedrigeren Ruinen ganz umschlossen liegen, ist bloß darauf zu sehen, daß der Ueberbau nicht zu hoch gegen das Haus erscheint, von dem Punkte aus also, wo er unter einem mittleren Sehewinkel bemerkt werden kann, bis zu dem Punkte seiner höchsten Höhe, darf er alsdann nur so hoch erscheinen, daß er niedriger als das niedrigste Stokwerk des Hauses aussieht (den verdekten Theil also nicht mit gerechnet), wenn nicht andere Ursachen des Bedürfnisses oder der Construction für eine größere Höhe sprechen. Liegt ein dergleichen Aufbau so, daß er mit einer Front des Gebäudes eine und dieselbe Ebene bildet, so fällt natürlich die Rüksicht ganz weg, daß er, um gesehen zu werden, noch eine besondere Erhöhung erhalten muß, und er ist alsdann so nach der übrigen Fläche des Hauses zu proportioniren, daß er nicht störend für das Auge wirkt, und namentlich nicht zu hoch werde.

Nähere Bestimmungen lassen sich hierüber deßhalb nicht geben, weil jeder einzelne Fall andere Verhältnisse herbeiführen muß.

10. Gebäude, welche im Grundrisse die Kreisform darstellen, sehen von jedem gleich entfernten Standpunkte gleich breit aus, und wenn sie oberhalb mit einem horizontalen Gesimse schließen, erscheinen sie oben in der Mitte höher und nach den Enden hin gesenkt, unten in der Mitte am nächsten, gegen den Horizont hin aber sich erhebend, wenn ihre Grundlinie unterhalb des Horizontes lag.

Da Gebäude, die im Grundrisse einen Kreis bilden, keine Theilung nach der Höhe haben (wenn man nicht absichtlich welche daran anbringt), so scheinen sie stets bei geringer Höbe etwas plump, und es ist daher gut, ihrem Höhenverhältnisse so viel zuzulegen als Construction und Bedürfnis) irgend erlauben. Mit den Gebäuden von elliptischer Grundrißform ist es eben so. Wie schiklich sich die römischen Baumeister aus der Verlegenheit zogen, damit nicht ein zu niedriges Verhältniß der Höhe bei den Theatern und Amphitheatern entstünde, sehen wir aus der Anordnung, daß sie die äußeren Fronten gedachter Gebäude mir Säulenstellungen zwischen den Arcaden schmükten, und die Gebälke dieser Säulen der Höhe nach durchkröpften. Hieraus entstand für das Auge eine senkrechte Theilung des Gebäudes, welche sehr wohlthätig auf das Verhältniß wirkt.

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Im Innern haben runde und elliptische Gebäude, welche von der Kreisform wenig abweichen, wenn sie zu öffentlichen Schauspielen gebraucht werden, den Vortheil, daß jede gleichgroße Sehne des Bogens von irgend einem Punkte der Peripherie aus betrachtet, denselben Sehewinkel bildet, den Gegenstand also auf allen Pläzen in gleich großen Dimensionen erscheinen läßt. Diesen Vortheil haben vierekige Schaupläze nicht, da die Sehewinkel für eine gleich große Linie auf der Bühne, je nachdem man verschiedene Standpunkte im vierekigen Umkreise nimmt, sich wesentlich andern, und nur von der Mitte aus gut übersehen werden können. Sind die Schauräume überhaupt von geringen Dimensionen, so ist der Unterschied freilich unbemerkbar, bei der Größe der römischen Amphitheater aber würde es sehr unangenehm aufgefallen seyn, wenn man sie statt in einer Ellipse von mäßigem Verhältnisse vierekig construirt hätte.

11. Das Achtek als Grundrißform bietet ein schlankeres Verhältniß, als der Kreis für den Höhenriß; denn das Auge bemerkt sogleich die senkrechte Theilung, welche durch die stärkere Abstufung der Schattirung entsteht. Diese Leichtigkeit der Uebersicht, dieses schlankere Verhältniß des achtekigen Prisma's (und des vielekigen überhaupt) machte den Schluß des hohen Chores der altdeutschen Kirchen gegen den im byzantinischen Style früher üblichen Halbkreis vorzugsweise anwendbar. Eben so entstand die Brechung der Eken und Kanten aus derselben Ursache; denn ein vierekiges Prisma mit gebrochenen Eken sieht viel schlanker aus als wenn die Eken rechtwinklich bleiben. Eben daher schreibt sich die Verwandlung der runden byzantinischen Thurmspize in die achtekige altdeutsche; auch der Uebergang des vierekigen Unterbaues der Thürme und Strebepfeiler in achtekige Fortsezungen mit achtekigen Spizen beruht ganz auf demselben Systeme des Leichterwerdens der Form durch das schlankere Ansehen. Perspektivisch wirken noch die schräg gestellten Ebenen mit, welche nach 2. schmäler erscheinen als sie wirklich sind. Im Allgemeinen verkürzt jede wiederholte horizontale Theilung eine senkrechte Fläche scheinbar, und eine senkrechte Theilung macht eine senkrechte Ebene scheinbar höher. Eine große ungetheilte Fläche aber erscheint immer kleiner als sie ist, theils durch Veränderung der Sehewinkel, theils weil, wenn gar keine Theilung vorhanden ist, das Auge den vergleichenden Maaßstab gänzlich verliert. Von allem diesem aber ist in der geometrischen Zeichnung wenig oder nichts zu bemerken; denn ein achtekiges Prisma von gleichem Durchmesser, wie ein Cylinder, erscheint hier auch eben so stark und ganz in demselben Verhältnisse als der leztere.

Die in hügeligen und Gebirgsgegenden so oft und mit so großer |97| Wirkung angewendeten Terrassen, deren Bekrönung irgend ein Pallast, Wohngebäude, Pavillon oder Belvedere ausmacht, folgen im Allgemeinen der einfachen Bedingung, daß sie perspectivisch gesehen einander nicht verdeken. Ein Beispiel mag die Sache deutlicher machen.

Die unterste Terrasse bilde zwei nach Oben steigende Linien, welche gemeinschaftlich an einem zwischen beiden liegenden Plateau oberhalb endigen. Würde man die darauffolgende Terrasse parallel mit ersterer anordnen, so würde die untere die darüberstehende größten Theils verdeken; es ist daher besser eine Terrasse folgen zu lassen, deren geneigte Fläche normal auf der Grundlinie der erstern zu stehen kommt; über dieser zweiten kann die dritte stehen wie sie will, da die schräg nach Oben steigende zweite Terrasse nichts von der nächstfolgenden verdeken wird, weil die schiefe Ebene der ungefähren Richtung des Sehewinkels mit folgt. Die Italiäner sind hierin unsere besten Muster; man sehe die Terrassen der Villa Papa Giulio, des Casino vom Schlosse zu Caprarole u.a.m.

Nur muß die Breite der Terrassen, wo man genöthigt ist sie mit einander parallel laufen zu lassen, möglichst gering seyn, denn je breiter die untern vorsprängen, desto mehr würden sie von der oberen verdeken.

12. Nach dem Vorhergegangenen ist klar, daß die einzeln erwähnten Fälle, wenn sie vermischt erscheinen, auch besondere Rüksichten hinsichtlich ihrer Composition erfordern, welche alle aufzuführen nicht angeht, nur über die jezt bei uns üblichen Dächer und ihre perspectivische Erscheinung wollen wir das Nothwendigste erwähnen.

Indier und Aegyptier bauten ihre Dächer als Plateformen, sie waren also von Unten nie sichtbar. Griechen und Römer versahen ihre Tempel mit Giebeldächern, ihre Privatwohnungen aber wenigstens bis zur römischen Kaiserzeit mit Pult- oder Schleppdächern, aber immer mit Rüksicht auf ein gutes Verhältniß zu dem Gebäude.

