Titel: Einiges zur Geschichte der Baumwollspinnerei.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. XX./Miszelle 2 (S. 171–174)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/mi058020_2
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Einiges zur Geschichte der Baumwollspinnerei.

Das Mechanics' Magazine gibt in seinen neueren Nummern mehrere Auszüge aus Hrn. Baines's History of the Cotton Manufacture, woraus wir Einiges für unsere Leser ausheben, indem wir hoffen, ihnen hiedurch einen angenehmen Dienst zu erweisen. Wir bemerken vorläufig nur, daß Hr. Baines durch eine lange Deduction zu beweisen sucht, daß die Erfindung der Cylinder-Spinnmaschine nicht dem berühmt gewordenen Sir Richard Arkwright, sondern lediglich dem John Wyatt zu verdanken sey. Das Mechanics' Magazine hingegen widerlegt dieß in einer eben so gründlichen als langen Gegenschrift, an deren Schluß es versichert, „daß wenn irgend Jemand mehr Ansprüche auf die Ehre der Erfindung der fraglichen Maschine hat, als Richard Arkwright, dieß Lewis Paul und nicht John Wyatt ist; und daß es nicht bezweifelt werden kann, daß Arkwright, obschon Paul früher als er die allgemeine Idee einer solchen Maschine hatte, ohne alle Kenntniß des vor ihm Geschehenen für sich allein die Maschine erfand, die die große Umwälzung in der Baumwollwaaren-Fabrikation erzeugte und seinen Ruhm begründete.“ Wir wollen nun im weiteren Verlaufe unserer Auszüge hauptsächlich Hrn. Baines selbst sprechen lassen. „Als diese bewundernswerthe Maschine bekannt und mit ihr besseres und wohlfeileres Garn gesponnen wurde, als man bisher in England kannte, erhielt die Baumwollwaaren-Fabrikation einen mächtigen Aufschwung. Die Weber konnten sich nun um einen mäßigen Preis eine unbeschränkte Quantität Garn verschaffen, und Baumwollgarn statt des bisher gebräuchlichen, weit kostspieligeren Leinengarnes als Kette benuzen. Der Bedarf an Baumwollwaaren nahm wegen ihres niedrigen Preises außerordentlich zu; der Schüze flog mit rastloser Thätigkeit, und Spinner sowohl als Weber verdienten außerordentlichen Lohn. Ueberall errichtete man um den Bedarf an Baumwollgarn zu deken, Spinnmühlen; der Ruf Arkwrights ertönte durch das ganze Land, und die Kapitalisten drängten sich an ihn, um theils seine Maschinen, theils die Erlaubniß sich ihrer bedienen zu dürfen, zu erkaufen. Nach einem mäßigen Anschlage nahm der Erfinder bis zum J. 1782 allein für solche Erlaubnißscheine wenigstens 60,000 Pfd. Sterl. ein; er errichtete übrigens selbst zu Derbyshire und anderwärts mit einigen Teilnehmern Fabriken, die ihm mehr als 30,000 Pfd. an Gebäuden kosteten; in Manchester erbaute er eine solche für 11,000 Pfd. Im J. 1785 waren schon gegen 40,000 Individuen in den verschiedenen Fabriken, auf deren Errichtung an Gebäuden und Maschinen über 500,000 Pfd. verwendet worden, beschäftigt, so daß man sagen kann, daß das Fabriksystem in England eigentlich von dieser Zeitperiode an beginnt. Das Vermögen Arkwright's wuchs nicht bloß durch den Verkauf seiner Maschinen und der Erlaubnißscheine zu deren Benuzung, sondern hauptsächlich auch durch den großen Gewinn, den er aus seinen eigenen mehrfachen Fabriken und durch Theilnahme an vielen auf Actien errichteten Unternehmungen zog. Er war es, der mehrere Jahre hindurch den Preis des Baumwollgarnes bestimmte, und nach welchem sich alle übrigen Spinner in dieser Hinsicht richteten. Die auffallendsten Züge in Arkwright's Charakter waren seine Emsigkeit, seine Energie und seine Ausdauer; er arbeitete täglich von 5 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends in seinen verschiedenen Geschäften; und als er bei einem Alter von mehr dann 50 Jahren fand, daß ihm die frühere Vernachlässigung seiner Erziehung in der Führung seiner Correspondenz und in der Leitung seiner Geschäfte sehr nachtheilig sey, brach er sich täglich zwei Stunden Schlaf ab, um Unterricht in der englischen Grammatik, Orthographie und Calligraphie zu nehmen. Charakteristisch für ihn ist auch, daß er sich wenige Jahre nach seiner Verheirathung von seiner Frau trennte, indem diese ihm, weil sie fürchtete, er möchte seine Familie durch vielerlei Projecte zu Grunde richten, einige seiner Maschinen-Modelle zerschlug. Mit seiner Zeit war er sehr karg, und aus diesem Grunde fuhr er stets vierspännig und mit außerordentlicher Geschwindigkeit; bei den vielen Unternehmungen, in die er sich einließ, hatte er eine solche umfassende Geschäftsgewandtheit, daß er selbst da gewann, wo andere verloren. Das Vertrauen in seine Maschinerie war so außerordentlich, daß er über die Steuerdiscussionen lächelte, und sagte, er wolle die Nationalschuld bezahlen; dabei war er in seinen Speculationen so verwegen, daß er alle Baumwolle auf der Welt aufzukaufen im Sinne hatte, um aus diesem Monopole einen außerordentlichen Gewinn zu ziehen. Einige seiner Freunde fürchteten daher auch, er möchte am Ende dennoch sein Vermögen einbüßen.