Titel: Einiges über die englischen und amerikanischen Locomotivmaschinen etc.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. XXVIII. (S. 208–209)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/ar058028

XXVIII. Einiges über die englischen und amerikanischen Locomotivmaschinen oder Dampfwagen für Eisenbahnen.

Aus dem American Railroad Journal im Mechanics' Magazine, No. 624.

Ich verschaffte mir bei Gelegenheit eines Besuches, den ich kürzlich in den großen Werkstätten des Hrn. W. Baldwin in Philadelphia machte, einige Notizen, welche ich von allgemeinem Interesse erachte und deßhalb mittheile. Hr. Baldwin lieferte in den lezten 12 Monaten nicht weniger als 10 vollkommen fertige Locomotivdampfmaschinen aus seiner Fabrik ab; 6 sind im Baue begriffen oder beinahe vollendet, und für beiläufig 20 neue, die für die Eisenbahnen von Columbia, State Road, Trenton, Newark, Jamaica, Troy und Saratoga, Utica und Schenectady bestimmt sind, hat er Aufträge in Händen. Er beschäftigt gegenwärtig in seiner Fabrik gegen 150 Arbeiter, und seine Einrichtungen sind so getroffen, daß er beinahe alle drei Wochen eine vollendete Locomotivmaschine abliefern kann. Dessen ungeachtet erweitert er in diesem Augenblike seine Fabrik, um dann eine doppelt größere Zahl von Arbeitern beschäftigen zu können.

Was die Eigenschaften dieser Maschinen betrifft, so bemerke ich, daß sich sieben derselben auf der Pennsylvania State Road bewegen, auf der auch zwei englische, von dem berühmten R. Stephenson erbaute Locomotivmaschinen laufen; und daß mich der Ingenieur, der über diese Maschinen zu wachen hat, versicherte, daß die Kraft der amerikanischen beinahe um 35 Proc. größer sey als jene der englischen Maschinen. Auch der Zeitverlust und die Kosten, welche die Reparaturen veranlassen, fällt seinen Angaben nach zu Gunsten der amerikanischen Maschinen aus, indem angeblich 5 Personen vollkommen genügten, um die sieben Maschinen in gehörigem Stande zu erhalten.

Die wesentlichsten Unterschiede zwischen beiderlei Maschinen, und die den amerikanischen eigenthümlichen Vorzüge lassen sich in Kürze auf Folgendes zurükführen. Bekanntlich veranlassen die Kurbelwelle und die Räder der Locomotivmaschine bei weitem am meisten Umständlichkeiten und Kosten in Hinsicht auf Reparatur. Durch die Verbesserungen, welche Hr. Baldwin an diesen Maschinen vornahm, wurden jedoch diese Schwierigkeiten beseitigt, wie dieß durch |209| Versuche nachgewiesen ist. Von 7 Maschinen, welche auf der State Road, und von zweien, die auf der Eisenbahn von Trenton laufen, waren einige seit dem Julius 1834 in Thätigkeit, ohne daß eine Kurbelwelle gebrochen wäre oder sich ausgearbeitet hätte, und ohne daß eines der verbesserten Räder zu Grunde gegangen wäre. Dieß ist um so mehr zu berüksichtigen, als die State Road beinahe eine fortlaufende Reihe von Curven mit 500 bis 700 Fuß Radius ist, und als hiedurch eine so große Gewalt auf die Räder der Maschine ausgeübt wird, daß eine der beiden englischen Maschinen innerhalb zweier Monate einen Theil der Räder beider Maschinen zu Grunde richtete, und nun in der Baldwin'schen Fabrik mit neuen Rädern versehen werden muß.

Die übrigen Verbesserungen beziehen sich auf die Drukpumpe, die Excentrice und die Kehrsteuerung, welche sämmtlich so sehr vereinfacht wurden, daß die Zahl der Theile, aus denen sie bestehen, um die Hälfte geringer ist, als an den gewöhnlichen englischen Maschinen. Die Dampfröhren haben sämmtlich eingeriebene, metallene Gefüge, und nirgendwo ist ein Kitt oder ein leichtflüssiges Loth angebracht. Eine andere wichtige Verbesserung macht es möglich, daß die Adhäsion der Treibräder nach Belieben von 35 bis zu 50 Proc. erhöht werden kann. In Folge dieser Einrichtung konnte eine Maschine, an deren Treibrädern sich nur ein fixirtes Gewicht von 6487 Pfd. befand, eine Last von 80 Tonnen über eine schiefe Fläche von 2 engl. Meilen mit einer Steigung von 35 Fuß in der Meile hinaufschaffen, ohne daß irgend ein Rutschen der Räder bemerkbar gewesen wäre.

Der Hauptzwek, den sich Hr. Baldwin bei seinen Verbesserungen gesezt hatte, war: die schwachen Punkte der Maschine zu verstärken, die Maschine selbst zu vereinfachen und die Zahl ihrer Theile zu vermindern; diesen Zwek scheint er so vollkommen erreicht zu haben, daß seine Locomotivmaschinen füglich unter allen gegenwärtig bestehenden für die vollkommensten gehalten werden können.

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