Die Einwendung unserer Gewerksmeister, daß die Dächer immer steil seyn müßten, um den Einwirkungen des Schnee- und Regenwassers zu widerstehen, sind um so falscher, da gerade Tyroler, Schweizer und Steyermarker, wo das Klima für die Bedachung weit ungünstiger ist, als bei uns, sich vorzugsweise der flachen Dächer seit alten Zeiten her bedienen. Die hohe Dachform ist bei uns ein Nachlaß des altdeutschen Baustyls. Die neuere Zeit hat an die Stelle des damals senkrecht strebenden Formenwesens jezt vorzugsweise das horizontal sich begränzende griechische angenommen, mit welchem Recht gehört nicht hieher. Die altdeutschen hohen Giebel verschwanden als Hauptansicht der Gebäude, und mußten sich bequemen die Seitenansichten der Gebäude zu begränzen. Als Hauptansichten |98| machten sie, verbunden mit den Formen des zugehörigen Styls, ungeachtet ihrer Hohe eine schöne Wirkung, aber auf die Seiten des Gebäudes gerükt, ließen sie an ihre Stelle in die Hauptfront des Gebäudes eine um so widerlichere, alles Verhältniß zerstörende Dachfläche treten, je höher die Giebel selbst blieben. Nichts ist verfehlter in seinen Verhältnissen, als ein dergleichen Dach nach altdeutschen Höhenverhältnissen, und darunter eine Façade, worin der Architekt sich abquält griechisch zu erscheinen.

Indeß werden Vorurtheil und Gewinnsucht der Gewerksmeister, welche bei hoben Dächern mehr Geld verdienen als bei niedrigen, noch lange verhindern, daß man auch dem Verhältnisse des Daches zum Hause einige Aufmerksamkeit schenkt. Was die Erscheinung der Dächer in perspektivischer Hinsicht anbelangt, so macht der flache Giebel (etwa 1/6 oder bei Steindach 1/4 der Breite zur Höhe) immer die beste Figur für unser nun einmal angenommenes geradliniges System. Nächst dem Giebel stört am wenigsten der ganze Walm, weil er selbst bei nicht geringer Hohe des Daches in der Perspective viel niedriger erscheint als er wirklich ist.

Das Satteldach, wo die Giebel zur Seite des Hauses stehen, ist nur dann einiger Maßen erträglich, wenn das Dach selbst bedeutend niedriger ist als die Höhe des Gebäudes vom Fußboden bis zum Dache gerechnet.

Am häßlichsten jedoch sind die Mansarden und Bohlendächer, da ihre constructionsmäßig erforderte unverhältnißmäßige Höhe jede andere Form des Bauwerkes zerstört, und alle angewandten Mittel, um die rohe Dachfläche dem Auge erträglich zu machen, als Erker, hohe Dachfenster, zierliche Schornsteine, wie sie die französische Bauart dort und in Deutschland zeigt, sind nicht im Stande, das ungeheuer Drükende des großen Daches und das Ueberwiegende desselben über die Formen des Gebäudes selbst ins Gleichgewicht zu bringen. Der sogenannte halbe Walm ist nur bei unbedeutenden Gebäuden brauchbar, da eben die Halbheit seiner Form ihn für schönere Zweke ausschließt.

13. Die Anordnung griechischer Tempel im Aeußern in Bezug auf perspectivische Wirkung zeigt den feinsten Beobachtungsgeist ihrer Erbauer, so daß man wohl mit Recht annehmen darf, daß ihnen die Grundsäze der Perspective in Bezug auf Architektur keineswegs unbekannt waren.

Wir wollen die Propyläen von Eleusis (man vergleiche: Alterthümer von Attica, herausgegeben von A. W. Eberhard, Leipzig, Leske) bei dieser Betrachtung zum Grunde legen.

Die sechs Säulen der Hauptfront sind so gestellt, daß die Räume |99| zwischen denselben nach der Mitte zu immer größer werden. Der mittelste Zwischenraum ist der größte, hier besonders als Hauptdurchgang; aber auch wenn diese Bedingung nicht wäre, ist es gut den Zwischenraum der Säulenstellung in der Mitte um ein Geringes weiter zu machen, als die übrigen, selbst wenn er der Annahme nach nicht größer scheinen soll, als die übrigen; denn zeichnet man mehrere senkrechte Linien in gleichen Entfernungen auf ein Papier, so scheint der mittelste Raum zwischen den Linien kleiner, als die übrigen, die an den Enden aber um ein geringes größer; deßhalb sind die Säulen an den Eken, wenn es auch nicht der Sicherheit der Construction wegen noch mehr geschieht, der Mitte um ein geringes näher, die Säulen in der Mitte aber um ein geringes weiter auseinander zu rüken, als eine durchweg gleiche Axentheilung erfordern würde.

Im vorerwähnten Beispiel fällt das Vergrößern der Räume zwischen den Säulen nach der Mitte am meisten auf, obgleich es bei den genannten Propyläen nur aus der Anordnung der Eingänge und der Construction in so bedeutenden Unterschieden hervorgegangen ist. Auch die Eksäulen sind um ein geringes stärker zu halten, als die dazwischenstehenden; denn da sie immer gegen die Luft abschneiden (und auch in schräger Ansicht zwei davon), so erscheinen sie schwächer, wenn sie gleiche Dimensionen mir den übrigen haben, welche Erscheinung auf demselben Grunde beruht, wie bei 8. erwähnt wurde.

Die Verjüngung der Säulen, (welche zugleich eine festere Stellung derselben ergibt) verursacht vermöge ihrer nach Oben schmäler werdenden Form eine pyramidale Linie des Ganzen für das Auge, wenn auch der Architrab in seiner lothrechten Lage mit dem untern Durchmesser der Eksäule zusammenfällt, welches bei der römisch-dorischen Ordnung bekanntlich nicht der Fall war.

Das Zusammenziehen der Thüröffnungen nach Oben hat mehr einen alt herkömmlichen constructiven Grund, um die obere Oeffnung leichter schließen zu können; auch an den ägyptischen Tempel- und Pyramideneingängen, an dem Löwenthore in Mycene, an den Gallerien in Thyrint etc. findet sich diese Zusammenziehung der Oeffnungen, nur in bedeutend größerem Verhältniß als hier, da bei vorliegendem Beispiel eine stärkere Zusammenziehung zu sehr mit den übrigen Verhältnissen contrastirt haben würde. Aber auch ein perspectivischer Grund ist dafür vorhanden. Zwei senkrechte Linien, besonders wenn sie sehr lang sind und eine Oeffnung einschließen, scheinen nach Oben um ein geringes auseinander zu weichen; um dieß zu verhindern, zog man sie nach Oben unmerklich zusammen.

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Auch bei freistehenden Thürmen zeigt sich eine ganz ähnliche Erscheinung, hiebei gehen die senkrechten Linien der Umfassungswände an den Eken scheinbar oben auseinander, oder was dasselbe ist, diese Linien scheinen nach Außen überzuhängen, um diese Täuschung aufzuheben; zieht man von Stokwerk zu Stokwerk der Höhe nach um etwas Weniges ein, so erscheint die vorher überhängende Linie alsdann lothrecht; eine stätige gerade eingezogene Linie würde namentlich bei Thurmmauern von Ziegelsteinen zu vielen technischen Schwierigkeiten unterworfen seyn, da besonders dabei das Ablothen der Mauern wegfallen würde, oder man wenigstens sehr lange, und unten an der entgegengesezten Seite der Mauer genau rechtwinkelige Chablonen haben müßte, deren richtige Aufstellung neue Schwierigkeiten erzeugt.

Alle hier angeführten Rüksichten sind bei der geometrischen Zeichnung nicht bemerkbar, da vermöge ihrer Natur die perspectivischen Linien wegfallen, und auch zugleich der Maaßstab so klein, im Verhältniß zur Ausführung in der Natur ist, daß nur einiger Maßen zarte Unterschiede gar nicht auffallen.

Aus derselben Ursache des scheinbaren Ueberhängens verlangt Vitruv, daß bei hohen wenig verjüngten Säulen, wie die corinthischen und namentlich wenn sie zu Rundbauten angewendet werden, man sie auf schräge Bänkchen stelle, deren Abschrägung so viel beträgt, daß die nach dem Gebäude zugekehrte Verjüngungslinie beinahe eine lothrechte bilde; die äußere Verjüngungslinie also wird nach dem Gebäude zu oben sich neigen und deßhalb nicht nach Außen zu überzuhängen scheinen, welche Ansicht auch mit den Erscheinungen in der Natur übereinstimmt.

Die Anten der Griechen und Pilaster der Römer wurden aus ähnlichen Ursachen von geringerem Durchmesser als die Säulen gemacht, obgleich bei den griechisch dorischen Tempeln die Architraben so breit waren, als die unteren Säulendurchmesser, also wo sie oben auf der Ante auflagen, nothwendig auf den Seiten überstehen mußten. Der Grund aber, weßhalb man vierekige Pfeiler, die hinter Säulen stehen, schwacher und schlanker machte, ist allein ein perspectivischer; denn ein Prisma mit quadratischer Grund- und oberer Fläche, und von gleicher Höhe wie ein abgestumpfter Kegel (Säule), und von gleichem Durchmesser wie lezterer, wird immer, von allen Seiten gesehen, dem Auge mehr Masse darbieten als der Kegel, und folglich gegen lezteren unförmlich erscheinen. Daher also der geringere Durchmesser der Ante auch wo sie mit der Säule correspondirt, gestellt ist. Daher findet man auch verjüngte Pilaster.

