Titel: Untersuchung der Baumwoll-, Wollen-, Flachs- und Seidenfasern.
Autor: Ure, Andrew
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. XIX. (S. 157–170)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/ar058019

XIX. Untersuchung der Baumwoll-, Wollen-, Flachs- und Seidenfasern. Von Hrn. Dr. Ure.

Im Auszuge aus Dr. Ure's Philosophy of Manufactures.36)

Mit Abbildungen auf Tab. II.

Die Fasern der Baumwolle, der Wolle, der Seide, des Flachses und des Hanfes weichen wesentlich in ihrem Baue von einander ab; die drei ersteren bestehen aus bestimmten und ganzen Fäden, welche sich ohne Zerstörung oder Zersezung nicht theilen lassen; die beiden lezteren hingegen sind aus Fadenbündeln, welche in paralleler Richtung mit einander verbunden sind, und welche sich wieder in dünnere Fäden |158| theilen lassen, zusammengesezt. Diese Faserbündel werden durch parenchymatöse Ringe zusammengehalten, und von diesen Ringen werden sie beim Hecheln, Spinnen und Bleichen befreit; schwache alkalische Laugen lösen diese Ringe auf, ohne auf die Linienfasern selbst zu wirken.

Die Baumwollfasern sind, so lange die Baumwollpflanze noch frisch und im Wachsthume begriffen ist, cylindrische Röhren, die jedoch beim Reifen und Troknen der Baumwolle mehr oder weniger flach gedrükt werden. Diese Röhren sind an beiden Enden verschlossen, und ihr Durchmesser nach der flach gedrükten Seite genommen, beträgt je nach der Qualität der Baumwolle 1/500 bis 1/3000 Zoll.

Ich besuchte im Oktober 1833 Paris hauptsächlich in der Absicht, mir Aufschlüsse über die botanischen Beziehungen der verschiedenen im Handel vorkommenden Baumwollsorten zu verschaffen, und um zu erfahren, welche Fortschritte die Anwendung des Mikroskopes auf die organische Chemie gemacht habe. Ich war so glüklich, daselbst ein achromatisches Mikroskop von außerordentlicher Kraft und Klarheit, welches ein in Paris wohnender deutscher Optiker, Hr. Georg Oberhäuser, verfertigt hatte, zu erwerben, und benuzte es alsogleich zur Untersuchung der Baumwoll- und Flachsfasern. Im December oder im Januar des nächstfolgenden Jahres theilte ich die Resultate meiner Beobachtungen einigen meiner Freunde in der Royal Society mit. Da mich Hr. Pettigrew bei dieser Gelegenheit aufforderte, auch den Zeug, in welchen die Mumien eingewikelt sind, zu untersuchen, so unterzog ich mich diesem Ansinnen, und theilte Hrn. Pettigrew folgende Aufschlüsse mit, die im März 1834 in einer Note zu dessen interessanten Geschichte der ägyptischen Mumien gedrukt erschienen.

„Die Flachsfasern haben, wenn man sie bei Tageslicht unter einem guten Mikroskope beobachtet, ein glänzendes Aussehen und eine cylindrische Gestalt; nur selten sind sie flach gedrükt. Ihr Durchmesser beträgt gegen 1/2000 Zoll; sie brechen nach der Quere mit einer glatten Oberfläche, wie sie eine mit einer Feile durchschnittene Glasröhre darbietet. Eine beleuchtete Linie bezeichnet ihre Achse; an der einen Seite bemerkt man eine dunkle Schattirung, die, je nachdem das Licht auf die Fasern fällt, wohl auch an beiden Seiten ersichtlich wird. Die Baumwollfäden hingegen bilden nie wahre Cylinder, sondern sie sind immer mehr oder weniger flach gedrükt oder gewunden, so daß sie unter dem Mikroskope betrachtet, bald wie ein Band von 1/1000, bis 1/1200 Zoll Breite, bald aber wie eine schmale Linie erschienen. In der Mitte sind die Baumwollfäden perlartig durchscheinend, während sie an beiden Rändern einen dunklen schmalen |159| Saum zeigen; ihr Querbruch ist faserig oder hakig. Der nach diesen Criterien untersuchte Mumienzeug scheint sowohl in der Kette, als im Eintrage aus Flachs- und nicht aus Baumwollfasern zu bestehen. Ich untersuchte eine bedeutende Menge verschiedener von Mumien abgewikelten Bänder mit einem vortrefflichen achromatischen Mikroskope, und fand in keinem derselben Baumwollenfasern enthalten.“

Als ich einige Monate später meinem Freunde James Thomson Esq. das Aussehen der Baumwollenfasern unter dem Mikroskope zeigte, sagte er mir, daß er den Mumienzeug, mit dessen Untersuchung ich mich in lezter Zeit abgab, vor einigen Jahren gleichfalls zum Gegenstande seiner Forschungen gemacht hatte. Er hat seither eine sehr interessante Abhandlung über diesen Gegenstand bekannt gemacht, und derselben mehrere Abbildungen beigegeben, welche der berühmte Francis Bauer nach dem Mikroskope gezeichnet hatte.37) Nach diesen Abbildungen hätten die Flachsfasern in regelmäßigen Entfernungen von einander, und zwar unter rechten Winkeln mit ihrer Längenachse etwas eingezogene Gelenke, während die Baumwollfasern aus zwei durch eine dünne Haut verbundenen und spiralförmig um einander gewundenen Strängen bestünden. Es scheint mir jedoch, daß die HH. Bauer und Thomson die Baumwolle untersuchten, nachdem sie sie mit canadischem Balsam oder mit irgend einem anderen Firnisse getränkt hatten, wodurch deren Fasern ein eigenthümliches Aussehen bekamen, welches sie nicht besizen, wenn sie durch andere Medien, die eine minder kräftige Strahlenbrechung haben, betrachtet werden.