“ – Unter den mehr untergeordneten |173| Verbesserungen an den Baumwoll-Spinnmaschinen, die in Arkwright's Erfindungsgeist erwachten, verdient theils wegen ihrer Nüzlichkeit, theils wegen der Hartnäkigkeit, womit man die Ansprüche Arkwright's auf deren Erfindung bestritt, der Winkelhebel und der Kamm, den er an der von Lewis Paul erfundenen Cylinder-Kardätsch-Maschine anbrachte, besonderer Erwähnung. An Paul's Maschine wurde die Wolle mit sogenannten Nadelkrüken (needle-sticks) von dem Cylinder abgestrichen; Peel (der Großvater des gegenwärtig berühmten Staatsmannes) bediente sich später der Handkarden; und hierauf wendete man dann eine Walze an, an welcher zinnerne, den Schaufeln oder Flossen eines Wasserrades ähnliche Platten angebracht waren, und welche, indem sie sich mit großer Geschwindigkeit gegen den Cylinder umdrehte, die Baumwolle von den Karden abstreifte. Da diese Vorrichtung sowohl der Baumwolle als den Karden nachtheilig war, so brachte Arkwright eine Platte in Anwendung, welche am Rande nach Art eines Kammes fein gezähnt war, und die, indem sie mittelst eines Winkelhebels in senkrechter Richtung in kurzen, aber schnell auf einander folgenden Hüben auf die Kardenzähne wirkte, die Baumwolle in einem ununterbrochenen Fließe von den Karden abstreifte. Dieser Fließ wurde, indem er durch einen in geringer Entfernung von dem Cylinder befindlichen Trichter lief, in eine Flöthe verwandelt; und diese wurde zwischen zwei Walzen zu einem festen flachen Bande, welches in Windungen in eine Kanne fiel, zusammengedrükt. Diese Erfindung nun, behauptete man, habe Hr. Arkwright Hrn. James Hargreaves gestohlen, indem lezterer sich derselben schon früher bediente, als ersterer sein Patent darauf nahm. Allein es ist jezt hergestellt, daß Arkwright selbst diese Vorrichtung einige Zeit vor der Ertheilung seines Patentes anwendete, und daß einer seiner Arbeiter eine Copie davon an Hargreaves verkaufte. Hargreaves, der in dieser Hinsicht so schlecht an Arkwright handelte, hatte übrigens seine eigenen Verdienste; denn er erfand einige Jahre ehe Arkwright seine Cylinder-Spinnmaschine vollendet hatte, die Spinn-Jenny, welche mit ersterer an Nüzlichkeit wetteiferte. Er war ein armer, von seiner Handarbeit lebender Weber, als er seine bewundernswerthe Erfindung vollendete; nicht richtig aber ist es, wenn alle seine Biographen behaupten, daß er seine Tage seiner Erfindungen ungeachtet in Armuth und Elend endete. Denn aus authentischen Documenten, welche Hr. Baines vorlegte, geht hervor, daß Hargreaves, wenn er auch kein solches Glük machte, wie Arkwright, dem er an Geschäftsgewandtheit weit nachstand, sich durch seine mechanischen Talente doch einiges Vermögen erwarb, so daß er seine Familie keineswegs im Elend ließ. Nach Paul, Hargreaves und Arkwright war Samuel Crompton der nächste große Verbesserer der Baumwoll-Spinnerei; er brachte durch Verbindung der Principien, auf denen die Jenny und die Wassermaschine (wie man die Arkwright'sche Maschine gewöhnlich zu nennen pflegte, indem sie mit Wasser betrieben wurde), eine dritte Maschine zu Tage, welche mehr leistete, als die beiden früheren. Diese Maschine hieß anfangs das Rad von Hall in-the-Wood, nach dem Wohnsize Crompton's; später nannte man sie das Musselin-Rad, weil sie Garn von solcher Feinheit lieferte, daß Musselin damit erzeugt werden konnte; und zulezt endlich bekam sie wegen ihrer doppelten Abkunft den Namen Mule (Bastard). W. Baines sagt hierüber Folgendes: „Diese vortreffliche Maschine, die die Jenny, und großen Theils auch die Wassermaschine verdrängte, und welche die Baumwoll-Spinnerei auf eine Stufe brachte, die sie sonst wohl kaum erreicht haben dürfte, ist die Erfindung eines ehrenwerthen Webers, der unter mittelmäßigen Umständen zu Hall-in-the-Wood bei Bolton lebte und 1753 geboren