Der Giebel erscheint hier wie bei allen griechischen und römischen |101| Tempeln als Hauptfront wegen der größeren Höhe der architektonischen Masse und der pyramidalen Form; man wählte nicht die lange Seite des Tempels dazu, weil diese oben erwähnte Vortheile entbehrte, und eine lange Dachfläche (obgleich sie bei den Tempeln immer in einem untergeordneten Verhältniß erscheint) niemals einen interessanten Anblik wegen ihrer Gleichförmigkeit gewährt. Die freistehenden ägyptischen Tempel dagegen, wo man kein geneigtes Dach und keinen Giebel hatte, stehen den griechischen Tempeln entgegengesezt, mit ihrer breiten Seite in der Hauptfront und der pyramidale Bau wird durch die bedeutende Abschrägung der Ekmauern erreicht.

Bei den Propyläen in Eleusis sind ferner die im Innern der Halle stehenden Säulen von ganz anderen und zarteren Verhältnissen und Formen, als die äußeren, welches auch der Natur der Sache ganz gemäß ist; denn in geschlossenen Räumen fällt der Vergleich mit großen Gegenständen und namentlich mit der Fläche der äußern Luft weg. Die vergleichbaren Gegenstände rüken nahe an einander, und dem Auge ist es auf jedem Standpunkt möglich zu proportioniren; deßhalb müssen die inneren Proportionen schlanker, feiner und zierlicher seyn, denn wären sie eben nach solchen Verhältnissen gebildet wie im Aeußeren, so würden sie ungeschikt, roh und plump aussehen. Schon aus diesem Grunde ist es lächerlich den Säulenordnungen solche allgemeine Verhältnisse unterzulegen, welche für äußere und innere Anordnungen zugleich und unter allen Umständen gelten sollen. So sehr aber auch die griechischen Baumeister für eine sorgfältige Anordnung in Bezug auf perspectivische Erscheinung waren, so opferten sie ihr doch niemals die Festigkeit der Construction; z.B. im Innern der Propyläen zu Eleusis stehen 6 Säulen jonischer Ordnung, so daß wenn man in die Halle tritt, sie sämmtlich die Voluten der Capitäler verkürzt und nicht in der Breiten-Ansicht zeigen; ein römisch gebildeter Architekt würde dieß offenbar für einen Uebelstand erklären, und die Säulen entweder mit den Voluten so gestellt haben, daß man ihre Ansicht von Vorne, und nicht wie jezt von der Seite bekommen hätte, oder er würde aus übel verstandener Symmetrie den Säulen acht Voluten statt vier gegeben haben. Dieß streitet jedoch gegen die Richtigkeit der Construction, welche der Grieche hiebei festhielt, und wie immer, wenn sich das Zwekgemäße mit der bloß äußeren Erscheinung nicht wohl vereinigen ließ, vorzog, dem Wesen der Construction zu folgen, anstatt sie, wie die Römer, häufig einer nur durch willkürliche Regeln festgesezten, eingebildeten, schönen Form zu opfern.

Die erwähnte Anordnung, daß die sechs Säulen in der Halle |102| dem Beschauer nur die Polster der Voluten und nicht leztere selbst unverkürzt zeigen, beruht auf der Construction des Capitäls. Es ist die Eigenthümlichkeit der jonischen Anordnung, daß das griechisch-jonische Capitäl im Grundriß kein Quadrat wie das römische bildet, und zwar deßwegen weil der, vermöge der schlanken Proportion der Säulen im Verhältniß weit frei liegende Architrab nicht genug Unterstüzung haben würde, wenn der Abacus nur quadratisch wäre und nicht wie hier nach der Lage des Architrabs sich verbreitete. Die Anordnung des griechisch-jonischen Capitäls ist wie die eines sogenannten Sattelholzes auf einer hölzernen Säule, d.h. länger als breit; aus dieser Grundform, da die Schneken ursprünglich mittragen helfen mußten, ist die ganze Anordnung constructiv hervorgegangen, aber weder aus den Loken der Frauen, noch aus Hobelspänen, welche an den Dekbrettern zufällig stehen geblieben waren.

Hätte demnach der griechische Baumeister die Rollen anders gestellt, als wie es wirklich der Fall ist, so wäre es der Construction zuwider gewesen.

Aehnliches wie das von dem angezogenen Beispiel Gesagte gilt im Allgemeinen von der Anordnung aller griechischen Gebäude, und mit einiger Aufmerksamkeit, so wie mit Hülfe perspectivischer Kenntnisse, wird jeder sehr leicht im Stande seyn aus den von antiken Monumenten vorhandenen geometrischen Abbildungen die Ursachen der gewählten äußeren Anordnungen und Maaße auch in perspectivischer Hinsicht sich klar zu machen und einzusehen, wie wichtig das Studium der Perspective für den Baumeister und wie unerläßlich es ist, wenn man die bei der wirklichen Ausführung beabsichtigte schöne Erscheinung im Voraus mit Gewißheit zu beurtheilen im Stande seyn will; durch bloße Uebung in geometrischen Zeichnungen aber wird keiner hiezu gelangen.

14. Wenden wir uns zu einem Baustyl der, zwischen der modernen Welt und der antiken in der Mitte stehend, mit dem griechischen einen vollkommenen Gegensaz in der Erscheinung bildet, zu dem sogenannten altdeutschen (germanischen) und zwar zu einem seiner schönsten Muster, dem Münster in Freiburg im Breisgau. (Man sehe: Denkmäler der deutschen Baukunst von D. G. Moller. Darmstadt, Leske.)

Das System des genannten Baustyls ist ein hochstrebendes und wie ausgezeichnet ist es in der perspectivischen Erscheinung des genannten Beispiels durchgeführt!

Der starke, massive einfache Unterbau, welcher durch die Seitenansichten der Strebepfeiler (wovon in der geometrischen Ansicht nichts sichtbar wird) noch mehr Stärke und Kraft gewinnt, schließt mit |103| einer feinen Gallerie über der Uhr. Die Strebepfeiler des Unterbaues selbst endigen in schlanken Thürmchen und deuten so schon auf die noch schlankere Endigung des Ganzen.

Ueber der Gallerie geht der Thurm in die achtekige Form aus der vierekigen über. Vier achtekige Thürmchen motiviren in dem durch das Achtek auf dem Vierek dreiekig abgeschnittenen Stüke den Uebergang vollkommen, so daß die Dekung des Achteks, welche durch die Eken des Unterbaues entstehen würde, wenn die Thürmchen nicht da wären, vollkommen ausgeglichen wird und für das Auge den vollständigsten Zusammenhang mit dem oberen Theil bildet.

Die Gallerie, wo die lezte achtekige Hauptspize anfängt, ist von steilen Fenstergiebeln durchbrochen; ließe man diese weg, so würde die horizontale Vegränzung der Gallerie vorherrschen, und das Hochstrebende des Systems verloren gehen. Die achtekige Spize endlich selbst ist mannigfach durchbrochen und schließt in einer architektonischen Blume vorteilhaft das Ganze.

Der Vorwurf, welchen die Puristen in der Architektur dieser durchbrochenen Spize machen, ist, daß sie nicht als das Dach wirklich diene, welches sie vorstelle, allein der ganze Styl, besonders in den spätern Monumenten, ist so sehr möglichste Verkörperung einer abstracten Gottesverehrung, daß es unrecht ist, den bloß handwerksmäßigen Maaßstab dabei anzulegen, und alle, welche gegen diese Monumente bis jezt noch mündlich und schriftlich geeifert haben, könnten sich doch bei dem Anblik derselben nicht eines Gefühls innerer Erhebung erwehren, so sehr auch die Form der Erscheinung gegen ihre verkehrte ästhetische Ansicht seyn mochte.

Um die Schlankheit der Verhältnisse dem Auge möglichst vorzuführen, und dadurch das Hochstrebende der Form zu erreichen, sind hier wie bei allen altdeutschen Gebäuden die gewöhnlichen Mittel gebraucht, sie sind: Verwandlung des Viereks in das Achtek, Vermeidung horizontaler Linien ohne Vor- und Rüksprünge, senkrechte Theilung des Ganzen, schlanke Verhältnisse der Giebel und Spizen.