Die Gestalt der Flachsfasern ist, wenn man sie in meinem Mikroskope, welches eine 300malige Vergrößerung besizt, betrachtet, äußerst deutlich, und dessen ungeachtet bemerkte ich nie jene unter rechten Winkeln gestellten, rohrartigen Gelenke oder Gliederungen; ich beobachtete nur manchmal verschiedene Querlinien, welche unter verschiedenen Winkeln gegen die Längenachse verliefen, und durchaus keine bestimmten Entfernungen von einander einhielten. Nicht selten bemerkte ich auch gar keine derlei Querlinien, selbst wenn die Fasern in Balsam getränkt worden waren. – Betrachtet man Baumwollfasern |160| im Balsam, so erscheinen sie unter dem Mikroskope ganz anders, als sie sich zeigen, wenn man sie für sich allein oder in etwas Wasser eingeweicht der Beobachtung unterwirft. All das schöne Adergeflecht auf der bandförmigen Oberfläche verschwindet unter diesen Umständen, und deßhalb sieht man auch an den Zeichnungen des Hrn. Bauer nichts davon; die dünnen runzeligen Ränder der Bänder werden zu cylindrischen Strängen erweitert; und die schönen Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen im Handel vorkommenden Baumwollsorten, wie der Sea-Island, Upland, New-Orleans, Surat-Baumwolle etc., die das Schäzenswertheste dieser Untersuchungen bilden, gehen hiedurch entweder gänzlich verloren, oder werden wenigstens verwischt. So sieht die Baumwolle von Sea-Island in trokenem Zustande untersucht, wie aus den beigefügten Zeichnungen ersichtlich, ganz anders aus, als jene von Smyrna; während sich beide Sorten, wenn man sie im Balsam betrachtet, kaum von einander unterscheiden lassen. Wenn man den Einfluß, den die Refractionskraft der verschiedenen Medien, in welche man die zu untersuchenden Gegenstände bringt, nicht sehr berüksichtigt, so wird das Mikroskop zur Quelle zahlreicher Täuschungen und falscher Urtheile, wie Raspail in seiner Chimie organique deutlich auseinandergesezt hat. Ich habe gefunden, daß flüssiges Eiweiß für viele Gegenstände ein sehr gutes Medium ist, indem es deren Umrisse genau und ohne Verdrehung zeigt38).

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Einige neuere Naturforscher brüsten sich mit der außerordentlichen Sehkraft, die ihnen ein einfaches Linsenmikroskop verleiht; allein sie |162| werden wohl kaum behaupten wollen, daß sie mit dieser Hülfe die feinen Querlinien in den Flachs- oder Wollenfasern entdeken können. Wenn ein solches Instrument, selbst bei einer nicht seltenen Gewandtheit zu beobachten, einen Leuwenhoek verleiten konnte, die Baumwollfasern als dreikantig und mit feinen scharfen Kanten versehen zu beschreiben (so zwar, daß man dieser Gestalt die nachtheilige und reizende Wirkung der auf wunde Stellen gelegten Baumwolle zuschrieb), um wie viel mehr Irrthümer wird dasselbe in den gewöhnlichen Händen erzeugen? Wenn ich bedenke, daß selbst ein in mikroskopischen Untersuchungen so gewandter Mann, wie Hr. Bauer, sowohl die Flachs- als die Baumwollfaser unter Formen darstellte, die ich als irrig betrachten muß, so muß ich gestehen, daß mein Glauben an die Richtigkeit der mikroskopischen Beobachtungen bedeutend erschüttert worden ist. Ich nehme um so weniger Anstand diese Bemerkung zu machen, als die Beobachtungen, die ich mit meinem Mikroskope anstellte, bei der Vergleichung mit jenen Beobachtungen, welche mit einem vortrefflichen achromatischen Mikroskope Tully's und mit einem sehr feinen Instrumente Powell's gemacht wurden, vollkommen mit diesen lezteren correspondirten. Ich zweifle weder an der Vortrefflichkeit des Instrumentes Plößl's, dessen sich Bauer bediente, dem übrigens das Powell'sche auch nicht nachstehen dürfte; noch seze ich in die Gewandtheit des Hrn. Bauer irgend einen Zweifel; allein ich glaube, wie gesagt, daß das Medium, in welches er die Gegenstände zum Behufe der Untersuchung brachte, in Folge der ihm eigenen Strahlenbrechung die Gestalt derselben wesentlich veränderte.

