Titel: Rettfort's Physionotype.
Autor: Rettfort, Richard
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. LXI . (S. 383–386)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/ar058061

LXI. Beschreibung eines, Physionotype genannten Apparates, womit man in jedem Augenblike eine vollkommen genaue Copie von lebenden Subjecten sowohl, als von Büsten nehmen kann, und worauf sich Richard Rettfort, Gentleman in Tavistock Hotel, Covent-Garden, Grafschaft Middlesex, in Folge einer von einem Fremden erhaltenen Mittheilung am 18. December 1834 ein Patent ertheilen ließ.71)

Aus dem London Journal of Arts. Julius 1835, S. 288.

Mit Abbildungen auf Tab. V.

Die gegenwärtigem Patente zum Grunde liegende Erfindung beruht auf dem Baue und auf der Anwendung eines Apparates, womit man zu jeder Zeit schnell einen genauen Abdruk lebender Wesen oder auch lebloser Gegenstände nehmen kann, um sich eine dem Originale vollkommen ähnliche Maske, oder eine Büste, oder ein Modell oder ein Basrelief zu verschaffen. Der ganze Apparat befindet sich in einem Gehäuse, welches die Form einer hohlen cylindrischen Trommel oder irgend eine andere Gestalt haben kann, und welches mit zwei Scheidewänden aus Metall versehen ist. Diese beiden Metallplatten, welche parallel mit einander stehen müssen, sind mit einer zahllosen Menge kleiner Löcher, die so dicht als möglich an einander liegen, und genau mit einander correspondiren, versehen. In alle |384| diese Löcher werden feine gerade Metalldrähte, die wie Nadeln aussehen, sämmtlich von gleicher Länge und länger als die Trommel sind, so eingesezt, daß deren Enden genau zusammenfallen, und an dem äußeren Ende gleichsam wie eine Bürste aussehen. Die Nadeln müssen sich frei in den Löchern der beiden parallelen Metallplatten schieben, und werden durch eine bewegliche flache Platte, die sich an dem hinteren Theile der Trommel befindet, in gleiche Stellung gebracht.

Will man sich des Instrumentes bedienen, so wird das Gehäuse an Schnüren so aufgehängt, daß die Drähte oder Nadeln horizontal gerichtet sind, und die flache bewegliche Platte hinter den hinteren Enden der Drähte entfernt, so daß nun jeder leichte Druk, wie z.B. der Druk mit dem Gesichte gegen die vorderen Drahtenden, hinreicht, um die Drähte so zurük zu drängen, daß ein den Umrissen des Gesichtes oder sonstigen Gegenstandes entsprechender Eindruk zum Vorscheine kommt.

Um die Drähte in der Stellung, in welche sie durch diese Operation gerathen sind, zu erhalten, wird Talg, Wachs oder irgend eine andere derlei Substanz in geschmolzenem Zustande in den zwischen den beiden durchlöcherten Platten befindlichen Raum gegossen, so daß sowohl dieser, als die Zwischenräume zwischen den Nadeln dadurch ausgefüllt werden. Der Talg oder das Wachs werden, wenn sie erkaltet sind, sämmtliche Drähte fest in der Stellung, in welche sie geriethen, erhalten; und der auf diese Weise in der vorderen Fläche erzeugte Eindruk wird als Model dienen, aus welchem man die Maske, Büste oder das Relief des Gegenstandes, womit man es zu thun hatte, mit Gyps oder irgend einer anderen plastischen Substanz gießen kann. Um die Drähte wieder beweglich zu machen, braucht man nur heißes Wasser in das äußere, die Trommel umgebende Gehäuse zu gießen; denn dadurch wird der Talg oder das Wachs so erweicht werden, daß sich die Drähte wieder vollkommen frei hin und her bewegen können.