Abschrägung der Fenster- und Thürvertiefungen, welche geringere Breite der Pfeiler erlaubt, ohne der Festigkeit zu schaden.

Brechung der Kanten und Eken, wo die Verhältnisse feiner werden sollen, m. s. 11.

Stark ansteigende Fensterbrüstung und Flächen, wo die vierekige Form in die achtekige übergeht.

Höchst verständige Anordnung, daß kein vorspringender Theil von einem hinter ihm stehenden perspectivisch mehr zudekt, als er um die Form nicht zu stören zudeken darf.

Die Anordnung von Unten nach Oben ist eine sanft abnehmende; |104| keine bedeutenden Vorsprünge verdeken obere Theile durch untere, und das Auge folgt der ganzen schön und schlank geformten Pyramide, ohne Störung und wehethuende Unterbrechung, bis zur äußersten Spize. Die geometrische Zeichnung allein zeigt von allem dem nur so viel, als sie ihrer Natur gemäß zeigen kann.

15. Wählen wir die Peterskirche als Repräsentanten der Zeit, wo vorzugsweise das Studium römischer Ruinen durch äußere Umstände begünstigt, eine neue Kunstblüthe hervortrieb, so ist rüksichtlich ihrer perspectivischen Anordnung folgendes bemerkbar:

Michael Angelo wählte, wie bei 9. bereits erwähnt, zwekmäßig, um der Kuppel scheinbar nichts von ihrer Höhe zu rauben, das griechische Kreuz zum Grundriß; spätere Anbaue zerstörten diese ursprüngliche Form bis auf 3/4.

Vergleichen wir sie hinsichtlich der perspectivischen Anordnung mit dem Münster zu Freiburg, so schlägt der Vortheil verständiger perspectivischer Anordnung zu Gunsten des lezteren aus; denn die Peterskirche erreicht den Haupteindruk nur durch die mächtige Kuppel, welche sich aus ihrer Mitte erhebt. Auch wenn der spätere vordere Anbau der Schiffe nicht da wäre, so steht die Kuppel um ein Bedeutendes gegen den Unterbau zurük, welcher leztere also natürlich ein bedeutendes Stük der Kuppel in der äußeren Ansicht nothwendig verdeken muß. Diesen Fehler haben die Kuppeln der Paulskirche in London, der Kasankirche in Petersburg, des Invalidendoms in Paris etc.

Michael Angelo hat dieß wohl gefühlt, und die Form des griechischen Kreuzes im Grundriß möglichst durch Anlage der kleinen Treppen und Kapellen in den Winkeln so geformt, daß die Arme des Kreuzes wenig im Aeußeren bemerkbar sind und die Kuppel in möglichst gleichem Abstande durch die äußeren Umrißlinien des Unterbaues eingeschlossen wird; allein ganz aufheben ließ sich der Uebelstand nicht bei der gewählten Anordnung.

Selbst die Nothwendigkeit der hochstrebenden Form schwebte den Baumeistern vor, wozu der römische Styl mit seinen Kröpfungen die Hand bot, und selbst die Kuppel erhielt consequent mit dem Unterbau Rippen, welche die runde Form derselben perspectivisch in ein Vielek verwandelte und so der Schlankheit bis zur äußersten Spize zu Hülfe kam.

Nichts desto weniger erscheint diese und alle auf solche Art angeordnete Kuppeln im Aeußeren nicht als eine wesentliche Fortsezung des Unterbaues, sondern als ein willkürlich darauf aufgeseztes Bauwerk; wie ganz anders bei dem Münster zu Freiburg; jeder nächst höhere Theil entspringt aus dem nächst unteren, alles geht eines sichtbar in das |105| andere über. Bei den altdeutschen Kirchen, wo die Mittelschiffe bedeutend gegen die Seitenschiffe zurükspringen, vollenden die freien Bogen der Strebepfeiler diesen sichtbaren Uebergang der unteren Theile in die oberen. Bei dem römischen Pantheon übersieht man den ganzen ungeheueren Bau, sowohl von Außen als von Innen mit einem Blik, und daher auch die gewaltige Wirkung.

Hieraus folgt, daß man sich stets hüten muß durch Vor- oder Rüksprünge der Höhe oder Breite nach irgend einen Theil des Gebäudes unnöthig zu verdeken, und daß je mehr zugleich sichtbare Fläche ein Gebäude dem Auge darbietet, desto weniger zersplittert, und desto mehr ein Ganzes wie aus einem Guß es zu seyn scheint. Man sehe die Palläste von Rom und Florenz.

Wie tief war z.B. der Baumeister der Villa Pia in Rom, Pirro Lijorio, von der perspectivischen Ansicht durchdrungen, und obgleich die Anlage durch das Treppenhaus und den einen vorgebauten Raum, über welchem das Belvedere steht, sogar unsymmetrische Anordnungen hat, so vereinigt sich doch Alles zu einem reizenden Ganzen, wo alle einzelnen Gebäude unter sich auf das vollkommenste klar mit einander verbunden scheinen, und die Localität auf das Verständigste benuzt ist. Zeichnungen der Villa Pia finden sich in: Percier et Fontaine, choix des plus célèbres maisons de plaisance de Rome etc. und in Quatremère de Quincy's Geschichte der berühmtesten Architekten, aus dem Französischen übersezt von Heldmann. Leipzig. Leske.

16. Die neuere und neueste Zeit bieten in vorangegangener Hinsicht einer perspectivischen Anordnung mit Ausnahme einiger weniger Architekten, unter denen Schinkel unbestritten obenansteht, nicht viel Erfreuliches dar. Man klebte zu sehr an den todten Lehrsäzen einer handwerksmäßigen Schule, welche man vorgeblich den großartigen Ueberresten des Alterthums entlehnt haben wollte, die aber nur wegen ihrer kategorischen Imperative in den Glaubensartikeln ein Beweis geistiger Faulheit in der zur Zeit herrschenden Kunstansicht waren.

Wir könnten viele und große Namen habende Bauwerke neuer und neuester Zeit anführen, jedoch bleibt es nach dem was vorangeschikt wurde, jedem zu eigener Beurtheilung überlassen, ob die angeführte Behauptung wahr oder falsch sey.

Die unverständigen kalt lassenden Anordnungen entsprangen aber größten Theils nur daraus, daß die Baumeister das Studium der Perspective in ihrem größten Umfange verschmähten, daß sie nicht einmal sich Mühe gaben die Natur zu beobachten, und daß sie sich |106| damit begnügten, die geometrische Zeichnung ohne Rüksicht auf perspectivische Anordnung als einzige Grundlage der Erscheinung des Bauwerks in der Natur zu betrachten, welches Alles freilich sehr bequeme, aber verfehlte Ansichten sind.

Die Anlage eines Bauwerks im Allgemeinen erfordert aber, daß es nicht nur, aus einem entfernten Standpunkte gesehen, einen günstigen Eindruk mache, es muß auch, je näher man tritt, immer feinere Schönheiten der Details entwikeln, und bei Betrachtung in geringster Distanz in der Vollendung der Einzelheiten noch die Vollkommenheit zeigen, welche seiner größeren oder geringeren Würdigkeit zukömmt. Wie die teppichartigen Wandverzierungen des Alhambra in größerer Entfernung ein bestimmteres einfaches Schema zeigen, näher gesehen sich in kleinere Formen auflösen, und ganz nahe die Sprüche des Korans dem Auge leserlich darstellen, so muß eine gewisse Stufenfolge immer mehr entwikelter Deutlichkeit und Verständlichkeit der einzelnen Theile des Bauwerkes bei immer näher rükendem Standpunkte Statt haben. Alle Jahrhunderte (das nächstvergangene bis auf die jezige Zeit ausgenommen) benuzten auch im Aeußeren, wie neuere Forschungen dargethan haben, den Vortheil verschiedenartiger Färbung, um die perspectivische Wirkung zu erhöhen, und zugleich mit der Schönheit der Form durch die der harmonisch wohlgewählten Farbe das Auge angenehm zu fesseln, und nächst der plastischen auch eine mahlerische Wirkung zu erzielen.

Hier eröffnet sich den lebenden Baumeistern ein neues weites Feld mehr, ihren Erzeugnissen einen zwar in der Vergangenheit schon dagewesenen, jedoch seit lange versiegten Quell neuer Schönheiten aus Licht zu fördern.

Die Griechen bedienten sich der künstlichen Pigmente.