Wolle und Seide können am besten in canadischem Balsam, der mit etwas Terpenthinöhl verdünnt worden, beobachtet werden; indem sich das Wasser nicht gut mit deren Fasern und deren Strahlenbrechung vereint. Die solcher Maßen in einem kräftigen achromatischen Mikroskope betrachteten Wollenfasern sehen beinahe wie Schlangen aus, deren Schuppen etwas weniges von der Oberfläche abstehen, so daß die Seiten im Profile wie eine feine Säge aussehen, deren Zähne in der Richtung von den Wurzeln zu den Spizen hin abgedacht sind. Jede Faser scheint demnach aus gesägten Ringen zu bestehen, die wie die Gefüge der Schachtelhalme dachziegelförmig über einander liegen. Die Zähne sind an verschiedenen Wollen in Hinsicht |163| auf Form und Hervorragung verschieden, so wie auch die ringförmigen Räume zwischen denselben verschieden sind; leztere haben gewöhnlich 1/2000, bis zu 1/3000 Zoll im Durchmesser, während der Durchmesser der Wollenfasern selbst von 1/1000 bis zu 1/1400 wechselt. Die Querlinien haben einige Aehnlichkeit mit den Ringen der Regenwürmer; sind jedoch nicht so regelmäßig wie leztere. Würde man mehrere Trichter mit unebenen Rändern in einander steten, so würde man einen Cylinder erhalten, der in seinem Umrisse einer Merinoswollenfaser, an der man diesen Bau am deutlichsten ersieht, nicht unähnlich wäre. An der feinsten sachsischen Wolle ist das gegliederte Aussehen und folglich auch das sägeförmige Profil der Ränder gleichfalls zu sehen, und eben so bemerkt man es an der besten langen Kammwolle von Hrn. d'Arthur aus Neuholland. An der langen Wolle aus dem Leicestershire hingegen sind die Sägezahne sehr klein, und die Querlinien ganz undeutlich.

Betrachtet man die Wollenfasern in ihrem trokenen Zustande unter einem guten Mikroskope, so zeigen sie wohl warzige Erhabenheiten; der gegliederte Bau hingegen ist wegen der Strahlenbrechung nicht zu sehen; dagegen werden unter einer dünnen Schichte Terpenthin. Firniß oder Oehl die Sägezahne sichtbar, während die warzenförmigen Erhabenheiten dafür verschwinden. Zu diesen Beobachtungen eignet sich übrigens selbst nicht ein Mal ein gutes zusammengeseztes Mikroskop von dem gewöhnlichen Baue; sondern es ist, wenn sie genügend ausfallen sollen, ein achromatisches Instrument mit einer linearen Vergrößerungskraft von 300 dazu erforderlich. Die Eigenschaft der Wolle sich zu filzen, hängt von dem sägeförmigen Baue derselben ab, obschon sie nicht mit der größeren Entwikelung oder Ausbildung dieses Baues im Verhältnisse steht. Die Sägezähne der Fasern greifen nämlich gleich den Sperrkegeln an den Sperrrädern in einander, so daß, wenn die Wolle in Masse zusammengedrükt und wieder nachgelassen wird, unter den Fasern eine verworrene Bewegung entsteht, in Folge deren sie so lange vorwärts getrieben werden, bis sie ein dichtes Gewebe, welches man Filz zu nennen pflegt, bilden. An einigen Wollen sind die Zähne schief gestellt, so daß sie wie die Schuppen der Tannenzapfen aussehen.

Die Seidenfaden sind doppelte oder Zwillingsröhren, welche der Seidenwurm beim Spinnen parallel legt, und durch den Firniß, womit deren ganze Oberfläche überzogen ist, mehr oder minder gleichförmig an einander kittet. Jede Faser dieser Fäden hat 1/1800, bis zu 1/2500 Zoll im Durchmesser; im Durchschnitte beträgt die Breite eines jeden Röhrenpaares gegen 1/1000, Zoll, obschon sie an verschiedenen Seidensorten verschieden ist. Die Seide von Fossombrone, wovon |164| das Pfund 22 bis 24 Schill, gilt, besteht aus 4 Seidenfäden oder aus acht Doppelfasern, von denen jeder beiläufig 1/2000 Zoll mißt, so daß auf den ganzen Strang beiläufig 1/500 Zoll kommt. An der weißen italienischen Seide von Bergamo haben die lezten Fasern eine Dike von 1/2500 Zoll. Die verschiedenen Rohseiden scheinen unter dem Mikroskope in Hinsicht auf Dichtheit und Parallelismus der Zwillingsfasern wesentlich von einander abzuweichen, was theils von der Beschaffenheit der Cocons, theils von der Geschiklichkeit beim Abhaspeln abhängt. Die ostindische Comerollyseide hat eine lose Textur, und besteht aus 16 Urfasern, von denen jede beiläufig 1/2000 Zoll mißt, während der ganze Strang an ihrem dichtesten Theile einen Durchmesser von 1/333 Zoll hat. Die türkische oder Brutiaseide sieht flachsartig aus, und besteht aus 10 Urfasern, die zusammen einen Strang von 1/333 Zoll bilden.

Ich habe verschiedene Methoden mikroskopische Gegenstände zu messen erprobt, und gebe, wenn es sich um große Genauigkeit handelt, dem Troughton'schen Visier mit parallelen Drähten, welche durch eine mit einem graduirten Kopfe versehene Schraube in Bewegung gesezt werden, den Vorzug. Mir Hülfe dieser Vorrichtung kann ein gewandter Beobachter an meinem achromatischen Mikroskope leicht den hunderttausendsten Theil eines Zolles messen. Für eine minder genaue Messung genügt der Glasstreifen Tully's, welcher mit einem Diamante in parallele Linien, die 1/1000 Zoll weit von einander entfernt sind, getheilt ist; man erhält nämlich, wenn man ein etwas geübtes Auge besizt, mit dieser Vorrichtung Messungen, welche bis auf 1/5000 Zoll genau sind. Ich stimme vollkommen dem großen Naturforscher Robert Brown bei, wenn er sagt, daß die Mikrometermessungen, die von dem Bilde genommen werden, welches man auf einer Fläche in der Gesichtslinie über oder unter dem Mikroskope in Projection sieht, wegen der Wirkung der Parallaxe großen Irrthümern ausgesezt sind. Ich befolgte diese Methode öfter, bevor ich auf die Anwendung der beiden oben angegebenen graduirten Instrumente kam; die großen Abweichungen jedoch, die ich bei der Wiederholung meiner Versuche an einen und denselben Gegenständen erfuhr, veranlaßten mich ihr zu entsagen. Viele der Messungen, welche Raspail von den verschiedenen Sazmehlsorten gegeben, sind aus gleichen Gründen falsch.

