Titel: Beiträge zur Lebensgeschichte der französischen Mechaniker Pihet und Cavé.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. XX./Miszelle 1 (S. 171)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/mi058020_1

Beiträge zur Lebensgeschichte der französischen Mechaniker Pihet und Cavé.

Wenn England, sagte Hr. Baron Ch. Dupin in einer Rede, welche er der Gelegenheit eines Lehrcurses der Mechanik hielt, seinen Maudsley hat, der sich vom einfachen Arbeiter bis zum Schöpfer und Eigenthümer der größten und vollkommensten mechanischen Werkstätte emporschwang, so kann Frankreich gegenwärtig mit eben so vielem Ruhme seinen Pihet und seinen Cavé nennen. Pihet der ältere fing im Jahre 1801 gleichfalls als einfacher Handarbeiter an, und arbeitete 20 Jahre lang mit Ausdauer an der Gründung seines großen Vermögens. Erst im Jahre 1821 konnte er mit Hülfe seines jüngeren Bruders und Zöglinges eine eigene Werkstätte zum Baue von Maschinen und Vorrichtungen verschiedener Art errichten. Zwei Jahre lang arbeiteten beide nur mit Menschenkräften, bis sie endlich im Jahre 1824 eine Dampfmaschine erwarben. In den Jahren 1826 und 1827 lieferten sie nebst vielen anderen Gegenständen 30,000 eiserne Bettstellen für die Casernen; um dieselbe Zeit warfen sie sich aber auch auf die Fabrikation von Baumwollspinnmaschinen, worin sie bald solche Fortschritte machten, daß ihre Maschinen nach Belgien und Preußen gingen, und in Flandern sehr gesucht waren, obschon sie um 15 Procent theurer waren, als die belgischen. Zur Zeit der Juliusrevolution beschäftigten sie gegen 500 Arbeiter in ihrer Fabrik; und glüklicher Weise kam ihnen um diese Zeit die Fabrikation von Kriegsmaterial zu Hülfe; denn sie lieferten im Jahre 1831 allein 60,000 eiserne Bettstellen, und unternahmen auch die Lieferung von 120,000 Flinten, zu deren Fabrikation, obschon sie sich früher nie damit befaßten, sie schnell eigene Mechanismen erfanden. Sie beschäftigten auf diese Weise im Jahre 1832 gegen 1200 Arbeiter. Gegenwärtig, wo die Industrie wieder mehr Thätigkeit entwikelt, fabriciren sie hauptsächlich mechanische Webestühle für Frankreich, Belgien und Spanien. – – Ein anderes, eben so merkwürdiges Beispiel liefert der berühmte Cavé, welcher ein Tischlergeselle war, und nachdem er leinen Militärabschied bekommen, zu Paris mit 2 Fr. 75 Cent. Vermögen als Modellist bei einem der ersten Maschinenfabrikanten in Dienst trat. Er brachte, nachdem er den ganzen Tag als solcher gearbeitet, seine Feierstunden in einer Zeichenschule hin, und vollendete des Nachts die in dieser begonnenen Zeichnungen. Im Jahre 1823 wagte er dem berühmten Spinnmeister Hindenlang den Vorschlag zu machen, ihm eine Dampfmaschine zu verfertigen; er ward abgewiesen, baute sie aber auf seine Gefahr, und zwar mit bestem Erfolge. Nach achtjähriger Arbeit hatte er sich endlich 5000 Fr. Vermögen erworben, welche sämmtlich in Werkzeugen und Apparaten stekten. Er hatte nun das Unglük, durch eine mißglükte Speculation 2/5 seines kleinen Capitals zu verlieren, ließ sich aber hiedurch nicht abschreken, sondern errichtete seine anfänglich ganz kleine Werkstätte zum Baue von Dampfmaschinen. Wie sehr er sich hiebei emporschwang, ist allgemein bekannt; denn er baute in 10 Jahren 123 Dampfmaschinen, die zusammen mit 2825 Pferdekräften arbeiten, und welche also so viel leisten, als 40,000 Menschen! Außerdem erbaute Cavé noch viele andere und sehr mannigfaltige Maschinen. Die Marine verdankt ihm sehr sinnreich gebaute eiserne Kniee, welche die hölzernen, die so theuer und selten sind, vortheilhaft ersezen; ihm verdankt man eine Methode, das Eisenblech in großen Halbkugeln auszubauchen, wodurch dasselbe zu Kesseln anwendbar wird, zu denen man früher das Gußeisen wegen seiner Brüchigkeit nicht brauchen konnte. Eben so zeichnete er sich in Hinsicht auf die Dampfschifffahrt aus; denn er verfertigt äußerst leichte eiserne Boote für die Flußschifffahrt, so wie er ein solches auch für den Neufchateler-See und eines für den Thuner-See erbaute. Gegenwärtig baut Hr. Cavé ein Dampfboot von 160 Pferdekräften. Die Jury ertheilte ihm bei der lezten Industrieausstellung in Paris die goldene Medaille, und die Regierung schmükte ihn in Anerkennung seiner Verdienste mit dem Kreuze der Ehrenlegion. (Aus dem Recueil industriel.)

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