Die prachtliebenden Römer schufen ihre Farben aus dem mannigfaltigsten Material selbst, dem sie die sorgfältigste Politur gaben, alle farbigen Marmorarten, Bronze, Gold, Silber, Edelstein, und das zur damaligen Zeit den Edelsteinen gleich theure Glas, Alles wurde benuzt, um farbigen Zauber über die Schöpfungen ruhmdürstiger Erzeuger zu verbreiten.

Wir begnügen uns mit weißem Kalkpuz.

17. Die Säulenordnungen hinsichtlich ihrer perspectivischen Anordnung.

NB. Die Abbildungen in M. Mauch Fortsezung des C. Normanschen Werkes (vergleichende Darstellung der architektonischen Ordnungen), Potsdam bei Riegel, sind hier zum Grunde gelegt.

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Die griechisch-dorische Säule.

Der Säulenschaft, seine Form ein abgestumpfter Kegel, sowohl aus statischer Rüksicht als hinsichtlich seiner schlankeren Form verjüngt. Die Cannelirungen des Schaftes, gewöhnlich 20, geben vermöge der größeren Fläche, welche sie dem Auge darbieten und vermöge der sichtbaren Theilung des Schaftes, so wie der damit verbundenen leichteren Schäzung der Maaße, dem Schafte noch mehr scheinbare Stärke, als wenn die Säule nicht cannelirt wäre. Stäbe zwischen den Cannelirungen hiebei anzubringen, wie bei den schlankeren Säulenordnungen, wäre aus eben dem Grunde unzwekmäßig gewesen.

Das Capitäl ist seiner Form nach constructiv bedingt, der Echinus bildet den einfachsten und natürlichsten Uebergang vom Vierek zur Rundung, seine Form kann perspectivisch nicht besser gewählt werden; denn wäre sie mehr in der Form eines Viertelkreises, wie bei den schlankeren römisch-dorischen Säulen, so würde sie für die kurzen Verhältnisse der griechischen zu schwer scheinen.

Die eingeschnittenen Streifen dienen nächstdem, daß sie als Tropfrinnen gestaltet sind, dazu, für das Auge eine bestimmte Form abzuschneiden, wo die Gliederungen des Capitäls aufhören.

Die Linie der Ausladung des Echinus zieht sich bei den besseren Monumenten als eine stätige Linie durch diese Einschnitte hindurch und vereinigt sich als solche mit dem Halse.

Der gerade Hals des Capitäls ist mit den Fortsezungen der Cannelirungen versehen, weil der Schaft sonst, wegen seines ohnehin kurzen Verhältnisses, zu kurz erscheinen würde, wenn man den Hals glatt lassen oder überhaupt in der Form gegen den Schaft trennen wollte. Wo der Hals eine ausgezeichnete Form für sich allein annimmt, wie am Tempel der Ceres in Pästum, ist er auch bedeutend kürzer als sonst, aus denselben Ursachen.

Der scharfe Einschnitt am Echinus unterhalb des Abacus ist zur Trennung beider Formen um so nöthiger, da die obere Kante des Echinus immer im Schatten liegt. Stieße der Echinus stumpf an, wie bei dem römischen Capitäl, so würde die Trennung weniger zu sehen seyn.

Das Uebertreten des Architrabs über die Verjüngung der Säule ist constructiv wegen Stärke des Architrabs nothwendig, fällt aber nicht unangenehm auf, weil es durch das kräftige Capitäl hinlänglich vermittelt ist.

Der Architrab selbst ist eine ebene Fläche, durch eine einfache Platte und durch Plättchen mit den Tropfen bekrönt, lediglich als Abschluß der Form für das Auge, denn constructiv sind beide nicht nöthig. In einzelnen Fällen ist er unten breiter als oben, um ihn |108| kräftiger zu erhalten, allein für die perspektivische Ansicht ist dieß unvortheilhaft, da er dadurch niedriger erscheint, als wenn er gerade wäre.

Der Fries mit seinen Triglyphen und Metopen ist senkrecht; leztere sind entweder ebene Flächen ohne Reliefs, und alsdann machen die Triglyphen für das Auge den verzierten Theil und bewirken eine angenehme Unterbrechung der sonst todten Fläche; oder die Metopen sind mit Reliefs geschmükt, alsdann bilden die nur durch flache Einschnitte verzierten Triglyphen die ruhigere Fläche zur Trennung und zur deutlicheren Theilung für das Auge zwischen den reich verzierten Metopen. Oder der Fries ist durchweg mit Bildwerken bedekt, welche eine fortlaufende Handlung darstellen wie am Parthenon auf der inneren Seite der Säulenhalle.

Die Nothwendigkeit der Triglyphen aus der Construction zu erweisen, ist bis jezt noch nicht gelungen. Aus der Holzconstruction erfolgten sie am leichtesten als die Köpfe der Balken über dem Architrab, allein die griechischen Monumente enthalten davon nichts, im Gegentheil steigt der Fries auf der inneren Seite immer hohl und glatt mit einem kleinen Krönungsgesims bei allen Ordnungen in die Höhe. Bei dem Tempel des Theseus geht zwar an der Stelle, wo die vordere Halle mit der Cella trifft, ein steinerner Balken als Fries quer durch, allein auch der Architrab geht mit herüber, welches auch bei anderen Tempeln der Fall ist, um die größere Steindeke der Vorhalle bequem zu bilden; allein an den Seitenhallen treffen bei griechischen Tempeln sonst selten die Mitten der Säulen auf die Mitten der Anten, welche auch alsdann sehr schmal sind, und durchaus nicht hindeuten einen Steinbalken unterstüzen zu sollen.

Der Triglyphe bildet aber immer ein nicht einmal durch die ganze Tiefe des Frieses durchgehendes Stük Stein; wie erklärt sich demnach der Triglyph und der Fries aus der Nothwendigkeit der Construction, da er in der Form mit Beibehaltung der übrigen Verhältnisse nicht fehlen darf?

Der Architrab aber wäre seiner Stärke nach allein hinlänglich, wie bei den ägyptischen Monumenten, die Steindeke zu unterstüzen. Im Inneren der Propyläen kommen Steinbalken vor, welche aber keinen Zusammenhang mit den Triglyphen haben, wenigstens nur theilweise.

Die Cornische ist höchst einfach, nur aus einer stark vorspringenden Hängeplatte mit unterstüzenden und bekrönenden Gliedern gebildet. Die daran befindlichen sogenannten Diehlenköpfe können auf keine Weise weder nach ihrer schrägen Lage, noch nach ihrer in Zwischenräumen Statt findenden Stellung aus der Holzconstruction hergeleitet |109| werden; sie sind constructiv nur wegen Verstärkung der hängenden Platte stehengebliebene Stüke, welche zur Verstärkung der Platte ähnlich beitragen, als Strebe- oder Verstärkungspfeiler an einer senkrechten Mauer; daß sie nicht aus der Holzconstruction unbedingt hervorgegangen sind, beweisen z.B. der Tempel der Ceres in Pästum und das Monument des Thrasillos zu Athen, wo gar keine vorhanden sind.

Mit den sogenannten Tropfen an den Diehlenköpfen hat es dieselbe Bewandtniß; auch sie sind nur wie erstere eine Verstärkung der Masse des überragenden Steines, mit möglichster Erleichterung der Form für das Auge. Beweis dafür ist der große Tempel in Pästum (siehe parallèles d'Architecture par Durand, wo an den Diehlenköpfen diese sogenannten Tropfen nicht vorhanden sind, sondern an ihrer Stelle runde Löcher in der unteren Fläche der Diehlenköpfe sich befinden, welches offenbar auf Erleichterung der Masse hindeutet).

Die gewöhnlich schräge Unterschneidung der hängenden Platte ist constructiv so gestaltet, um das an der vorderen Fläche der hängenden Platte herunterlaufende Regenwasser herabfallen zu machen Die ebenfalls schräge Unterschneidung der Diehlenköpfe entsteht in analoger Art aus dem für das Auge immer wohlgefälligen Parallelismus der Linien. Aus gleichem Grunde geht die Neigung des Giebels unter gleichem Winkel mit der Unterschneidung der hängenden Platte und der Diehlenköpfe. Ferner nimmt die auf vorerwähnte Art unterschnittene Hängeplatte vermöge des Sehewinkels auf diese Art für das Auge mehr eine horizontale Richtung an, als wenn sie wirklich horizontal wäre; in lezterer Art würde sie sich nach Hinten zu senken scheinen. Die hängende Platte bekrönen auf der langen Seite des Tempels nur zwei Glieder, ein stark unterschnittener und unten in Rinnleistenform endender Rundstab als Tropfrinne und eine Leiste ebenfalls mit einer Tropfrinne; mehr bedurfte es auch nicht, denn das mit reichen Stirnziegeln versehene flache und vermöge seiner Construction niemals für das Auge störend wirkende Dach schließt die schöne Form von der Seite, wie der flache wohlgefällige Giebel in den Fronten.

