Titel: Merle's Erzeugung von Leuchtgas aus Torf.
Autor: Merle,
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. L . (S. 317–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/ar058050

L. Ueber die Erzeugung von Leuchtgas aus Torf. Von Hrn. Merle.

Aus dem Journal des connaissances usuelles. Mai 1835, S. 232.

Man hat zwar schon seit sehr langer Zeit erkannt, daß guter Torf ein Gas geben könne, welches sehr wohl zur Beleuchtung geeignet |318| ist;67) allein ungeachtet aller Bemühungen der ausgezeichnetsten Chemiker gelang es bisher noch Niemandem, aus dem Torfe ein Gas zu gewinnen, welches die Leitungsröhren nicht mehr oder weniger verlegte. Alles Waschen und Reinigen des Gases war vergebens, und hatte kein anderes Resultat, als daß das Gas ein schwächeres Licht gab. Bei diesen wenig entsprechenden Ergebnissen verzweifelte man daher auch an dem endlichen Gelingen dieser Benuzung eines Materiales, welches man so häufig an Orten findet, denen es an sonstigem Brennmateriale fehlt. Da ich selbst, als Director einer Gesellschaft, welche die Gasbeleuchtung in den Provinzialstädten einführen will, sehr dabei interessirt war, den Torf in jenen Gegenden, wo man sich nur mit großen Kosten Steinkohlen zu verschaffen im Stande ist, zur Gasbereitung zu verwenden, so stellte ich Versuche an, bis ich endlich so glüklich war, zu einem genügenden Resultate zu gelangen.

Das wahre Princip meiner Entdekung besteht darin, daß ich der Qualität ein Opfer an der Quantität brachte, um ein sehr reines und glänzendes Leuchtgas zu erhalten. Man befolgte bei der Destillation des Torfes bisher beinahe dasselbe Verfahren, nach welchem man die Steinkohlen der trokenen Destillation unterwirft, und nach welchem eine zwei- bis sechsstündige Heizung erforderlich ist. Ich fand, daß mir der beste Torf auf 1000 Kilogramme bei einer zweistündigen Destillation 7 bis 8000 Kubikfuß eines Gases gab, welches nur ein schwaches Licht erzeugte, und welches so sehr mit jener feinen Substanz, die man mit dem Namen der Asche zu bezeichnen pflegt, überladen war, daß die Röhren schnell verlegt wurden, wenn ich mir bei der Reinigung des Gases auch alle mögliche Mühe gab. Es gelang mir zwar allerdings das Gas reiner herzustellen, indem ich dasselbe durch eine große Menge Wasser treten ließ; allein dabei verminderte sich auch der Gehalt des Gases an Kohlenstoff, der doch durchaus nöthig ist, wenn das Gas die gehörige Leuchtkraft besizen soll. Verwendete ich hingegen nur 3/4 Stunden Zeit zur Destillation des Torfes, so erhielt ich aus 1000 Kil. Torf 5500 Kubikfuß eines Gases, welches ein stärkeres und weißeres Licht gab, als das Steinkohlengas, und welches so rein war, als man es durch Destillation der Steinkohlen und des Oehles nicht zu erzielen im Stande ist.

Um nun dieses Gas zu reinigen ließ ich mir einen Purificator bauen, der zugleich auch als Condensator oder Verdichter dient.

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Dieser zählt 18 Röhren, von denen eine jede in einen Behälter mit fließendem Wasser untertaucht; während das Gas durch diese Röhren strömt, wird es 18 Mal schnell gewaschen und gereinigt, ohne seinen Kohlenstoff dabei zu verlieren. Nachdem das Gas durch diese Röhren gegangen, und bevor es noch in die als Gasometer dienenden Behälter übergeht, tritt es auch noch durch zwei Schichten trokenen Kalkes. Ich erhalte auf diese Weise ein Gas, welches so rein ist, daß man es ohne Nachtheil einathmen kann, und welches sogar bei manchen Lungenkrankheiten mit Vortheil angewendet werden dürfte, wie ich bemerkt zu haben glaube.

Ich opfere bei diesem meinem Verfahren allerdings den vierten Theil der Quantität; allein man darf nicht vergessen, daß dieses Viertheil nur dazu dienen würde die übrigen drei Viertheile zu verderben. Da nun die drei Viertheile weit mehr Licht geben, als die ganze Quantität, so ist selbst bei diesem Verluste des einen Viertheiles noch Gewinn; und zwar um so mehr, als ich bei meiner Methode Torfkohks erhalte, die, wenn sie beim Herausnehmen aus der Retorte gehörig gelöscht werden, einen höheren Werth haben, als der angewendete Torf, während nach dem gewöhnlichen Destillationsprocesse der Torf in ein beinahe werthloses Pulver verwandelt wird. Meine Kohks eignen sich ganz vortrefflich für den Küchengebrauch; sie geben um ein Drittheil mehr Hize, als die besten Holzkohlen, und lassen sich dabei leicht entzünden. Das Gas kostet also eigentlich nur das Brennmaterial und den Arbeitslohn, wonach sich die Kosten per 1000 Kilogr. Torf auf höchstens 10 Franken, oder per 1000 Kubikfuß Gas, dessen Licht jenem von 30 Pfd. Kerzen gleichkommt, auf 2 Fr. belaufen. Da jedoch die Errichtungskosten einer Gasbeleuchtungs-Anstalt bedeutend sind, und da die Destillation täglich von Statten gehen muß, um die durch eine Unterbrechung der Arbeit erwachsenden Nachtheile und Kosten zu vermeiden, so dürfte sich eine derlei Beleuchtungsmethode nur für große Fabriken oder größere Anstalten eignen. Dagegen würde sich dieselbe sehr gut in kleineren Städten, in deren Nähe es eine hinreichende Menge Torf gibt, einführen lassen. Für 30,000 Franken lassen sich ein Destillirapparat, ein Gasometer, und 3/4 Meilen Leitungsrohren herstellen, und erhebt man nur 5 Proc. vom Capitale, so ließen sich sämmtliche Häuser 10 Mal wohlfeiler und 100 Mal angenehmer beleuchten, als dieß bisher mit Kerzen geschah. Eine noch weitere Ausdehnung ließe sich der Unternehmung geben, wenn man das Torfgas auch zum Kochen und Heizen verwenden wollte, wobei sich dieselben Vortheile ergeben würden, wie bei der Gasbeleuchtung. Statt des traurigen Torffeuers wäre gewiß ein lebhaftes Feuer, welches nicht bloß Wärme gibt, sondern zugleich |320| auch beleuchtet, ohne irgend einen Geruch oder Dampf oder Staub zu verbreiten, höchst wünschenswerth. Das Kochen mit Gas geht bekanntlich auf eine eben so einfache, als bequeme Weise von Statten, und man kann sich hiezu entweder eines gewöhnlichen Apparates oder eines solchen bedienen, wie ich ihn aus England eingeführt habe.

Da es einige Gegenden gibt, wo der Torf zwar viel, aber nur ein schwaches Gas gibt, so bemerke ich schließlich nur noch, daß ich eine Methode ausfindig gemacht habe, wonach sich dessen Gehalt an Kohlenstoff vermehren läßt, ohne daß sein Preis dadurch um mehr als den achten Theil erhöht würde.

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Man vergleiche hierüber das Polyt. Journal Bd. XXIV. S. 277, und Bd. XXVII. S. 460.

A. d. R.

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