Zu größerer Deutlichkeit ist der Apparat auf Taf. V. in mehreren Figuren abgebildet. Fig. 29 gibt eine perspectivische Ansicht des Instrumentes in vollkommenem Zustande horizontal an einer Schnur aufgehängt mit vorne herausragenden Drähten, in welcher Stellung man den Abdruk nehmen kann. Fig. 30 ist ein geometrischer Fronteaufriß desselben; Fig. 31 zeigt es von der Seite und Fig. 32 gibt einen senkrecht genommenen Querdurchschnitt. a, a ist das Gehäuse oder die Trommel mit den metallenen Scheidewänden b und c, die, wie oben erwähnt worden, in der Trommel befestigt und mit einer großen Anzahl kleiner Löcher versehen sind. Durch |385| alle diese Löcher gehen gerade Drähte d, d, die sämmtlich von gleicher Länge sind, und welche über beide Platten hinausragen; die durch die vordere Platte c hinausragenden Enden sind zur Aufnahme der Eindrüke des abzubildenden Objectes bestimmt. Das Innere der Trommel wird durch die kurze Röhre oder durch den Hahn e mit Talg, Wachs oder einem anderen derlei Materiale ausgefüllt. Das äußere Gehäuse f, f wird bei g durch einen trichterförmigen Hahn mit heißem oder kaltem Wasser, welches bei h wieder abgelassen werden kann, versehen.

Um die Enden der Drähte, die über die Platte c hinausragen, zum Behufe des Abdrükens leichter in eine vollkommen ebene Fläche bringen zu können, reicht die Trommel a noch etwas über die Platte oder Scheidewand b hinaus, und in diesem Theile derselben ist eine bewegliche kreisrunde Platte i angebracht, die genau in das Innere der Trommel paßt, und an deren Rüken ein Stiel oder Griff angebracht ist, welcher durch ein in der hinteren Platte befindliches Loch hinausragt. Will man die Drahtenden durch die Platte c vorwärts schieben, so wird der Stiel oder Griff k nach Einwärts gedrükt, und die Platte i dadurch gegen die Platte b gedrükt; die Folge hievon ist, daß die Drähte sämmtlich mit einem Mal durch die Platten vorgeschoben werden, und zwar so weit, daß sie eine hinreichende Streke über die Platte c hinausragen. Wenn dann die Platte i wieder in ihre frühere Stellung zurükgezogen worden ist, so ist das Instrument zum Gebrauche fertig.

Wenn, nun der in der Trommel befindliche Talg auf die beschriebene Weise mit heißem Wasser flüssig gemacht worden ist, so wird der Abdruk oder das Facsimile genommen, indem man die hervorragenden Enden der Metalldrähte stätig und sorgfältig mit der Oberfläche des abzudrükenden Objectes in Berührung bringt, und mit dieser so lange entgegendrükt, bis sämmtliche Drähte an die Oberfläche gelangt sind.

Den Eindruk, welcher durch das Zurükschieben der Drähte bei der Anwendung des Instrumentes auf einen menschlichen Kopf entsteht, ersieht man aus Fig. 12; auf gleiche Weise kann übrigens, wie sich von selbst versteht, auch von jedem anderen Gegenstande ein Abdruk genommen werden.

Wenn der Abdruk gemacht ist, so wird das Instrument sachte von dem Originale entfernt, und das warme Wasser aus demselben abgelassen; man läßt es dann ruhig stehen, bis der Talg oder das Wachs erhärtet ist, was auch durch Eingießen von kaltem Wasser in das äußere Gehäuse beschleunigt werden kann. Nach diesem Erhärten kann das Instrument mit Sicherheit umgekehrt werden, so |386| daß die Drahtenden mit dem Abdruke nach Oben gerichtet sind. Aus diesem Abdruke kann man mit Gyps oder irgend einer anderen Substanz eine Maske oder ein vollkommenes Facsimile gießen, welches entweder gleich selbst als Büste oder Basrelief dienen kann, oder von welchem sich ein Model nehmen läßt, womit man dann eine beliebige Anzahl von Büsten etc. verfertigen kann. Will man eine vollständige Büste oder Figur erhalten, so versteht sich von selbst, daß das Instrument in verschiedenen Stellungen an das Object gebracht werden muß, um alle Theile vollkommen abgedrükt zu erhalten. Die Haare und alle übrigen Theile. die das Instrument nicht copirt, müssen auf die gewöhnliche Weise hinterher von dem Künstler angebracht werden, gleichwie dieß auch bei jener Methode der Fall ist, nach welcher die Bildhauer die Büsten von Lebenden zu nehmen pflegen.

Wir haben zwar schon im Polytechnischen Journale Band LVI. S. 17 ziemlich ausführliche Nachricht über den Physionotype, der die Erfindung des Franzosen Sauvage ist, gegeben; allein, da die Beschreibung, welche das Journal des connaissances usuelles von dem Mechanismus dieses Instrumentes gab, nicht ganz correct ist, so sehen wir uns veranlaßt hier auch noch die englische Patenterklärung sammt beigefügtem Kupfer mitzutheilen.

A. d. R.

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