Einen Fuß wie andere Säulenordnungen hat die dorische nicht, zuweilen nur einen kurzen uncannelirten Sokel, denn ein höherer Säulenfuß würde die Säule nur ohne Noth der Breite nach theilen, also scheinbar verkürzen, welches bei dem ohnehin gedrungenen Verhältnisse übel wirken müßte; die dorische Ante dagegen verträgt in (statischer und) perspectivischer Hinsicht einen Fuß, da sie schmäler als die Säule ist.

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18. Ganz anders verhält es sich mit der römisch-dorischen Ordnung. Die Anordnung derselben, so wie der römischen Säulen überhaupt, zeigt mehr die Befolgung eines abstracten Systems in der Bildung der Form, als deren Hervorgehen aus der Natur der Sache, wie bei den griechischen Säulen. Hieher gehört die Stellung des Triglyphs unmittelbar über den Säulenmitteln anstatt an der Eke, nicht über deren Mitte.

Die ängstliche Construction aller architektonischen Glieder aus bestimmten Kreisstüken ohne Rüksicht aus Perspective.

Vermeidung der Massen und streng symmetrische Vertheilung, auch wo es der Natur der Sache widerspricht, wie bei Metopen und Triglyphen.

19. Die griechisch-jonische Ordnung.

Die Verhältnisse werden schlanker und feiner als bei der dorischen. Sie beginnt von Unten nach Oben mit einem Säulenfuße.

Der im Verhältnis geringe untere Durchmesser macht die Verbreiterung nöthig; die Form des Fußes ist mannigfach, aber gewöhnlich so gewählt, daß er von Unten herauf gesehen, die beste perspectivische Wirkung macht, wohl wegen der Höhe des Unterbaues, und weil das Volk selten die Tempelhalle betrat und sich mehr auf dem den Tempel umgebenden Plaze, und bei größeren Tempeln in den Säulenhallen aufhielt, welche den Hofraum einschlössen, der Säulenfuß also von dem größten Theil der Beschauer von Unten hinauf gesehen wurde. Der römisch-jonische Fuß ist umgekehrt mehr darauf berechnet von Oben herunter gesehen zu werden, so auch z.B. der Säulenfuß der jonischen Ordnung im Inneren des Apollotempels in Bassä. Der Säulenstamm ist verjüngt cannelirt und mit einer Schwellung (entasis) versehen, weil der nur nach einer geraden Linie sich verjüngende Stamm zu mager aussehen würde. Die Schwellung aber macht diesen perspectivischen Uebelstand verschwinden, obgleich sie constructiv nicht nothwendig ist.

Das Capitäl verdankt seine ganze eigenthümliche Form nur der Natur der Sache und der Construction.

Die jonischen Säulen erforderten, vermöge ihrer geringeren Masse als die dorischen, kleinere, folglich schwächere Architraben, welche verhältnißmäßig weniger Unterstüzung hatten als die dorischen; auch wurden die Zwischenräume der Säulen verhältnißmäßig weiter und es wurde daher nothwendig den Architrab breiter zu unterstüzen, als bei den dorischen.

Denkt man sich die rohe Construction des Capitäls als einen auf der Säule mit dem Architrab parallel liegenden Stein, welcher nach der Linie der Lage des Architrabs länger ist, als die Breite |111| des Architrabs, also etwa wie ein kurzes Sattelholz in der Holzverbindung, so hat man die Grundform des jonischen Capitäls, welche alle constructiven Bedingungen erfüllt. Aus dieser Form konnte es wohl keinen angemesseneren Uebergang zur Form des Säulenschaftes geben, als die Abrundung durch Polster und Rollen, welche zugleich den Stein so kräftig erhalten, daß er den Architrab noch hinlänglich unterstüzen kann; daher ist auch der bei der dorischen Säule so starke Abacus hier nur angedeutet und schließt nur die obere Form des Capitäls zu einer ebenen Fläche ab, worauf der Architrab ruhen kann.

Nur aus diesem Gesichtspunkte kann die aus dem Wesen der Sache hervorgegangene Form des jonischen Capitäls betrachtet werden, denn jede andere Art sie zu beleuchten würde nur auf Abwege führen.

Da constructiv auf den Langseiten die Rollen ebenfalls, wie vorhin erwähnt, mit der Linie des Architrabs parallel stehen mußten, so würde an der jedesmaligen Eksäule der Uebelstand für das Auge eingetreten seyn, daß die Eksäule der Halle mit dem Polster der Schneke gegen die Rolle der folgenden Säule auf der Langseite erschienen wäre; um diesem Uebelstande abzuhelfen, entstanden die Ekcapitäle mit überek vorgezogenen Rollen.

Die geometrische Zeichnung gibt von der richtigen perspectivischen Wirkung derselben nur ein schlechtes Bild.

Aus diesen griechischen Ekcapitälen entstand später das jonische Capitäl mit acht Rollen. Die Technik war weiter fortgeschritten, man verließ die ursprünglich bedingte Bildung und opferte sie einer eingebildeten Symmetrie, wie dieser Vorwurf dem römischen Baustyl überhaupt immer gilt. Hieraus entstand bei dem römisch-jonischen Capitäl gleichzeitig der quadratische Abacus und die zum Tragen des Architrabs nicht mehr geeignete, im Verhältniß gegen die griechische sehr kleine Rolle.

Der die Säule gegen die Rolle abschließende Eierstab wird zwar immer eine unvollständige Form bleiben, jedoch hat man bis jezt noch keine bessere Vermittlung gefunden. Der jonische Architrab erhält gewöhnlich drei ungleiche Abtheilungen der Höhe nach; die Ursache hievon kann nur in einer beabsichtigten Abwechselung der Theilung liegen, denn aus der Verschiedenheit der Sehewinkel geht die im Verhältniß starke Zunahme der Höhe nach nicht in dem Grade hervor.

Im Friese verschwinden die Triglyphen der dorischen Ordnung, und er erscheint entweder ganz glatt, oder mit Reliefs bedekt, welches beides eine vollkommene Trennung her Form der Architrabs und der Cornische für das Auge bewirkt.

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Die Cornische enthält:

1) die Glieder, welche über dem Friese befindlich sind,

2) eine stark vorspringende Platte mit den sogenannten Zahnschnitten, welche sich so wenig wie die dorischen Diehlenköpfe aus der Holzconstruction herleiten lassen; denn sie selbst, mit der Platte woran sie stehen, dienen nur zur Unterstüzung der vermöge der feinen Verhältnisse der jonischen Ordnung weit vorspringenden und schwachen Hängeplatte. Die Zahnschnitte selbst sind eine Erleichterung der Masse, und da die Platte, woran sie sich befinden, stets im Schlagschatten der Hängeplatte liegt, so war es nur durch scharfe und tiefe Einschnitte möglich, der Einförmigkeit zweier vierekiger Platten in der Cornische zu begegnen. Die leichte Form des Rinnleistens bekrönt mit seinem zugehörigen Plättchen das jonische Gebälk zwekmäßig.

Die Pilaster-Anten dieser Ordnung sind im griechischen Styl in ihrem Capital nur analog dem der Säule nachgebildet, häufig ganz dem System der vierekigen Grundrißform des Pilasters entsprechend, ohne Rüksicht auf die Form des Säulencapitäls, welches auch sehr natürlich ist, da hier ganz andere constructive Bedingungen eintreten. Bei den römisch-jonischen Pilastern dagegen ist man ängstlich bemüht gewesen, wieder aus übelverstandener Symmetrie die Pilaster-Capitäle denen der Säulen möglichst gleich zu bilden, obgleich daraus nichts Naturgemäßes werden konnte.

20. Die corinthische Ordnung wurde erst zur Römerzeit in ein bestimmtes System gebracht. Man folgte im Allgemeinen den nur noch mehr verfeinerten Verhältnissen der jonischen Ordnung; bloß das Säulencapitäl und die Cornische zeigen wesentliche Abweichungen. Erst die Römer wandten die corinthische Säule im Aeußeren an; bei den griechischen Tempeln kommt sie nur im Inneren vor.