ward. Man gibt allgemein das J. 1775 als das Jahr ihrer Erfindung an, allein Kennedy, der persönlich mit Crompton bekannt war und dessen Biographie schrieb, sagt, daß er seine Maschine im J. 1774 in einem Alter von 21 Jahren begann, daß er 5 Jahre zu deren Vollendung brauchte, und also im J. 1779 damit zu Ende kam. Crompton selbst schrieb an einen seiner Freunde: „Ich hatte meine Maschine im J. 1779 vollendet, und war am Ende des nächstfolgenden Jahres gezwungen, sie entweder bekannt zu machen oder zu vernichten, indem es nicht in meiner Macht stand sie zu unterhalten und zu betreiben; sie zu zerstören war zu hart für mich, indem ich während wenigstens 4 1/2 Jahre alle Zeit und allen Aufwand an Kosten und Nachsinnen, den ich zu machen im Stande war, ihr zuwendete.“ Da Crompton zurükgezogen lebte und nicht ehrgeizig war, so nahm |174| er kein Patent, er bedauerte nur, daß der Zudrang der Neugierigen ihn hinderte von seiner Erfindung in seinem Dachstübchen selbst Nuzen zu ziehen, und sich durch seine eigenen Hände die Früchte derselben zu verdienen. Die Vorzüge des von ihm gesponnenen Garnes zogen von allen Gegenden Leute herbei, die die Maschine sehen wollten, womit es erzeugt worden. Er sagte zu Hrn. Bannatyne, daß er bei der Erfindung seiner Maschine für das Spinnen und Zurichten von Garn Nr. 40. 14 Schill, per Pfund erhielt; daß man ihm kurze Zeit darauf für das Spinnen von Garn Nr. 60. per Pfd. 25 Schill, bezahlte; und daß er eine geringe Quantität Garn von Nr. 80 gesponnen habe, um zu zeigen, daß es nicht, wie man bisher glaubte, unmöglich sey, Garn von solcher Feinheit zu spinnen; für lezteres gab man ihm 42 Schill. per Pfd. Diese Preise waren das Resultat der unübertrefflichen Güte dieses Garnes. Der ganze Werth der Crompton'schen Maschine geht übrigens erst deutlich hervor, wenn man bedenkt, daß man jetzt das Pfd. Garn von Nr. 100 mit Einschluß der Kosten des rohen Materials, die 10 Den. oder 1 Schill. betragen, zu 2 Schill. 3 Den. bis zu 3 Schill. bezahlte; und daß, während man es früher unmöglich hielt, Garn von 80 Strähnen auf das Pfund zu spinnen, man gegenwärtig welches spinnt, wovon 350 Strähne auf das Pfund gehen, und von denen jeder Strähn 840 Yards mißt, so daß ein Pfund Baumwolle einen 167 Meilen langen Faden gibt.“ – Die Mule selbst durchwanderte jedoch gleichfalls viele Verbesserungen. Crompton's erste Maschine enthielt nur 20 oder 30 Spindeln und ihre Rollen bestanden aus Holz. Henry Stones, ein gewandter Mechaniker von Horwich, brachte metallene Rollen an, und sezte sie durch ein Uhrwerk in Bewegung, wodurch die Zahl der Spindeln bis auf 100 erhöht wurde. Im J. 1799 wendete Hr. William Henry von den Lanark Mills statt des Uhrwerkes die Wasserkraft an, wodurch bald darauf Hr. Wright, Maschinen-Bauer in Manchester, in Stand gesezt wurde, eine doppelte Mule herzustellen, die mit nicht weniger als 400 Spindeln arbeitete. Die Wasserkraft führte ihrerseits zur Anwendung der Dampfkraft, und gegenwärtig arbeiten zu Manchester Mulen, von denen jede 1100 oder das Paar 2200 Spindeln, die ein einziger Spinner versieht, zählt. „Allein, sagt Hr. Baines, selbst hiebei blieb man nicht stehen, sondern man erfand die sogenannten selbstthätigen Mulen, an denen die ganze Handarbeit darin besteht, daß Kinder die abgerissenen Fäden anstükeln. Die erste Maschine dieser Art erfand W. Strutt von Derby (ein Sohn eines Compagnon's Arkwright's, welcher am 29. December 1830 starb) um das J. 1790; die Maschine ging jedoch wegen der Unvollkommenheit der damaligen Arbeit nicht gut. Gelungen hingegen ist die Maschine Roberts, von der Firma Sharp, Roberts u. Comp. in Manchester, mit der gegenwärtig beinahe alles feine Garn gesponnen wird. Diese Maschine, welche im J. 1825 zuerst patentirt und im J. 1830 verbessert wurde, scheint sich der größten Vollkommenheit zu nähern; sie liefert eine beträchtlich größere Menge eines Garnes von gleichmäßigerer Drehung, welches nicht so leicht bricht und ebener und dichter auf den Cop aufgewunden ist, was besonders den Webern angenehm ist. Im März 1834 hatten die Patentträger bereits 520 selbstthätige Mulen mit beiläufig 200,000 Spindeln verfertigt, und im Laufe dieses Jahres dürfte sich diese Anzahl mehr als verdoppeln, indem diese Maschinen die Fabrikenbesizer von den Arbeitern beinahe unabhängig machen.“

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