Titel: Zur Geschichte der Seidenwaarenfabrikation.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. LXVII ./Miszelle 23 (S. 434–435)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/mi058067_23

Zur Geschichte der Seidenwaarenfabrikation.

Der Vorzug der französischen Seidenwaaren vor den englischen beruht, wie das London Journal in seinem Septemberhefte S. 46 bemerkt, hauptsächlich auf zwei Ursachen. Erstens sind die französischen Fabrikanten in Hinsicht auf Geschmak der Muster den englischen ohne allen Zweifel weit voraus; dieß ist ein angeborner Vorzug der Franzosen, den die Engländer nie erreichen werden. Zweitens lehrte sie der Zufall ihrem Taffet einen Glanz zu geben, wegen dessen ihre Waare mehr gesucht ist, als die englische. Ein Seidenfabrikant in Lyon, welcher fallirt hatte, Namens Octavio Mai, machte nämlich, nachdem er über sein Mißgeschik nachsinnend etwas rohe Seide eine Zeit lang im Munde gekaut hatte, beim Ausspuken derselben die Bemerkung, daß sie durch das Kauen einen außerordentlichen Grad von Glanz erlangt hatte. Er dachte darüber nach, und fand, daß dieß die Wirkung des Drukes der Zähne in Verbindung mit dem heißen klebrigen Speichel seyn müsse. Diese Beobachtungen wendete er auf die |435| Taffetfabrikation an, indem er einen Webestuhl mit Walzen verfertigte, zwischen denen der mit einer klebrigen Flüssigkeit behandelte und über Kohlen in einer geeigneten Temperatur erhaltene Seidenzeug gepreßt wurde. Mai's Composition, womit er den schwarzen Seidenzeugen einen hohen Grad von Glanz gab, bestand aus Bier und Orangensaft, die er zu gehöriger Consistenz einkochte; für gefärbte Seidenzeuge nahm er destillirtes Kürbiswasser und arabisches Gummi. Mai erwarb sich durch seine Entdekung ein großes Vermögen, und sicherte überdieß den Fabrikanten seines Vaterlandes einen großen Vorzug, abgesehen von der Ehre, die ihm dadurch ward, daß sein Verfahren auch noch auf verschiedene andere Fabrikationszweige überging.

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