Die Construction des Capitäls ist offenbar eine Nachbildung des jonischen, mit acht Rollen oder Schneken. Die Stellung der Blätter ist so gewählt, daß sie, von Unten hinauf gesehen, sich möglichst wenig einander verdeken.

Der Abacus ist geschweift, weil er in ganz vierekiger Form bei der starken Ausladung der Seitenrollen zu schwer würde ausgefallen seyn, auch die im Vierek unterhalb entstehenden horizontalen leeren Flächen sonst auf keine Weise sich vermitteln ließen.

Die Cornische erhält wegen der feinen Verhältnisse nur eine schwache weit vorspringende Platte; unter dieser befinden sich die sogenannten Sparrenköpfe, welche eben so wie die Zahnschnitte der jonischen und die Diehlenköpfe der dorischen Ordnung sich auf keine Weise aus der Holzconstruction erklären lassen.

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Die Sparrenköpfe mit der Platte, woran sie stehen, dienen nur zur Unterstüzung und Verstärkung der hängenden Platte, ganz in derselben Art, wie 17. bei den Diehlenköpfen erwähnt wurde.

Bei der großen Ausladung wurde aber noch eine dritte Platte zur Unterstüzung der beiden oberen nothwendig, welche zuweilen Zahnschnitte zeigt, wie am Tempel des Jupiter Stator in Rom und anderen, oder wohl gar nicht vorhanden war, wie bei dem Tempel des olimpischen Jupiters, oder glatt erscheint, wie am Pantheon in Rom.

Der corinthische Pilaster ist ein römischer Styl, wie der jonische, in seinem Capitäl dem der Säule ängstlich treu nachgebildet; bei den griechischen Monumenten ist er, wie bei der jonischen, nur analog. Die perspectivische Erscheinung der corinthischen Ordnung gibt das Bild von Pracht und Verfeinerung.

21. Ganz verschieden von den äußeren Anordnungen in perspectivischer Hinsicht sind die im Inneren der Gebäude. Der Vergleich mit den großen Naturgegenständen, als Himmel, Berge, Bäume, Feld fällt in so fern ganz weg, als man sie nur durch die Thür- und Fensteröffnungen erbliken kann, und sie also von den inneren Räumen abgeschlossen und begränzt sind. Die Sehewinkel sind vermöge der größeren Nähe der Standpunkte meist größer als außerhalb und vertragen deßhalb, um die einzelnen Gegenstände vortheilhaft übersehen zu können, nur verhältnißmäßig kleinere Dimensionen als im Aeußeren.

Hieraus folgt, daß alle Proportionen innerer architektonischer Gebilde schlanker und zarter seyn müssen als im Aeußeren.

Ferner wirkt die Art der Beleuchtung viel mit; hoch oben an den Seitenwänden, oder noch besser durch die Deke den Raum zu beleuchten, gibt das schönste Licht. Mag man es aber wählen wie man will, so ist der innere Raum vermöge der Einschließung durch Wände und Deke immer dunkler, als der Raum in der freien Luft.

Die Profilirungen müssen also hier weit schärfer und mehr unterschnittener gehalten werden als im Freien, denn man ist ja schon im Aeußeren genöthigt diejenigen Glieder, welche immer im Schlagschatten anderer liegen, viel schärfer zu modelliren, da sie außerdem nicht gut sichtbar werden. Die besten Muster geben hier ebenfalls die griechischen Ueberreste; bei den römischen aber ist keine Spur davon; sie formten die architektonischen Glieder, wie früher erwähnt, streng nach Kreisscheiben im Aeußeren und Inneren gleich, gaben den Säulen im Inneren eben solche Gebälke, Säulenstühle und machten überhaupt die innere Ordnung gleich der äußeren, welches zwar für den handwerksmäßig gebildeten Baumeister das bequemste ist, jedoch auf keine Weise ausreicht. Selbst die von den römisch gebildeten |114| Archäologen so verschrienen altdeutschen Baumeister waren wirkliche vollkommene Meister in der Kunst, auch im Inneren die architektonischen Theile so zu ordnen, daß sie immer einen günstigen perspectivischen Anblik gewähren.

Hieher gehört, daß innere architektonische Theile kleinere Ausladungen haben, als äußere, damit sie theils die darüberliegenden nicht verdeken, theils nicht zu schwer erscheinen. Die Beleuchtung, welche namentlich bei unseren Wohngebäuden für die Dekengesimse von Unten nach Oben wirkt, macht ganz eigen geschnittene Profilirungen nöthig, damit sich die Theile unter dieser Beleuchtung immer vortheilhaft gegen einander absezen; es ist nur bei dieser einfachen Voraussezung sehr leicht zu übersehen, wie unzulänglich es ist, eine allgemein gültige Regel für die Form aller Gesimse und ihrer Glieder festsezen zu wollen, denn das Gesims, welches sich im Freien von Oben beleuchtet sehr gut ausnimmt, wird im Inneren, von Unten nach Oben beleuchtet, sehr schlecht aussehen u.s.w.

Ein vollständiges System läßt sich aus der Ursache, daß jeder Fall anders ist, nicht liefern, und wir wollen uns begnügen in wenigen Beispielen die Richtigkeit obiger Behauptung zu zeigen.

Die altdeutschen Kirchengewölbe, welche vielfache Gewölbrippen baden, zeigen in diesen Rippen, bei den besseren Mustern, immer im Querdurchschnitt die sogenannte Herzform, als die welche für alle Sehewinkel in der Höhe am schlanksten, folglich am leichtesten erscheint. Wo die Gewölbrippen auf den Pfeilern aufstehen, macht ein kleines Capitäl den Abschnitt der Form und die Unterstüzung der Gewölbrippe geht nun gewöhnlich als 3/4 vorspringender Cylinder am Pfeiler hinunter.

Die vierekigen Kirchenpfeiler selbst sind selten oder nie mit der Mittellinie des Grundrisses der Kirche so gestellt, daß sie damit parallel stünden, sondern sie stehen so, daß ihre Diagonale normal auf erwähnter Mittellinie steht. Theils bilden sich dadurch die 4 Hauptansäze der Rippen des Kreuzgewölbes, ganz natürlich, aber besonders erscheint der Pfeiler durch seine scharfe Schattirung in dieser Stellung schlanker, als wenn er mit einer seiner Seiten parallel mit der Mittellinie des Grundrisses der Kirche stünde.

In den griechischen Tempeln waren die Säulen im Inneren stets kleiner als die äußeren, die Gliederungen feiner; die weit vorspringenden Hängeplatten, welche hier ohnedem ohne Zwek wären, und das darüber Liegende ohne Noth verdeken würden, fallen weg.

Wie höchst verständig für die Schönheit des Anbliks waren die Wohngebäude eingerichtet! Beweis dafür geben die Ueberreste Pompejis; mit einem Blik übersah man von der Hausthüre an zugleich |115| die größten Räume des Hauses einen hinter den anderen bis in den Garten hinein, an dessen Hinterwand wohlgeordnete Gemählde die Perspective noch scheinbar verlängerten.

Betrachten wir die römischen Palläste des Mittelalters: mit welcher tiefen Rüksicht auf perspectivische Anordnung sind die Hausfluhren, die Höfe, die Treppenhäuser, die kleinen da und dort anstoßenden Gärten angelegt; wie schön sind Unebenheiten des Terrains zu Terrassen, Grotten, Springbrunnen benuzt; wie zeichnen sich die Palläste Genua's in dieser Hinsicht der Terrainbenuzung aus, und durch welche einfache Mittel erreichten die alten Baumeister alle diese großartigen Wirkungen?

Durch möglichste Einfachheit der Grundrisse, durch Benuzung der jedesmaligen Oertlichkeit. Man grub eine mäßige Erhöhung des Terrains nicht fort, wie wir es thun würden, um ein Paar Fuß freien Raum mehr zu haben; alles war ihnen willkommen, alles zwekmäßig verwendet, woraus ihnen noch der Vortheil entsprang, daß durch die Eigenthümlichkeit der Localität auch eine Eigenthümlichkeit der Anlage jedes Mal erreicht wurde, welches bei der gewöhnlichen unverständigen Behandlung des Terrains niemals der Fall ist.