Die chemische Zusammensezung der verschiedenen Faserstoffe war schon im Jahr 1822 der Gegenstand meiner Forschungen; ich trug auch deren Resultate im Junius desselben Jahres vor der Royal Society vor, welche diese Abhandlung in ihre Denkschriften aufnahm. Die Bestandtheile ergaben sich hienach folgender Maßen.

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Textabbildung Bd. 58, S. 165

Der Flachs besizt beinahe dieselben chemischen Bestandtheile wie der Zuker, und kann daher auch leicht durch Abreiben mit Schwefelsäure und Sättigung der Säure mit Kalk in Zuker verwandelt werden. Die Seide und die Wolle zeichnen sich wie die übrigen organischen Substanzen durch ihren Gehalt an Stikstoff aus. Die Baumwolle gibt beim Einäschern in 100 Theilen einen Theil unverbrennliche Asche, welche aus 0,6 auflöslicher Salze (hauptsächlich kohlensaurem Kali mit etwas schwefelsaurem und salzsaurem Kali) und 0,4 einer unauflöslichen Substanz besteht, in welcher phosphorsaurer und kohlensaurer Kalk mit phosphorsaurer Bittererde und rothem Eisenoxyde enthalten ist. Das Eisenoxyd ist ein ursprünglicher Bestandtheil, denn die Einäscherung geschah in einem Tiegel aus reinem Silber, während die Analyse in Gefäßen aus Platin und Glas vorgenommen wurde.

Die genaue Bestimmung des specifischen Gewichts der verschiedenen Faserstoffe ist schwieriger, als man anfangs glauben möchte; auch wurde sie wahrscheinlich aus diesem Grunde bisher unterlassen. Da ich mir jedoch einige Mühe hiemit gab, und da ich eine einfache Methode, welche dennoch genaue Resultate gibt, ausfindig gemacht zu haben glaube, so will ich in einige Details hierüber eingehen. Ich nehme eine Phiole mit dünner zulaufendem Halse, welche beinahe 2000 Gran destillirten Wassers zu fassen vermag; wäge sie, nachdem sie gefüllt worden, ab; bezeichne an dem Halse die Höhe, bis zu welcher das Wasser reichte, und gieße dann genau 200 Gran des Wassers aus. Dann wäge ich 300 Gran des Faserstoffes ab; lege sie in eine reine Mulde, und trage sie hierauf langsam und in kleinen Quantitäten auf ein Mal in die Phiole ein, indem ich jeden Theil so mit einem Drahte niederdrüke, daß er durch und durch befeuchtet ist, und daß alle daran hängen gebliebene Luft entfernt wird. Wenn nun so viel von dem Faserstoffe zugesezt worden, daß die Wasserlinie ihren früheren Stand an dem Halse erreicht hat, so wurde offenbar soviel davon eingetragen, als nöthig ist, um die 200 Gran Wasser zu ersezen. Das Mehr- oder Uebergewicht, welches die Phiole hiedurch erhält, getheilt durch zwei, wird dann der Quotient seyn, der die specifische Schwere des untersuchten Faserstoffes im Vergleiche mit jener des Wassers, und leztere zu 100 gerechnet, andeutet. Wegen der schwammigen Beschaffenheit der Baumwolle, Wolle, Seide und |166| des Flachses saugen diese Substanzen viel Wasser ein, und dieses Wasser wird von den in der Phiole belassenen 1800 Gran Wasser geliefert. Macht man rohe Baumwoll-, Wollen-, Flachs- oder Seidenfasern zum Gegenstande dieses Versuches, so halten sie so viele kleine Luftbläschen an sich, daß nothwendig irrige Resultate zum Vorscheine kommen müssen. Ich konnte aus diesem Grunde, nachdem ich mich mehrere Stunden lang mit Ausfüllung des leeren Raumes der Phiole mit Wollenfasern beschäftigt, und diese zum Behufe des Austreibens der Luft lange unter dem Wasser abgeknetet hatte, unmöglich 200 Gran Wolle eintragen, so daß hienach zu schließen 206 Gran Wolle einen größeren Raum einnehmen, als 260 Gran Wasser. Nimmt man hingegen Flanellschnizel, die sich, wenn sie durch Waschen entfettet werden, leicht befeuchten lassen, so wird man finden, daß in den Raum, den früher die 200 Gran Wasser einnahmen, 252 Gran Wolle gebracht werden können, so daß sich das eigentliche specifische Gewicht der Wolle, jenes des Wassers als Einheit angenommen, zu 1,260 berechnet. Auf gleiche Weise ergab sich mir für die Baumwolle ein specifisches Gewicht von 1,47 bis zu 1,50; für den Flachs von 1,50; für die Seide von 1,30 und für den Mumienzeug von 1,50.

Ich habe oben gesagt, daß bei dem Beginne eines jeden Versuches eine bestimmte Quantität der zu untersuchenden Substanz, nämlich 300 Gran abgewogen wurden. Diese Vorsicht ward zum Behufe der Verificirung des Resultates genommen; denn dieses Gewicht, weniger dem Gewichte der übrig gebliebenen Masse, mußte genau der Gewichtszunahme der Phiole gleichkommen. War dieß nicht der Fall, so wurde der Versuch als mangelhaft betrachtet und deßhalb wiederholt. Da ein Ballen Leinenzeug weit schwerer wiegt, als ein Ballen Baumwollzeug von gleicher Größe, so möchte man hieraus den Schluß ziehen, daß der Flachs eine dichtere Substanz sey, als die Baumwolle; allein man darf hiebei nicht vergessen, daß die Baumwolle einen höheren Grad von Elasticität besizt, und folglich bei gleichem Druke weniger compact wird. Nur durch Abwägen beider Substanzen, nachdem dieselben unter eine Flüssigkeit getaucht worden, erfährt man deren wahre Dichtheit; und da sich hiebei zwischen dem specifischen Gewichte der Baumwolle und jenem des Flachses nur ein sehr geringer Unterschied ergab, so möchte ich um so mehr schließen, daß diese beiden Substanzen in Hinsicht auf Dichtheit einander gleichkommen, als es an der Baumwolle weit schwerer ist als Luft auszutreiben, als an dem Flachse. Die vegetabilischen Faserstoffe hätten demnach eben so gleiche Dichtheit oder gleiches specifisches Gewicht, wie die animalischen, und würde man Holz zum Gegenstande |167| der Untersuchung machen, so zweifle ich nicht, daß dessen specifisches Gewicht oder dessen Dichtheit mit jener des Flachses zusammenfallen würde. Uebrigens ist nicht zu vergessen, daß die Porosität des Holzes ein falsches Unheil über die Dichtheit seiner Substanz bedingt.

Die Wolle erscheint unter dem Mikroskope in der Luft betrachtet mit rauher Oderfläche, und von einem Durchmesser von 1/1000 bis zu 1/1600 Zoll; selbst unter der besten spanischen, sachsischen und australischen Wolle sind nur wenige Fasern zu finden, die einen größeren Grad von Feinheit besizen. Die wohlfeilen englischen Wollen sind nicht nur wegen der Textur ihrer Faser selbst, sondern auch wegen der vielen warzigen Erhabenheiten, die längs derselben hervorragen, rauh. Die feinste australische Wolle von Hrn. M'Arthur's Heerde, wovon das Pfund 4 Schill. gilt, hat eine glasartige Durchsichtigkeit; auch bemerkt man an ihr, gleichwie an den besten sächsischen und spanischen Wollen keine Warzen, selbst wenn man sie ohne Firniß betrachtet. Ihre Cylinder sind sowohl in Hinsicht auf Größe, als in Hinsicht auf Gestalt gleichförmiger, als jene der beiden anderen zulezt erwähnten Wollen. Der Durchmesser der australischen Wollenfaser beträgt im Durchschnitte 1/1200 Zoll, und nur in einzelnen Fasern 1/1500 Zoll; dagegen findet man in sächsischer Wolle, wovon das Pfund 5 Schill. gilt, mehr Fasern von 1/1600, zugleich aber auch welche von 1/1000 Zoll. Die spanische Wolle von 3 Schill. 6 D. per Pfund hat im Durchschnitte glichen Durchmesser mit der australischen; allein sie ist nicht so gleichförmig, indem der Durchmesser von 1/900 bis zu 1/150° wechselt; auch erscheinen einige Fasern derselben unter dem Mikroskope als warzig.

Die kleineren Flachsfasern lassen sich leicht von einander trennen, wenn sie mit heißem Wasser und einer schwachen alkalischen Lauge ausgewaschen worden, oder wenn man einen Faden eines gebleichten Leinenzeuges mit einer Nadelspize zertheilt. Diese feinen Fasern haben im Durchschnitte 1/2500 Zoll im Durchmesser; an einigen beträgt der Durchmesser selbst nicht über 1/3000 Zoll. Verschiedene Sorten Flachs lassen sich mit verschiedener Leichtigkeit in diese zarten Fasern zertheilen, und hienach richtet sich der verschiedene Werth, den ihnen der Spinner beilegt. Die feinen Fasern haben einen Glasglanz beinahe wie er den gläsernen Haarröhrchen eigen ist; sie erscheinen unter dem Mikroskope und in der Luft glatt, gleichmäßig und ohne Glieder, wie man, sie in Fig. 13 sieht.

Die relative Zähheit oder Stärke der verschiedenen Faserstoffe wurde dadurch ermittelt, daß man verschiedene Gewichte an Schnüren von gleicher Dike aufhängte. Es ergab sich hiebei für den Flachs |168| 1000, für den Hanf 1390, für den neuseeländischen Flachs 1996 und für die Seide 2894. Die Stärke der Baumwolle und Wolle ist noch nicht gehörig ermittelt; steht aber weit unter jener der oben erwähnten Faserstoffe. Der neuseeländische Flachs, der so starke Taue gibt, läßt sich durch einen winkeligen Druk leicht brechen, und gibt daher keinen so dauerhaften Canevaß.