Welche angenehme perspectivische Wirkung macht es schon, wenn mehrere hinter einander liegende Räume durch geöffnete große Thüren mit einem Male dem Auge sichtbar werden, wie viel größer aber wird die Wirkung seyn, wenn statt der bis an die Deke reichenden Querwände diese nur bis etwa zur Mannshöhe hinauf gehen, über diesen sich schlanke Stüzen der Deke erheben, welche die Plafonds tragen; und noch reicher wird der Anblik, wenn man an die Stelle derselben Querwände Säulen sezt, diese auf die Hälfte der Höhe der Wand mit Teppichen schließt und so alle Räume zu einem einzigen großen vereinigt; zwekmäßig angebrachte Spiegel thun ebenfalls viel, eine schöne innere perspectivische Wirkung hervorzubringen, besonders wenn sie einander gegenüber stehen, so daß die dazwischen liegenden Gegenstände ins Unendliche wiederholt erscheinen.

22. Die Höhen innerer Räume im Verhältniß zur Länge und Breite tragen nicht wenig dazu bei; sie sind einfach folgende:

Ist der Grundriß quadratisch, so seze man die Höhe gleich einer Seite des Quadrats; es wird demnach ein Kubus entstehen, dessen Ansicht namentlich bei wachsenden Dimensionen immer imposanter sich gestaltet. Jeder länglich vierekige Raum erhält die schmale Seite zur Höhe; er wird also der Natur gemäß im Verhältnisse immer niedriger werden, je länger er ist.

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Jeder Raum, dessen Grundriß ein Kreis oder regelmäßiges Vielek ist, werde so hoch als sein Durchmesser lang ist, übersteige aber niemals die Höhe von 2 Durchmesser Länge, sonst hat man nirgends mehr einen Standpunkt ihn nur einiger Maßen zu übersehen.

Die Ellipse richtet sich nach dem Verhältnisse des Rechteks, und bekommt ihren kleineren Durchmesser zur Höhe.

Geringe Abweichungen werden dem Totaleffect hiebei keinen Eintrag thun, nur muß der Raum niemals niedriger werden als obige Angaben sind.

Bei Wohngebäuden lassen sich diese Voraussezungen allerdings nicht so streng anwenden; allein der Baumeister kann auch hierin viel thun, wenn er die zu nehmende Rüksicht auf perspectivische Anordnung nicht aus den Augen läßt. Vor allen Dingen aber dürfen dabei Hausfluhren und Treppenhäuser nicht noch kleiner und elender werden als sie schon sind, wenn auch nicht die dringendsten Rüksichten wegen Feuersgefahr diese Theile besser, fester und größer anzulegen veranlassen müssen.

23. Am meisten werden perspectivische Anordnungen im Inneren der Gebäude bei Treppenhäusern, Sälen und Schauspielhäusern in Anspruch genommen. Die beste Wirkung machen große Treppen, wenn sie nur aus dem nächst unteren Stokwerk in das nächst obere führen, und das Auge das obere Stokwerk seiner ganzen Höhe nach mit übersieht; auch dürfen die nach einer Richtung aufsteigenden normal mit ihren Wangen gegen den Beschauer stehenden Arme nicht durch Ruhepläze unterbrochen werden; denn der breite Ruheplaz verdekt perspectivisch mehr oder weniger von den darüber folgenden Stufen, und macht so eine unangenehme gebrochene Linie; die Ruhepläze befinden sich am schönsten in den Eken der Treppe, wo die Arme andere Richtungen annehmen. Aus obigem Grunde macht eine runde Treppe, welche durch viele Stokwerke geht, nie die natürliche und schöne Wirkung, welche eine vierekige unter denselben Umständen macht. Die krumme Linie und namentlich die Schraubenlinie zeigt sich nur vorteilhaft, wenn sie stätig bleibt, was bei Anordnung von Ruhepläzen nicht angeht; eine fortwährend steigende Treppe aber würde bald ermüden, und ist nicht statthaft; deßhalb bleiben die Treppen im Vierek immer die schönsten und bequemsten. Treppen im Achtek geben gute Anordnung, wenn die Ruhepläze dreiekig werden, und an 4 Seiten des Achteks Stufen angebracht sind.

Pfeiler und Gewölbe durch alle Stokwerke gehend und die Treppenarme unterstüzend machen nur da gute Wirkung, wenn der Zwischenraum |117| der Treppenarme groß ist. Näher an einander angebracht, Haufen und deken sich die Gegenstände so, daß es unangenehm wird.

Bei allen inneren Räumen wird die Wirkung ungemein gesteigert, wenn die Wände anderer Gemächer, welche an einen großen Raum stoßen, durchbrochen, und durch Arcaden, Pfeiler, Säulen gebildet werden. Ein schönes Beispiel ist der Concertsaal im Berliner Schauspielhause, voll tief durchdachter perspectivischer Wirkung.

24. Die Anordnung architektonischer Gliederungen entspringt hauptsächlich aus der Construction, welches hier zu erörtern zu weit führen würde; in perspectivischer Hinsicht ist zu bemerken, daß Gliederungen am Aeußeren der Gebäude im Verhältnisse größere Dimensionen, großartigere Anordnung und der scharfen Sonnenbeleuchtung wegen weniger geschwungene Profilirungen haben, als im Inneren, wo von allem das Gegentheil eintritt.

Außerdem ist es Haupterforderniß, daß kein Glied unter den gewöhnlichen Standpunkten gesehen ein anderes zur Ungebühr verdeke, sondern jedes einzelne seiner vollständigen Form nach von dem Auge bemerkt werden kann. Wollte man z.B. die Glieder eines Hauptgesimses so construiren, daß die untersten am meisten vorstünden, so würde man die oberen gar nicht sehen. Es scheint überflüssig dergleichen zu erwähnen, und doch gibt es Fälle genug, wo so verfahren wird, namentlich bei Mobiliar aller Art; wie oft sieht man Tische, Komoden etc., wo unter der oberen hervorstehenden Platte feine Gliederungen angebracht sind, die kein Mensch sieht, weil sie bei dem gewöhnlichen Standpunkte durch den oberen Theil verdekt werden.

In der geometrischen Zeichnung fällt dieß nicht auf, und wollte man dabei die erwähnten Glieder weglassen, so würde es schlecht aussehen; eben so kann man sich bei weniger hervorstechenden Gelegenheilen täuschen, wenn man ohne Rüksicht auf Perspektive verfährt.

Die Farbe gibt ein vortreffliches Mittel an die Hand, Verzierungen, welche sich an architektonischen Gliedern befinden, mit Leichtigkeit vortreten zu lassen, ohne daß die Verzierung sehr hervortretend gearbeitet zu seyn braucht; deßhalb finden wir auch die Verzierungen griechischer Gliederungen im Ganzen flach gearbeitet, da man Farbe benuzte; die der römischen Gliederungen aber ungleichhervorstehender, da hier die Verschiedenheit der Farbe nur in der Verschiedenheit des Materiales der einzelnen Architekturtheile bestand. Die Profilirung römischer und diesen nachgebildeten Gliederungen erfüllen die perspectivischen Rüksichten durch ihre nach vollständigen Zirkelstüken gebildete Form am wenigsten. Man denke nur am römisch-dorischen Capitäl an den Echinus (im Viertelkreise profil), gegen |118| den Echinus am griechischen Capitäl; abgesehen von der Constructionstüchtigkeit der lezteren Linie bleibt sie dem Auge vielmehr unverkürzt, folglich kräftiger sichtbar. Die vielen Riemchen in den römischen Profilirungen, welche stets je zwei gebogene Glieder trennen, geben ihnen ebenfalls ein flaches uninteressantes Ansehen.

Da sich ohne Zeichnungen hierüber nichts Genaueres anführen läßt, möge es genügen darauf aufmerksam gemacht zu haben, wie wenig geometrische Zeichnungen allein genügen, um die Wirkung, welche ein Bauwerk in der Natur hervorbringen soll, zu bestimmen.

Aus dem Wenigen, was hier von der Berüksichtigung der perspectivischen Wirkungen hinsichtlich der Bauwerke angeführt werden konnte, ist zu ersehen, wie unerläßlich das Studium der Perspective für den Baumeister ist; ferner wie die perspectivischen Wirkungen es wohl verdienten einen eigenen Theil der Baulehre (in ästhetischer Hinsicht) auszumachen, und wie selbst in Baugewerksschulen die Lehrer ihre Zöglinge wenigstens auf den großen Einfluß aufmerksam machen sollten, den die Perspective auf Alles äußert, was erbaut dem Auge sichtbar wird. Mit diesem frommen Wunsche nimmt der Verfasser Abschied vom Leser.

Greifswald, im August 1835.

C. A. Menzel.

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