Ich füge nun nur noch Einiges über die verschiedenen Methoden die Fasern, Garne und Fäden zu zahlen und zu nummeriren, deren man sich in den Fabriken bedient, bei. Die Untersuchung eines Fadens beschränkt sich nicht bloß auf dessen Form oder Textur, sondern sie begreift auch dessen Farbe, Weiche, Härte und Stärke. Das Maaß seiner Stärke ist ein Gewicht, welches denselben zum Bruche bringt, sobald man es an dem einen Ende des Fadens aufhängt; wobei zu bemerken kommt, daß, wenn der Faden cylindrisch oder beinahe cylindrisch ist, dieses Gewicht immer gleich bleibt, welches auch die Länge des Fadens seyn mag. Eine gute Methode diese Messung anzustellen ist folgende: man bindet das eine Ende des zu untersuchenden Fadens an das lezte Glied einer auf einen Tisch gelegten Kette, und zieht dann das andere Ende des Fadens so lang empor, bis so viele Glieder der Kette aufgehoben werden, als nöthig sind, um den Bruch des Fadens zu bewirken. Das Gewicht oder die Zahl der auf diese Weise emporgehobenen Kettenglieder wird die Stärke des Fadens andeuten. Eine sinnreiche Vorrichtung, welche die Gewichte registrirt, bei denen die verschiedenen Theile eines Fadens brachen, ward von Hrn. Henry Houldsworth Esq. in Manchester erfunden; er ist mit deren Hülfe im Stande leicht und schnell die Stärke seiner feinen Baumwollengarne zu verificiren.

Bei den Baumwollgarnen ist die Art der Nummerirung sehr einfach, indem sie sich darnach richtet, wie viele Strähne von je 840 Yards Länge ein Pfund geben; so bezeichnet Nr. 40 ein Garn, wovon 40 Strähne auf ein Pfund gehen. In Frankreich geschieht die Nummerirung des Baumwollgarnes in Folge einer Ordonnanz vom Jahr 1819 nach der Zahl der Kilometer, welche in einem halben Kilogramm Garn enthalten sind. Es ist so ziemlich gleichgültig, ob die Nummerirung des Garns nach der in einem Pfunde oder in einem halben Kilogramm enthaltenen Fadenlänge bestimmt wird, indem beide Gewichte einander beinahe gleichkommen; allein die Franzosen nahmen als Einheit eine zur Bestimmung von unbedeutenden Unterschieden in der Feinheit ungeeignete Fadenlänge an. Ihre Einheit beträgt nämlich gegen 1300 Yards, während die unserige nur 840 Yards mißt.

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Bei dem Wollengarne befolgen die Franzosen eine andere Nummerirung, die dem englischen Systeme entspricht. In Sedan bezeichnet nämlich die Nummer des Wollengarnes die Zahl der Strähne, welche in einem Pfund enthalten ist. Der Strähn enthält 22 Macques und die Macque besteht aus 22 Haspelumdrehungen, während der Haspel selbst 1,543 Meter mißt; der Strähn hätte demnach 1493,6 Meter. Die gewöhnlichen Nummern sind 4, 5 1/2, 6 1/2 und 8, und von diesen bezeichnet z.B. die Nr. 8, daß 8 Strähne dieser Nummer auf ein Pfund (livre de marc) gehen. Das langwollige Garn wird nach demselben Principe nummerirt; nur ist der Strähn um etwas mehr als die Hälfte kürzer, indem er nur 731 Meter lang ist.

Das Flachsgarn wird in Frankreich nach dem Viertel (quarter) gerechnet, welches 12 1/2 Bündel (portées) enthält; da nun jedes Bündel aus 16 Faden zu je 16 Ellen Länge besteht, so folgt hieraus, daß das Viertel 3800 Meter mißt. Das Gewicht des Viertels bestimmt die Feinheit des Garnes. In England rechnet man auch hier nach der Zahl der Strähne, die auf ein Pfund gehen; die Länge des Strähnes beträgt 640 Yards.

In Hinsicht auf das Seidengarn hat man in Lyon Deniers oder Grane des Pfundes von Montpellier als Maaßstab zum Grunde gelegt. Dieses Pfund enthält 414,65 Gramme oder 6417,6 Gran englisch. Die Einheit der Länge beträgt 400 Ellen oder 475 Meter oder 520 Yards englisch; und das Garn, welches zur Probe in einen Strähn von dieser Länge gewunden wird, bezeichnet durch das Gewicht, welches es an Granen aufwiegt, den Titel der Seide. Die in Lyon am meisten gebräuchlichen Nummern sind:

Gewöhnliches Organsingarn von 25 bis 30 Deniers
Feines ditto 18
Feinste Seide für Tull 10
Matteau oder Strähn weiße Tram- oder Eintragseide
von 2fädiger Roh- oder Grègeseide
24 – 26

Die Grègeseide besteht aus vier Coconsfaden. Der Gran oder Denier von Montpellier wiegt nach Molard 45 Milligramme und das Pfund enthält 9216 Grane; folglich verhält sich der Denier von Lyon zu dem Gran der englischen Goldarbeiter wie 693 zu 1000. Ich habe jedoch durch Versuche gefunden, daß der unter den Londoner Seidenfabrikanten gebräuchliche Denier 0,83 eines englischen Granes gleichkommt, oder daß 100 Deniers 83 englische Grane aufwiegen.

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Erklärung der Abbildungen.

Fig. 4 zeigt auf welche Weise Hr. Francis Bauer die Flachsfasern darstellte.

Fig. 5 gibt eine Ansicht der Baumwollfaser, wie sie demselben Beobachter gemäß aussehen soll.

Fig. 6 zeigt, wie ich die Baumwolle von Sea-Island unter dem Mikroskope und in canadischem Balsam fand.

Fig. 7 gibt eine Ansicht der Baumwolle von Smyrna. Eine Million der hier ersichtlichen Quadrate geht auf einen Quadratzoll. Die unregelmäßigen Bänder, die diese Wolle vorstellt, haben eine Breite von 1/700 bis 1/1200 Zoll.

Fig. 8 zeigt den Bau der Baumwolle von Surate, welche gleichfalls eine unregelmäßige Bandform hat; die Breite dieser Bänder ist sehr wandelbar.

Fig. 9 zeigt die Baumwolle der sogenannten gelben Baumwollstande (Religious Cotton), aus der die Brahminen Garn spinnen; sie hat sehr feine aber brüchige Fasern, welche große Sorgfalt beim Spinnen erfordern.

Fig. 10 gibt eine Ansicht der besten Baumwolle von Sea-Island, aus der Tüll und feiner Musselin erzeugt wird; ihre Fasern haben 1/2000 Zoll und bilden gewundene Halbcylinder von gleichförmiger Größe.

Fig. 11 zeigt australische Merinoswolle von der Heerde des Hrn. Mac Arthur.

Fig. 12 gibt Ansichten von verschiedenen Wollen; a ist Leicesterwolle, b feinste sächsische Wolle, und c feinste spanische.

Fig. 13 zeigt Wolle für sich allein unter dem Mikroskope betrachtet.

Fig. 14 zeigt den Flachs für sich allein betrachtet.

Fig. 15 gibt eine Ansicht des Flachses, wenn man ihn in Balsam betrachtet.

In Fig. 16 endlich zeigt a ein Robbenhaar; b ein Haar einer Tigerraupe und c die Zwillingsfäden der Seide, sämmtlich in Balsam betrachtet.

Der vollständige Titel dieses ausgezeichneten Werkes, aus welchem man einen gründlichen Ueberblik über die englischen Baumwoll-, Wollen-, Flachs- und Seidenwaaren-Fabriken oder die sogenannten Mühlen erhält, ist: „The Philosophy of Manufactures: or an Exposition of the Scientific, moral and commercial Economy of the Factory-System of Great Britain. By Andrew Ure M. D., F. R. S. etc. 8. London 1835, bei Charles Knight.“ Wir werden noch Mehreres des Wesentlichsten aus diesem Werke für unsere Leser ausheben, und hoffen ihnen dadurch einen nicht unangenehmen Dienst zu leisten.

A. d. R.

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Wir haben bereits im Polyt. Journale Bd. LVI. S. 154 auf die Abhandlung des Hrn. Thomson vorwiesen, und die vorzüglichsten Resultate der Forschungen dieses Gelehrten bekannt gemacht. Man wird aus Vergleichung des daselbst Gesagten mit dem, was Dr. Ure hier behauptet, finden, daß diese beiden Herren in gänzlichem Widerspruche mit einander stehen, indem ersterer den Mumienzeug für einen offenbaren Leinenzeug erklärt, während lezterer nur Baumwollfasern in demselben entdekt haben will. Es ist dieß um so auffallender, als sowohl Thomson und Bauer, als Dr. Ure den Baumwollenfasern so ziemlich einen gleichen Bau zuschreiben, und nur in Hinsicht auf den Bau der Flachsfasern wesentlich von einander abweichen.

A. d. R.

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Der Einfluß der Luft und anderer die Strahlen brechender Medien läßt sich sehr gut studiren, wenn man Stärkmehltheilchen, wie z.B. Arrow-Root, unter dem Mikroskope betrachtet. Die Theilchen der Arrow-Root bestehen nämlich, wie alle anderen Arten von Sazmehl aus einer durchsichtigen Substanz, welche in einem Hauligen Sake von sphäroidaler Form eingeschlossen ist. Dieser Sak, der die in ihm enthaltene Substanz gegen die auflösende Kraft des Wassers schüzt, berstet, wenn er einer erhöhten Temperatur ausgesezt wird, so daß die Stärkmehl-Substanz dann ihre auflösliche gummiartige Beschaffenheit beurkunden kann. Wenn man nun etwas Arrow-Root auf einen Glasstreifen streut, und in den Focus eines guten achromatischen Mikroskopes bringt, so scheint sie aus schwarzen elliptischen Ringen von bedeutender Breite und mit stark erhelltem Mittelpunkte zu bestehen, wie man sie in Fig. 58 [Fig. ist auf bezeichneter Tafel nicht vorhanden.] bei a abgebildet sieht. Befeuchtet man sie hingegen mit Wasser, so erscheinen die Theilchen als helle sphäroidale Linsen oder vielmehr als unregelmäßige Ovoide mit schwärzlichen Rändern, wie sie bei b ersichtlich sind. Mit Terpenthinöhl befeuchtet zeigen die Theilchen zwar dieselbe Form, allein ihre umrisse sind schärfer, obschon sie selbst bei gleichem Lichte dunkler, und gegen ihre Mittelpunkte hin mit schwarzen Punkten besezt erscheinen, wie man bei c sieht. In diesem Falle vermindert das die Theilchen umgebende Medium wegen seiner größeren Strahlenbrechung die Abweichung des Lichtes an den Rändern, während es zugleich um dieselben herum wie eine concave Linse wirkt, so daß das Licht, welches sich sonst in ihrer Substanz concentrirt hatte, nach Außen zerstreut wird. Wenn man die Theilchen kurze Zeit nachdem das Oehl so verdampfte, daß ein fester Ueberzug zurükblieb, betrachtet, so erscheinen sie als schattirte Perlen d. In canadischem, mit Terpenthinöhl verdünntem Balsam hingegen zeigen sich die Theilchen durchaus nicht mehr als sphäroidale, in der Mitte am meisten erleuchtete Linsen, sondern als häutige Schuppen, welche in der Mitte ihrer Convexität |161| einen sehr dunklen schwarzen Fleken haben, wie man bei e erficht. Nach einigen Minuten, wenn der Balsam durch Verflüchtigung des ätherischen Oehles diker geworden ist, erscheinen die Theilchen, als wären sie in der Mitte concav, und als waren deren Ränder, die nun mehr schwarze Punkte zu haben scheinen, aufgebogen. Wenn der Balsam endlich zur festen Masse erhärtet, so verlieren sich alle deutlichen Umrisse, und einige der Theilchen verschwinden ganz, während man von anderen nur perlartig schimmernde Punkte mehr bemerkt, wie man bei f sieht.

Ich hatte das Vergnügen, diese interessanten Erscheinungen dem berühmten Entomologen Hrn. W. Spence Esq., und einigen anderen Männern, die als Zeugen für die Genauigkeit meiner Beobachtungen dienen können, zu zeigen. Ich kam hiebei zu dem Schlüsse, daß, um irgend einen sphäroidalen oder cylindrischen Gegenstand mit Vortheil unter dem Mikroskope betrachten zu können, man denselben in ein Medium tauchen muß, dessen Strahlenbrechung nur wenig von jener des zu untersuchenden Körpers abweicht. Ist der Unterschied in dieser Hinsicht groß, wie es z.B. zwischen der Luft und der Wolle der Fall ist, so wird sich der innere Bau der Fasern nicht wahrnehmen lassen, während die warzigen Erhabenheiten, die man an gewissen groben Wollen trifft, sehr deutlich sichtbar werden. Ist hingegen dieser Unterschied gering, wie z.B. zwischen dem Balsam und der Wolle, so wird der dachziegelförmige Bau der Fasern deutlich erscheinen, während die Warzen verschwinden, indem sie wegen ihres schwammigen Gewebes der optischen Eigenschaft des Firnisses theilhaftig werden. Die Baumwollfasern haben einen solchen Bau, daß sie die durch dieselben gehenden Strahlen nur in geringem Grade brechen; und hieraus folgt, daß sie sich in Luft oder Wasser besser beobachten lassen, als in Balsam, welcher deren Kanten eben so beeinträchtigt, wie jene der Stärkmehltheilchen. Dünne Schuppen oder parallele Durchschnitte irgend einer Art erzeugen keine Abweichung oder Brechung des senkrecht auf ihre Oberflächen fallenden Lichtes, und sind daher, was deren Umriß betrifft, in der Luft deutlich sichtbar. Folgende Flüssigkeiten geben eine gute Gradation der Strahlenbrechung.

Textabbildung Bd. 58, S. 161

Gemenge von Terpenthinöhl und canadischem Balsam geben Medien, deren Strahlenbrechung zwischen 1,476 und 1,528 wechselt.

Ich hatte während meines lezten Besuches in Manchester Gelegenheit, mehreren der ausgezeichnetsten dortigen Spinner und Fabrikbesizer zu zeigen, auf welche Weise sich die Kraft des achromatischen Mikroskopes zur Unterscheidung er verschiedenen Qualitäten Baumwolle benuzen läßt, und wie ein solcher beim Ankaufe der Wolle große Vortheile gewähren kann. Viele derselben gaben mir daher auch den Entschluß zu erkennen, sich ein derlei Instrument anzuschaffen. – Um zu zeigen von welchem Nuzen solche wissenschaftliche Forschungen im praktischen Leben werden können, erlaube ich mir noch ein anderes Beispiel anzuführen. Die Cassawa und Arrow-Root sind zwei dem äußeren Anscheine, ihrem Gebrauche und den chemischen Eigenschaften nach einander vollkommen ähnliche Sazmehlarten, welche jedoch in Hinsicht auf ihren Ursprung und den Einfuhrzoll, den sie zahlen, sehr von einander verschieden sind. Die Cassawa zahlt nämlich als ein Product der fremden Colonien einen Zoll von 20 Schill. per Cntr., während die Arrow-Root als ein auf den englischen Colonien erzeugtes Product nur 1 Schill, per Cntr. bezahlt. Vor einigen Monaten nun wurde ich amtlich ausgefordert, meine |162| Ansicht über einen Artikel abzugeben, welcher als Arrow-Root declarirt wurde, von dem man aber vermuthete, daß er Cassawa sey. Ich bewies, indem ich etwas davon unter das Mikroskop brachte, daß er wirklich Cassawa sey, indem er kleine sphärische zusammengeballte Theilchen bildete, während die Arrow-Root aus einzelnen, beinahe doppelt so großen, abgestumpft eiförmigen Theilchen besteht.

A. d. O.

Fig. ist auf bezeichneter Tafel nicht vorhanden.
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